Organisationskomitee für Mißbrauchs-Sondergipfel ernannt – mit Überraschungen

Die Quadratur des Kreises

Papst Franziskus mit Kardinal Cupich
Papst Franziskus mit Kardinal Cupich

(Rom) Das vatikanische Presseamt gab die Ernennung des Organisationskomitees für den Sondergipfel gegen sexuellen Mißbrauch durch Kleriker bekannt, der von Papst Franziskus für Februar 2019 einberufen wurde – mit mehr als einer großen Überraschung.

Vom 21.–24. Februar 2019 wird im Vatikan ein Gipfeltreffen stattfinden, wie es in dieser Art noch nicht stattgefunden hat. Papst Franziskus ruft die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt zusammen, um Maßnahmen gegen den sexuellen Mißbrauch Minderjähriger durch Kleriker zu beschließen. Thema des Treffens ist „Der Schutz der Minderjährigen in der Kirche“.

Gestern wurden die Namen veröffentlicht, die Papst Franziskus zu Mitgliedern des Organisationskomitees für den Sondergipfel ernannte. Dabei fehlt es nicht an Überraschungen.

Überraschung 1

Unter den Ernannten fehlt Kardinal Sean Patrick O’Malley, der Erzbischof von Boston und Vertreter Nordamerikas im C9-Kardinalsrat. Der Kapuziner O’Malley ist vor allem aber seit 2014 Vorsitzender der Päpstlichen Kinderschutzkommission. Das Gremium mit dem offiziellen Namen Päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen wurde von Papst Franziskus eigens zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Mißbrauch und körperlicher Mißhandlung eingerichtet. Kardinal O’Malley, von Papst Franziskus ernannt, ist so etwas wie sein Regierungsbeauftragter zum Thema. Dennoch fehlt ausgerechnet er beim bisher vielleicht wichtigsten Ereignis bei der Mißbrauchsbekämpfung.

Hintergrund dafür scheint eine Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zu sein, das sich seit Jahresbeginn hinzieht.

Papst Franziskus mit Kardinal O'Malley
Papst Franziskus mit Kardinal O’Malley

Ende Januar 2018 platzte dem US-Kardinal der Kragen wegen der abschätzigen Aussagen von Papst Franziskus über Mißbrauchsopfer des chilenischen Priesters Fernando Karadima, weil sie die Ernennung des Karadima-Zöglings Msgr. Juan Barros Madrid zum Bischof von Osorno kritisiert hatten. Franziskus unterstellte ihnen während seines Chile-Besuchs und erneut auf dem Rückflug nach Rom „Verleumdung“. Als Begründung nannte er, von ihnen nie über konkrete Anschuldigungen gegen Barros informiert worden zu sein. Hätte er solche erhalten, hätte er nämlich gehandelt.

Das war Kardinal O’Malley zuviel, denn er hatte persönlich Papst Franziskus die detaillierte Denkschrift eines Sprechers der Karadima-Opfer zu Bischof Barros ausgehändigt. Der Papst wußte, we sich später noch deutlicher herausstellte, über den Fall Barros sehr wohl Bescheid. Obwohl O’Malley zurückhaltend formulierte, nicht den Papst kritisierte, sondern auf Fakten verwies, stand Papst Franziskus in öffentlich in keinem guten Licht da.

Das päpstliche Umfeld griff darauf zu zweifelhaften Mitteln und attackierte O’Malley in einer ersten Reaktion unter der Gürtellinie. Diese Operation wurde zwar schnell abgeblasen, weil sie leicht zu einem noch schwerwiegenderen Schuß nach hinten werden konnte. Der Erzbischof von Boston wird das Vorgehen aber ebenso aufmerksam registriert haben wie andere Beobachter. Seither war trotz demonstrativ betonter Harmonie nichts mehr wie vorher.

Im Sommer erfolgte der nächste Schlagabtausch. Das von Franziskus ebenfalls neugeschaffene Dikasterium für Laien, Familie und Leben fügte im Auftrag des Papstes erstmals Veranstaltungen zu Homosexualität und für Homosexuelle in das Programm des Weltfamilientreffens ein, das Ende August im irischen Dublin stattfand. Innerkirchlich war der römische Eingriff vor allem deshalb umstritten, weil die beteiligten Kirchenvertreter keine Garanten der kirchlichen Morallehre waren, sondern durch eine homophile Haltung aufgefallen waren. Die Maßnahme galt vor allem als falsches Signal angesichts des gleichzeitig aufgebrochenen Mißbrauchsskandals in den USA und in Rom. Die Homosexualisierung ausgerechnet des Weltfamilientreffens bedeutete eine offensichtliche Leugnung des Zusammenhangs zwischen Homosexualität und Mißbrauch.

Kardinal O’Malley reagierte darauf mit einer Absage. Er gab bekannt, in seinem Erzbistum gebraucht zu werden und nicht am Weltfamilientreffen teilzunehmen. Dort organisierte ein ehemaliges Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, die Irin Marie Collins, eine Protestaktion gegen den Umgang der Kirche mit sexuellem Mißbrauch. Der Protest richtete sich dabei auch gegen Papst Franziskus. Collins war aus Protest gegen die Nicht-Einhaltung der „Nulltoleranz“ durch Papst Franziskus aus der päpstlichen Kommission zurückgetreten.

Papst Franziskus hat für den verhältnismäßig eigenständig handelnden Kardinal O’Malley offenbar mehr in Sachen Mißbrauchsprävention keine Verwendung. Ähnlich ging das Kirchenoberhaupt auch gegenüber anderen engen Mitarbeitern vor wie Kardinal Müller und Kardinal Sarah. Wer die päpstliche Linie bedingungslos, jedenfalls schweigend mitträgt, ist gelitten, sobald das nicht mehr der Fall ist, werden die betroffen kaltgestellt.

Abgesehen davon, daß Papst Franziskus nachtragend ist, läßt die aktuelle Personalentscheidung erahnen, daß man im Vatikan befürchtet, Kardinal O’Malley könnte der im Februar angestrebten „Lösung“ nicht zustimmen. Das hat seinen Grund.

Überraschung 2

Während Kardinal O’Malley ausgeschlossen bleibt, wurde ein anderer US-Kardinal, Blase Cupich, der Erzbischof von Chicago, in das Organisationskomitee für den Mißbrauchsgipfel berufen. Cupichs ranghohe Position, als Erzbischof des bedeutendsten katholischen Bistums in den USA und als Kardinal, ist eine Kreation von Papst Franziskus. Er gilt als „Mann des Papstes“ in der Amerikanischen Bischofskonferenz und Wortführer der progressiven Richtung in der US-Kirche.

Die Berufung eines ranghohen US-Vertreters in das Organisationskomitee ergibt sich aus der Tatsache, daß diese Ortskirche derzeit am intensivsten vom sexuellen Mißbrauchsskandal betroffen ist. Dieser ist untrennbar mit dem Namen von Ex-Kardinal Theodore McCarrick verbunden, der Ende Juli seinen Platz im Kirchensenat räumen mußte, als selbst die New York Times über sein homosexuelles Doppelleben und die sexuelle Korrumpierung seiner eigenen Seminaristen und Priester berichtete.

Von Franziskus ernannte US-Kardinäle: Tobin, Farrell, Cupich werden der McCarrick-Gruppe zugerechnet.
Von Franziskus ernannte US-Kardinäle: Tobin, Farrell, Cupich werden der McCarrick-Gruppe zugerechnet.

Kardinal Cupich wird dem McCarrick-Kreis in der US-Kirche zugerechnet. Er scheint daher nicht der glaubwürdigste Kirchenvertreter zum Thema Mißbrauchsprävention zu sein. Glaubwürdigere Repräsentanten wie Erzbischof Charles Chaput von Philadelphia werden von Papst Franziskus aber konsequent geschnitten, weil sie ein traditionelleres Kirchenverständnis haben und nicht der progressiven Kreisen angehören, die Franziskus fördern will.

Kardinal Cupich hingegen zeichnete Kardinal McCarrick noch 2017 als „vorbildlichen Bischof“ mit einem Preis aus. Die Berufung Cupichs in das Organisationskomitee unterstreicht nicht nur sein Näheverhältnis zu Papst Franziskus, sondern mehr noch den ungebrochenen Willen, die McCarrick-Clique zu schützen.

Im erwähnten Schlagabtausch um das Programm des Weltfamilientreffens solidarisierte sich Kardinal Cupich prompt mit dem homophilen Jesuiten James Martin.

Die Nominierung von Cupich bestätigt nicht zuletzt, was in den vergangenen Tagen bereits rund um die Intervention von Papst Franziskus vermutet wurde. Das Kirchenoberhaupt hatte kurz vor Beginn der Herbstvollversammlung den US-Bischöfen untersagt, Beschlüsse gegen den sexuellen Mißbrauch zu fassen. Der Eingriff ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich und gewagt, denn fast zeitgleich konnte die Französische Bischofskonferenz von Rom unbeanstandet fast gleichlautende Beschlüsse fassen.

Die päpstliche Maßnahme richtete sich gegen die Mehrheit der US-Bischöfe gegen die Franziskus seinen Privatfeldzug führt wie gegen US-Präsident Trump und insgesamt die „religiöse Rechte“ in den USA. Es wurde von verschiedenen Seiten die Vermutung geäußert, daß die McCarrick-Clique Angst vor einer unabhängigen Untersuchungskommission und vor Plänen hat, Bischöfe abzusetzen, die sich sexueller Vergehen oder der Amtsunterlassung schuldig gemacht haben. Gemeint sind damit Vergehen nicht nach dem staatlichen Strafrecht, sondern nach dem strengeren Kirchenrecht, das auch Homosexualität mit einschließt.

Es wurde bekannt, daß die Kardinäle Cupich und Wuerl seit Wochen an einer „alternativen“ Lösung arbeiteten. Statt einer unabhängigen Kommission sollten demnach doch kirchlichen Hierarchen, vor allem den Metropoliten, die Entscheidungshoheit in Fällen überlassen bleiben, bei denen es um Anschuldigungen gegen Bischöfe geht – Bischöfe wie McCarrick und Wuerl (siiehe auch Die Homo-Kardinäle).
Als den in Baltimore versammelten US-Bischöfen vergangene Woche der „mit Nachdruck“ vorgetragene „Wunsch“ von Papst Franziskus bekanntgegeben wurde, keine Entescheidungen zu treffen, konnte der Vorsitzende, Kardinal Daniel DiNardo, seine Verbitterung kaum verbergen. Die Stimmung unter den Bischöfen wurde als „Schock“ beschrieben. Kardinal O’Malley reagierte, schließlich stand – was ihm schnell bewußt worden sein dürfte – nicht nur sein Ruf als Diözesanbischof und als Vorsitzender der Päpstlichen Kinderschutzkommission auf dem Spiel. Er ließ eine Erklärung veröffentlichen, in der er versicherte, daß sich trotz der päpstlichen Knebelung an der „Nulltoleranz“ gegen sexuelle Mißbrauchstäter nichts ändern werde.

Genau das aber scheint man in den obersten Stockwerken der derzeitigen Kirchenführung nicht zu wollen.

Weichenstellungen

Papst Franziskus begründete seine Intervention gegen die US-Bischöfe mit dem ohnehin von ihm einberufenen Sondergipfel zum selben Thema. Den französischen Bischöfen sagte er dergleichen aber nicht. Die Nicht-Berufung von Kardinal O’Malley und die Berufung von Kardinal Cupich in das Organisationskomitee für den Sondergipfel läßt daher einiges erahnen. Sie kommt einer Vorentscheidung nahe. Cupich steht nämlich nicht glaubwürdig für eine gründliche Reinigung der Kirche, die von vielen US-Katholiken als notwendige Voraussetzung für eine Erneuerung gesehen und verlangt wird.

Weitere Mitglieder des Organisationskomitees sind neben Kardinal Cupich: Kardinal Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay, Vorsitzender der Indischen Bischofskonferenz und Vertreter Asiens im C9-Kardinalsrat; Erzbischof Charles Scicluna, Erzbischof von Malta und neuerdings auch Beigeordneter Sekretär der Glaubenskongregation, zuständig für die Fälle von Mißbrauchstätern; sowie der deutsche Jesuit Hans Zollner, Vorsitzender des Kinderschutzzentrums der Päpstlichen Universität Gregoriana und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission (siehe dazu Bock zum Gärtner – Pädophilenfreund im Zentrum für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana).

Am Sondergipfel werden, laut Mitteilung des vatikanischen Presseamtes, die Oberhäupter der katholischen Ostkirchen, die „Oberen“ des vatikanischen Staatssekretariats, die Präfekten der Glaubenskongregation, der Ostkirchenkongregation, der Bischofskongregation, der Kleruskongregation, der Ordenskongregation, des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen und die Vorsitzenden der Unionen der Generaloberen der katholischen Frauen- und Männerorden.

Der Kampf gegen sexuellen Mißbrauch, die Rettung der progressiven und homophilen McCarrick-Clique und ein Paradigmenwechsel in der katholischen Morallehre durch Anerkennung der Homosexualität kommt einer Quadratur des Kreises gleich – und die dürfte auch Papst Franziskus überfordern.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va (Screenshots)

9 Kommentare

  1. Es wird immer klarer, daß Bergoglio gewählt wurde, um die Vertuschung wiederaufzunehmen. Bereits seine Namenswahl als Papst und seine vorgebliche Armuts- und Umwelt-„Agenda“ sind nur Blendwerk zur Ablenkung.

  2. Wow, einerseits „entdeckte“ Papst Franziskus „den Schuldigen“ in der Mißbrauchsaffäre doch
    im angeblichen „Klerikalismus“.
    Als nun die US-amerikanische Bischofskonferenz eine wirklich unabhängige Kommission einrichten wollte,
    um diese leidige Mißbrauchsaffäre von Grund auf aufzuklären und dadurch die einzig richtige Basis zu schaffen,
    zukünftigem sexuellen Mißbrauch vorzubeugen, da wurde sie von Papst Franziskus abrupt gestoppt.

    Wenn man nun andererseits sieht, wen Papst Franziskus in sein Organisationskomitee für den römischen Sondergipfel beruft, dann drängt sich einem unwillkürlich der Gedanke auf, dass Papst Franziskus hiermit einen geradezu „klerikalen Chorgeist“ praktiziert;
    und zwar einen „klerikalen Chorgeist“ ganz besonderer Art, in dem offensichtlich nur „gleichartige Bücklinge“ zugelassen werden.
    Der Ausschluss von Kardinal Sean Patrick O’Malley, des Vorsitzenden der päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen, veranschaulicht m.E. wieder einmal deutlich einen durch nachtragenden Egozentrismus geprägten Charakterzug.
    Dieser Charakterzug ist nicht unbedingt mit der Botschaft Jesu Christi kompatibel.
    Aber er ist typisch für seinen Träger, der doch (wie ‚katholisches info‘ an anderer Stelle berichtete) gesagt haben soll, er würde keine Texte von Kritikern lesen „zwecks psychischer Hygiene“.
    Mit einem solchen Verhalten kann man sich zwar das Leben recht bequem einrichten, und solange man sich in einer Position der (vermeintlichen) Stärke (durch ‚angebliche Freunde‘ getragen) befindet, mag es auch gutgehen.
    Irgendwann wird es allerdings auch hier ein irgendwie geartetes Erwachen geben;
    sei es, dass die ‚angeblichen Freunde‘ einen nicht mehr brauchen, weil sie etwas Besseres gefunden haben; sei es, weil die nötigen materiellen Werte nicht mehr so fließen wie bislang;
    sei es, weil viele Gläubige den fortschreitenden Zustand der Verwirrung endgültig satt haben, deshalb ihr Herz direkt dem Parakleten (Heiligen Geist) hinhalten und ansonsten schlicht und einfach mit den Füßen abstimmen etc.

    Denn auch für Papst und Bischöfe gilt, was Jesus Christus einst gesagt hat:
    „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr in Wahrheit meine Jünger:
    ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Joh 8,31b-32)

  3. „Kardinal O’Malley, von Papst Franziskus ernannt, ist so etwas wie sein Regierungsbeauftragter zum Thema. Dennoch fehlt ausgerechnet er beim bisher vielleicht wichtigsten Ereignis bei der Mißbrauchsbekämpfung.“

    In diesem Fehlen ist ein immer gleiches Muster zu erkennen: Diejenigen, die wirklich etwas zu sagen hätten – und wohl auch grundlegend Veränderungen anstoßen würden, werden ausgeschlossen, wenn sie den Frevel der Papstkritik begehen.

    DAS und nur das ist Klerikalismus pur. So gesehen wird der Kleriker zu einem Schauspieler, der seine Minderwertskomplexe und seinen kranken Egoismus hinter der Fassade der katholischen Einheit („Keiner widerspricht mir!“) versteckt.

    Im Übrigen: Wie liebe ich dieses päpstliche Lachen. Einfach nur wundervoll, diese Herzlichkeit. (Ironie)

    Das ist das Perfide. Wie kannst ‚du‘ lachen, wenn du anderen andauernd auf die Füße trittst?

    Im Buch ‚DiktatorPapst‘ wird erwähnt, wie sich etliche Kleriker nach Kontakten mit Bischof Bergoglio in Therapie begeben mussten, weil er die schärfsten Urteile und Bestrafungen völlig gelassen, unbeteiligt, unbekümmert und ohne Erklärungen vornahm. (Später dann gegenüber Müller: „Ich bin der Papst.“

    Er sagt von sich selber, er schlafe wie ein Brett, während andere aufgrund seiner Maßnahmen schlaflose Nächte haben. Und so mancher hat wohl gesundheitlich arg gelitten, besonders dann, wenn er die Kirche liebt und darin nicht durchdringt zum Papst (Meisner, Caffarra (RIP); wohl auch Müller, Burke, Brandmüller, Schneider …)

    Während diese auf seelischen Scheiterhaufen für das Zeugnis an der Wahrheit brennen, veranstaltet Franziskus oft – so scheint es – einen unbekümmerten Tanz ums goldene Kalb.

    Vielleicht sollte sich der Papst mal die Worte von Elder Paissios zu Herzen nehmen, der sagte:

    „Wenn ich wüsste, auch nur einen einzigen Menschen beleidigt oder gekränkt zu haben, ich würde bis nach Athen gehen und dort an alle Türen klopfen und nicht eher ruhen, bis ich ihn gefunden hätte. Dann würde ich mich vor ihn niederwerfen und ihn um Vergebung bitten. Eher könnte ich keinen Gottesdiest feiern.“ (frei wiedergegeben)

    Auch Elder Paissios handelte so, wenn er jemanden unwillentlich oder aus Schwäche gekränkt hatte.

    Franziskus glaubt sich im Recht, da er die von ihm Gekränkten und Zurückgewiesenen für hartherzige Pharisäer hält. Er glaubt, diesen den Spiegel vorzuhalten, wenn er sie missachtet und krängt; da sie seiner Ansicht nach durch ihre Dogmatik und Gebotstreue andere ebenso kränken und hartherzig behandeln, z.B. wenn sie einen wiederverheirateten Geschiedenen oder einen homosexuell praktizierenden von der Kommunion ausschließen (wollen).

    Summa summarum glaube ich, Franziskus vertritt zwei Theologien, die einander ergänzen. Für die Starken und Reinen gelten die Gebote Gottes; für die Schwachen die Gnadenlehre Luthers; insbesondere für die letzteren ist Jesus – ich nehme an, so denkt Franziskus – ans Kreuz gegangen.

    Da sich Theologie heute so diffusiert hat, lässt sich nicht einmal mehr sagen, was katholischer und was der evangelischer Glaube wirklich bedeuten.

    Es gibt Evengelische, die denken eher katholisch, und katolische, die denken eher evangelisch. Oft denken beide nach der Behandlung mystischer Schriften auch eher buddhistisch. Oder beide denken komplett hedonistisch …

    Wahrheit erscheint heute durch die vielen nachkonziliaren Phantasterein nicht mehr eindeutig. Die Menschen sind für ‚einfache‘ Wahrheiten aufgrund ihrer ‚Lebenswirklichkeiten‘ nicht mehr ansprechbar.

    Das ist schade, deutet aber auch auf den Zustand unserer zunehmend inhomogenen identitätslosen Gesellschaft hin.

    • Es ist in keiner Weise gutmütig, Menschen in ihrem Irrweg nicht zu kritisieren. Die Vorstellung, es sei Barmherzigkeit, homosexuelle Lebenspraxis, Kinderschändung, Ehebruch und Abtreibung zu relativieren, ist irrsinnig. So etwas gibt vielmehr die Menschen, die sich davon nicht lösen können, der Hölle preis. Ich halte das für eine offene Lüge interessierter Kreise. Wer das verbreitet klingt nicht wie die Stimme des guten Hirten.
      Ich kenne viele Personen, die sich auf den Weg gemacht haben, von solchen Sünden Abstand zu nehmen. Ein langer, harter Weg, zu dem Gott einerseits beisteuert, man spürt, er greift wirklich ein und verändert die Menschen guten Willens.Voraussetzung bleibt die Umkehr!
      Andererseits bleibt dieser Weg daher hart, denn solche Dinge sind wie eine Sucht.
      Wenn diese Menschen mitbekommen, dass ihre Sünden als Freiheitssymbole einer „offenen Kirche“ verkauft werden, und ein wahrer Ablasshandel in nie gekanntem Ausmaß für Ruhm, Ehre, Geld der Kleriker, für Kirchensteuer und Macht im Diesseits stattfindet, dann ist das dermaßen demoralisierend und geradezu teuflisch – kaum aussprechbar. Für diese Menschen zeigt Papst Franziskus demnach auch keine Zuwendung.
      Sorry, dafür gibt es einen Grund.
      Entweder sind solche Leute selbst involviert oder sie verfolgen etwas ganz Anderes als das Christentum. Barmherzigkeit ist die Liebe Gottes für den, der zurückkehrt, für den, der bereut, und für den, der seine Barmherzigkeit auch annimmt, ihn liebt und zumindest den Versuch macht, seine Gebote zu halten.

      • Ganz Ihrer Meinung. Der Schüssel zu den Menschen ist und bleibt jedoch die Liebe. Dazu gehört es, Irrende zu belehren.

        Sie haben in allem Recht.

        Nur, was tun, wenn es konkret wird?

        Wenn wir einen Irrenden hart zurechtweisen, verhärtet er sich vollkommen.

        Ein Bekannter von mir, 75 Jahre alt, ist jetzt seit 37 Jahren mit seiner zweiten Frau standesamtlich verheiratet. Die beiden sind ein Herz und eine Seele.
        Vorher war er 17 Jahre mit seiner ersten Frau zusammen. (kirchliche Eheschließung)Sie verließ ihn. Die beiden fanden auch nicht wieder zusammen.
        Er sagt: „Wenn ich das Bedürfnis habe, gehe ich in eine andere Kirche und gehe dort auch zur Kommunion.“ Er geht in diesem Zusammenhang – es ist ein Wallfahrtsort der Franziskaner – auch beichten und hat von den Beichtvätern ‚grünes Licht‘ zur Kommunion bekommen.
        Vor drei Jahren hatte er ein Gespräch mit seinem Gemeindepfarrer vor Ort, der ihm sagte: „Herr X, so weit sind wir noch nicht, dass sie zur Kommunion gehen könnten. Ich hätte da bedenken und wüsste nicht, was ich machen würde, wenn sie trotzdem kämen.“ Und dann der Rat: „Gehen Sie doch in eine andere Gemeinde kommunizieren.“
        Dem Pfarrer vor Ort wurde nachgesagt, er habe selber eine Freundin.
        Aus diesem Grunde schimpft der oben besagte Herr nun auf den Pfarrer.

        Vor einigen Tagen sagte er mir, er habe darüber nachgedacht aus der Kirche auszutreten, um evangelisch zu konvertieren; denn er wolle seine ‚Frau‘ auch kirchlich heiraten.

        Er habe geträumt, in der eigenen Gemeinde zur Kommunion zu gehen und zur Gemeinde zu sprechen.

        „Wenn der Pfarrer mir dann die Kommunion verweigert, drehe ich mich um und sage zu der ganzen Gemeinde: ‚Ihr kennt mich. Ich bin XY, ich bin hier in der Kirche getauft und gefirmt worden, war lange Jahre Messdiener; dann hatte ich das Unglück, dass mich meine Frau verließ. Soll ich dafür ein Leben lang bestraft werden? …“

        Dieser Mann hat mit 21 Jahren geheiratet und wurde mit 38 geschieden. Rein menschlich gesehen war ich im Gespräch mit ihm nicht in der Lage, ihm aufzuzeigen, dass er ein Unrecht begehe, wenn er zur Kommunion gehe.

        Ich kenne die Lehre. Und die Lehre muss eingehalten werden, um einen Dammbruch und einer sittlichen Verwahrlosung entgegen zu arbeiten.

        Aber trotzdem, was sagt man solchen Leuten? Sie begreifen nicht, wenn man theologisch argumentiert.

        Ich selber bin theoretisch genau so hart wie ‚Klawitter‘. Im konkreten Umgang ist es jedoch schwierig. Ich habe es mir durch meine unnachgibige Gebotstreue und orthodoxe Theologie mit zu ziemlich jedem verdorben. Ich gelte als einseitig und teilweise ‚fanatisch‘. Ich bin dabei, etwas umzudenken: Denn ich erreiche keinen Menschen mehr durch meine Härte.

        Nachdem ich das Buch ‚Heiliger Porphyrios von ‚Kavsokalyvia, Leben und Lehre‘ gelesen habe – das beste Buch über die Liebe, das ich ‚je‘ gelesen habe -, kann ich das Handeln und Denken von Franziskus (bin sonst ein großer Franziskusgegner) zumindest nachvollziehen.

        Das Buch ist erhältlich im prodromos-verlag (www.prodromos-verlag.de)

        Es ist lohnenswert, es zu lesen. Ich habe hunderte, wenn nicht tausende theologische Bücher gelesen. Dieses gehört m.E. zum allerstärksten.

        Porphyrios erklärt, dass die Sünde deines Bruders auch deine Sünde ist. Wer sündigt, befindet sich in den Klauen des Teufels. Er wird gequält und leidet. In dieser Situation bringt es nichts, ‚zu empfehlen, zu ratschlagen oder zu urteilen‘, sondern einzig und allein zu beten und zu lieben.

        Natürlich sehe ich die Gefahr, dass sich der Sünder in seiner Sünde sogar noch bestärkt fühlt.

        Das Problem bei Franziskus ist: Wir fühlen instinktiv heraus, dass er die Sünde scheinbar zu relativieren scheint. Wir glauben ihm nicht, dass er die Absicht hat, die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Vielmehr will er die Gebote, Dogmen und Normen den Menschen anpassen.

        Und genau dieses Gefühl stößt uns zurecht übel auf und teilweise auch ab.

        Der pastorale Weg von Franziskus ist nachvollziehbar. Was aber fehlt, ist die eindeutige Lehre (zur Umkehr).

        Porphyrios berichtet, wie das Charisma der Hellsichtigkeit und Herzensschau von einem älteren Möch auf ihn übergegangen ist. Er sagt: Wenn du das Licht (der Gnade Gottes) in dir hat, geht dieses Licht auf deine Mitmenschen über.

        Die Mönchsväter lehren, dass der Heilige die Sünde des Nächsten gar nicht mehr sieht.

        Porphyrios lehrte: „Alle liebten mich, weil ich alle liebte.“

        Sünden sind in erster Linie Verwundungen. Wir müssen weg davon den Sünder noch dazu zu verurteilen. Die Zusammenhänge des Scheiterns sind so komplex und liegen häufig in den gesellschaftlichen Zusammenhängen begründet.

        Der Sünder ist auch ein Leidender. Wenn wir glauben, er genieße seine Sünde, irren wir uns, weil wir noch zu sehr mit den Augen des Neids blicken.

        Was würde Jesus heute tun? Würde er Gerichtsreden halten und die Menschen geißeln? Vielleicht.

        In meinem Bibelkreis sagte eine Frau: „Dieser Jesus muss eine unglaubliche Aura gehabt haben, so dass er die Menschen magnetisch anzog.“

        Ich glaube, der Schlüssel liegt heute tatsächlich in der Ganzhingabe und Heiligkeit jedes einzelnen.

        Denn im Licht geschehen die Bekehrungen, sie geschehen im Herzen. Gott überführt den Menschen der Sünde, nicht der Mensch den Menschen.

        Sünde können wir nur erkennen, wenn wir vorher erkannt haben, was Liebe ist; ansonsten schmeißen wir uns nur Gesetzestexte und Empörungen um die Ohren.

        Ich denke auch, dass die Botschaft des Evangeliums heute zu einseitig auf Gottes Barmherzigkeit gerichtet ist und die Menschen tendenziell dadurch eher in die Irre geführt werden.

        Elder Porphyrios riet nicht durch Worte zu belehren, sondern durch die eigene Heiligung und durch das Gebet. Alles, was wir dem anderen an Fehlern vorhalten würden, sollen wir Gott sagen; das Gegenüber aber mit Liebe behandeln.

        Wenn wir kongrontieren, geht das Gegenüber in die Gegenwehr. Porphyrios sagt: Wenn wir hinnehmen, überführt den Sünder sein eigenes Gewissen.

        Möglicherweise sind die Menschen heute schon so verderbt, dass sie diese ‚Methode‘ missverstehen und sich noch dazu bestärkt finden in ihrer Sünde.

        Trotzdem bleibt der Schlüssel die eigene Heiligung. Elder Porphyrios riet bei allen Problemen, insbesondere bei Krankheiten oder Eltern-Kind-Problemen, die eigene Heiligung. Eltern sagte er: „Wenn ihr euch heiligt, dann wird auch euer Kind gesund.“

        Demnach müssen wir es irgendwie schaffen, dem Menschen aufzuzeigen, dass sie durch die Gebotstreue in ein glücklicheres, besseres Leben kommen. Dazu braucht es aber Vorbilder, sozusagen einen heiligen Rest, der wieder mit dem Lieben bis ans Kreuz (Martyrium) anfängt.

        Wir sollen also so leben, dass man uns fragt, was uns so froh und glücklich macht.

        • Sehr geehrter Alfons!
          Ihr Kommentar hat mich sehr bewegt.
          Danken aber möchte ich Ihnen vor allem für Ihren Hinweis auf das Buch:
          Heiliger Porphyrios von ‚Kavsokalyvia, Leben und Lehre
          Gottes Segen für Sie!

  4. Die Missbrauscliquen agieren weltweit. Es gibt tausende Opfer. Vielleicht ist es das Bekannwerden all dieser Entgleisungen und Verbrechen im Innern der Kirche Jesu, gepaart mit satanistischen Ritualen, das zu den Attacken auf Priester auf den Hügeln Roms führen wird, die prophezeit sind. Ich kann mir auch kaum einen anderen Grund für einen solchen Hass auf Kleriker vorstelllen. Es muss etwas sein, was die Leute in eine solche Wut versetzt, das sie nicht mehr zu halten ist.
    Wir werden noch sehen, wer der “ bescheidene“ Papst wirklich ist. Bescheiden ist zunächst allerdings sein Glaube.

    In Zeiten, in denen das christliche Europa vom Glauben abfällt und der Islam blendet, raubt und mordet, ist es entsetzlich, keinen echten Hirten mehr zu haben.
    Oder haben wir ihn?
    Benedikt XVl betet – vielleicht wurde er vor diesen Cliquen in Sicherheit gebracht?
    Leider erkennen wir die (Ab-)Gründe erst zu dem Zeitpunkt, den Gott dafür bestimmt hat.

  5. Ich lebe seit 1989 mit meiner Ehefrau ohne Sex im gleichen Haushalt zusammen. Damals erklärte sie mir, daß sie keinen Sex mehr haben wolle und reichte die Scheidung ein.
    Ich wollte nicht geschieden sein, deshalb habe ich meiner Frau ihre Aussichten auf ein „tolles Leben“ mit zwei Kindern klargemacht. Also blieb sie, es war nicht immer gemütlich.

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