Die Zweideutigkeit der „christlichen“ Esoterik II

Zweiter Teil

Esoterik 2
Die Esoterik ist nicht katholisch, auch wenn sie sich christlich nennt.

Von P. Pao­lo M. Sia­no*

Eini­ge katho­li­sche Krei­se betrach­ten den Fran­zo­sen Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say (1871–1946) als Vor­bild der „christ­li­chen Eso­te­rik, ins­be­son­de­re der katho­li­schen“ (vgl. Chri­stia­ni­tà, März–April 2000, S. 17–20), einen ehe­ma­li­gen Ordens­mann der Frè­res de Saint-Gabri­el [1], Archäo­lo­ge, seit 1903 Mit­glied der römi­schen Anwalts­kam­mer von Sankt Peter, Kup­fer­ste­cher, Sym­bol­for­scher sowie Gelehr­ten der christ­li­chen und her­me­ti­schen Heral­dik.

Für detail­lier­te Infor­ma­tio­nen ver­wei­se ich auf die Tex­te:

  • S. Salza­ni – P. L. Zoc­ca­tel­li, Her­mé­tis­me et emblé­ma­tique du Christ dans la vie et dans l’oeuvre de Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say (1871–1946), Arché-Edi­dit, Milan–Paris 1996;
  • P. L. Zoc­ca­tel­li, Le liè­v­re qui rumi­ne. Autour de René Gué­non, Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say et la Fra­ter­ni­té du Para­clet. Avec docu­ments iné­dits, Arché-Edi­dit, Milan–Paris 1999.

Freun­de von Char­bon­ne­au-Las­say und sei­nes Wer­kes behaup­ten sei­ne voll­stän­di­ge katho­li­sche Ortho­do­xie (vgl. L. Char­bon­ne­au-Las­say, Le Besti­ai­re du Christ. La mysté­ri­eu­se emblé­ma­tique de Jésus-Christ, Brüs­sel 1940; ital. Aus­ga­be: Il Bestia­rio di Chri­sto. La miste­rio­sa emble­ma­ti­ca di Gesù Cri­sto, Bd. 1, der eso­te­ri­schen Edi­zio­ni Arkei­os, Rom 1994, S. 36), doch wie wir sehen wer­den, blei­ben Schat­ten auf sei­ner Initia­ti­ons­bru­der­schaft und auf sei­nen eng­sten Mit­ar­bei­tern.

Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say in sei­ner Werk­statt

Wir begin­nen 1873, als der Jesui­ten­pa­ter Vic­tor Dre­von (1820–1880) und Baron Alexis de Saracha­ga (1840–1918), ein Lieb­ha­ber der „christ­li­chen Eso­te­rik“, in Paray-le-Moni­al das Stu­di­en­zen­trum zur Erfor­schung und Ver­eh­rung des Hei­lig­sten Her­zens Jesu Hié­ron du Val d’Or grün­de­ten. 1877 wur­de dar­aus eine Gesell­schaft, die unter ande­rem das gehei­me Ziel hat­te, die lai­zi­sti­sche Frei­mau­re­rei des Groß­ori­ent von Frank­reich durch die Schaf­fung einer her­me­ti­schen christ­li­chen Frei­mau­re­rei zu bekämp­fen.

Ist die­ses Ziel ein Zei­chen der Illu­si­on oder der frei­mau­re­ri­schen Infil­tra­ti­on in tra­di­tio­nel­le katho­li­sche Krei­se? Der Hié­ron du Val d’Or, der dem Her­zen Jesu und dem sozia­len König­tum Chri­sti gewid­met ist, wird dank Geor­ges Gabri­el de Noail­lat bis 1926 fort­ge­führt.

Félix Anizan OMI (1878–1944) grün­de­te 1921 die anti­pro­gres­si­ve katho­li­sche Zeit­schrift Regna­bit – revue uni­ver­sel­le du Sacré-Coeur, die dem Her­zen Jesu, dem sozia­len König­tum Chri­sti und der christ­li­chen Sym­bo­lik gewid­met ist. Bei Regna­bit arbei­te­te der bereits erwähn­te de Noail­lat und von 1922 bis 1929 auch Lou­is Char­bon­ne­au-Las­say mit, der 1925 René Gué­non (1886–1951) in den Autoren­kreis von Regna­bit ein­führt, der zu jener Zeit bereits Eso­te­ri­ker, Mar­ti­nist, Frei­mau­rer und Bischof der Egli­se Gno­stique (der Gno­sti­schen Kir­che) war. 1927 muß­te Gué­non Regna­bit ver­las­sen, doch die Freund­schaft mit Char­bon­ne­au-Las­say blieb bestehen. Unter dem Druck neo­scho­la­sti­scher katho­li­scher Krei­se stell­te Regna­bit 1929 das Erschei­nen ein.

Titel­blatt der Zeit­schrift Regna­bit von 1929

Obwohl Char­bon­ne­au-Las­say die eso­te­ri­schen Posi­tio­nen von Gué­non nicht teil­te, ver­öf­fent­lich­te er in zwei eso­te­ri­schen Maga­zi­nen einen Arti­kel: 1935 in Le Voi­le d’I­sis und 1937 in Etu­des Tra­di­ti­on­nel­les (1936 von Gué­non gegrün­det). 1929 ent­hüll­te Char­bon­ne­au-Las­say auf Regna­bit die Exi­stenz einer „mit­tel­al­ter­li­chen her­me­ti­schen Grup­pe“, der Estoi­le Inter­nel­le (Inne­rer Stern), die nie mehr als zwölf Mit­glie­der gezählt habe und von der er Manu­skrip­te aus dem 15. Jahr­hun­dert mit ihren Sta­tu­ten und ihrer „mysti­schen Leh­re“ besit­ze. Estoi­le Inter­nel­le war mit einer wei­te­ren Bru­der­schaft ver­bun­den, der Fra­ter­ni­té des Che­va­liers du divin Para­clet (Bru­der­schaft der Rit­ter des gött­li­chen Para­kle­ten). Im 19. Jahr­hun­dert ver­such­te sie die­se „wie­der­zu­erwecken“, schei­ter­te aber dar­an, daß die Katho­li­ken, an die sie dazu her­an­trat, die kirch­li­che Auto­ri­tät fürch­te­ten. Spä­ter über­gab Kano­ni­kus Ben­ja­min-Théo­phi­le de Bar­bot (1841–1927), Chef bei­der Bru­der­schaf­ten, sei­ne Unter­la­gen zur Estoi­le Inter­nel­le an Char­bon­ne­au-Las­say und weih­te ihn in die Bru­der­schaft des gött­li­chen Para­kle­ten ein. Viel­leicht tritt Char­bon­ne­au-Las­say auch der Estoi­le Inter­nel­le bei. 1938 „erweck­te“ Char­bon­ne­au-Las­say die Bru­der­schaft des gött­li­chen Para­kle­ten, nach­dem er zwei gué­no­ni­sche Eso­te­ri­ker hin­zu­ge­zo­gen hat­te, Mar­cel Cla­vel­le (1905–1988), Schrift­lei­ter der Etu­des Tra­di­ti­on­nel­les, und Geor­ge-Augu­ste Tho­mas (1884–1966), genannt Tamos, der die Unter­la­gen von Char­bon­ne­au-Las­say erben und nach des­sen Tod (1946) Lei­ter der nun gué­no­ni­sier­ten Bru­der­schaft wer­den soll­te, bis er sie auf­grund inter­ner Strei­tig­kei­ten am 31. Dezem­ber 1951 ruhend stell­te.

1940 ver­öf­fent­lich­te Char­bon­ne­au-Las­say das Werk Le Besti­ai­re du Christ und über­mit­tel­te das erste Exem­plar an Papst Pius XII., der sich bedank­te und ihm Glück­wün­sche zukom­men ließ. Ich fra­ge mich: Wuß­te Pius XII., daß der Autor eine oder zwei her­me­ti­sche Bru­der­schaf­ten führ­te? Ich wie­der­ho­le, daß Char­bon­ne­au-Las­say von sich behaup­te­te, mit einer „abso­lut katho­li­schen“, „streng gehei­men“, her­me­tisch-christ­li­chen Grup­pe, der Estoi­le Inter­nel­le, in Kon­takt gekom­men zu sein, die min­de­stens aus dem 15. Jahr­hun­dert stammt und immer aus zwölf Mit­glie­dern besteht, die „völ­lig unnah­bar“ sei­en (vgl. Le Besti­ai­re du Christ, Bd. 1, S. 30f). Die katho­li­schen Ver­tei­di­ger von Char­bon­ne­au-Las­say sehen Eso­te­rik (oder Arkan­dis­zi­plin) im Juden­tum, im Modus ope­ran­di des Chri­stus, im frü­hen Chri­sten­tum (S. 40–43) und sind der Mei­nung, daß die christ­li­che Eso­te­rik kei­ne eli­tä­re Geheim­leh­re ist, son­dern ein Wis­sen, das nur oder vor allem durch Sym­bo­le und mysti­sche Erfah­rung ver­mit­telt wer­den kann (S. 45).
Sie über­zeu­gen mich nicht.

Char­bon­ne­au-Las­say ent­hüll­te in der Janu­ar-Aus­ga­be von Regna­bit (1929) die Exi­stenz einer gehei­men Bru­der­schaft

Ich stel­le in drei Punk­ten eini­ge mei­ner kri­ti­schen Beob­ach­tun­gen vor:

1) Char­bon­ne­au-Las­say bezeich­net die bei­den Bru­der­schaf­ten, von denen er Doku­men­te und Ein­wei­hung erhal­ten hat, als „her­me­tisch“: Estoi­le Inter­nel­le und die Bru­der­schaft des gött­li­chen Para­kle­ten. Das Adjek­tiv „her­me­tisch“ bezieht sich an sich auf Her­mes Tris­me­gi­stos und die Her­me­tik. Char­bon­ne­au-Las­say ver­trau­te Gué­non zu sehr, wenn er mit „incon­testa­ble auto­ri­té“ („unbe­streit­ba­rer Auto­ri­tät“) den christ­li­chen Her­me­tis­mus unter­stützt („cet­te her­mé­tique chré­ti­en­ne“, vgl. Regna­bit Nr. 6/1925, S. 390).
Dar­über hin­aus fin­de ich die Geheim­hal­tung der Estoi­le Inter­nel­le sehr ver­däch­tig: Wenn es sich nur um eine katho­li­sche Bru­der­schaft von Sym­bo­li­sten han­del­te, war­um ver­steck­te man sich auch vor den dama­li­gen kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten? Und wenn sie katho­li­sche Riten prak­ti­zier­te, war­um soll­te sie die­se dann geheim­hal­ten?

2) Inter­es­sant ist der Kom­men­tar von Char­bon­ne­au-Las­say zu Ouroboros, der Schlan­ge (Dra­chen), die sich in den Schwanz beißt. Der Autor erklärt, daß es sich um ein altes heid­ni­sches, ägyp­ti­sches Astral­sym­bol han­delt, ein Sym­bol, das spä­ter von den christ­li­chen Gno­sti­kern, den Alche­mi­sten, den Her­me­ti­kern, den reli­giö­sen und ade­li­gen Heral­di­kern über­nom­men wur­de. Der Ouroboros ist ein Sym­bol der ewi­gen Wie­der­kehr, der Unend­lich­keit, der Hüter der Schät­ze, der Erlö­ser … Die Ophi­ten mach­ten ihn zum Sym­bol der pan­the­isti­schen Leh­re und wahr­schein­lich auch für Chri­stus. Bei den Alche­mi­sten sym­bo­li­siert der Ouroboros die Ver­ei­ni­gung (auch die sexu­el­le) von männlich–weiblich, aktiv–passiv und dann des Auf­lö­sungs­pro­zes­ses. Char­bon­ne­au-Las­say sagt, daß Ouroboros auch in der christ­li­chen Emble­ma­tik eso­te­ri­scher christ­li­cher Krei­se des Mit­tel­al­ters vor­han­den ist. In die­sem Zusam­men­hang offen­bart er, die Auf­zeich­nun­gen der Estoi­le Inter­nel­le ein­ge­se­hen zu haben, in denen sich der Ouroboros fin­det, der das Chri­stus­mo­no­gramm umschließt und das sich stän­dig wie­der­ho­len­de Erlö­sungs­op­fer Chri­sti sym­bo­li­siert. Char­bon­ne­au-Las­say gibt an, daß das Bild des Ouroboros um das Chri­stus­sym­bol in eini­gen Edel­stei­nen gno­sti­scher Chri­sten ent­hal­ten ist. Außer­dem sieht Char­bon­ne­au-Las­say in drei mit­ein­an­der ver­floch­te­nen Ouroboros sogar das Sym­bol der Drei­fal­tig­keit. Char­bon­ne­au-Las­say ver­si­chert, daß der Ouroboros kei­ne sata­ni­sche Initia­ti­on dar­stel­le, son­dern das her­me­tisch-alche­mi­sti­sche Sym­bol des Ein­ge­weih­ten und der fol­gen­den Stu­fen der Erkennt­nis, die Eli­ten vor­be­hal­ten sind (zum Ouroboros s. L. Char­bon­ne­au-Las­say, Il Bestia­rio del Cri­sto. La miste­rio­sa emble­ma­ti­ca di Gesù Cri­sto, Bd. 2, Edi­zio­ni Arkei­os, Rom 1994, S. 449–462). Ich fra­ge mich: War­um hat Estoi­le Inter­nel­le den Ouroboros bevor­zugt, der an sich ein gno­stisch-alche­mi­sti­sches, aber kein christ­li­ches Sym­bol ist?

3) Ange­nom­men, die Bru­der­schaft des gött­li­chen Para­kle­ten war wirk­lich katho­lisch und wur­de als sol­che an Char­bon­ne­au-Las­say wei­ter­ge­ge­ben, dann zeig­te er kein gutes Urteils­ver­mö­gen, indem er sich zwei Gué­no­nia­ner (Cla­vel­le und Tamos) zur Sei­te stell­te, noch ande­re mehr auf­nahm und sich die­se Bru­der­schaft nach sei­nem Tod (1946) immer stär­ker „gué­no­ni­sier­te“, bis sie 1951 ruhend gestellt wur­de. Die­ses Expe­ri­ment einer „christ­li­chen“ Eso­te­rik ist wirk­lich geschei­tert. Das Stu­di­um der christ­li­chen Sym­bo­lik ist schon in Ord­nung, aber nicht die Mit­glied­schaft in myste­riö­sen her­me­ti­schen Bru­der­schaf­ten, die sich selbst als katho­lisch bezeich­nen, aber ihre Tex­te und Ritua­le auch vor kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten ver­ber­gen.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Von Katholisches.info bis­her ver­öf­fent­licht:

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na/gallica.bnf.fr (Screen­shot)


[1] Wegen der stren­gen kir­chen­feind­li­chen Geset­ze von 1901 muß­te sich der Lai­en­brü­der­or­den in Frank­reich auf­lö­sen. Sein Schwer­ge­wicht ver­la­ger­te er nach Bel­gi­en, Ita­li­en und Spa­ni­en. 400 Brü­der ver­lie­ßen den Orden, dar­un­ter Char­bon­ne­au-Las­say.

2 Kommentare

  1. Dan­ke Herr, dan­ke o Jung­frau und Got­tes­mut­ter Maria für alles, was ich in mei­ner Jugend an Quä­le­rei­en und Äng­sten und Schmer­zen aus­ge­stan­den habe, so macht es mir nicht die gering­sten Schwiei­rig­kei­ten, sol­che Gei­ster als böse und falsch zu erken­nen, Hal­le­lu­ja,
    per Maria ad Chri­stum

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