Die Zweideutigkeit der „christlichen“ Esoterik III

Dritter Teil

Der Priester André Gircourt alias Henri Stéphane scheiterte mit seinem Versuch, eine „christliche“ Esoterik zu entwickeln.
Der Priester André Gircourt alias Henri Stéphane scheiterte mit seinem Versuch, eine „christliche“ Esoterik zu entwickeln.

Von P. Pao­lo M. Sia­no*

Der Prie­ster André Gir­court (1907–1985), den Lieb­ha­bern der Eso­te­rik bes­ser bekannt als Abbé Hen­ri Sté­pha­ne, ist Autor von Schrif­ten, die in zwei Bän­den ver­öf­fent­licht wur­den (1. Band: 1979; 2. Band: 1983) in den Édi­ti­ons Der­vy in Paris, einem auf frei­mau­re­ri­sche und eso­te­ri­sche Lite­ra­tur spe­zia­li­sier­ten Ver­lag. Im Jahr 2006 sam­mel­ten die Édi­ti­ons Der­vy alle Tex­te des ersten und die Haupt­tex­te des zwei­ten Ban­des in einem ein­zi­gen Buch: Hen­ri Sté­pha­ne, Intro­duc­tion à l’ésotérisme chré­ti­en (Ein­füh­rung in die christ­li­che Eso­te­rik), Zusam­men­stel­lung und Anmer­kun­gen von Fran­çois Che­ni­que, Vor­wort von Jean Borel­la, Edi­ti­ons Der­vy, Paris 2006, 518 Sei­ten. Im Vor­wort (S. 7–17) bie­tet der gué­no­ni­sche Gelehr­te Jean Borel­la eine kur­ze Bio­gra­phie von Abbé Gir­court. Schau­en wir sie uns an.

Als jun­ger Mann begei­stert ihn die Mathe­ma­tik und er unter­rich­tet ein Jahr lang an einem Lycée (Ober­stu­fen­gym­na­si­um). Als sei­ne Hei­rats­plä­ne schei­tern, tritt er in ein Prie­ster­se­mi­nar ein. Am 26. Mai 1940 wird er zum Prie­ster geweiht und als Pro­fes­sor für Mathe­ma­tik und Reli­gi­ons­un­ter­richt am klei­nen Semi­nar von Nan­cy ein­ge­setzt. Seit 1942 erwacht Gir­courts Lei­den­schaft für das eso­te­ri­sche Den­ken von René Gué­non. Im Semi­nar spricht er mit eini­gen Schü­lern offen über Sym­bo­lik, hin­du­isti­sches Den­ken und gibt ihnen die Bha­ga­vad Gita zu lesen. Dar­auf ent­zieht ihm der Bischof von Nan­cy die Voll­macht, die Beich­te zu hören, und ver­weist ihn sei­nes Bis­tums. Gir­court fin­det eine Anstel­lung als Mathe­ma­tik­pro­fes­sor in Ver­sailles an der von Jesui­ten geführ­ten Schu­le von Sain­te-Geneviè­ve, bekannt als Ginet­te, wo er von 1943 bis 1971 unter­rich­tet. Dort freun­det sich Gir­court mit dem Jesui­ten P. Pierre Leroy an, Freund und Schü­ler von P. Teil­hard de Char­din, und auch mit Jean Palou, der Fran­zö­sisch unter­rich­tet und Frei­mau­rer ist. Laut Borel­la wei­gert sich Gir­court, sich der Frei­mau­re­rei anzu­schlie­ßen.

André Gir­court (1907–1985)

Seit 1943 setzt Abbé Gir­court sei­ne Stu­di­en zum gué­no­ni­schen Den­ken fort und trifft sich mit Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say, der ihn in die Fra­ter­ni­té des Che­va­liers du Divin Para­clet (Bru­der­schaft der Rit­ter des gött­li­chen Para­kle­ten, sie­he dazu hier) auf­nimmt. Gir­court wid­met sich auch dem eso­te­ri­schen Den­ken von Frith­jof Schuon (1907–1998).

Zwi­schen 1974 und 1976 fei­er­te Gir­court im Ein­ver­neh­men mit sei­nem Bischof für eine Grup­pe von Gläu­bi­gen die „triden­ti­ni­sche“ Mes­se in der Kir­che Not­re-Dame-des-Armées in Ver­sailles. Wie wir sehen wer­den, hielt Gir­court auch in die­ser Zeit, in der er sich als anti­mo­der­ni­sti­scher katho­li­scher Prie­ster prä­sen­tiert, an der gué­no­ni­schen Eso­te­rik fest. 1976 hat­te er Gehirn­pro­ble­me. Er starb 1985 in einem Pfle­ge­heim in Nan­cy.

Laut dem gué­no­ni­schen Gelehr­ten Jean Borel­la ist Gir­courts authen­ti­sche christ­li­che Eso­te­rik nichts ande­res als eine spi­ri­tu­el­le Ver­tie­fung inner­halb der christ­li­chen Offen­ba­rung und der katho­li­schen Leh­re (S. 16). Borel­la behaup­tet die vol­le Katho­li­zi­tät der christ­li­chen Eso­te­rik von Abbé Gir­court. In Wirk­lich­keit ist dem nicht so. Wenn Gir­court auch tat­säch­lich einer­seits die nach­kon­zi­lia­re Moder­ne in Fra­ge stellt, die Mario­lo­gie und die tra­di­tio­nel­le Lit­ur­gie ver­tei­digt und den tra­di­tio­na­li­sti­schen Wider­stand unter­stützt (S. 46, 57–60, 177, 426, 441f, 487f), macht er sich ande­rer­seits gué­no­ni­sche, neo-hin­du­isti­sche und neo-gno­sti­sche Kon­zep­te und Inhal­te zu eigen (z. B. Nicht-Dua­li­tät, Mani­fe­sta­ti­on, Absor­bie­rung im Zen­trum …), um die Geheim­nis­se und Dog­men des katho­li­schen Glau­bens zu „ver­tie­fen“. Ich wer­de nur eini­ge Punk­te sei­nes Den­kens ver­an­schau­li­chen.

  • Gir­court ver­tei­digt das gué­no­ni­sche Den­ken, zum Bei­spiel das der „l’Unité tran­s­cen­dan­te des reli­gi­ons“ (der tran­szen­den­ten Ein­heit der Reli­gio­nen).
  • Gir­court hält das gué­no­ni­sche Den­ken und das Chri­sten­tum für ver­ein­bar (S. 437).
  • Gir­court behaup­tet, daß die Gött­lich­keit jen­seits von Sein und Nicht­sein und jen­seits logi­scher Kate­go­rien steht (S. 79).
  • Laut Gir­court ist Gott weder gut noch schlecht, son­dern über­steigt alle Unter­schei­dun­gen (S. 155).
  • Die Dua­li­tät männ­lich-weib­lich, links-rechts, gut-böse usw. wird dort in dem Einen wie­der zusam­men­ge­führt, wo alle Gegen­sät­ze sich auf­lö­sen (S. 230f).

In der Medi­ta­ti­on über das Selbst oder Atman fügt Gir­court Psal­men, hin­du­isti­sche Leh­ren und Tex­te von Eck­art und Gué­non zusam­men, indem er mit Leich­tig­keit von einem zum ande­ren über­geht. Gir­court schreibt, daß die Anru­fung Jesus-Maria der Unter­schei­dung zwi­schen dem Rea­len und dem Sur­rea­len oder, um es mit dem Hin­du­is­mus aus­zu­drücken, Âtmâ und Maya ent­spre­chen wür­de (S. 92–95).

Ein­füh­rung in die christ­li­che Eso­te­rik (2006)

Auch die Mario­lo­gie von Gir­court ist vol­ler Eso­te­rik: Um das Dog­ma der Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis zu ver­tie­fen, bevor­zugt Gir­court die von Rene Gué­non erläu­ter­te hin­du­isti­sche Meta­phy­sik (S. 119–124). Gir­court ver­steht Gott als das höch­ste Prin­zip, das jen­seits aller For­men und aller Unter­schei­dun­gen liegt und alles in sei­ner Ein­heit oder Nicht-Dua­li­tät umfaßt und ein­schließt („Non-Dua­li­té“). Die uni­ver­sel­le Mani­fe­sta­ti­on die­ses Prin­zips, d. h. der Schöp­fung, müs­se von einem Dop­pel­prin­zip („un dou­ble princi­pe“) aus­ge­hen, männ­lich und weib­lich, das Puru­sha und Pra­kri­ti genannt wird (hin­du­isti­sche „Tra­di­ti­on“), Yang und Yin (Tao­is­mus), das Schöp­fer­wort und die Jung­frau (jüdisch-christ­li­che Tra­di­ti­on), Osi­ris und Isis (altes Ägyp­ten), Adam und Eva (Gene­sis) … Gir­court behaup­tet, daß Chri­stus ein Sym­bol für das akti­ve Ele­ment der Rege­ne­ra­ti­on ist, Maria ein Sym­bol für das pas­si­ve Ele­ment der Rege­ne­ra­ti­on (S. 119–121).

Gir­court erkennt an, daß sei­ne Her­an­ge­hens­wei­se an die Mario­lo­gie, die Chri­sto­lo­gie und die Sakra­men­te „éso­té­ri­que“ ist und schlägt ein Ver­ständ­nis der Gött­lich­keit vor, das jenes der mit­tel­al­ter­li­chen Scho­la­stik über­win­den und sich auf die Vedan­ta des Hin­du­is­mus stüt­zen soll. Im neo-hin­du­isti­schen oder gué­no­ni­schen Kon­text wird die Unbe­fleck­te Emp­fäng­nis ver­stan­den als: uni­ver­sel­le Mög­lich­keit, ursprüng­li­che Indif­fe­ren­zie­rung, nicht mani­fe­stier­tes weib­li­ches Prin­zip, Pra­kri­ti, ursprüng­li­che uni­ver­sel­le Sub­stanz oder Mate­rie, Shak­ti, Aspekt der gött­li­chen Essenz (S. 123–125, 263f).

Gir­court behaup­tet die Andro­gy­nie (männ­lich-weib­li­ches Wesen) Got­tes, des ursprüng­li­chen Adam und Chri­sti, der als Wie­der­her­stel­ler des Andro­gy­nen ver­stan­den wird (S. 135, 187–189).

Gir­court zitiert auch begei­stert eine Stel­le, in der die Apo­ka­ta­sta­sis des Orige­nes bekräf­tigt wird.

Ich fas­se zusam­men: Der Arche­ty­pus Chri­sti, Prin­zip der Inte­gra­ti­on und Reka­pi­tu­la­ti­on, trägt einen abso­lu­ten Uni­ver­sa­lis­mus in sich und postu­liert die Apo­ka­ta­sta­sis, d. h. die Wie­der­her­stel­lung der ursprüng­li­chen Gesamt­heit, ein­schließ­lich der Erlö­sung Satans (S. 167).

Auch im Zusam­men­hang mit dem Opfer der Hei­li­gen Mes­se sind Gir­courts Über­le­gun­gen von der hin­du­isti­schen und gué­no­ni­schen Gno­sis geprägt. Gir­court prä­sen­tiert:

  • die Schöp­fung als Opfer-Zer­stücke­lung Got­tes;
  • jede Krea­tur als „Glied“ Got­tes;
  • die Erlö­sung als Neu­zu­sam­men­set­zung der Glie­der Got­tes;
  • die Welt (Schöp­fung und Geschöp­fe) als Illu­si­on, da von Gott getrennt, aber Gott an sich steht jen­seits aller Tren­nung …
  • Sün­de ist nichts als Tren­nung von dem Einen, daher ist Sün­de oder Böses der Schöp­fung als sol­cher inhä­rent (S. 319f).

Gir­court bekräf­tigt die „essen­ti­el­le Über­ein­stim­mung“ (S. 332) zwi­schen dem Opfer Chri­sti und dem Opfer des Gött­li­chen, wie es im Hin­du­is­mus ver­stan­den wird: Das Eine, die Nicht-Dua­li­tät, das Gan­ze ist im Prin­zip ent­hal­ten, das Dra­che genannt wird, der getö­tet und zer­stückelt wer­den muß, damit sich die Uni­ver­sel­le Mög­lich­keit ver­wirk­licht, die Exi­stenz der Din­ge oder Mani­fe­sta­tio­nen … Der Tod des Dra­chen ist nur Schein, er bleibt das Gan­ze, das in die „Din­ge“ zer­stückelt ist … Der Drache/das Opfer und der gött­li­che Mör­der sind eins. Das ist das hin­du­isti­sche vedi­sche Opfer (S. 332f).

So wie die Phi­lo­so­phie eine Suche sein soll­te, ein Ver­zicht auf das Defi­ni­ti­ve und den Anspruch, das Uni­ver­sum in Defi­ni­tio­nen zu ver­kap­seln, so soll­ten die Reli­gi­on und das reli­giö­se Leben kei­ne Gesamt­heit von Bezie­hun­gen zwi­schen Gott und Mensch sein, die durch Dog­men und Cano­nes bestimmt wer­den, son­dern eine Suche nach Gott als Suche nach dem Tran­szen­den­ten, das uns imma­nent ist (S. 340).

Den Epi­log des Buches bil­det ein kur­zer Text über Gott vom Juni oder Juli 1976. Auf die Fra­ge „Was ist Gott?“ ant­wor­tet Gir­court, daß es dar­auf kei­ne Ant­wort gebe und zitiert Lao-Tse, laut dem nichts über das Prin­zip gesagt wer­den kön­ne … Dann merkt Gir­court Fol­gen­des an: Für den Islam ist Gott der Ein­zi­ge; auf dem Sinai offen­bart sich Gott als der Exi­stie­ren­de; in Indi­en wird Gott als das Höch­ste Selbst oder die Höch­ste Lee­re betrach­tet, die die Höch­ste Fül­le ist. In der christ­li­chen Offen­ba­rung offen­bart sich Gott als Vater, Sohn und Hei­li­ger Geist …
Nach Gir­court sind das alles ver­schie­de­ne Wege der Offen­ba­rung Got­tes  („Ces dif­férents modes de la Révé­la­ti­on“), und der Mensch müs­se auf die Art und Wei­se hören, wie Gott zu ihm spricht (S. 499).

Kurz gesagt, das von Gir­court und sei­nen Schü­lern ver­such­te Expe­ri­ment einer „christ­li­chen“ Eso­te­rik kann nicht gelin­gen, denn sie ist weder christ­lich noch katho­lisch.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Von Katholisches.info bis­her ver­öf­fent­licht:

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

1 Kommentar

  1. Jeden­falls eine inter­es­san­te Per­sön­lich­keit. Mich wun­dert oder über­rascht es über­haupt nicht, dass er an der über­lie­fer­ten hei­li­gen Mes­se fest­ge­hal­ten hat. Im Gegen­teil, das taten fast nur auf die eine oder ande­re Wei­se ori­gi­nel­le, indi­vi­du­el­le und eigen­wil­li­ge Prie­ster­ge­stal­ten.

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