„Luzifer“ für Österreichs Freimaurer

Br. ·. Peter Stiegnitz (1936–2017)

„Die Luzifer-Methode“ – Die Verehrung Luzifers in Österreichs regulärer Freimaurerei anhand von drei Beispielen.
„Die Luzifer-Methode“ – Die Verehrung Luzifers in Österreichs regulärer Freimaurerei anhand von drei Beispielen.

Von P. Pao­lo M. Siano*

Nach mei­nem Arti­kel über das Buch „Gott ohne Kir­che“ (2003) erfuhr ich, daß der Frei­mau­rer Peter Stie­gnitz auch ein Buch geschrie­ben hat­te, das ich vor­her nicht kann­te und das weder auf Wiki­pe­dia noch auf Frei­mau­rer-Wiki aufscheint.

Stie­gnitz wur­de 1970 als Frei­mau­rer in der Wie­ner Loge Huma­ni­tas[1] der Groß­lo­ge von Öster­reich (GLvÖ) initi­iert. Er gehör­te noch wei­te­ren Logen der GLvÖ an und beklei­de­te ver­schie­de­ne Ämter und Funk­tio­nen auf der Ebe­ne der Groß­lo­ge. Im bür­ger­li­chen Leben war er Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in Buda­pest und Beam­ter des öster­rei­chi­schen Bun­des­kanz­ler­am­tes. An sei­nem 80. Geburts­tag (2016) erhielt Stie­gnitz von der GLvÖ durch deren Groß­mei­ster Georg Sem­ler das Ver­dienst­zei­chen ver­lie­hen, der ihn im Jahr dar­auf (bei der Begräb­nis­re­de) als „ein Gro­ßer unse­res Bun­des“ bezeich­ne­te.

In die­sem Bei­trag wen­de mich die­sem Buch des Frei­mau­rer­bru­ders Stie­gnitz „Die Luzi­fer-Metho­de. Geist aus dem Wider­spruch“ (Edi­ti­on Va Bene, Wien–Klosterneuburg 2009) zuwen­den, das ein ein­zi­ges Lob an LUZIFER ist. 

Das Buch wur­de „gedruckt mit Unter­stüt­zung des Bun­des­mi­ni­ste­ri­ums für Wis­sen­schaft und For­schung in Wien und der Kul­tur­ab­tei­lung der Stadt Wien, Wis­sen­schafts- und For­schungs­för­de­rung“ (S. 4).[2] Die­sel­be Kul­tur­ab­tei­lung der Stadt Wien (MA7) unter­stütz­te auch das kürz­lich erschie­ne­ne pro-frei­mau­re­ri­sche Buch von Msgr. Micha­el H. Wenin­ger „Loge und Altar“ (Löcker Ver­lag, Wien 2020, vgl. dort S. 4).

Ich prä­sen­tie­re eini­ge Punk­te von Stie­gnitz „Die Luzi­fer-Metho­de“, der Luzi­fer dankt:

„Dank Luzi­fer, dem Licht­brin­ger. […] Luzi­fer, Got­tes Gegen­spie­ler […]. Durch sein Leben soll die­ses Buch führen“(S.11).

Laut Stie­gnitz war Luzi­fer, Teu­fel, Mor­gen­stern und Licht­brin­ger, die Lieb­lings­fi­gur sei­ner Mut­ter („die Lieb­lings­ge­stalt mei­ner Mut­ter“, S. 12). Nach Stie­gnitz ist Luzi­fer der jüng­ste Sohn des Teu­fels und der Bru­der von „Beel­ze­bub“. Wäh­rend Beel­ze­bub das Böse lenkt, sei Luzi­fer auf Befehl Got­tes der Ver­brei­ter von Licht und Erkennt­nis unter den Men­schen (vgl. S. 16). Dar­über hin­aus sagt Stie­gnitz, daß Beel­ze­bub männ­lich, Luzi­fer hin­ge­gen „viel­sei­tig“ ist (S. 18): „Er ist schön wie eine Frau, aber zumin­dest wie ein homo­ero­ti­scher grie­chi­scher Jüng­ling“, S.18). Nach Stie­gnitz haben „die dump­fen Sata­ni­sten“ nichts mit Luzi­fer gemein­sam (vgl. S.18). Die Men­schen haben Luzi­fer dämo­ni­siert, anstatt ihn als Instru­ment Got­tes zu sehen. Sie haben ihn als Für­sten der Fin­ster­nis gese­hen statt als Licht, als Licht Got­tes und Licht der Erkennt­nis. Luzi­fer ver­eh­re Gott, so Stie­gnitz, er lie­be den Men­schen und leh­re sei­ne Metho­de, die die Dua­li­tät sei, d.h. die Not­wen­dig­keit der Gegen­sät­ze, die Wis­sen und Ent­wick­lung ermög­li­chen (vgl. S. 19). Die Gegen­sät­ze, das heißt: Licht–Dunkelheit, Gut–Böse, Mann–Frau usw. (vgl. S. 20).

Peter Stie­gnitz (links) und Richard Graf Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi, bei­de Mit­glie­der der Frei­mau­rer­lo­ge Huma­ni­tas zu Wien und Hochgradfreimaurer

Für Stie­gnitz ist „Luzi­fer, der Licht­brin­ger und Erkennt­nis­mo­ti­va­tor“, S. 24). Er, der sich als Frei­mau­rer zu erken­nen gibt (vgl. S. 25), behaup­tet, daß Licht und Fin­ster­nis ein­an­der brau­chen (vgl. S. 26). Der Mensch habe die Erkennt­nis dank Luzi­fer auf Geheiß Got­tes gewon­nen (vgl. S. 82, S. 114). Stie­gnitz lobt Gior­da­no Bru­nos pan­the­isti­sches Den­ken und sagt, daß der häre­ti­sche Ordens­bru­der einer von Luzi­fers Favo­ri­ten gewe­sen sei, ein Mär­ty­rer, ein leuch­ten­der Geist (vgl. S. 116–117). Stie­gnitz erklärt, daß Luzi­fer nicht der Fürst der Fin­ster­nis sei, son­dern: „Wie schon sein Name sagt, eine Gestalt des Gei­stes, der den Men­schen Lust und Licht beschert“, S. 164 ). Laut Stie­gnitz war es Aaron, der die Geschich­te der Schlan­ge der Gene­sis erfand, um den Gott der Kanaa­ni­ter zu dämo­ni­sie­ren, daher habe der bibli­sche Gott nichts damit zu tun. Auf die­se Wei­se ver­sucht Stie­gnitz sowohl Luzi­fer als auch Gott zu reha­bi­li­tie­ren (vgl. S. 166–167).

Stie­gnitz will zwar einer­seits Luzi­fer nicht mit Satan iden­ti­fi­zie­ren, sagt aber ande­rer­seits, daß Luzi­fer der Teu­fel ist (vgl. S. 59), und daß der Teu­fel Satan ist (vgl. S. 167).

Der Frei­mau­rer Stie­gnitz glaubt, daß Reli­gi­on ein rei­nes Men­schen­werk sei und daß mono­the­isti­sche Reli­gio­nen Luzi­fer fürch­ten wür­den (vgl. S. 175). Er beklagt, daß nicht nur im Islam, son­dern auch im Chri­sten­tum, vor allem im Katho­li­zis­mus, ein „absur­des Vor­ur­teil gegen­über den ‚Teu­fels­an­be­tern‘“ und auch Luzi­fer bestehe (vgl. 180). In die­sem Zusam­men­hang sagt Stie­gnitz, der „abge­sprun­ge­ne“ Frei­mau­rer Leo Taxil beschul­dig­te 1886 die Frei­mau­rer, „Teu­fels­an­be­ter, soge­nann­te Luzi­fe­ria­ner (…) zu sein, die Satan zum wah­ren Gott des Lichts erklär­ten (vgl. S. 180). Br. ·. Stie­gnitz gibt jedoch zu, daß Taxil „gar nicht so unrecht“ hat­te, da Frei­mau­rer und Luzi­fer „so man­che Ähn­lich­kei­ten mit­ein­an­der haben“ (vgl. S. 180–181)!

Stie­gnitz beklagt, daß für Papst Leo XIII. nicht Luzi­fer, son­dern die Kir­che das „Vor­bild des Lichts“ ist, und daher Frei­den­ker als Agen­ten der Fin­ster­nis gel­ten (vgl. S. 181). Nach Ansicht des Frei­mau­rers Stie­gnitz brau­chen Kir­che, Zivi­li­sa­ti­on und Fort­schritt aber Luzi­fer den „Licht­brin­ger“ (vgl. S. 182).

Es ist gut zu wis­sen, daß der intel­lek­tu­el­le Luzi­fe­ris­mus von Br. ·. Stie­gnitz kein Ein­zel­fall in der öster­rei­chi­schen Frei­mau­re­rei, son­dern eine Art Initia­ti­ons­tra­di­ti­on ist, die von Zeit zu Zeit in frei­mau­re­ri­schen Publi­ka­tio­nen auf­taucht. Ein Lob an Luzi­fer fin­den wir bereits in Der Zir­kel (Nr. 13–14 vom 1. Juli 1875), der Zeit­schrift der Loge Huma­ni­tas in Wien, wo der Frei­mau­rer-Br. ·. Dr. Jos[eph] Wag­ner die Jesui­ten beschul­dig­te, Fein­de der Ver­nunft, Fein­de des Lichts und der Erkennt­nis zu sein. Dann schrieb Br. ·. Wag­ner: „(…) ist ja doch der Luzi­fer, ihr Haupt­feind, den sie von jeher in den Abgrund der Höl­le ver­wünsch­ten“, S. 100). Wag­ner defi­nier­te die Frei­mau­rer als „Kin­der des Lich­tes“, ebd).

Zeit­schrift der Wie­ner Loge Huma­ni­tas (1. Juli 1875), in der der Wie­ner Arzt und Frei­mau­rer Joseph Wag­ner „Luci­fer“ als „Licht­brin­ger“ rühmte.

1922 wur­de in Wien der berühm­te Richard Niko­laus Graf Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi (1894–1972) in die­sel­be Loge Huma­ni­tas initi­iert und trat auch der Kapi­tolloge Mozart des Alten und Aner­kann­ten Schot­ti­schen Ritus bei (vgl. E. Semrau, Erleuch­tung und Ver­blen­dung , Inns­bruck 2012, S. 95). Der öster­rei­chi­sche Phi­lo­soph und Poli­ti­ker Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi lan­cier­te weni­ge Mona­te spä­ter die Idee „Pan­eu­ro­pa – ein Vor­schlag“ und grün­de­te 1923 die Pan­eu­ro­pa-Uni­on, die von Anfang an von den Frei­mau­rern unter­stützt wur­de, dar­un­ter vom Groß­se­kre­tär der Groß­lo­ge von Wien Wla­di­mir Misar (vgl. O. Zuber, Richard Graf Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi als Frei­mau­rer, in: Jahr­buch der For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti, Nr. 32, Bay­reuth 1995). Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi hoff­te auf die Ver­wirk­li­chung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa.

In sei­nem Buch „Prak­ti­scher Idea­lis­mus. Adel – Tech­nik – Pazi­fis­mus“ (Pan-Euro­pa Ver­lag, Wien-Leip­zig 1925), schreibt der Frei­mau­rer Kalergi: 

„In der jüdi­schen Mytho­lo­gie ent­spricht der euro­päi­sche Geist Luzi­fer – in der grie­chi­schen Pro­me­theus: dem Licht­brin­ger, der den gött­li­chen Fun­ken zur Erde trägt, […] der Vater des Kamp­fes, der Tech­nik, der Auf­klä­rung und des Fort­schrit­tes“ (S.83).

„Der Geist Euro­pas“ habe den poli­ti­schen Des­po­tis­mus und die Herr­schaft der Natur­kräf­te gebro­chen (vgl. S. 83). Laut Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi habe Euro­pa erst durch die Eman­zi­pa­ti­on vom Chri­sten­tum sich selbst gefun­den (vgl. S. 84–85).

Ich habe hier nur drei Bei­spie­le genannt, in denen Luzi­fer oder Luci­fer von phil­an­thro­pi­schen und pro-euro­päi­schen öster­rei­chi­schen Frei­mau­rern geprie­sen wird. Auch der Fall Stie­gnitz, Wür­den­trä­ger der regu­lä­ren öster­rei­chi­schen Frei­mau­re­rei, bestä­tigt die Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Loge.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te von ihm:

Übersetzung/​Anmerkung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na/Frei­mau­rer-Wiki/­Staats­bi­blio­thek Ber­lin (Screen­shots)


[1] Die Wie­ner Loge Huma­ni­tas gilt in der soge­nann­ten regu­lä­ren Frei­mau­re­rei als „Mut­ter aller in Oester­reich“ exi­stie­ren­den Frei­mau­rer­lo­gen (Der Zir­kel, Nr. 13–14 vom 1. Juli 1875). Alle drei in die­sem Bei­trag vor­ge­stell­ten Per­so­nen: der Arzt Joseph Wag­ner, der Pri­va­tier, Phi­lo­soph und Poli­ti­ker Richard Graf Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi und der Mini­ste­ri­al­be­am­te im Bun­des­kanz­ler­amt Peter Stie­gnitz, gehör­ten der Huma­ni­tas an. Stie­gnitz und Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi waren zudem Hoch­g­rad­frei­mau­rer des York Ritus bzw. des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus. Zu Wag­ner feh­len dies­be­züg­li­che Angaben.

[2] Mini­ste­rin für Wis­sen­schaft und For­schung war zum Zeit­punkt der Druck­le­gung Clau­dia Schmied (SPÖ), Wie­ner Stadt­rat für Kul­tur und Wis­sen­schaft war Andre­as Mai­lath-Pokor­ny (SPÖ).

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