Die Hintergründe zu Kardinal O’Malleys Kritik an Papst Franziskus

Kardinal O'Malley in einem ruhigeren Moment mit Papst Franziskus. Am Samstag übte der US-Kardinal ungewöhnlich deutliche Kritik am Kirchenoberhaupt, und das mit einem Mainstream-Thema.
Kardinal O'Malley in einem ruhigeren Moment mit Papst Franziskus. Am Samstag übte der US-Kardinal ungewöhnlich deutliche Kritik am Kirchenoberhaupt, und das mit einem Mainstream-Thema.

(Washing­ton) Der US-Kar­di­nal Sean O’Malley übte am Sams­tag deut­li­che Kri­tik an Papst Fra­niz­kus wegen des­sen spon­ta­nen Wor­ten zum chi­le­ni­schen Bischof Bar­ros, der mit dem Fall Kara­di­ma in Zusam­men­hang gebracht wird. Die Kri­tik kommt inhalt­lich von uner­war­te­ter Sei­te und bringt Fran­zis­kus in grö­ße­re Ver­le­gen­heit als die direk­te­ren Vor­be­hal­te der vier Kar­di­nä­le der Dubia (Zwei­fel) gegen Amo­ris lae­ti­tia.

Papst Fran­zis­kus steht in Chi­le in der Kri­tik, seit der Bischof Juan Bar­ros Madrid 2015 zum Bischof von Osor­no ernann­te. Msgr. Bar­ros ist ein Zög­ling von Fer­nan­do Kara­di­ma, einem heu­te hoch­be­tag­ten, frü­her in Chi­le hoch­an­ge­se­he­nen Prie­ster, der des sexu­el­len Miß­brauchs an Min­der­jäh­ri­gen über­führt wur­de. Bischof Bar­ros wird nicht selbst Miß­brauch vor­ge­wor­fen, aber davon gewußt zu haben, sogar anwe­send gewe­sen zu sein und Kara­di­ma gedeckt zu haben.

„Alles Verleumdungen“

Obwohl der Fall dem Anse­hen der Kir­che in Chi­le schwe­ren Scha­den zuge­fügt hat, hält Fran­zis­kus unbe­irrt an sei­ner Ent­schei­dung fest. Im offi­zi­el­len Pro­gramm des Chi­le-Besu­ches ver­mied er jeden direk­ten Zusam­men­hang mit dem Fall, sprach aber all­ge­mein wegen Miß­brauchs­fäl­len von „Schan­de“ für die Kir­che .

Erst am letz­ten Tag, weni­ge Stun­den vor der Abrei­se nach Peru, ging Fran­zis­kus spon­tan nach einem Jour­na­li­sten­zu­ruf auf den Fall Bar­ros ein, indem er den Bischof ver­tei­dig­te und damit den Rücken stärk­te. Wört­lich sag­te Fran­zis­kus am 18. Janu­ar:

„Am Tag, an dem man mir einen Beweis gegen Bischof Bar­ros bringt, wird man sehen. Es gibt nicht einen Beweis gegen ihn. Es sind alles Ver­leum­dun­gen. Ist das klar?“

Kara­di­ma-Opfer orga­ni­sier­ten noch am sel­ben Tag eine Pres­se­kon­fe­renz, bei der sie sich von Papst Fran­zis­kus „ent­täuscht“ zeig­ten und ihre Kri­tik an Bischof Bar­ros wie­der­hol­ten. Da sich an den Posi­tio­nen bei­der Sei­ten nichts geän­dert hat­te, schien die Sache in einem Still­stand zu ver­har­ren. Bischof Bar­ros hin­ge­gen konn­te sich durch die kate­go­ri­sche Posi­tio­nie­rung des Pap­stes bestärkt sehen.

„Quelle für großen Schmerz“

Am ver­gan­ge­nen Sams­tag geschah dann Uner­war­te­tes und gibt dem Fall Bar­ros eine ganz neue, inter­na­tio­na­le Dimen­si­on.

Kar­di­nal Sean O’Malley, einer der for­mal ein­fluß­reich­sten Pur­pur­trä­ger der Kir­che, mel­de­te sich zu Wort und übte deut­li­che Kri­tik am Papst.

Kar­di­nal O’Malley ist Fran­zis­ka­ner, Erz­bi­schof von Bos­ton und der Ver­tre­ter Nord­ame­ri­kas im C9-Kar­di­nal­s­rat, der Papst Fran­zis­kus bei der Kuri­en­re­form und der Lei­tung der Welt­kir­che bera­ten soll.

Kardinal O'Malley, Erzbischof von Boston
Kar­di­nal O’Mal­ley, Erz­bi­schof von Bos­ton

Der Kar­di­nal ist zudem Vor­sit­zen­der der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on für den Schutz Min­der­jäh­ri­ger, einer eben­falls von Papst Fran­zis­kus neu­ge­schaf­fe­nen Insti­tu­ti­on an der Römi­schen Kurie. Als sol­cher nahm der Kar­di­nal Stel­lung und bean­stan­de­te den Umgang des Pap­stes mit dem Fall Kara­di­ma und den damit ver­bun­de­nen Fol­gen.

Die Wor­te des Pap­stes zur Cau­sa Bar­ros sei­en eine „Quel­le für gro­ßen Schmerz“, so O’Malley.

Der Kar­di­nal wur­de noch deut­li­cher: Fran­zis­kus habe die Opfer im Stich gelas­sen. Die Wor­te des Pap­stes sei­en für ihn uner­klär­lich.

Papst Fran­zis­kus hat­te die von sei­nem Vor­gän­ger Bene­dikt XVI. aus­ge­ge­be­ne Linie der „Null­to­le­ranz“ offi­zi­ell bestä­tigt und durch die Errich­tung der Kin­der­schutz­kom­mis­si­on bekräf­tigt. Aller­dings waren bereits in der Ver­gan­gen­heit Zwei­fel auf­ge­tre­ten, ob der „Papst der Medi­en“ es wirk­lich so ernst mei­ne wie sein Vor­gän­ger. Ent­schei­dend sei, wer wen ken­ne im Vati­kan ken­ne, der unter Fran­zis­kus Gewicht habe, hieß es. Es sei also vor allem eine Fra­ge der „Pro­tek­ti­on“.

Kein Zwei­fel besteht, daß Bischof Bar­ros ein Pro­te­gé von Papst Fran­zis­kus ist.

Die Protestgeste von Marie Collins

In der Sache kam es daher schon in der Ver­gan­gen­heit zu Kon­flik­ten zwi­schen der Kin­der­schutz­kom­mis­si­on und dem Hei­li­gen Stuhl. Sie blie­ben zunächst der Öffent­lich­keit ver­bor­gen, bis im März 2017 die Irin Marie Col­lins demon­stra­tiv ihren Rück­tritt aus der Kom­mis­si­on erklär­te. Der Kon­flikt erwisch­te die dem Papst wohl­wol­lend geson­ne­nen Medi­en „auf dem fal­schen Fuß“, so damals der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Ein Teil ver­schwieg daher die Pro­test­ge­ste. „Sexu­el­ler Miß­brauch. Das Zuviel an Barm­her­zig­keit des Pap­stes, ein­zi­ger Herr und Rich­ter“, titelt San­dro Magi­ster zum The­ma.

Fall Karadima
Marie Col­lins mit Kar­di­nal O’Mal­ley

Eine gan­ze Rie­ge von Ber­go­glia­nern setz­te sich in Bewe­gung, um den Papst gegen Col­lins zu ver­tei­di­gen. Dabei wur­den gleich meh­re­re Wege beschrit­ten.
Col­lins Rück­tritt wur­de in eine Kri­tik am angeb­li­chen Wider­stand der Römi­schen Kurie gegen die Reform­plä­ne des Pap­stes umge­deu­tet.
Alber­to Mel­lo­ni, der Chef der pro­gres­si­ven Schu­le von Bolo­gna, beschul­dig­te Col­lins, gezielt über­zo­ge­ne, also uner­füll­ba­re For­de­run­gen gestellt zu haben, um Fran­zis­kus in Schwie­rig­kei­ten zu brin­gen. Er warf der Irin, die mit 13 Jah­ren selbst von einem Prie­ster miß­braucht wor­den war, vor, das Pon­ti­fi­kat sabo­tie­ren zu wol­len.
Ähn­lich, aber etwas zurück­hal­ten­der, äußer­te sich der deut­sche Jesu­it Hans Zoll­ner, Vor­sit­zen­der des Cent­re for Child Pro­tec­tion an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na in Rom. Er sprach von einer manch­mal „zu gro­ßen Unge­duld“ Col­lins, was wohl zutref­fen dürf­te.

Ver­schwie­gen wur­de in dem gan­zen Ver­tei­di­gungs­werk die Kri­tik, die Col­lins an Papst Fran­zis­kus geübt hat­te. Col­lins war aus Pro­test gegen die Ernen­nung von Msgr. Bar­ros zum Bischof von Osor­no zurück­ge­tre­ten. Sie und ande­re Mit­glie­der der Kin­der­schutz­kom­mis­si­on hat­ten ener­gisch gegen die am 10. Janu­ar 2015 erfog­te Ernen­nung pro­te­stiert, waren aber damit eben­so bei Fran­zis­kus abge­blitzt, wie die Kara­di­ma-Opfer und eine Grup­pe von Gläu­bi­gen des Bis­tums Osor­no.

Im April war Col­lins mit ande­ren Kom­mis­si­ons­mit­glie­der nach Rom gereist und hat­ten Kar­di­nal O’Malley als Vor­sit­zen­den der Kin­der­schutz­kom­mis­si­on gedrängt, beim Papst „drin­gend“ um Rück­nah­me des Ernen­nungs­de­krets zu bit­ten. Doch auch der Kar­di­nal blieb unge­hört.

Statt­des­sen kam es einen Monat spä­ter, am Ran­de einer Gene­ral­au­di­enz auf dem Peters­platz, zu einer ener­gi­schen Stel­lung­nah­me von Fran­zis­kus, als ihn chi­le­ni­sche Gläu­bi­ge auf den Fall Bar­ros anspra­chen. Die Reak­ti­on wur­de als Video auf­ge­zeich­net.

Als Col­lins das Video mit der Reak­ti­on des Pap­stes sah, erklär­te sie, „ent­mu­tigt und trau­rig“ zu sein, wenn sie sehe, wie „die Pro­te­ste der muti­gen Kara­di­ma-Opfer auf sol­che Wei­se behan­delt wer­den“.

„Der Bischof von Osor­no ist nicht der ein­zi­ge Fall, bei dem Jor­ge Mario Ber­go­glio das Urteil an sich gezo­gen hat, indem er kano­ni­sche Ver­fah­ren annul­lier­te oder über­ging“ und eine „Geste der Barm­her­zig­keit“ setz­te, so Magi­ster damals.

Auch gegen die­se „Barm­her­zig­keit“ hat­te Col­lins pro­te­stiert:

„Die Barm­her­zig­keit ist wich­tig, aber auch die Gerech­tig­keit ist es“, ließ sie wis­sen. „Wenn man bei den Stra­fen Schwä­che zeigt, sen­det man jenen, die miß­brau­chen, die fal­sche Bot­schaft.“

Mit zweierlei Maß

Für Unmut sorgt zudem ein dop­pel­tes Maß, das Fran­zis­kus anzu­le­gen scheint.

Im Sep­tem­ber 2015 wur­de Fran­zis­kus auf dem Rück­flug aus den USA von Jour­na­li­sten all­ge­mein auf den Miß­brauchs­skan­dal ange­spro­chen. Der Papst bekräf­tig­te sei­nen Vor­wurf gegen Bischö­fe, die sich schul­dig gemacht hat­ten, Prie­ster zu decken, die Min­der­jäh­ri­ge sexu­ell miß­braucht hat­ten.

„Auch eini­ge Bischö­fe haben das zuge­deckt. Das ist eine ganz häß­li­che Sache.“

Wäh­rend Papst Fran­zis­kus bei der Abset­zung des tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Opus-Dei-Bischofs Robert Finn sehr schnell war, sieht es bei dem von ihm ernann­ten Bischof von Osor­no in Chi­le anders aus. Dabei wur­de Bischof Finn nicht annä­hernd das vor­ge­wor­fen, was Bischof Bar­ros vor­ge­wor­fen wird.

Gegen Msgr. Finn, Bischof von Kan­sas City, der sich beson­de­re Ver­dien­ste erwor­ben hat­te, führ­te der Natio­nal Catho­lic Repor­ter, die ein­fluß­reich­ste Zei­tung der pro­gres­si­ven US-Katho­li­ken, die ihren Sitz in Kan­sas City hat, einen jah­re­lan­gen Feld­zug. Der grund­ver­schie­de­ne Umgang mit den ein­zel­nen Fäl­len durch Fran­zis­kus ließ den Ver­dacht auf­kom­men, daß die pro­gres­si­ven Vor­wür­fe gegen Bischof Finn ein will­kom­me­ner Vor­wand war. Es ist ein offe­nes Geheim­nis, daß Papst Fran­zis­kus und sein Umfeld – wo sich die Gele­gen­heit bie­tet – Säu­be­run­gen gegen tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Kir­chen­ver­tre­ter durch­füh­ren.

Großes Echo

Die deut­li­che Stel­lung­nah­me von Kar­di­nal O’Malley hat ihre Vor­ge­schich­te. Da sie von inter­na­tio­na­len Nach­rich­ten­agen­tu­ren wie Reu­ters und AP ver­brei­tet wur­de, fand sie inter­na­tio­na­les Echo.

Sie wird auch mit „offe­nen Rech­nun­gen“ in Ver­bin­dung gebracht, die mit dem inner­kirch­li­chen Unmut über die Amts­füh­rung von Papst Fran­zis­kus in Zusam­men­hang gebracht wird. Die­se Kri­tik, da ein Main­stream-The­ma, kommt für Fran­zis­kus von uner­war­te­ter Sei­te und könn­te ihn in grö­ße­re Ver­le­gen­heit brin­gen, als die inhalt­lich direk­te­re etwa der vier Dubia-Kar­di­nä­le.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/MiL (Screen­shots)

3 Kommentare

  1. Aus die­sem Bericht lässt sich deut­lich erken­nen, dass Fran­zis­kus mit gespal­te­ner Zun­ge spricht – und ent­spre­chend auch zwie­späl­tig han­delt.
    Zudem wird auch die Ver­lo­gen­heit vie­ler Medi­en deut­lich. In der deutsch­spra­chi­gen Bericht­erstat­tung war zwar kor­rek­ter­wei­se als Grund für Marie Col­lins Rück­tritt „eine man­geln­de Zusam­men­ar­beit von Büros der römi­schen Kurie mit der Kin­der­schutz-Kom­mis­si­on“ genannt wor­den. Doch wur­de Col­lins Rück­zug damals von den mei­sten Medi­en hier­zu­lan­de dem sei­ner­zeit amtie­ren­den Glau­bens­prä­fek­ten Kar­di­nal G. L. Mül­ler ange­la­stet. Aber gera­de auf ihn, dem qua Amt zustän­di­gen Mann, hat­te Fran­zis­kus eben nicht gehört und über ihn hin­weg ent­schie­den.

  2. („Kar­di­nal O’Malley ist Fran­zis­ka­ner,“ Wie man anders­wo lesen kann, ist er Kapu­zi­ner. MfG)

    • Der Kar­di­nal, der den Papst kri­ti­sier­te, ist bei­des zugleich: Fran­zis­ka­ner und Kapu­zi­ner. Als Mit­glied eines der drei Zwei­ge des ersten Ordens der Fran­zis­ka­ner – OFM, OFMConv und OFMCap – gehört er zu letz­te­rem Zweig, also zu den Kapu­zi­nern.

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