Zur Lage der Kirche – Frage 63

Die Pfarrei ist kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel zur Heiligung der Seelen


Don Michael Gurtner: Zur Lage der Kirche

Von Don Micha­el Gurtner*

Fra­ge: Wie soll­te das Ver­hält­nis Priester–Pfarrei aussehen?

Ant­wort: Um es ganz kurz zu sagen: Es soll­te genau in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung gehen, als es der­zeit der Fall ist. Man ist näm­lich gera­de dabei, den Pfar­rer zu „ent­mach­ten“ (wobei er ohne­hin schon kaum mehr etwas zu sagen hat), ihm die fak­ti­sche Lei­tung der Pfar­rei zu ent­zie­hen und ihn zu einer der vie­len Figu­ren eines „Pfar­rei-Teams“ zu degra­die­ren.
In einem ersten Schritt zwäng­te man nach dem jüng­sten Kon­zil den Pfarr­her­ren einen Pfarr­ge­mein­de­rat auf. Ein Gre­mi­um, das (ähn­lich wie die Bischofs­kon­fe­renz) kei­ne theo­lo­gi­sche Begrün­dung auf­wei­sen kann und ten­den­zi­ell eher vie­le gute Din­ge bremst und Unnüt­zes oder Zwei­fel­haf­tes för­dert. Das ist der­zeit zumin­dest die all­ge­mei­ne Ten­denz.
Der Pfarr­ge­mein­de­rat stellt eine Art Bar­rie­re da. Der Pfar­rer muß sich oft genug in Sit­zun­gen und lan­gen Debat­ten für alles mög­li­che recht­fer­ti­gen und sozu­sa­gen um Erlaub­nis bit­ten, und auch die Gläu­bi­gen müs­sen in ihren Anlie­gen zuerst die­ses Gre­mi­um „über­win­den“ und die näch­ste Sit­zung abwar­ten, anstatt in einem kur­zen Besuch oder fern­münd­li­chem Tele­pho­nat ihre Anlie­gen zu erle­di­gen.
Jetzt geht man einen Schritt wei­ter und trennt auch ganz offi­zi­ell das Lei­tungs­amt vom Wei­he­amt, was theo­lo­gisch kei­nen Sinn macht. Das Pfar­rei­ge­biet wird immer grö­ßer, und der Prie­ster wird immer mehr zu einem Sakra­men­ten­dienst­lei­ster mit genau defi­nier­ten Zei­ten und Auf­ga­ben, für die er gegen­über der ein­ge­setz­ten Pfar­rei­lei­tung Rechen­schaft legen muß.
Es gibt Fäl­le, da muß der Prie­ster sogar um Erlaub­nis fra­gen, wenn er einen Besuch im Kran­ken­haus oder Alten­heim machen möch­te. Dadurch wird die Pfar­rei sehr kalt und krank pro­fes­sio­na­li­siert. Alles wird ein durch­schnitt­li­cher Ein­heits­brei, sehr welt­lich und „funk­tio­niert“ nur noch: ähn­lich einer zivi­len behörd­li­chen Ein­rich­tung, von ver­schie­de­nen Funk­tio­nä­ren betrie­ben. Wer aus der Rei­he tanzt oder sich nicht in den Chor ein­fügt, son­dern her­vor­tritt, wird mehr­heit­lich weg­ge­stimmt.
Man müß­te den umge­kehr­ten Weg gehen, um aus den Pfar­rei­en wirk­lich wie­der geist­li­che Orte zu machen, die der Ver­bin­dung des Men­schen zu Gott zuträg­lich sind: Man dürf­te nicht der Pfar­rei einen Prie­ster geben, so wie es jetzt der Fall ist, son­dern müß­te umge­kehrt jedem Prie­ster eine Kir­che geben, in der er (im Rah­men des gött­li­chen und kirch­lich recht­mä­ßi­gen Geset­zes) gemäß sei­nem eigent­li­chen Auf­trag wir­ken kann. Das klingt zwar auf den ersten Blick sehr ähn­lich, wür­de aber einen rie­si­gen Unter­schied machen.
Die Eigen­stän­dig­keit der Pfar­rei­en wird in vie­ler­lei Hin­sicht momen­tan über­be­wer­tet, wodurch sich schon seit lan­gem vie­ler­orts eine unge­sun­de Selbst­ge­nüg­sam­keit ein­ge­stellt hat. Viel­fach wird die Pfar­re als Ver­wal­tungs- und Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit als das Eigent­li­che und Wich­tig­ste der Kir­che betrach­tet, anstatt sie als ein mög­li­ches und bei guter Füh­rung auch durch­aus nütz­li­ches, aber an sich nicht unbe­dingt not­wen­di­ges Hilfs­mit­tel zur eigent­li­chen Ver­pflich­tung der Hei­li­gung der eige­nen See­le zu sehen. Sie ist eines von vie­len Ange­bo­ten, das einem hel­fen kann und soll, sei­nem Lebens­ziel, wel­ches die Hei­li­gung der See­le in Gott ist, näher­zu­kom­men. Mehr aber auch nicht, sie ist weder heils­not­wen­dig noch ein Dog­ma, und darf auch nicht mehr das Zen­trum kirch­li­chen Den­kens sein. Wür­de man nicht mehr der Pfar­rei einen Pfar­rer geben, son­dern dem Pfar­rer eine (Pfarr-)Kirche, ohne gro­ße gre­mia­le Hür­den und Bür­den, die viel Ener­gie ver­brau­chen und viel Gutes im Keim ersticken, anstatt als Hilfs­mit­tel zu fun­gie­ren, so wür­den ganz auto­ma­tisch ver­schie­de­ne geist­li­che Zen­tren ent­ste­hen, durch­aus mit unter­schied­li­chen Schwer­punk­ten, je nach per­sön­li­chen Fähig­kei­ten und Prio­ri­tä­ten des Prie­sters, was aber nur gesund wäre und ech­te Viel­falt in der Ein­heit bie­ten wür­de. Letzt­lich wären alle ent­la­stet, und vie­le Kon­flik­te wür­den erst gar nicht ent­ste­hen, da nicht alle Vor­stel­lun­gen unbe­dingt in der­sel­ben Pfar­rei auf­ein­an­der­pral­len müß­ten, wobei am Ende meist nur ein Kom­pro­miß raus­kommt, mit dem kei­ner so wirk­lich zufrie­den ist. Die ein­zel­nen Kirchen/​Pfarreien wären unter­ein­an­der viel­leicht ver­schie­de­ner, dafür auch pro­fi­lier­ter und dadurch wie­der anziehender.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen (Coro­na-) Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Die aktu­el­le Kolum­ne erscheint jeden Samstag.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Zur Lage der Kir­che, Selbst­ver­lag, 2023, 216 Seiten.


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