Zur Lage der Kirche – Frage 57

Die Auswahl der Priesteramtskandidaten ist ein Grundproblem


Don Michael Gurtner: Zur Lage der Kirche

Von Don Micha­el Gurtner*

Fra­ge: Liegt da aber nicht auch bereits in der Prie­ster­aus­bil­dung ein Problem?

Ant­wort: Das ist ein­deu­tig. Die Aus­wahl der Kan­di­da­ten selbst ist bereits ein Pro­blem: Star­ke Per­sön­lich­kei­ten mit einem festen Cha­rak­ter haben heu­te fast kei­ne Chan­ce mehr, auf­ge­nom­men zu wer­den, bzw. sie wer­den im Lau­fe der Zeit aus den Semi­na­ren ent­las­sen. Vie­ler­orts fällt es auf, daß dies syste­ma­tisch betrie­ben wird. Man hat eine Stan­dard­scha­blo­ne, und nur wer in die­se hin­ein­paßt oder sich hin­ein­pres­sen läßt, hat über­haupt noch eine Chan­ce, geweiht zu wer­den. Man lernt in vie­len Semi­na­ren vom ersten Tag an, sei­nen Glau­ben und den gesun­den Men­schen­ver­stand abzu­ge­ben. Damit haben gefe­stig­te Per­sön­lich­kei­ten und Leu­te mit einem tie­fen, inni­gen Glau­ben natür­lich ein Pro­blem, und sie wer­den sehr schnell als unge­eig­net befun­den und aus dem Semi­nar ent­las­sen. Auch dort geht also bereits die Angst um, und man lernt sehr früh, daß es nicht um eine gesun­de Vor­be­rei­tung auf das hei­li­ge Amt geht, son­dern ein­fach dar­um, bis zum Ende durch­zu­kom­men – und des­halb muß man eben den Mund hal­ten und alles abnicken und mit­ma­chen, was von einem ver­langt wird. Es gibt auch heu­te noch bzw. wie­der Prie­ster­se­mi­na­re, in denen man ernst­haf­te Pro­ble­me bekom­men kann, wenn man Hei­li­gen­sta­tu­en im Zim­mer auf­stellt oder Rosen­krän­ze an der Wand hän­gen hat, oder wenn ein alter Schott oder sonst ein from­mes Buch bei einem gefun­den wird, das mit der alten Mes­se oder der klas­si­schen Leh­re in Ver­bin­dung gebracht wird. Auch wird von Obe­ren kon­trol­liert, in wel­che Grup­pen man im Inter­net ein­ge­schrie­ben ist oder ob man „indiet­ri­sti­sche“ Ten­den­zen in den Kom­men­ta­ren erken­nen läßt.

Natür­lich kann man nicht ein­fach auto­ma­tisch jeden zulas­sen, der sich mel­det, das ist klar. Es bedarf eines gesun­den, objek­ti­ven Kri­te­ri­ums. Aber es sind heu­te meist gera­de die guten und geeig­ne­ten Kan­di­da­ten, die Glau­bens­star­ken und im Cha­rak­ter Gereif­ten, die aus­ge­schlos­sen wer­den. Das ist ein Grund­pro­blem, das mitt­ler­wei­le in unse­ren Brei­ten flä­chen­deckend gewor­den ist. Man möch­te lie­ber schwa­che Per­sön­lich­kei­ten, die sich leicht steu­ern und mani­pu­lie­ren las­sen, Mit­läu­fer und Duck­mäu­ser, die am besten nicht zu intel­lek­tu­ell begabt sind und zu allem ja und amen sagen. Damit wird aber auch der Prie­ster­be­ruf für vie­le unat­trak­tiv, die eigent­lich eine Beru­fung hät­ten, bzw. kom­men sie erst gar nicht mehr bis zur Weihe.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Die aktu­el­le Kolum­ne erscheint jeden Samstag.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Zur Lage der Kir­che, Selbst­ver­lag, 2023, 216 Seiten.


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