Die Loge Quatuor Coronati, der Großmeister und ein Bettelbruder

300 Jahre Großloge von England: Wenn die Freimaurer nichts mit Luzifer und Magie zu schaffen haben, warum werden der Öffentlichkeit die Unterlagen vorenthalten?
300 Jahre Großloge von England: Wenn die Freimaurer nichts mit Luzifer und Magie zu schaffen haben, warum werden der Öffentlichkeit die Unterlagen vorenthalten?

Von Pater Pao­lo Maria Sia­no FFI*

Im Okto­ber 2016 habe ich auf die Kri­tik des Groß­mei­sters der Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Ita­li­en (GLRI), Fabio Ven­zi, geant­wor­tet, die die­ser in sei­nem Vor­trag „Freie Mau­re­rei und Katho­li­sche Kir­che“ an mich gerich­tet hat­te. Der Vor­trag ist auf der Inter­net­sei­te der Groß­lo­ge (GLRI) zugäng­lich und wur­de auch in De Homi­nis Digni­ta­teZeit­schrift für frei­mau­re­ri­sche Kul­tur der Groß­lo­ge, Nr. 15/2017, abge­druckt. Vor kur­zem konn­te ich auch die eng­li­sche Fas­sung die­ses Tex­tes lesen, die unter der Über­schrift „Free­ma­son­ry and the Catho­lic Church“ im Sam­mel­band „Reflec­tions on 300 Years of Free­ma­son­ry” („Refle­xio­nen über 300 Jah­re Frei­mau­re­rei“, Lewis Maso­nic, Lon­don 2017) ver­öf­fent­licht wur­de. Dabei han­delt es sich um einen Tagungs­band zur Tagung, die vom 9. – 11. Sep­tem­ber 2016 zum sel­ben The­ma in Cam­bridge von der nam­haf­ten Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 2076 von Lon­don (Ver­ei­nig­te Groß­lo­ge von Eng­land – UGLE) ver­an­stal­tet wur­de.

Freimaurerei und Imagepflege

Loge Quatuor Coronati Nr. 2076
Frei­mau­re­rei: Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 2076

Laut Groß­mei­ster Ven­zi gibt es heu­te in der Katho­li­schen Kir­che zwei Ansät­ze zum The­ma Frei­mau­re­rei. Der erste, von dok­tri­nel­ler Art, sei der der Hier­ar­chie und sieht in der Frei­mau­re­rei: Rela­ti­vis­mus, Deis­mus und Gno­sis. Der zwei­te hin­ge­gen sei typisch für den nie­de­ren Kle­rus und die Gläu­bi­gen und sieht in der Frei­mau­re­rei Sata­nis­mus („Sata­nism“). Ven­zi ord­net mich dem zwei­ten Ansatz zu und wirft mir vor, ein erschrecken­des und fal­sches Bild von der Frei­mau­re­rei zu zeich­nen. Den Groß­mei­ster ärgert, daß mei­ne Schrif­ten mit kirch­li­cher Erlaub­nis ver­öf­fent­licht wer­den. Will er viel­leicht zu einer kle­ri­kal-frei­mau­re­ri­schen Zen­sur gegen mich anstif­ten? Am Ende sei­nes Auf­sat­zes (S. 504) lobt Ven­zi Prof. Mas­si­mo Intro­vi­g­ne. Die­ses Lob fehlt in der ita­lie­ni­schen Fas­sung. War­um?

In der Tat ver­tritt Intro­vi­g­ne den Stand­punkt, daß die regu­lä­re und damit mehr­heit­li­che Frei­mau­re­rei nichts mit Luzi­fe­ris­mus & Magie zu tun habe und der frei­mau­re­ri­sche Rela­ti­vis­mus der wirk­li­che Grund für die Unver­ein­bar­keit mit der Katho­li­schen Kir­che sei. Groß­mei­ster Ven­zi sagt nicht, daß ich in mei­nen Stu­di­en zur Frei­mau­re­rei nicht nur von „Luzi­fe­ris­mus“ spre­che, son­dern auch Initia­ti­on, Eso­te­rik, Gno­sis, Initia­ti­ons­tod und „Mystik“ behand­le.

Zum The­ma Frei­mau­re­rei & Luzi­fer erwähnt Ven­zi kei­ne mei­ner frei­mau­re­ri­schen Quel­len, son­dern spot­tet, ich hät­te „proud­ly“ („stolz“) den Anti­frei­mau­rer Msgr. Hen­ri Delas­sus zitiert. Ven­zi ver­schweigt dabei, daß sich mein Hand­buch über die Frei­mau­re­rei (Un Manua­le per cono­s­ce­re la Mas­so­neria, 2012), vor­wie­gend auf frei­mau­re­ri­sche Quel­len stützt und der Anti­frei­mau­re­rei dar­in nur ein kur­zer Exkurs gewid­met ist.

Zudem prä­zi­siert der Groß­mei­ster nicht, daß der Vor­wurf des Sata­nis­mus und der Magie gegen die Frei­mau­rer schon vor der ersten päpst­li­chen Bul­le gegen die Frei­mau­re­rei von 1738 erho­ben wur­de und zwar von eng­lisch­spra­chi­gen, pro­te­stan­ti­schen Krei­sen.

  • Seit der Mit­te des 17. Jahr­hun­derts ist unter schot­ti­schen Pres­by­te­ria­nern das Frei­mau­rer­wort von der frei­mau­re­ri­schen Initia­ti­on („Mason Word“) mit dem Okkul­ten, der Magie und dem Dämo­ni­schen ver­bun­den.
  • 1698 erschien in Lon­don ein Text, der die Frei­mau­rer anklag­te, eine Teu­fels­sek­te zu sein, ein Anti­christ, und daß sie sich bösen Wer­ken ver­schrie­ben hät­ten.
  • 1724 beklag­te ein anony­mer Frei­mau­rer, daß in den Logen alar­mie­ren­de Prak­ti­ken ein­ge­führt wur­den: Geschich­ten von Teu­feln und Hexen, Schwer­ter, obsku­re Räu­me… Des­halb wer­de er nicht mehr in die Loge gehen, solan­ge der Groß­mei­ster nicht gegen die Prak­ti­ken vor­ge­he.
  • 1730 ver­trat ein anony­mer Frei­mau­rer die Posi­ti­on, daß der ober­ste Groß­mei­ster der Frei­mau­rer der Teu­fel ist.

Eini­ge Frei­mau­rer, die der eng­li­schen Mau­re­rei nahe­ste­hen, haben ver­sucht, mich davon zu über­zeu­gen, daß die Frei­mau­re­rei nichts mit Eso­te­rik zu tun habe und es wenn schon nur weni­ge, ganz weni­ge Frei­mau­rer gebe, die sie prak­ti­zie­ren wür­den. In Wirk­lich­keit ist der der­zei­ti­ge Groß­re­prä­sen­tant der Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Italien (GLRI) bei der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land (UGLE) Spen­cer Comp­ton, der 7. Mar­quess of Nort­hamp­ton, ein gro­ßer Freund von Groß­mei­ster Ven­zi.

Esoterik, Gnosis und ein Trojanisches Pferd

Lord Nord­hamp­ton war von 2001–2009 Pro­groß­mei­ster der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land und beton­te in die­ser Zeit gera­de die „eso­te­ric tea­chings“ der Frei­mau­re­rei. Aus den ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen der Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Ita­li­en geht zudem her­vor, daß die Eso­te­rik in der Groß­lo­ge sehr wohl zu Hau­se ist. An die­ser Stel­le muß ich mich auf kur­ze Hin­weis auf eini­ge Arti­kel in der Zeit­schrift der Regu­lä­ren Groß­lo­ge De Homi­ni­bus Digni­ta­te (DHD) beschrän­ken.

Jüngst, ich weiß, gab es unter den katho­li­schen Gelehr­ten sol­che, die ver­sucht haben, das Ver­ständ­nis von Eso­te­rik aus der Qua­ran­tä­ne zu ent­las­sen und die sogar so weit gin­gen, theo­re­tisch eine katho­li­sche Eso­te­rik für mög­lich zu hal­ten. Mir scheint das, ein Tro­ja­ni­sches Pferd zu sein. Wie dem auch sei, die frei­mau­re­ri­sche Eso­te­rik, wie sie Groß­mei­ster Ven­zi ver­tritt, ist Gno­sis und mit dem Glau­ben und der katho­li­schen Theo­lo­gie unver­ein­bar.

De Hominis Dignitate - Zeitschrift der Großloge von Italien
De Homi­nis Digni­tate — Zeit­schrift der Groß­lo­ge von Ita­li­en

In der Aus­ga­be DHD 9/2011 erklärt Ven­zi, daß der frei­mau­re­ri­sche „Wei­he­ri­tus“ einer Loge einen „hei­li­gen Raum“ schafft. Er imi­tie­re und wie­der­ho­le den „kos­mo­go­ni­schen“ oder „gött­li­chen“ Akt der „Schöp­fung“ (vgl. S. 20–24).

In der Aus­ga­be DHD 10/2012 schreibt Ven­zi im Arti­kel „Die Eso­te­rik und die ersten drei Gra­de der Frei­mau­re­rei“ über das Ein­tre­ten in „eine neue über­na­tür­li­che Ord­nung“, „das Erwecken der ver­bor­ge­nen Fähig­kei­ten der See­le“, die „Rege­ne­ra­ti­on“, die „Trans­mu­ta­ti­on“ und den „mysti­schen Tod“ (vgl. S. 16–43).

In der Aus­ga­be 11/2013 spricht Rober­to Pre­ga­z­zi in „Das ‚sol­ve et coagu­la‘ des Emu­la­ti­ons-Ritus“ von „Alchi­mie, „Palin­ge­ne­se“, „Rück­kehr zum Ursprung“, „Rege­ne­ra­ti­on“ (S. 49–58).

In der Aus­ga­be DHD 13/2014 ver­öf­fent­lich­te Cesa­re Piroz­zi den Auf­satz „Der eso­te­ri­sche Dan­te“. Ich fas­se eini­ge Schlüs­sel­kon­zep­te zusam­men: „die Alchi­mie, eine typisch eso­te­ri­sche Kunst“, „Her­mes Tris­me­gi­stos“, Ver­bin­dung der Gegen­sät­ze, „den Adep­ten ver­wan­deln durch Ver­wirk­li­chung der spi­ri­tu­el­len Natur im Leben“, „christ­li­che Eso­te­rik“, der Initiiier­te müs­se, um sich „zu berei­chern“, dem „Teu­fel“ oder Pan begeg­nen, mit ande­ren Wor­ten, dem Jung­schen Schat­ten [C. G. Jung]… „VITRIOL“: Es sei not­wen­dig in die Höl­le hin­ab­zu­stei­gen, wie Dan­te es tat, um „Luzi­fer (Licht­trä­ger)“ zu begeg­nen und zum Licht zu gelan­gen…  Die Andro­gy­nie Got­tes und des Men­schen: Adam wur­de männ­lich und weib­lich erschaf­fen… Eini­ge Ver­se der Gött­li­chen Komö­die, die Dan­te den Tem­pel­rit­tern und Lie­bes­gläu­bi­gen wid­me­te, sei­en „weni­ger ortho­dox im Ver­gleich zur offi­zi­el­len Leh­re der Kir­che“, aber viel­leicht mehr in Ein­klang mit dem ursprüng­li­chen Chri­sten­tum (vgl. S. 3–50).

In der Aus­ga­be 14/2016 schreibt Ven­zi, daß die Frei­mau­re­rei auf „eine direk­te und ori­gi­na­le Bezie­hung der lie­ben­den See­le mit Gott“ abzie­le (S. 5).

In der Aus­ga­be DHD 14/2016 behaup­tet Mau­ro Sca­tena im Auf­satz „Der freie Wil­le in der katha­ri­schen Häre­sie“, daß für die „Gno­sti­ker“, der Gott des Alten Testa­ments ein „Böser Gott“ ist, „Satan“, wäh­rend die „Schlan­ge“ die „heroi­sche, spi­ri­tu­el­le Ein­heit“ sei, „Luzi­fer […] der Licht­trä­ger“, der den Men­schen eman­zi­piert, indem er ihm „wah­re Erkennt­nis“ ver­leiht… Gno­sti­sche Leh­ren sind in der Frei­mau­re­rei zusam­men­ge­flos­sen. Der gno­stisch-katha­ri­sche Chri­stus ist Luzi­fer… Sca­tena leug­net zusam­men mit den Katha­rern den frei­en Wil­len (vgl. S. 46–85).

In der Aus­ga­be DHD 15/2017 gibt Rober­to Fal­co­ne im Arti­kel „Die Sint­flut, die Noa­chi­ti­sche Tra­di­ti­on und der Roy­al Ark Mari­ner“ zu ver­ste­hen, daß in der Frei­mau­re­rei die Bibel als Rah­men für frei­mau­re­ri­sche Gra­de und Legen­den dient, der Inhalt aber eso­te­risch ist: Tod-Wie­der­ge­burt, die alchi­mi­sti­sche Umwand­lung des Frei­mau­rers (vgl. S. 27–42).

In der Aus­ga­be DHD 15/2017 spricht Enri­co Mar­cia im Zusam­men­hang mit dem Ritus von „Ener­gien“, „frei­mau­re­ri­schen Seg­nun­gen“, „Egre­gor“, der „okkul­ten Bedeu­tung der Ritua­le und der Logen“, von „Denk­form“, „astra­lem Plan“, „höhe­ren Wesen“, vom gött­li­chen Prin­zip im Men­schen und im Ehr­wür­di­gen Mei­ster (vgl. S. 43–49).

Luzifer & Magie

In der Ein­füh­rung zur ita­lie­ni­schen Aus­ga­be des 2016 in Rom im frei­mau­re­ri­schen Ver­lag Set­ti­mo Sigil­lo erschie­ne­nen Buches „The Mea­ning of Mason­ry“ („Die Bedeu­tung der Frei­mau­re­rei“) von Wal­ter Les­lie Wilms­hurst (Orgi­nal: Lon­don 1922) lobt Groß­mei­ster Ven­zi Karl Rah­ner als „größ­ten Theo­lo­gen und Mysti­ker des 20. Jahr­hun­derts“ (S. 31). Wenn Groß­mei­ster Ven­zi also sagt, er will mit der Katho­li­schen Kir­che einen Dia­log füh­ren, meint er also viel­leicht den Dia­log mit „Rah­ner­schen“ Kir­chen­ver­tre­tern.

Apro­pos Dia­log: Ich hat­te um die Unter­la­gen der „Alchi­mi­sti­schen und Eso­te­ri­schen For­schungs­lo­ge Pico del­la Miran­do­la Nr. 33“ gebe­ten, deren Ehr­wür­di­ger Mei­ster Ven­zi ist. Ich hat­te eben­so um die Unter­la­gen des Dor­ner Maso­nic Stu­dy Cir­cle gebe­ten, eines eso­te­ri­schen und frei­mau­re­ri­schen Stu­di­en­krei­ses, der nur frei­mau­re­ri­schen Mei­stern der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land und der von die­ser aner­kann­ten Groß­lo­gen, zum Bei­spiel die Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land, die Schwei­ze­ri­sche Groß­lo­ge Alpi­na, die Groß­lo­ge von Öster­reich der Alten, Frei­en und Ange­nom­me­nen Mau­rer, Regu­lä­re Groß­lo­ge von Ita­li­en, vor­be­hal­ten ist. Nichts zu machen…

Wenn in deren Schrif­ten aber weder von Luzi­fer noch von Magie die Rede ist, war­um wer­den sie mir dann vor­ent­hal­ten?

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Katholisches.info ver­öf­fent­lich­te von ihm zuletzt: Die Frei­mau­re­rei erklärt von einem Groß­mei­ster; Den Anklop­fen­den erwar­ten beim Frei­mau­rer­bund Initia­ti­on und Gno­sis; Baron Yves Mar­s­audon – Ein Hoch­g­rad­frei­mau­rer im Mal­te­ser­or­den.

Bild: United Grand Lodge of England/Quatturo Coro­na­ti Nr. 2076/Gran Log­gia Rego­la­re d’I­ta­lia (Screen­shots)