Zur Lage der Kirche – Frage 51

"Weil der überlieferte und der neue Ritus nicht dasselbe ausdrücken, wird der alte Ritus ja auch so verbissen bekämpft"


Don Michael Gurtner: Zur Lage der Kirche

Von Don Micha­el Gurtner 

Fra­ge: Sind die alte und die neue Lit­ur­gie zwei unter­schied­li­che Riten oder letzt­lich doch zwei Aus­drucks­for­men (eine ordent­li­che und eine außer­or­dent­li­che) des einen römi­schen Ritus?

Ant­wort: Das Kon­strukt des einen sel­ben Ritus, der sich in einer dop­pel­ten Form, in einer „ordent­li­chen“ und einer „außer­or­dent­li­chen“ aus­drückt, habe ich immer als sehr künst­lich und befremd­lich befun­den. Es ist ein­fach – wenn­gleich gut gemeint – als ein recht­li­cher Trick her­bei­ge­dacht, um zu sagen: Die alte Lit­ur­gie hat nicht weni­ger Berech­ti­gung als die neue. Das mag gut gemeint gewe­sen sein, aber inhalt­lich ent­spricht es nicht der Tat­sa­che, und man merkt die­sem übri­gens etwas sper­ri­gen Kon­strukt ein­fach an, daß es einem rein recht­li­chen Den­ken ent­springt und kei­nem lit­ur­gi­schen, gleich­sam als klei­ner Griff in die Trick­ki­ste. Und daß es nichts gebracht hat und leicht durch­schaut wur­de, das sieht man ja an Tra­di­tio­nis cus­to­des.
Argu­men­ta­tiv kann man ein­fach nicht dage­gen­hal­ten, weil es schlicht nicht der Tat­sa­che ent­spricht, daß es nur ein ein­zi­ger Ritus in zwei For­men ist. Denn bei­de Riten drücken eben genau nicht das­sel­be aus, jeden­falls nicht voll­um­fäng­lich, wie sich sehr leicht durch einen Ver­gleich der alten und der neu­en Meß­bü­cher fest­stel­len läßt. Gera­de die All­ge­mei­ne Ein­füh­rung in das römi­sche Meß­buch, sowie die ande­ren neu­en Riten­bü­cher der Kir­che, läßt dar­an kei­nen Zwei­fel. Das sind kei­ne rei­nen Form­sa­chen, son­dern tief­grei­fen­de theo­lo­gi­sche Unter­schie­de, die da zuta­ge tre­ten. Dar­aus allein läßt sich bereits sehen, daß es nicht ein­fach zwei For­men sind, die das­sel­be aus­drücken, son­dern zwei Riten, die Unter­schied­li­ches aus­sa­gen. Der neue Ritus will an vie­len Stel­len eben genau ande­res aus­drücken, und das muß man als Fakt auch so aner­ken­nen. Alles ande­re wäre nicht ehr­lich oder ein Wunsch­den­ken.
Genau des­halb wird der alte Ritus ja auch so ver­bis­sen bekämpft von vie­len: Wür­de er das­sel­be aus­drücken, so gäbe es gar kei­nen wirk­li­chen Grund, ihn so ver­bit­tert zu bekämp­fen. So gese­hen ist Tra­di­tio­nis cus­to­des ehr­li­cher als Sum­morum pon­ti­fi­cum, wenn es die Unter­schie­de fest­hält, die es nun ein­mal tat­säch­lich gibt.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Die aktu­el­le Kolum­ne erscheint jeden Samstag.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Zur Lage der Kir­che, Selbst­ver­lag, 2023, 216 Seiten.


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