Das Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff 33. und Oskar Posner und der Dialog zwischen Kirche und Freimaurerei 1974–1980

Esoterik, Magie, Alchemie ... Luzifer

Das Internationale Freimaurerlexikon von Lennhoff und Posner: links die Erstausgabe 1932, rechts der jüngste Nachdruck der Neusausgabe von 2000, die Dieter Binder besorgte.1
Das Internationale Freimaurerlexikon von Lennhoff und Posner: links die Erstausgabe 1932, rechts der jüngste Nachdruck der Neuausgabe von 2000, die Dieter Binder besorgte.

Von P. Pao­lo M. Sia­no*

Von 1974 bis 1980 fand ein offi­zi­el­ler Dia­log zwi­schen Ver­tre­tern der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD) und einer Kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz statt. In sei­nem Arti­kel „Die Frei­mau­re­rei und die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz“ (in Stim­men der Zeit, Nr. 6/1981, S. 409–422) berich­tet Bischof Joseph Stimpf­le (1916–1996), Bischof von Augs­burg (1963–1992), Rit­ter des Hei­li­gen Gra­bes (1970), Vor­sit­zen­der der oben genann­ten katho­li­schen Kom­mis­si­on, daß die­se Frei­mau­rer des VGLvD das Inter­na­tio­na­le Frei­mau­rer­le­xi­kon (Abkür­zung: IFL) der Frei­mau­rer Eugen Lenn­hoff und Oskar Pos­ner als „qua­li­fi­zier­te Quel­le“ vor­stell­ten, um mehr über frei­mau­re­ri­sches Den­ken zu erfah­ren. Das IFL (Erst­ver­öf­fent­li­chung Wien 1932) ist Gegen­stand von Nach­drucken (1975ff) sowie einer Neu­auf­la­ge im Jahr 2000, deren sech­ste Auf­la­ge aus dem Jahr 2011 stammt.

Eugen Lenn­hoff (1891–1944), jüdi­scher Jour­na­list aus Basel, ist seit 1920 Frei­mau­rer der Groß­lo­ge von Wien, deren Groß­se­kre­tär er wird. Er ist Chef­re­dak­teur der Zeit­schrift Wie­ner Frei­mau­rer-Zei­tung (1923–1933). In den 33. Grad des Alten und Aner­kann­ten Schot­ti­schen Ritus (AASR) erho­ben, wur­de er zum Grün­der und von 1925 bis 1931 zum sou­ve­rä­nen Groß­kom­man­deur des ersten Ober­sten Rates des AASR von Öster­reich.

Eugen Lenn­hoff (Quel­le: Frei­mau­rer-Wiki)

Oskar Pos­ner (1878–1932), Arzt in Karls­bad (ab 1918 Tsche­cho­slo­wa­ki­sche Repu­blik), ist seit 1910 Frei­mau­rer, zuerst in einer Loge in Bres­lau (Schle­si­en), dann in Karls­bad und schließ­lich in Saaz (bei­de Deutsch­böh­men). Er ist Mit­be­grün­der und zuge­ord­ne­ter Groß­mei­ster der Groß­lo­ge „Les­sing zu den drei Rin­gen“ der Tsche­cho­slo­wa­kei. Er ver­faß­te die Ritua­le die­ser Groß­lo­ge und einen Leit­fa­den für Logen-Lehr­lin­ge. Ab 1924 lei­tet er die im böh­mi­schen Rei­chen­berg her­aus­ge­ge­be­ne Logen­zeit­schrift Die drei Rin­ge. Auf sei­ne Anre­gung hin kommt es 1927 zur Grün­dung der Pra­ger For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti ami­co­rum histo­riae et phi­lo­so­phiae artis regiae liberorum mura­torum Pra­gen­sis. [1]

In der Erklä­rung der deut­schen Bischö­fe von 1980 zur Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Loge (vgl. La Civil­tà Cat­to­li­ca, 1980, III, S. 487–495) wird das IFL im Hin­blick auf den frei­mau­re­ri­schen Rela­ti­vis­mus erwähnt. In sei­ner hier bespro­che­nen Dok­tor­ar­beit (PUG 2019) kri­ti­siert Msgr. Micha­el H. Wenin­ger die­se Erklä­rung und ver­tei­digt die deutsch­spra­chi­ge Frei­mau­re­rei. In Wirk­lich­keit fin­den wir im IFL neben dem Rela­ti­vis­mus noch viel tie­fe­re Grün­de für die Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei, die von den deut­schen Bischö­fen nicht behan­delt wur­den: Eso­te­rik, Magie und Okkul­tis­mus.
Nun gehe ich auf das IFL (Aus­ga­be von 1932 im unver­än­der­ten Nach­druck von 1975) ein und gebe in Klam­mern die Begrif­fe mit der jewei­li­gen Spal­ten­num­mer an.

1. Antidogmatisches und relativistisches Denken

Todesanzeige für Oskar Posner im Prager Tagblatt
Todes­an­zei­ge für Oskar Pos­ner 1932 im Pra­ger Tag­blatt

Es wird der Geist der Auf­klä­rung gelobt, der seit dem 18. Jahr­hun­dert in den Wur­zeln der Frei­mau­re­rei vor­han­den ist. Die Auf­klä­rung kämpft gegen den Obsku­ran­tis­mus des Dog­mas (vgl. Auf­klä­rung, 105–106). Die Frei­mau­re­rei über­nimmt vom Deis­mus (Natur­re­li­gi­on, ohne Dog­men) die Tole­ranz (Deis­mus, 329). Die Frei­mau­re­rei lehnt das Dog­ma ab, jedes Dog­ma, daher ist sie der katho­li­schen Kir­che feind­lich gesinnt (vgl. Dog­ma, 374). Aus­gangs­punkt der Frei­mau­re­rei ist nicht Gott als Dog­ma (vgl. Kri­ti­zis­mus , 881–882). Die frei­mau­re­ri­sche Ethik ist lai­zi­stisch, huma­ni­tär, nicht reli­gi­ös oder dog­ma­tisch (vgl. Lai­zis­mus, 898). Die Frei­mau­re­rei hat ein rela­ti­vi­sti­sches Ver­ständ­nis der Wahr­heit (vgl. Phi­lo­so­phie, 1207; Wahr­heit, 1666). Der Rela­ti­vis­mus, treff­lich aus­ge­drückt durch den Satz des Prot­ago­ras „Der Mensch ist das Maß aller Din­ge“, ist der Stand­punkt der Frei­mau­re­rei (vgl. Rela­ti­vis­mus, 1300–1301). Die frei­mau­re­ri­sche Tole­ranz ist den Dog­men feind­lich gesinnt (vgl. Tole­ranz, 1585).

Ich glau­be, daß mit einer sol­chen anthro­po­zen­tri­schen und rela­ti­vi­sti­schen Grund­la­ge die frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät an sich Magie ist.

2. Esoterik, Freimaurerkult

Die wah­re Leh­re der Frei­mau­re­rei ist eso­te­risch, d. h. den Ein­ge­weih­ten vor­be­hal­ten (vgl. Eso­te­risch, exo­te­risch, 450). Frei­mau­re­rei ist Erfah­rung (Wei­he, Ein­wei­hung, Wie­der­ge­burt), sie kann nicht in Wor­ten erklärt wer­den (vgl. Erleb­nis, 446). Die ritu­el­len Frei­mau­rer­ar­bei­ten sind: sym­bo­li­sche Hand­lun­gen zum Bau des Tem­pels der Huma­ni­tät; ein Kult ohne Dog­men und ein spi­ri­tu­el­les Werk, in dem ein „Flu­idum“ die Mit­glie­der ver­eint (vgl. Sym­bol, 1541–46). Trotz gegen­tei­li­ger Aus­sa­gen macht das IFL den magi­schen Cha­rak­ter der ritu­el­len Frei­mau­rer­ar­beit deut­lich (vgl. Arbeit als Myste­ri­um, 85; Kul­tus, Kult, Frei­mau­re­ri­scher, 889–890).

2.1 Elemente der Alchemie, Hermetik, Kabbala, Magie

Frei­mau­rer­ri­tu­al, Zeich­nung von Oskar Pos­ner, Klattau 1927

Das IFL macht das Vor­han­den­sein von Ele­men­ten der esoterischen/okkulten Wis­sen­schaf­ten im sym­bo­lisch-ritu­el­len System der deutsch­spra­chi­gen Frei­mau­re­rei unab­hän­gig von den Behaup­tun­gen ein­zel­ner Frei­mau­rer deut­lich. Alche­mi­sti­sche Ele­men­te und Ein­flüs­se fin­den sich in den Ritua­len und Sym­bo­len der Frei­mau­re­rei, zum Bei­spiel zum The­ma Tod–Wiedergeburt (vgl. Alchi­mie, 41; Hexa­gramm, 695). Auch Ele­men­te der jüdi­schen Kab­ba­la (vgl. Kab­ba­la, 806–809). Alle ritu­el­len Arbei­ten sind magisch. In der Frei­mau­re­rei fin­den wir Ele­men­te der Magie, ein­schließ­lich der Sym­bo­lik des Lichts (vgl. Magie, 979; Wort, Das ver­lo­re­ne, 1723; Tarot, 1555). Her­mes Tris­me­gi­stos ist ein wich­ti­ger Bezugs­punkt in Alche­mie, Magie und Frei­mau­re­rei (vgl. Her­mes Tris­me­gi­stos, 689–690). Für Frei­mau­rer ist die Figur des Königs Salo­mo wich­tig, ver­bun­den mit magi­schen, alche­mi­sti­schen, kab­ba­li­sti­schen Tra­di­tio­nen (vgl. Salo­mo, König, 1373/74). Kab­ba­li­sti­sche, alche­mi­sti­sche und gno­sti­sche Ele­men­te fin­den sich in den frei­mau­re­ri­schen Hoch­gra­den (vgl. Hoch­gra­de, 702; Schot­ten­gra­de, 1401–1402).

2.2 Alte Geheimnisse, Mystik, Initiation, Tod–Wiedergeburt

Das IFL ver­bin­det die Frei­mau­re­rei mit den anti­ken heid­ni­schen Myste­ri­en in Bezug auf die frei­mau­re­ri­sche Ritua­li­tät von sym­bo­li­schem und spi­ri­tu­el­lem Tod und Wie­der­ge­burt (vgl. Myste­ri­en, 1080–82; Initia­ti­ons­ri­tus, 741; Wie­der­ge­burt, 1701). Die frei­mau­re­ri­sche Initia­ti­on ist unaus­lösch­lich, man bleibt für immer ein Frei­mau­rer (vgl. Cha­rac­ter inde­le­bi­lis, 265f). Die Frei­mau­re­rei ist eine mysti­sche Kunst (vgl. Mei­ster­ver­pflich­tung, 1020), die durch Riten und Sym­bo­le die Ver­ei­ni­gung mit Gott ermög­licht (vgl. Mystik,  1087f; Unio mysti­ca,  1620; Schlan­ge, Mysti­sche, 1394). Die Legen­de von Hiram, nach dem sich jeder Mau­rer­mei­ster formt, erin­nert an die alten Men­schen­op­fer der Mau­rer (vgl. Bau­op­fer, 135f). Im 3. Grad fin­det das sym­bo­li­sche Men­schen­op­fer („sym­bo­li­scher Opfer­tod“) des neu­en Mei­sters statt (vgl. Hiram, 700).

Die Wie­ner Frei­mau­rer-Zei­tung wur­de von 1923 bis 1933 von Lenn­hoff gelei­tet

2.3 Vereinigung der Gegensätze (Licht–Finsternis …), der „Luzifer“ …

Das IFL weist die gegen Frei­mau­rer gerich­te­ten Vor­wür­fe des Luzi­fe­ris­mus als fan­ta­stisch und ver­lo­gen zurück, ins­be­son­de­re jene des 30. Gra­des des AASR, von denen ange­nom­men wird, daß sie mit dem Engel des Lichts „Luzi­fer“ oder „Eblis“ in Kon­takt ste­hen (vgl. Taxil, 1558–61; Luci­fe­ria­ni­sche Frei­mau­re­rei, 962). Das IFL lehrt, daß die Ein­ge­weih­ten die Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze, die Ver­söh­nung der Fein­de, suchen: Licht–Finsternis, Gut–Böse, Leben–Tod (vgl. Licht­sym­bo­lik, 934). Das dop­pel­te Drei­eck oder Hexa­gramm reprä­sen­tiert in der Frei­mau­re­rei die Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze, ein­schließ­lich des Erbau­er­prin­zips und des Zer­stö­rungs­prin­zips (vgl. Drei­eck, 379). Der alte Dua­lis­mus lehrt die Exi­stenz zwei­er Prin­zi­pi­en: des Guten und des Bösen, Got­tes und des Teu­fels (vgl. Dua­lis­mus, 387). Ich stel­le jedoch fest, daß die Initia­ti­ons­lo­gik der Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze dazu füh­ren kann, auch an die Ver­ei­ni­gung Gott–Teufel zu glau­ben. Tat­säch­lich ist im IFL auch die Rede vom Frei­mau­rer Mario Rapi­sar­di (1844–1912), der in sei­nem Gedicht „Luzi­fe­ro“ den „end­gül­ti­gen Sieg von Wahr­heit und Gerech­tig­keit“ besingt (vgl. Rapi­sar­di, 1279) und lobt Luzi­fer gegen Gott.

Der 30. Grad des AASR, der neu­temp­le­ri­sche, lehrt „den Sieg der Gewis­sens­frei­heit“ (vgl. Rit­ter Kadosch, 1320) und schließt den 28. Grad mit ein, der Ele­men­te der Alche­mie und des Licht­kults gegen die Dog­men ent­hält (vgl. Rit­ter der Son­ne, 1318).

In den ersten drei Gra­den reprä­sen­tiert der Stuhl­mei­ster der Loge den Logos-Bau­mei­ster der Welt. Er ver­kör­pert die Gegen­sät­ze, er ist der Sohn der Son­ne und des Mon­des, männ­lich und weib­lich (vgl. Mond, 1053). Der Stuhl­mei­ster, der 1. und der 2. Auf­se­her der Loge sind mit den drei Säu­len der Loge  Weisheit–Stärke–Schönheit ver­bun­den und sind daher die drei klei­nen Lich­ter der Loge, also Licht­trä­ger (vgl. Säu­len, 1382f). Ich hal­te fest, daß das Wort Licht­trä­ger wört­lich Luzi­fer bedeu­tet.

Die von Lenn­hoff in Öster­reich gegrün­de­te Hoch­g­rad­frei­mau­re­rei. Die­ser Dop­pel­ad­ler bezeich­net seit 1758 eine Frei­mau­rer­sym­bo­lik des 33. Gra­des

Schließ­lich ent­deck­te ich, daß der Lieb­lings­text des IFL über die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Frei­mau­re­rei, anti­ken Myste­ri­en, Magie und Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze die Sym­bo­lik der Myste­ri­en­bün­de (Ber­lin 1924; Nach­druck, Schwar­zen­burg 1979) des Frei­mau­rers August Horn­ef­fer (1875–1955) ist, der die Frei­mau­re­rei mit der Magie in Ver­bin­dung bringt, die Magie lobt (S. 218), Goe­thes Faust preist, der den Bund „mit dem Teu­fel“ schließt (S. 220), und die Gött­lich­keit des Men­schen als gno­sti­sche und mysti­sche Leh­re bekräf­tigt (S. 234f).

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Katholisches.info ver­öf­fent­lich­te von ihm:

Übersetzung/Anmerkung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: IFL/Cor­ris­pon­den­za Roma­na/Frei­mau­rer-Wiki/­AASR-Austria (Screen­shots)


[1] Für histo­risch Inter­es­sier­te noch eini­ge Ergän­zun­gen durch den Über­set­zer (GN):

Oskar Pos­ner ent­stamm­te wie Lenn­hoff einer jüdi­schen Fami­lie. Lenn­hoff kam 1914 als Jour­na­list nach Wien, wo er sich nach dem Krieg als Netz­wer­ker vor allem der Frei­mau­re­rei wid­me­te. Sei­ne Groß­lo­ge ver­trat er auch in der Asso­cia­ti­on Maçon­ni­que Inter­na­tio­na­le und lei­te­te von 1926 bis 1930 die Zen­tral­stel­le der All­ge­mei­nen Frei­mau­rer­li­ga.
Als Jour­na­list arbei­te­te er zunächst für die links­li­be­ra­le Wie­ner All­ge­mei­ne Zei­tung, die in ihrer Blatt­li­nie die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­par­tei Öster­reichs (SDAP) unter­stütz­te, und deren Chef­re­dak­teur er 1924/25 wur­de. 1933 leg­te er die Schrift­lei­tung der Wie­ner Frei­mau­rer-Zei­tung nie­der, weil er lei­ten­der Redak­teur und Son­der­be­richt­erstat­ter des Außen­res­sorts der Wie­ner Tages­zei­tung Tele­graf wur­de, die von 1932–1938, bis zum Anschluß Öster­reichs an das Deut­sche Reich, erschien. Zum Tele­graf hol­te ihn des­sen links­ra­di­ka­ler Schrift­lei­ter Sieg­fried Klaus­ner. Her­aus­ge­ber, Eigen­tü­mer und die mei­sten Jour­na­li­sten der Zei­tung waren jüdi­scher Abstam­mung. Die Zei­tung war ein Neben­blatt der links­ra­di­ka­len Tages­zei­tung Der Abend, die 1917 als links­li­be­ra­les Blatt gegrün­det wur­de und sich ab 1918 radi­ka­li­sier­te. Bei­de Zei­tun­gen waren im Bou­le­vard­stil mit rei­ße­ri­schen Titeln gemacht und ein Sprach­rohr sozia­li­sti­scher und kom­mu­ni­sti­scher Posi­tio­nen sowie von Volks­front-The­sen. Das Mut­ter­blatt wur­de des­halb nach dem bewaff­ne­ten Putsch­ver­such der Links­ra­di­ka­len im Febru­ar 1934 und dem Ver­bot der SDAP behörd­lich ein­ge­stellt. Ein Haupt­geg­ner bei­der Blät­ter war aber vor allem auch der Natio­nal­so­zia­lis­mus. Als 1933 die öster­rei­chi­sche Regie­rung die Vor­zen­sur ver­häng­te, wur­de Lenn­hoff in die Redak­ti­on beru­fen. Ins­ge­samt kor­ri­gier­te der Tele­graf sei­ne Linie, um einem Ver­bot zu ent­ge­hen. Das Blatt mäßig­te den Kurs vom Links­ra­di­ka­lis­mus zu einem neu­tra­le­ren und näher­te ihn lang­sam der Regie­rung von Engel­bert Dol­lfuß und der soge­nann­ten „Vater­län­di­schen Rich­tung“ an, wodurch sie auch nach den Ereig­nis­sen von Febru­ar 1934 wei­ter erschei­nen konn­te. Das Blatt beton­te nun vor allem die gemein­sa­me Feind­schaft von Christ­lich­so­zia­len und Sozi­al­de­mo­kra­ten („Pro­le­ta­ri­sche Par­tei“) gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Die­ser wur­de als „Fascis­mus“ bekämpft und mit radi­ka­ler Spra­che ver­spot­tet. Die Natio­nal­so­zia­li­sten nann­ten die Tele­graf-Redak­ti­on eine „Juden­bu­de“ und sag­ten von Lenn­hoff: „Der Jude und Frei­mau­r­erfüh­rer Eugen Lenn­hoff, der Außen­po­li­ti­ker Bon­dys und Ver­tre­ter der Tele­graf-Jour­nail­le beim Völ­ker­bund.“ Die Zei­tung war die füh­ren­de und auf­la­gen­stärk­ste Bou­le­vard­zei­tung Wiens. Nach dem Anschluß Öster­reichs an das Deut­sche Reich floh Lenn­hoff zusam­men mit dem Eigen­tü­mer des Tele­graf, Karl Franz Bon­dy, nach Lon­don, wo er sei­ne publi­zi­sti­sche Tätig­keit gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus fort­setz­te und 1944 ver­starb.
Sieg­fried Klaus­ner, der wäh­rend des Krie­ges bei den kom­mu­ni­sti­schen Par­ti­sa­nen Jugo­sla­wi­ens unter­tauch­te, setz­te nach Kriegs­en­de sei­ne jour­na­li­sti­sche Tätig­keit bei der Tages­zei­tung Volks­stim­me, dem Zen­tral­or­gan der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Öster­reichs (KPÖ), fort.