Der Freimaurer Andrew Michael Ramsay (1686–1743) und die Erlösung des Teufels und der Verdammten

Die Schottischen Hochgrade

In den schottischen Hochgraden der Freimaurerei wird die esoterisch-kabbalistische Vorstellung gepflegt, auch der Teufel und die Dämonen könnten erlöst werden.
In den schottischen Hochgraden der Freimaurerei wird die esoterisch-kabbalistische Vorstellung gepflegt, auch der Teufel und die Dämonen könnten erlöst werden.

Von P. Pao­lo M. Sia­no*

In einem frü­he­ren Arti­kel habe ich gezeigt, daß die Häre­sie der Apo­ka­ta­sta­sis, d. h. die Theo­rie der Erlö­sung des Teu­fels und der Ver­damm­ten, in eso­te­ri­schen Krei­sen gepflegt wird, die zumin­dest in die­sem Punkt eine gewis­se Über­ein­stim­mung mit katho­li­schen Krei­sen fort­schritt­li­chen Typs auf­wei­sen. Ich möch­te die­ses The­ma anhand einer wich­ti­gen Figur in der Geschich­te der Frei­mau­re­rei der Hoch­gra­de des Schot­ti­schen Ritus ver­tie­fen: des Rit­ters Andrew Micha­el Ramsay.

Ori­gi­nal­aus­ga­be: Bio­gra­phie des Erz­bi­schofs von Cambrai

Er wur­de um 1686 in Ayr in Schott­land als Sohn eines Cal­vi­ni­sten und einer Angli­ka­ne­rin gebo­ren. Er stu­dier­te in Glas­gow und Edin­burgh. Er nähert sich dem Quie­tis­mus an und lernt den Erz­bi­schof von Cam­brai, Msgr. Fran­çois de Salignac de La Mothe-Féne­lon (1651–1715) und dann Madame Guyon (1648–1717), eine Apo­stelin des Quie­tis­mus, ken­nen, deren Sekre­tär er bis zu ihrem Tod wird. Ram­say wur­de zum Rit­ter des Ordens des Hei­li­gen Laza­rus von Jeru­sa­lem ernannt. Nach dem Tod von Féne­lon zog er nach Rom, wo er die Kin­der von Jakob III. Stuart unter­rich­te­te. Im Jahr 1729 wur­de er in Eng­land Mit­glied der Roy­al Socie­ty. Am 16. März 1730 wur­de Ram­say als Frei­mau­rer in die Horn Tavern Lodge in Lon­don auf­ge­nom­men. Er wur­de dar­auf, nach Frank­reich zurück­ge­kehrt, in die erste Pari­ser Loge auf­ge­nom­men, die 1725 von eng­li­schen Frei­mau­rern gegrün­det wur­de. Der frei­mau­re­ri­schen Tra­di­ti­on zufol­ge schuf Ram­say eine Rei­he von „schot­ti­schen“ Hoch­gra­den und gilt daher als „Vater“ der Frei­mau­re­rei des Schot­ti­schen Ritus, der Rit­ter­hoch­gra­de und Neo-Templer.

In einer frei­mau­re­ri­schen Abhand­lung aus dem Jahr 1736 erklärt Ram­say (ich fas­se kur­siv zusam­men), daß „nur den Adep­ten der Sinn der frei­mau­re­ri­schen Myste­ri­en offen­bart wird, so wie die alten Ori­en­ta­len, die Ägyp­ter und Grie­chen, ihre Prin­zi­pi­en in Figu­ren, Sym­bo­len, Hie­ro­gly­phen ver­bor­gen hiel­ten… Die Feste der Ceres in Eleu­sis, die der Miner­va in Athen, die der Isis in Ägyp­ten waren Frei­mau­rer­lo­gen jener Zeit, in denen die frei­mau­re­ri­schen Myste­ri­en gefei­ert wur­den… Die Frei­mau­re­rei, ‚geheim­nis­vol­le Wis­sen­schaft‘, ‚gehei­me Wis­sen­schaft‘, wur­de von den Patri­ar­chen des alten Isra­el wei­ter­ge­ge­ben. Zur Zeit der Kreuz­zü­ge tra­ten vie­le Her­ren und Künst­ler in die Frei­mau­re­rei ein und schlos­sen sich den Rit­tern des Hei­li­gen Johan­nes von Jeru­sa­lem an. Nach den Kreuz­zü­gen ver­ließ eine Kolo­nie von Adep­ten Palä­sti­na und ließ sich in Eng­land nie­der. Von dort aus wur­de ‚die alte Wis­sen­schaft‘ nach Frank­reich gebracht“ (vgl. Luca Levri­ni 4°: Il dis­cor­so di Eper­nay del Cava­lie­re Ram­say, 28. Mai 2013).

1723 ver­öf­fent­lich­te Ram­say, ein Jako­bit (d. h. ein Anhän­ger der schot­ti­schen und pro­ka­tho­li­schen Stuarts gegen die deutsch-eng­li­schen, pro­te­stan­ti­schen Han­no­ve­ra­ner), der noch kein Frei­mau­rer war, ein Buch über das Leben von Bischof Féne­lon. Wenn es stimmt, daß Ram­say, wie er erzählt, dank Féne­lon vom Deis­mus zum Katho­li­zis­mus kon­ver­tiert ist (vgl. Andrew Micha­el Ram­say: The Life of Fran­çois de Salignac De la Mot­te Fene­lon, Arch­bi­shop and Duke of Cam­bray, Lon­don 1723, S. 189–204, 245–247, 263), war die Kon­ver­si­on sicher­lich nicht von Dau­er.

In die­sem Buch erfah­ren wir, daß der vor der Bekeh­rung ste­hen­de Ram­say nicht an die Ewig­keit der Höl­le glaubt. Msgr. Féne­lon ver­sucht ihn auch in die­sem Punkt zu über­zeu­gen, aber aus dem Gespräch, das Ram­say berich­tet, schei­nen die Argu­men­te des Prä­la­ten vage, ohne aus­drück­li­che Ver­wei­se auf Lehr­amt, Theo­lo­gie, Bibel, Patri­stik. Es ist nicht klar, ob das Gespräch mit Féne­lon Ram­say von dem Glau­bens­dog­ma der Ewig­keit der Höl­le über­zeugt hat (vgl. S. 242–245). Wahr­schein­lich war er nie über­zeugt. Die­ser Ver­dacht wird durch die Tat­sa­che bestä­tigt, daß Baron Phil­ipp von Stosch (ein Spi­on der eng­li­schen Regie­rung) am 21. Novem­ber 1724 in Lon­don berich­te­te, daß der Jako­bit Ram­say in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen der römi­schen Kurie als Frei­den­ker („Ramsay’s free-thin­king ver­si­on of Catho­li­cism“) ange­se­hen wur­de (vgl. Mar­sha Keith Schu­chard: Maso­nic Rival­ries and Litera­ry Poli­tics from Jona­than Swift to Hen­ry Fiel­ding, Gaut­hi­er Pier­o­zak Edi­teur, s.l., [2018], S. 212). 

Andrew Micha­el Ram­say (1686–1743)

Zwi­schen 1727 und 1728 wur­de (nach dem fran­zö­si­schen Ori­gi­nal) in Lon­don die zwei­bän­di­ge eng­li­sche Aus­ga­be von Ram­says Roman „The Tra­vels of Cyrus“ ver­öf­fent­licht. In sei­ner Wid­mung an Lord Lans­down lobt Ram­say den Hel­den sei­nes Romans, Prinz Cyrus, des­sen Rei­sen und phi­lo­so­phi­sche Bil­dung er beschreibt (vgl. Che­va­lier Andrew Ram­say: The Tra­vels of Cyrus. To which is annex’d, A Dis­cour­se upon the Theo­lo­gy and Mytho­lo­gy of the Anci­ents, Bd. I, Lon­don 1727, S. V; dt. Erst­aus­ga­be: Die Rei­sen des Cyrus. Eine mora­li­sche Geschich­te. Nebst einer Abhand­lung über die Mytho­lo­gie und die alte Theo­lo­gie von dem Rit­ter von Ram­say, Doc­tor der Uni­ver­si­tät zu Oxford. Aus dem Fran­zö­si­schen über­tra­gen von Mat­thi­as Clau­di­us, Bres­lau 1780).

Ram­says Cyrus läßt sich zu Beginn von den Wei­sen Per­si­ens (den Magi­ern) beleh­ren, ins­be­son­de­re von Zara­thu­stra, der in die Wis­sen­schaf­ten der alten Ägyp­ter, Grie­chen und baby­lo­ni­schen Juden ein­ge­weiht ist (vgl. S. 65). Es ist eine phi­lo­so­phi­sche und initia­to­ri­sche „Rei­se“.

Ram­says Zara­thu­stra erzählt Cyrus, daß er sich als jun­ger Prinz in ein Mäd­chen ver­lieb­te, sich als Frau ver­klei­de­te und mona­te­lang auf die­se Wei­se ver­weich­licht leb­te, um ihr nahe zu sein, sie aber nichts bemerk­te (vgl. S. 67–71).

Zara­thu­stra offen­bart Cyrus „alle Geheim­nis­se der Natur“ (S. 89), die Exi­stenz drei­er Gott­hei­ten, der des Guten und des Lichts („Oro­ma­zes“), der des Bösen und der Dun­kel­heit („Ahri­man“) und „Mithras“. Dann die Exi­stenz von Gei­stern, „Genii“, die in irgend­ei­ner Wei­se an der Rebel­li­on des Ahri­man betei­ligt waren, aber Mithras läßt sie aus Mit­leid in sterb­li­che Kör­per hin­ab­stei­gen, um sie zu erlö­sen… Die Erde wird also von „Genii“ bevöl­kert, die in sterb­li­che Kör­per (Men­schen) inkar­niert sind und sich an ihren frü­he­ren Zustand des Glücks nicht erin­nern… Mithras ver­sucht auch, sie durch die Trans­mi­gra­ti­on in Tier­kör­per zu erlö­sen (vgl. S. 104–112).

Cyrus kennt die Mytho­lo­gie des alten Ägyp­ten, die hin­ter Sym­bo­len und Hie­ro­gly­phen ver­bor­ge­ne Leh­re des Her­mes Tris­me­gi­stos, die Gott­hei­ten Osi­ris-Isis-Horus (vgl. S. 164, 167, 179–197). Nach Cyrus ent­spricht Osi­ris-Isis-Horus dem Oro­ma­zes-Mithras-Ahri­man (vgl. S. 198). Dann zieht Cyrus wei­ter nach Grie­chen­land, wo er Pytha­go­ras tref­fen will, der in alle Myste­ri­en der Chaldä­er, Ägyp­ter, Gym­no­so­phen und Hebrä­er ein­ge­weiht ist (vgl. S. 309–312).

Im zwei­ten Band betritt Cyrus den Tem­pel von Knos­sos und wirft sich nie­der, um die anwe­sen­de Gott­heit anzu­be­ten, weil er von Zara­thu­stra erfah­ren hat, daß der Jupi­ter der Grie­chen der­sel­be ist wie Oro­ma­zes der Per­ser und Osi­ris der Ägyp­ter (vgl. Ram­say, op. cit., Bd. II, Lon­don 1728, S. 5). Pytha­go­ras lehrt Cyrus, daß die See­len Gei­ster sind, die in die Kör­per gestürzt wer­den, daß die See­len nach dem Tod trans­mi­grie­ren und daß am Ende die Ord­nung des Uni­ver­sums wie­der­her­ge­stellt wird und alle See­len mit ihrem Prin­zip wie­der­ver­eint wer­den (vgl. S. 15). Cyrus sagt zu Pytha­go­ras, er habe ver­stan­den, daß die Prin­zi­pi­en von Zara­thu­stra, Her­mes und Orpheus in den grund­le­gend­sten Punk­ten die­sel­ben sei­en (vgl. S. 15f).

Ram­says „Die Rei­sen des Cyrus“ dt. Aus­ga­be 1780

In Phö­ni­zi­en lernt Cyrus die Geheim­nis­se des Ado­nis ken­nen, des Got­tes, der wie Osi­ris in Ägyp­ten stirbt und wie­der zum Leben erwacht (vgl. S. 88f). Dann geht er nach Baby­lon, wo ihn der jüdi­sche Phi­lo­soph Elea­sar (vgl. S. 135) unter ande­rem lehrt, daß die mensch­li­chen See­len Gei­ster sind, die auf­grund ihrer Anhaf­tung an mate­ri­el­le Din­ge in sterb­li­che Kör­per gefal­len sind, und daß der Mes­si­as am Ende das Uni­ver­sum in sei­ner ursprüng­li­chen Pracht wie­der­her­stel­len wird (vgl. S. 147–151). Elea­sar glaubt an die Prä­exi­stenz der See­len (vgl. S. 172).

Auch der Pro­phet Dani­el sagt Cyrus, daß der Mes­si­as Isra­els das Uni­ver­sum in sei­nem ursprüng­li­chen Glanz wie­der­her­stel­len wird („and res­to­re the Uni­ver­se to its pri­mi­ti­ve Bright­ness“) und alle Gei­ster im Him­mel, auf der Erde und in der Unter­welt sich vor ihm nie­der­wer­fen wer­den (vgl. S. 189–193). Cyrus kehrt nach Per­si­en zurück. Dann erobert er Baby­lon und befreit die Juden, damit sie den Tem­pel in Jeru­sa­lem wie­der auf­bau­en kön­nen (vgl. S. 195f). Ende des Romans.

Am Ende des zwei­ten Ban­des, im Anhang, der eine eige­ne Nume­rie­rung hat, erklärt Ram­say, daß alle Wesen wie­der in ihre rich­ti­ge Ord­nung gebracht wer­den (vgl. Che­va­lier Andrew Ram­say: A Dis­cour­se upon the Theo­lo­gy and the Mytho­lo­gy of the Anci­ents – Part II, in Che­va­lier Andrew Ram­say: The Tra­vels of Cyrus, op. cit., Bd. II, S. 82). Unter Beru­fung auf Plut­arch berich­tet Ram­say, daß nach Empe­do­kles die Dämo­nen, die bösen Geni­en, vor dem Sün­den­fall bestraft, gerei­nigt und dann als gute Gei­ster wie­der­ein­ge­glie­dert wer­den (vgl. S. 110). Plut­arch zufol­ge glaub­ten auch die alten Ägyp­ter, daß böse Gei­ster gerei­nigt und in ihren ursprüng­li­chen Zustand zurück­ver­setzt wer­den (vgl. S. 115f).

Als eines der Grund­prin­zi­pi­en der Kab­ba­li­sten nennt Ram­say die Wie­der­ein­set­zung aller Gei­ster („all Spi­rits will be resto­red“) in ihren ursprüng­li­chen Rang und ihr ursprüng­li­ches Glück, das sie vor der Sün­de der Vor­fah­ren hat­ten (vgl. S. 136140).

Dann scheint sich Ram­say von den phi­lo­so­phi­schen Syste­men distan­zie­ren zu wol­len, die den Theo­rien von der Prä­exi­stenz der See­len und ihrer end­gül­ti­gen Wie­der­ein­glie­de­rung fol­gen (vgl. S. 140143), aber es ist nicht über­zeu­gend. „Die Rei­sen des Cyrus“ offen­ba­ren in der Tat eine frei­mau­re­ri­sche Men­ta­li­tät, die einen gewis­sen Deis­mus mit Gno­sis und eso­te­ri­scher For­schung ver­bin­det. Bereits in den „Rei­sen des Cyrus“ zeigt Ram­say sei­ne Wert­schät­zung für die jüdi­sche Kabbala.

Beginn des zwei­ten Ban­des (Ori­gi­nal­aus­ga­be)

Auch Mar­sha Keith Schu­chard (mit dem For­schungs­ge­biet Schwe­di­sche und Schot­ti­sche jako­bi­ti­sche Frei­mau­re­rei, Frei­mau­re­rei des Schot­ti­schen Ritus, Ema­nu­el Swe­den­borg, Wil­liam Bla­ke, Sab­ba­tia­nis­mus) stellt fest, daß Ram­say in den „Rei­sen des Cyrus“ das kab­ba­li­sti­sche Kon­zept der Reinte­gra­ti­on (hebrä­isch „Tik­kun“) aller Din­ge unter­stützt und die christ­li­che Wahr­heit der ewi­gen Ver­damm­nis der Ver­damm­ten ablehnt (vgl. M. K. Schu­chard: Maso­nic Rival­ries and Litera­ry Poli­tics from Jona­than Swift to Hen­ry Fiel­ding, op. cit, S. 266). Ram­says Inter­es­se und Sym­pa­thie für die jüdi­sche Kab­ba­la beein­fluß­te die Ent­wick­lung eini­ge schot­ti­sche Hoch­gra­de (vgl. S. 267).

In einem Brief von 1734 schreibt der schot­ti­sche Phi­lo­soph David Hume (Athe­ist und Empi­ri­ker) an sei­nen Freund und Frei­mau­rer Micha­el Ram­say, daß des­sen Cou­sin Andrew Micha­el Ram­say ein Frei­den­ker sei („Free-thin­ker“: Schu­chard, op. cit., S. 372).

In einem Brief vom 22. Novem­ber 1736 gesteht Andrew Micha­el Ram­say sei­nem Freund Tho­mas Car­te sein gro­ßes Inter­es­se an der jüdi­schen Anti­ke und Mytho­lo­gie sowie an der rab­bi­ni­schen Kab­ba­la (vgl. Schu­chard, op. cit., S. 211).

Pro­fes­sor Schu­chard erklärt, daß Lam­bert de Lin­tot, fran­zö­si­scher Gra­veur und Frei­mau­rer, um 1738 in Eng­land einen jako­bi­ti­schen Frei­mau­rer­or­den mit Hoch­gra­den ein­führ­te, den „Roy­al Order of Here­dom and Kil­win­ning“, der auf den mysti­schen Leh­ren von Ram­say beruh­te. 1880 berich­te­te der Frei­mau­rer­hi­sto­ri­ker David Mur­ray Lyon [Groß­lo­ge von Schott­land], daß die Vater­schaft des „Roy­al Order of Here­dom and Kil­win­ning“ dem Rit­ter Andrew Ram­say zuge­schrie­ben wur­de (vgl. Schu­chard, a. a. O., S. 488f).

Die Zeit­schrift „The Gentleman’s Maga­zi­ne“ vom April 1739 berich­tet, daß die Inqui­si­ti­on in Rom ein Buch von „Che­va­lier Ram­say (Aut­hor of the Tra­vels of Cyrus, &c.“, das eine Recht­fer­ti­gung der Frei­mau­re­rei ent­hält, auf dem Schei­ter­hau­fen ver­bren­nen ließ (vgl. The Gentleman’s Maga­zi­ne, Bd. IX, Lon­don 1739, S. 219). Auf der Titel­sei­te die­ses Buches fin­det sich ein Satz, der an die Her­me­tik erin­nert: „Rara tem­po­rum feli­ci­ta­te, ubi sen­ti­re quid velis, & quid sen­ti­as dice­re pos­sis. Calid. Arab. in tumu­lo Her­met. §. 100″.

Ram­say erklärt, daß die öffent­li­che Mei­nung die moder­nen Frei­mau­rer mit Magie, Gei­ster­be­schwö­rung, dem Tal­mud, der Kab­ba­la und der Alche­mie in Ver­bin­dung bringt [vgl. J.G.D.M.F.M. (Chev. Andrew Micha­el Ram­say): Rela­ti­on apo­lo­gi­que et histo­ri­que de la Socié­té des Francs-Maçons, Dub­lin 1738, S. 35f, 63, 85–87], alles Din­ge, die der Autor nicht zu ver­ur­tei­len scheint. Er lobt auch den berühm­ten Magi­er Cor­ne­li­us Agrip­pa, zählt ihn zu den her­vor­ra­gen­den Män­nern („d’au­tres excellents hom­mes“) und nennt ihn „le grand Géomèt­re“ (vgl. S. 87).

Ram­says Hauptwerk

Ich wen­de mich der wich­tig­sten Arbeit zu. Vor sei­nem Tod gelang es Rit­ter Ram­say, das zu voll­enden, was Schu­chard als sein gro­ßes Werk bezeich­net, das post­hum in den Jah­ren 1748/​1749 ver­öf­fent­licht wur­de. Es han­delt sich um das zwei­bän­di­ge Werk „The Phi­lo­so­phi­cal Princi­ples of Natu­ral and Reve­a­led Reli­gi­on Unfold­ed in Geo­me­tri­cal Order“ („Die phi­lo­so­phi­schen Prin­zi­pi­en der natür­li­chen und geof­fen­bar­ten Reli­gi­on in geo­me­tri­scher Ord­nung ent­fal­tet“). Nach Schu­chard ver­an­schau­licht die­ses Werk die phi­lo­so­phi­schen und eso­te­ri­schen The­men, die Ram­say in sei­ner frei­mau­re­ri­schen Rede von 1736/​1737 ange­deu­tet hat, The­men, die in den Hoch­gra­den der schot­ti­schen Frei­mau­re­rei erlernt wer­den konn­ten (vgl. Schu­chard, a. a. O., S. 502). Ram­say zeigt, daß er mit den Leh­ren und der Mystik der jüdi­schen Kab­ba­la sehr ver­traut war und sie teil­te (vgl. S. 503f). Ram­says Vor­lie­be für die Kab­ba­la und den Her­me­tis­mus fin­det sich im eso­te­ri­schen Aspekt der „schot­ti­schen“ Frei­mau­re­rei wie­der, die stär­ker mystisch und swe­den­bor­gisch ist (vgl. S. 505).

Gehen wir auf das Werk von Ram­say ein, der zei­gen will, daß die heid­ni­sche Mytho­lo­gie, die jüdi­schen Rab­bi­ner, die christ­li­chen Gelehr­ten und die Scho­la­stik die von Gott offen­bar­te Reli­gi­on ent­stellt haben. Ram­say will das Rei­ne vom Unrei­nen tren­nen und aus dem Chri­sten­tum das eli­mi­nie­ren, was es in den Augen der Phi­lo­so­phen ver­ach­tens­wert macht (vgl. The Che­va­lier Ram­say: The Phi­lo­so­phi­cal Princi­ples of Natu­ral and Reve­a­led Reli­gi­on Unfold­ed in a Geo­me­tri­cal Order, Bd. 1, Glas­gow 1748, S. V, 492–495).

Ram­say argu­men­tiert für die Prä­exi­stenz der See­len (vgl. S. 410) und dafür, daß Gott am Ende alle gefal­le­nen Wesen begna­di­gen und in Glück­se­lig­keit wie­der­her­stel­len wird („God will at last par­don and re-estab­lish in hap­pi­ness all lap­sed bein­gs“, S. 430).

Nach Ram­say ist eine ewi­ge Ver­damm­nis unmög­lich, und von einem ewig stra­fen­den Gott zu spre­chen ist eine fal­sche Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit, eine Ver­mensch­li­chung und Her­ab­set­zung der Gott­heit… Ram­say gibt die Exi­stenz der Höl­le und die Ver­damm­nis von Engeln und Men­schen zu, bestrei­tet aber die Ewig­keit der Stra­fe (vgl. S. 430–435). Er glaubt, daß die­se Stra­fen, die not­wen­dig sind, um die Dämo­nen und die Ver­damm­ten zu läu­tern, nicht ewig sind, sodaß sie in der ewi­gen Lie­be und Ord­nung wie­der­her­ge­stellt wer­den. Die uni­ver­sel­le Har­mo­nie wird wie­der­her­ge­stellt wer­den (vgl. S. 436).

Ram­say behaup­tet sogar, daß die Bibel nicht die Ewig­keit der Höl­len­stra­fen lehrt und daß die Leh­re von der Wie­der­ein­set­zung der Ver­damm­ten von der Kir­che nie ver­ur­teilt wor­den ist (vgl. S. 437).

Er wie­der­holt mehr­mals, daß die rebel­li­schen Engel und die See­len der Ver­damm­ten durch das Feu­er und die Schmer­zen der Höl­le geläu­tert wer­den, dann wer­den sie in den Zustand vor ihrer Rebel­li­on zurück­ver­setzt und so ins Para­dies zur seli­gen Schau zuge­las­sen (vgl. S. 437–440, 491f). Mit dem glor­rei­chen Erschei­nen des Mes­si­as wird „the total resto­ra­ti­on of all lap­sed bein­gs“ (S. 441) kommen.

Der Frei­mau­rer Ram­say, offen­sicht­lich ein Häre­ti­ker, zitiert zahl­rei­che Bibel­stel­len, um sei­ne Gna­den­theo­rie zu begrün­den (vgl. S. 476f), die nichts ande­res ist als die Apo­ka­ta­sta­sis des Origenes.

Auch im zwei­ten Band wie­der­holt Ram­say die Prä­exi­stenz der See­len, die er für eine bibli­sche Leh­re hält: Am Anfang hat­ten die Men­schen einen unsterb­li­chen himm­li­schen Kör­per, aber sie haben alle an Adams Unge­hor­sam mit­ge­wirkt, und des­halb wur­den ihre See­len zur Stra­fe in sterb­li­che Kör­per gesto­ßen (vgl. The Phi­lo­so­phi­cal Princi­ples of Natu­ral and Reve­a­led Reli­gi­on, Bd. II, Glas­gow 1749, S. 241–247).

Und erneut wie­der­holt Ram­say mehr­mals, daß die Teu­fel und die See­len der Ver­damm­ten in der Höl­le bren­nen wer­den, bis sie voll­stän­dig geläu­tert sind, dann wer­den sie in den Zustand ursprüng­li­cher Voll­kom­men­heit zurück­ver­setzt, in dem sie sich vor dem Sün­den­fall befan­den (vgl. Bd. 1). II, S. 272, 321f, 341–343, 361f, 371).

Zum Schluß. Etwa ein Jahr­hun­dert nach Ram­says Tod schrieb der katho­lisch-jüdi­sche Gelehr­te Chri­sti­an David Gins­burg (1831–1914) in sei­nem Buch „The Kab­ba­lah: its doc­tri­nes, deve­lo­p­ment, and lite­ra­tu­re. An Essay“ (Liver­pool 1863; Nach­druck, 1963, Kali­for­ni­en), nennt unter den beson­de­ren Leh­ren der „Kab­ba­la“: die Prä­exi­stenz der See­len, die Erlö­sung und Wie­der­ein­glie­de­rung Satans als Engel des Lichts, die Rück­kehr aller See­len zu Gott, der sie aus­ge­gos­sen hat (vgl. S. 64), also das Auf­hö­ren der Höl­le (vgl. S. 45).

Die Theo­rie der Erlösung/​Wiedereingliederung des Teu­fels fin­det sich auch in bestimm­ten Initia­ti­ons­or­den oder ‑grup­pen, die seit Mit­te des 18. Jahr­hun­derts, wie der Frei­mau­rer Andrew Micha­el Ram­say (†1743), der Gno­sis und/​oder der Kab­ba­la fol­gen. Zum Beispiel:

  1. Der Ord­re des Che­va­liers Maçons Élus Coëns de l’Uni­vers von Mar­ti­nez de Pas­qual­lys (Frei­mau­rer-Rit­ter­or­den Erwähl­te Prie­ster des Uni­ver­sums) (vgl. René Le Fore­stier: La Franc-Maçon­ne­rie occul­ti­ste au XVIIIe siè­cle et l’Ord­re des Élus Coëns, Arché, Mai­land 20103, S. 209–212);
  2. das Gro­ße Gelüb­de des Rek­ti­fi­zier­ten Schot­ti­schen Ritus (vgl. R. Le Fore­stier: La Franc-Maçon­ne­rie tem­pliè­re et occul­ti­ste. Bd II. Che­va­lier bien­faisant de la Cité sain­te, Paris-Lou­vain 1970), in dem die Leh­ren de Pas­qual­lys zusammenlaufen;
  3. der Mar­ti­nis­mus (vgl. Adol­phe Franck: La phi­lo­so­phie mystique en Fran­ce à la fin du XVIIIe siè­cle. Saint-Mar­tin et son maît­re Mar­ti­nez Pas­qua­lis, Paris-Lon­don-New York 1866, S. 195f);
  4. die sab­ba­tia­ni­sche Sek­te von Jakob Frank (vgl. Charles Novak: Jakob Frank, le faux mes­sie. Dévi­an­ce de la kab­ba­le ou théo­rie du com­plot, L’Har­mat­tan, Paris 2012, S. 45–47).

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Von Katho​li​sches​.info wur­de bis­her von ihm veröffentlicht:

In der Rei­he Frei­mau­re­rei, Eso­te­rik, Gno­sis:

In der Rei­he Mario­lo­gie der Mit­erlö­ser­schaft:

Die „Cor­redemp­t­rix“ im 17. und 18. Jahr­hun­dert
Die „Cor­redemp­t­rix“ zur Zeit von Pius XII.
Die „Cor­redemp­t­rix“ auf dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Konzil

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikicommons/Archive.org (Screen­shots)

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3 Kommentare

  1. Lie­be Brü­der und Schwe­stern in Christus!

    Bei Sir Ram­say nen­nen wir die­se The­sen und zumal er auf dem Weg der Bekeh­rung war, Häre­sie und Apost­asie. In tie­fem Schmerz und in kind­li­cher Lie­be, muss ich aber die Fra­ge stel­len, muss sie gestellt wer­den, wie man die doch sehr ähn­li­che Hal­tung, unse­res Pap­stes, der dies durch­aus en pas­sant lehrt und in Inter­views ver­kün­det nicht kor­ri­giert, dann nen­nen soll? Ich rufe in gan­zem Ver­trau­en und festem Glau­ben auf den Sieg des Unbe­fleck­ten Her­zens unse­rer lie­ben Frau von Fati­ma auf jeden Tag das Gebet des Engels von Fati­ma für die Bekeh­rung der armen Sün­der und ganz beson­ders für Papst Fran­zis­kus zu beten. Eben­so für alle Prin­zen und Hir­ten der hei­li­gen Mut­ter Kirche.

  2. Die­se gelehr­ten Schwaet­zer haet­ten sich bes­ser um ihr Gna­den­le­ben geküm­mert, als um sol­che dum­men Kopfgeburten.
    Chri­stus selbst hat gesagt, dass der Teu­fel schon gerich­tet ist, das kann nicht mehr zurück­ge­nom­men werden.
    Man fasst sich an den Kopf.

  3. „In einem frü­he­ren Arti­kel habe ich gezeigt, daß die Häre­sie der Apo­ka­ta­sta­sis, d. h. die Theo­rie der Erlö­sung des Teu­fels und der Ver­damm­ten, in eso­te­ri­schen Krei­sen gepflegt wird, die zumin­dest in die­sem Punkt eine gewis­se Über­ein­stim­mung mit katho­li­schen Krei­sen fort­schritt­li­chen Typs aufweisen.“
    Es ist durch­aus mög­lich das der moder­ne fort­schritt­li­che Katho­lik eine unbe­wuß­te Sym­pa­thie für Satan hegt. Und wenn das stimmmt wird er die Kir­che angrei­fen denn was ande­res bleibt ihm nicht übrig. Der moder­ne fort­schritt­li­che Katho­lik wird nie­mals das Gebet zum Erz­engel Micha­el beten.
    Per Mari­am ad Christum,

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