Freimaurer-Großmeister Bernhard Scheichelbauer und die Kirche 1948−1954

Drängen der österreichischen Freimaurerei auf Anerkennung

Seit Kriegsende drängen Österreichs Freimaurer die Kirche auf Änderung ihrer Haltung zur Freimaurerei.
Seit Kriegsende drängen Österreichs Freimaurer die Kirche auf Änderung ihrer Haltung zur Freimaurerei.

Von P. Pao­lo M. Siano*

Am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs wird auch in Öster­reich die Frei­mau­re­rei neu orga­ni­siert. Von den Frei­mau­rern, die das NS-Regime über­leb­ten, wur­de wie­der­be­lebt, was im Jahr 1918 zur Zeit der Ersten Repu­blik mit dem Namen Groß­lo­ge von Wien (GLvW) gegrün­det wor­den war. So leb­te 1945 die Groß­lo­ge von Wien für Öster­reich (GLvW­fÖ) wie­der auf, die 1952 von der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land aner­kannt wur­de. Im Jahr 1955, mit dem Abzug der Besat­zungs­trup­pen aus Öster­reich, nimmt die Groß­lo­ge ihren heu­ti­gen Namen einer Groß­lo­ge von Öster­reich (GLVO) an.

Von 1948 bis 1960 war Bern­hard Schei­chel­bau­er (1890−1969) Groß­mei­ster der öster­rei­chi­schen Frei­mau­re­rei (GLvW­fÖ / GLvÖ), Frei­mau­rer seit 1931, Staats­be­am­ter bis 1938, NS-Geg­ner, dann ab 1945 Beam­ter beim Bundespressedienst.

In der Hoff­nung, daß die Kir­che ihre anti-frei­mau­re­ri­sche Posi­ti­on über­prü­fen wür­de, trifft Schei­chel­bau­er 1948 den Erz­bi­schof von Wien Theo­dor Kar­di­nal Innit­zer (1875−1955), um die­sem zu sagen, daß die Frei­mau­re­rei kei­ne Geheim­ge­sell­schaft ist, nicht athe­istisch ist, alle Reli­gio­nen respek­tiert, in der Loge sich eine beim Johan­nes­evan­ge­li­um auf­ge­schla­ge­ne Bibel befindet …

Schei­chel­bau­er ersucht Kar­di­nal Innit­zer um eine „Ent­gif­tung“ der Bezie­hun­gen zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei, da es in sei­ner Groß­lo­ge „gute Katho­li­ken“ gibt …

Innit­zer erklärt ihm, daß die Zulas­sung von Frei­mau­rern zu den Sakra­men­ten von Rom, vom Hei­li­gen Stuhl, abhängt. Durch die Ver­mitt­lung eini­ger katho­li­scher Per­sön­lich­kei­ten (z. B. des Rota-Advo­ka­ten Carl Hol­böck, Prie­ster und Pro­fes­sor für Kir­chen­recht an der Uni­ver­si­tät Salz­burg, und des Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Öster­reich, der einer der älte­sten Adels­fa­mi­li­en der ein­sti­gen See­re­pu­blik Genua ent­stam­men­de Msgr. Gio­van­ni Bat­ti­sta Dellepia­ne, Titu­lar­erz­bi­schof von Stau­ro­po­lis und per­sön­li­cher Freund von Johan­nes XXIII.) bit­tet Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er den Hei­li­gen Stuhl, die kano­ni­sche Posi­ti­on gegen­über der Frei­mau­re­rei zu über­prü­fen (vgl. G. Kuéss — B. Schei­chel­bau­er, 200 Jah­re Frei­mau­re­rei in Öster­reich, Ver­lag O. Ker­ry, Wien 1959, S. 243−250).

Der Vati­kan erteilt eine nega­ti­ve Ant­wort, zunächst mit dem Arti­kel „Nul­la è cam­bia­to nella legis­la­zio­ne del­la Chie­sa ris­pet­to alla Mas­so­neria“ („An der Gesetz­ge­bung der Kir­che in Bezug auf die Frei­mau­re­rei hat sich nichts geän­dert“, in: L’Os­ser­va­to­re Roma­no, 19. März 1950) des Theo­lo­gen von Pius XII., Pater Maria­no Cordova­ni OP, dann, indem das Buch von Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er: „Die Johan­nis-Frei­mau­re­rei: Ver­such einer Ein­füh­rung“, Wien 1953, im Janu­ar 1954 auf den Index libro­rum pro­hi­bi­torum, den Index der ver­bo­te­nen Bücher, gesetzt wird (vgl. La Civil­tà Cat­to­li­ca, Bd. I, 1954, S. 341).

Wäh­rend Frei­mau­rer-Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er gegen­über der kirch­li­chen Hier­ar­chie die Stra­te­gie des Dia­logs ver­folgt, för­dert er in „inter­nen“ Ver­öf­fent­li­chun­gen eine Men­ta­li­tät, die mit dem Glau­ben der Kir­che unver­ein­bar ist.

1949, kurz nach Beginn des Dia­logs mit Kar­di­nal Innit­zer (und ich wie­der­ho­le, daß es sich um einen Dia­log han­del­te, der dar­auf abziel­te, die durch can. 2335, CIC 1917 auf­er­leg­te anti-frei­mau­re­ri­sche Exkom­mu­ni­ka­ti­on zu besei­ti­gen), ver­öf­fent­lich­te die Groß­lo­ge des Groß­mei­sters Schei­chel­bau­er ein Buch zu ihrem 30jährigen Jubi­lä­um (1918−1948): Die Groß­lo­ge von Wien für Öster­reich. Zum drei­ssig­jäh­ri­gen Bestand, Groß­lo­ge von Wien für Öster­reich, Selbst­ver­lag der Groß­lo­ge von Wien für Öster­reich, Wien 1949.

Zwei Kapi­tel, das von Schei­chel­bau­er und das des baye­ri­schen Frei­mau­rers Franz Carl End­res (1878−1954), las­sen den auf­merk­sa­men Leser die Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei deut­lich erken­nen. Es ist genau Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er, der den Haupt­grund für den Kon­flikt zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei dar­stellt: Die Kir­che ist im Dog­ma ver­an­kert, wäh­rend die Frei­mau­re­rei frei vom Dog­ma sein will. Dar­über hin­aus bekräf­tigt der Groß­mei­ster, daß die Frei­mau­re­rei den Glau­ben an Gott ohne kon­fes­sio­nel­le oder dog­ma­ti­sche „Beschrän­kung“ postu­liert. Trotz die­ser Ein­ge­ständ­nis­se glaubt Schei­chel­bau­er, daß die anti-frei­mau­re­ri­schen päpst­li­chen Bul­len nicht mehr gül­tig sind (vgl. S. 12). Dar­über hin­aus erwähnt der Groß­mei­ster die „Eso­te­rik“ der Frei­mau­re­rei und, um die Bedeu­tung der Sym­bo­lik und der Riten der Frei­mau­rer zu unter­strei­chen, zitiert er auch „Para­cel­sus“ (S. 12f), einen berühm­ten Arzt und Alche­mi­sten des 16. Jahrhunderts.

Im Kapi­tel „Vom Wesen der Hoch­gra­de“ führt Franz Carl End­res (u. a. Mit­glied einer Schwei­zer Loge und des Ober­sten Rates des 33. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus von Frank­reich) aus, daß die Mit­glie­der des Schot­ti­schen Ritus auf Eso­te­rik spe­zia­li­sier­te Frei­mau­rer („Eso­te­rik“, „Spe­zia­li­sier­tes“,  eso­te­ri­sche Kunst“: vgl. S. 16­f) sind und daß der 18. Grad des Schot­ti­schen Ritus den mysti­schen Inhalt des frei­mau­re­ri­schen Den­kens ver­tieft („daß der 18. Grad mehr mit den mysti­schen Bestand­tei­len frei­mau­re­ri­schen Gedan­ken­gu­tes sich erklärt“, S. 17).

Von 1947 bis 1952 ist die Eso­te­rik eines der Stu­di­en­the­men der Groß­lo­ge von Wien für Öster­reich (vgl. Qua­tu­or Coro­na­ti Berich­te, Nr. 25, Novem­ber 2005, Wien, S. 86−92 ) und die eso­te­ri­sche, gno­sti­sche und her­me­ti­sche Mystik ist die See­le und das Ziel des Buches von Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er: „Die Johan­nis Frei­mau­re­rei. Ver­such eine Ein­füh­rung“ (Ver­lag O. Ker­ry, Wien 1953).

Der Osser­va­to­re Roma­no vom 17. Janu­ar 1954 ent­hüllt in einem nicht gezeich­ne­ten Arti­kel auf der Titel­sei­te die grund­le­gen­den Kon­zep­te die­ses Buches des Frei­mau­rer-Groß­mei­sters Schei­chel­bau­er. Die vati­ka­ni­sche Tages­zei­tung bestrei­tet die „Gerüch­te“, wonach die öster­rei­chi­schen Frei­mau­rer nicht unter die Exkom­mu­ni­ka­ti­on des can. 2335 fal­len wür­den, weil die Frei­mau­re­rei in Öster­reich jetzt „eine ver­söhn­li­che Hal­tung“ gegen­über der Kir­che ein­neh­me. Die beste Wider­le­gung die­ser „Gerüch­te“ ist in der Tat das Buch des Groß­mei­sters Schei­chel­bau­er, in dem als grund­le­gen­de Ele­men­te für die frei­mau­re­ri­sche For­mung „Gno­sis“, „Anthro­po­so­phie“, „Pan­the­is­mus“ genannt wer­den. Die Frei­mau­re­rei bie­tet, so Schei­chel­bau­er, dem Ein­ge­weih­ten „die Erkennt­nis“ der Deckungs­gleich­heit sei­nes eige­nen Wesens mit dem gött­li­chen Wesen. Daher unter­streicht der Arti­kel der Vati­kan­zei­tung „die Schwe­re die­ser Ideen und Vor­stel­lun­gen“ und daß sie nicht nur weit von der offen­bar­ten Reli­gi­on ent­fernt sind, son­dern im grund­le­gen­den und radi­ka­len Wider­spruch dazu ste­hen“ (vgl. A pro­po­si­to di una cond­an­na, in: L’Os­ser­va­to­re Roma­no, 17. Janu­ar 1954, S. 1).

1959 bestä­tigt Schei­chel­bau­er in sei­nem zwei­ten und letz­ten Buch „200 Jah­re Frei­mau­re­rei in Öster­reich“ (mit­ver­faßt vom ehe­ma­li­gen Groß­bi­blio­the­kar der Groß­lo­ge von Öster­reich Gustav Kuéss), wider­wil­lig die Posi­ti­on des Hei­li­gen Stuhls, indem er einen Arti­kel der Wie­ner Frei­mau­rer- Zei­tung (der Groß­lo­ge von Wien) von 1931 zitiert, daß sich die katho­li­sche Kir­che nicht in der Bewah­rung ihres dok­tri­nä­ren und reli­giö­sen Erbes in die Festung zurück­zie­hen, son­dern sich den leben­di­gen Kräf­ten der neu­en Zeit öff­nen und dabei von der Frei­mau­re­rei ler­nen soll (vgl. S. 198f). Auch in die­sem Buch ver­tritt der Groß­mei­ster die geheim­nis­vol­le und eso­te­ri­sche Dimen­si­on der Frei­mau­re­rei (vgl. S. 252, 286f).

Das kul­tu­rel­le Erbe der öster­rei­chi­schen Frei­mau­re­rei und die dia­lo­gi­sche Stra­te­gie von Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er set­zen sich mit sei­nen Nach­fol­gern an der Spit­ze der Groß­lo­ge von Öster­reich fort. 1960 wird Carl Helm­ke neu­er Groß­mei­ster der Groß­lo­ge von Öster­reich, der bis 1969 im Amt bleibt. Zwi­schen 1965 und 1968 gelingt es Helm­ke, einen neu­en Dia­log mit hoch­ran­gi­gen Prä­la­ten auf­zu­neh­men, der län­ger und aus frei­mau­re­ri­scher Sicht frucht­ba­rer ist als Schei­chel­bau­ers Ver­such, dem die Groß­lo­ge jedoch Wert­schät­zung und Dank­bar­keit entgegenbringt.

1967 dankt der dama­li­ge Depu­tier­te Groß­mei­ster Ernst Schön­mann  anläß­lich des 250. Jah­res­ta­ges der Grün­dung der Frei­mau­re­rei in einem Arti­kel in eng­li­scher Spra­che dem ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Schei­chel­bau­er, zwei sehr lehr­rei­che Bücher über die Frei­mau­re­rei geschrie­ben zu haben: „Bro Bern­hard Schei­chel­bau­er, to whom we have to be gra­te­ful for two very inst­ruc­ti­ve books about mason­ry, gui­ded the bro­ther­hood until 1960“ („Bru­der Bern­hard Schei­chel­bau­er, dem wir für zwei sehr lehr­rei­che Bücher über die Frei­mau­re­rei dank­bar sein müs­sen, lei­te­te die Bru­der­schaft bis 1960“, vgl. Jour­nal für Frey­mau­rer. Eine Fest­schrift der Groß­lo­ge von Öster­reich zum 250. Jah­res­tag der Grün­dung der Eng­li­schen Groß­lo­ge, Wien 1967, S. 9).

Schei­chel­bau­er stirbt im Dezem­ber 1969 kurz vor sei­nem 80. Geburts­tag (vgl. Qua­tu­or Coro­na­ti Berich­te, Nr. 25/2005, Wien, S. 111). Auch nach sei­ner Amts­zeit als Groß­mei­ster setzt die Groß­lo­ge von Öster­reich, trotz ihrer initia­ti­schen, eso­te­ri­schen und illu­mi­ni­sti­schen Kul­tur, die Ver­su­che fort, die Kir­che davon zu über­zeu­gen, die Zuge­hö­rig­keit der Katho­li­ken zur Frei­mau­re­rei zu legitimieren.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Von Katholisches.info bis­her veröffentlicht:

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na/Folder Frei­mau­rer­mu­se­um Schloß Rosen­au (Screen­shot)

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