Godfried Danneels – zum Tod eines Papstmachers

Nachruf auf den Baumeister des Paradigmenwechsels

Papst Franziskus mit Kardinal Danneels bei der Familiensynode.

(Brüs­sel) Kar­di­nal Jozef De Kesel, der Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel, Pri­mas von Bel­gi­en und Vor­sit­zen­der der Bel­gi­schen Bischofs­kon­fe­renz, hat­te gestern „die schmerz­li­che Pflicht“, den Tod von Kar­di­nal God­fried Dan­neels bekannt­zu­ge­ben. Dan­neels war als Mit­glied des Geheim­zir­kels von Sankt Gal­len und des Teams Ber­go­glio maß­geb­li­cher Bau­mei­ster des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus.

Kar­di­nal Dan­neels war bis 2010 Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel und gehör­te zu den pro­gres­si­ven Kir­chen­für­sten, denen die als „restau­ra­ti­ve Pha­se“ kri­ti­sier­ten Pon­ti­fi­ka­te der Päp­ste Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. ein unver­dau­li­ches Ärger­nis waren. Er gehör­te der inner­kirch­li­chen „Mafia“ von Sankt Gal­len an, wie er sie selbst 2015 nann­te. Dabei han­del­te es sich um einen Geheim­zir­kel höch­ster Kir­chen­ver­tre­ter, den der Jesu­it und Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni in den 90er Jah­ren zusam­men­ge­ru­fen hat­te, um das Pon­ti­fi­kat von Johan­nes Paul II. zu sabo­tie­ren. Haupt­ziel der „Mafia“ war es zudem, Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger als Nach­fol­ger des pol­ni­schen Pap­stes zu ver­hin­dern und einen eige­nen Kan­di­da­ten auf den Stuhl Petri zu brin­gen. Das soll­te ursprüng­lich Mar­ti­ni selbst sein. Da er 2005 im Kon­kla­ve chan­cen­los blieb, mach­te er bereits damals sei­nen Ordens­bru­der Ber­go­glio zum Alter­na­tiv­kan­di­da­ten.

Papstwahl 2013: Franziskus mit Danneels
Papst­wahl 2013: Fran­zis­kus mit Dan­neels

Von Bene­dikt XVI. trenn­te Dan­neels ein grund­le­gend ver­schie­de­nes Kir­chen­ver­ständ­nis. Zum unver­zeih­li­chen, per­sön­li­chen Affront wur­de zudem im Jahr 2010 die Ernen­nung von Dan­neels Nach­fol­ger als Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel, als Bene­dikt XVI. nicht Dan­neels Wunsch­kan­di­da­ten De Kesel zum Nach­fol­ger mach­te.

Bezeich­nend für das Ver­hält­nis und den Bruch in der Kir­che war auch, daß – kei­nes­wegs zufäl­lig – das bel­gi­sche Par­la­ment in einer Pro­test­no­te Papst Bene­dikt XVI. wegen einer medi­al ver­zerr­ten Aus­sa­ge zu Kon­do­men an den Pran­ger stell­te. Ein bei­spiel­lo­ser Akt in der Geschich­te die­ses (einst) katho­li­schen Lan­des und auch des Par­la­men­ta­ris­mus über­haupt. Dan­neels, damals noch Pri­mas des Lan­des, schwieg dazu. Die ein­zi­ge Ver­tei­di­gung des Pap­stes kam vom dama­li­gen Bischof von Namur, Msgr. André-Joseph Leo­nard, den die­ser dann zum Nach­fol­ger Dan­neels mach­te. Erz­bi­schof Leo­nard wur­de von der Dan­neels-Cli­que in sei­ner Amts­füh­rung behin­dert und im Stich gelas­sen. Mit der Wahl von Papst Fran­zis­kus wur­de ihm auch noch die Unter­stüt­zung Roms ent­zo­gen. Papst Fran­zis­kus ver­wei­ger­te ihm demon­stra­tiv die Kar­di­nal­s­wür­de, die er hin­ge­gen dem dama­li­gen Nun­ti­us Karl-Josef Rau­ber ver­lieh, einem Dan­neels-Inti­mus. Damit war klar, daß Leo­nard uner­wünscht und iso­liert war.

Hin­ter die Kulis­sen läßt auch die Tat­sa­che blicken, daß Erz­bi­schof Leo­nard in sei­ner nur fünf­jäh­ri­gen Amts­zeit mehr­fach Ziel­schei­be von Angrif­fen der Politsöld­ner­trup­pe Femen wur­de. Weder sein Vor­gän­ger Dan­neels noch sein Nach­fol­ger De Kesel wur­den je von Femen belä­stigt.

Der junge Danneels
Der jun­ge Dan­neels

Dan­neels gehör­te auch dem Team Ber­go­glio an, einem vier­köp­fi­gen „Exe­ku­tiv­ko­mi­tee“ des Geheim­zir­kels von Sankt Gal­len, der die Wahl des Nach­fol­gers von Bene­dikt XVI. im Sinn der „Mafia“ vor­be­rei­ten soll­te. Die­ser „Vie­rer­ban­de“ bestehend aus den Kar­di­nä­len Kas­per, Leh­mann, Mur­phy O’Connor und Dan­neels gelang 2013, was 2005 noch miß­glückt war: Kar­di­nal Jor­ge Mario Ber­go­glio war ihr Kan­di­dat.

Mit dem Tod Dan­neels lebt nur mehr ein Mit­glied des Teams Ber­go­glio, wie Austen Ive­r­eigh, der frü­he­re Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Mur­phy O’Connor, die inner­kirch­li­che „Vie­rer­ban­de“, der begriff ist eine Anspie­lung auf die Exe­ku­to­ren der kom­mu­ni­sti­schen „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ in der Volks­re­pu­blik Chi­na, nann­te. ´

Kar­di­nal Cor­mac Murphy‑O’Connor, der frü­he­re Erz­bi­schof von West­mi­ni­ster, starb am 1. Sep­tem­ber 2017, Kar­di­nal Karl Leh­mann, der frü­he­re Bischof von Mainz, am 11. März 2018, und nun Kar­di­nal God­fried Dan­neels am 14. März 2019.

Kardinal Danneels mit Bischof Vangheluwe
Kar­di­nal Dan­neels mit Bischof Vang­he­lu­we

Das ein­zi­ge noch leben­de Mit­glied des Teams Ber­go­glio ist Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, der vor weni­gen Tagen sei­nen 86. Geburts­tag beging. Beim Kon­kla­ve von 2013 wären alters­be­dingt vom Team nur die Kar­di­nä­le Dan­neels und Leh­mann wahl­be­rech­tigt gewe­sen. Murphy‑O’Connor war mit dem 1. Sep­tem­ber 2012 wegen Voll­endung des 80. Lebens­jah­res aus dem Wahl­kör­per aus­ge­schie­den. Kar­di­nal Kas­per war acht Tage vor dem Tag der Wahl von Papst Fran­zis­kus 80 gewor­den. Eine Son­der­re­ge­lung für die Sedis­va­kanz erlaub­te ihm den­noch an der Wahl teil­zu­neh­men.

Die­se Tat­sa­che ist beson­ders erwäh­nens­wert, weil er zum theo­lo­gisch ein­fluß­reich­sten Kar­di­nal des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats wur­de. Die­ser Umstand fin­det nun auch sei­ne Fort­set­zung in der Tat­sa­che, daß er der letz­te Über­le­ben­de die­ser Grup­pe ist.

Bezeich­nend ist zudem die star­ke deut­sche Prä­senz im Team mit Leh­mann und Kas­per und im wei­te­ren Sinn auch mit dem Fla­men Dan­neels. Auch die­se Tat­sa­che fin­det seit­her ihre Bestä­ti­gung: Aus der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land kommt der mas­siv­ste Druck, kom­men die mei­sten Vor­schlä­ge und For­de­run­gen für einen pro­gres­si­ven Umbau der Kir­che. Aus dem deut­schen Sprach­raum kommt der theo­re­ti­sche Unter­bau für den Para­dig­men­wech­sel, den Papst Fran­zis­kus der Kir­che ver­ord­net, und dort wird die­ser auch am radi­kal­sten voll­zo­gen oder sogar vor­weg­ge­nom­men. Die Schwei­zer Bischofs­stadt Sankt Gal­len, Ver­samm­lungs­ort der inner­kirch­li­chen „Mafia“ liegt im deut­schen Sprach­raum. Nach Deutsch­land war der Jesu­it Ber­go­glio geschickt wor­den unter dem Vor­wand, eine Dis­ser­ta­ti­on schrei­ben zu sol­len, die aber nie zustan­de­kam. An der Jesui­ten­hoch­schu­le in Frank­furt erler­nen noch heu­te jun­ge Jesui­ten aus ver­schie­de­nen Län­dern die deut­sche Spra­che, um ihre phi­lo­so­phi­schen Stu­di­en in der Spra­che „der Den­ker“ absol­vie­ren zu kön­nen. Der pro­gres­si­ve Umbruch beim Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil fand sei­ne bezeich­nen­de Zusam­men­fas­sung im geflü­gel­ten Wort: „Der Rhein fließt in den Tiber“.

Kardinal Kasper mit Danneels
Kar­di­nal Kas­per mit Dan­neels

Zahl­reich sind die Ele­men­te, die dar­auf hin­wei­sen, daß der deut­sche Sprach­raum seit den 60er Jah­ren den unduld­sa­men Ramm­bock in der Welt­kir­che bil­det. Vor 500 Jah­ren ging von hier die Kir­chen­spal­tung der soge­nann­ten Refor­ma­ti­on aus, die den deut­schen Sprach­raum seit­her spal­tet, die alte Reichs­idee bis zur Bedeu­tungs­lo­sig­keit schwäch­te und schließ­lich dem Ein­drin­gen der Auf­klä­rung und anti­christ­li­cher Ideo­lo­gien Vor­schub lei­ste­te. Eben­so zahl­reich sind die Hin­wei­se, daß inhalt­lich das Pon­ti­fi­kat des argen­ti­ni­schen Pap­stes in Wirk­lich­keit ein „deut­sches“ Pon­ti­fi­kat ist.

Aus dem deut­schen Sprach­raum kommt zugleich aller­dings auch ein sehr deut­li­cher und intel­lek­tu­ell wert­vol­ler Wider­stand gegen die pro­gres­si­ve Fron­de, wie das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI. und sein Ein­fluß auf das Pon­ti­fi­kat von Johan­nes Paul II. zeig­ten. Das gilt auch für den Wider­stand von Kar­di­nä­len wie Brand­mül­ler, Meis­ner und Mül­ler, von Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der und von Phi­lo­so­phen wie dem jüngst ver­stor­be­nen Robert Spa­e­mann sowie von Josef Sei­fert, der sich der­zeit mit ana­ly­ti­scher Gei­stes­schär­fe gegen das Doku­ment für die mensch­li­che Brü­der­lich­keit von Abu Dha­bi wen­det, das von Papst Fran­zis­kus mit dem Groß­i­mam von Al-Azhar unter­zeich­net wur­de. Der Phi­lo­soph Sei­fert bezeich­net die umstrit­ten­ste dar­in ent­hal­te­ne The­se als „Häre­sie der Häre­si­en“ und sieht dar­in den Rela­ti­vis­mus auf die Spit­ze getrie­ben, indem Gott selbst zum Rela­ti­vi­sten degra­diert wird.

Dan­neels Amts­zeit als Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel war von sexu­el­len Miß­brauchs­skan­da­len über­schat­tet. Dan­neels wur­den selbst bestimm­te Nei­gun­gen nach­ge­sagt, über die man in der Kir­che heu­te nicht mehr reden will oder nicht mehr reden darf, geht es nach einer gut orga­ni­sier­ten und ein­fluß­rei­chen Homo-Lob­by.

Papst Franziskus mit Danneels
Papst Fran­zis­kus mit Dan­neels

Dan­neels hat­te den sei­ner­zei­ti­gen Bischof von Brüg­ge gedeckt, einen Gesin­nungs­ge­nos­sen, der sei­nen eige­nen Nef­fen sexu­ell miß­braucht hat­te. Weder dafür noch für wei­te­re Ver­strickun­gen in den Miß­brauchs­skan­dal in sei­nem eige­nen Erz­bis­tum wur­de Dan­neels zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Dabei wur­den bei den Ermitt­lun­gen von der Poli­zei sogar in der Sint-Rom­bout­ska­the­draal in Mecheln (dem hl. Rumold geweiht) Grä­ber von Erz­bi­schö­fen auf­ge­bro­chen und durch­sucht. Eine eben­so bizar­re wie bei­spiel­lo­se Schän­dung der Gra­bes­ru­he.

Dan­neels konn­te statt­des­sen 2013 maß­geb­li­chen Ein­fluß auch die Wahl des neu­en Pap­stes und damit auf die Aus­rich­tung der Welt­kir­che neh­men. Papst Fran­zis­kus eme­ri­tier­te – zwei­fel­los auf Dan­neels Wunsch – Erz­bi­schof Leo­nard bei erst­be­ster Gele­gen­heit und mach­te doch noch De Kesel, Dan­neels Wunsch­kan­di­da­ten, zum Erz­bi­schof von Mecheln-Brüs­sel. Die­sen kre­ierte er in Win­des­ei­le auch zum Kar­di­nal. Eine wei­te­re Demü­ti­gung für Msgr. Leo­nard. Nicht die­ser war, obwohl Pri­mas von Bel­gi­en, als Syn­oda­le zu den Fami­li­en­syn­oden nach Rom beru­fen wor­den. Papst Fran­zis­kus ernann­te hin­ge­gen Dan­neels per­sön­lich zum Syn­oda­len.

Kar­di­nal God­fried Dan­neels erlang­te ab sei­nem 80. Geburts­tag, als er bereits drei Jah­re eme­ri­tiert war, den größ­ten Ein­fluß in sei­nem Leben. Daß sich die Wind­rich­tung schlag­ar­tig gedreht hat­te, zeig­te sich unschein­bar bereits am Abend nach dem Kon­kla­ve, als Dan­neels über­ra­schend auf der Mit­tel­log­gia an der Fas­sa­de des Peters­do­mes stand, als sich der neu­ge­wähl­te Papst Fran­zis­kus der Öffent­lich­keit prä­sen­tier­te. Seit­her genoß der Fla­me direk­ten Zugang zu Fran­zis­kus im Vati­kan. Ein posi­ti­ver Ein­fluß durch ihn läßt sich aller­dings nicht erken­nen

Requie­scat in pace.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/Wikicommons (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Bis­her ssag­te ich immer, der Geist Mar­tin Luthers lastet auf Deutsch­land. Aber ich muß ver­bes­sern: Der Geist Mar­tin Luthers rei­tet beson­ders gern Deut­sche und min­de­stens einen Süd­ame­ri­ka­ner.

    • Da haben Sie genau mei­ne Gedan­ken in eini­gen Sat­ze auf­ge­schrie­ben. Lei­der muss ich fest­stel­len dass der Geist Luthers nicht nur Deutsch­land und Argen­ti­ni­en im Griff hat.

Kommentare sind deaktiviert.