Organisierten Kasper, Lehmann, Danneels, Murphy-O’Connor eine verbotene Kampagne zur Wahl Bergoglios?

Konklave in der Sixtinischen Kapelle: Manipulierte eine Gruppe von Kardinälen die Wahl von 2013?
Konklave in der Sixtinischen Kapelle: Manipulierte eine Gruppe von Kardinälen die Wahl von 2013?

(Vati­kan) Die neue Papst-Bio­gra­phie des ehe­ma­li­gen Pres­se­spre­chers von Kar­di­nal Mur­phy-O’Con­nor sorgt für sol­che Auf­re­gung, daß Vati­kan­spre­cher Lom­bar­di sich zu einem Demen­ti genö­tigt sah. Im Mit­tel­punkt ste­hen die Kar­di­nä­le Kas­per, Leh­mann, Dan­neels und Mur­phy-O’Con­nor sowie der Papst selbst. Sie sol­len vor dem Kon­kla­ve eine Wahl­ab­spra­che getrof­fen und eine Kam­pa­gne zur Wahl Ber­go­gli­os orga­ni­siert haben. Jede Art von Abspra­chen sind jedoch vom Kir­chen­recht unter Stra­fe verboten.

Vati­kan­spre­cher Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di SJ demen­tier­te ohne Wenn und Aber: Alle vier Kar­di­nä­le des angeb­li­chen „Team Ber­go­glio“ bestrei­ten, daß es im Vor­feld des Kon­kla­ves ein Abkom­men zwi­schen ihnen und Ber­go­glio gege­ben habe, den argen­ti­ni­schen Kar­di­nal zum Papst zu wählen.

Vati­kan­spre­cher Lom­bar­di reagier­te auf ent­spre­chen­de Jour­na­li­sten­an­fra­gen, nach­dem in Groß­bri­tan­ni­en am 23. Novem­ber im Sunday Tele­graph ein Bericht erschie­nen war. Laut der bri­ti­schen Tages­zei­tung habe Kar­di­nal Cor­mac Murphy‑O’Connor, der ehe­ma­li­ge Erz­bi­schof von West­min­ster und Pri­mas von Eng­land und Wales für Kar­di­nal Ber­go­glio Lob­byin­g­ar­beit betrie­ben. Der Eng­län­der war wegen Voll­endung des 80. Lebens­jah­res selbst nicht zum Kon­kla­ve zugelassen.

Neue Papst-Biographie mit pikanten Behauptungen

Neue Papst-Biographie
Neue Papst-Bio­gra­phie

Der Sunday Tele­graph berich­te­te vor­ab über eine neue Bio­gra­phie über Papst Fran­zis­kus, die inzwi­schen erschie­nen ist. Dar­in heißt es, der eng­li­sche Kar­di­nal habe „mit­ge­hol­fen, eine Wahl­kam­pa­gne für die Wahl von Papst Fran­zis­kus zu organisieren“.

Die Wahl des „weit­ge­hend unbe­kann­ten argen­ti­ni­schen Kar­di­nals Jor­ge Mario Ber­go­glio zum Ober­haupt der welt­weit mehr als 1200 Mil­lio­nen Katho­li­ken war eine Über­ra­schung sowohl für die Vati­kan­be­ob­ach­ter als auch für die Gläu­bi­gen“, so der Sunday Tele­graph.

Als am Abend des 13. März die Wahl von Papst Fran­zis­kus bekannt­ge­ge­ben wur­de, erklär­te sich ein Groß­teil der Beob­ach­ter sei­ne Wahl damit, daß ein Still­stand zwi­schen riva­li­sie­ren­den Frak­tio­nen ver­hin­dert wer­den soll­te und der argen­ti­ni­sche Kar­di­nal ein klas­si­scher Kom­pro­miß­kan­di­dat zwi­schen sich gegen­sei­tig blockie­ren­den Blöcken gewe­sen sei.

Für den Autor der neu­en Papst-Bio­gra­phie „The Gre­at Refo­mer. Fran­cis and the Making of a Radi­cal Pope“, den bri­ti­schen Katho­li­ken Austen Ive­r­eigh, ver­lief das Kon­kla­ve jedoch anders. Es habe eine „dis­kret vor­ge­hen­de, aber gut orga­ni­sier­te Kam­pa­gne einer klei­nen Grup­pe von euro­päi­schen Kar­di­nä­len zur Unter­stüt­zung von Kar­di­nal Ber­go­glio“ gege­ben, so die bri­ti­sche Sonntagszeitung.

Das „Team Bergoglio“

Ive­r­eigh nennt die Grup­pe „Team Ber­go­glio“. Der Rück­tritt von Papst Bene­dikt XVI. sei zwar über­ra­schend gewe­sen, habe aber eine über­durch­schnitt­lich lan­ge Zeit bis zum Kon­kla­ve ver­schafft, die beim Tod eines Pap­stes in der Regel viel kür­zer ist. Die Mit­glie­der der Grup­pe hät­ten die­se Zeit genützt, so der Autor, um in dem Monat bis zum Kon­kla­ve­be­ginn durch pri­va­te Abend­essen und zahl­rei­che ande­re Tref­fen in größ­ter Stil­le unter den Kar­di­nä­len für Ber­go­glio zu werben.

Kar­di­nal Ber­go­glio war, wenn auch mit gro­ßem Abstand, bereits im Kon­kla­ve 2005 Zweit­platz­ier­ter hin­ter Bene­dikt XVI. gewor­den. Unter­stützt wur­de der Argen­ti­ni­er damals von einer „vor­wie­gend euro­päi­schen Refor­mal­li­anz“. Aus deren Rei­hen bil­de­te sich auch 2013 das „Team Bergoglio“.

Kar­di­nal Ber­go­glio ver­hielt sich wäh­rend des deut­schen Pon­ti­fi­kats auf­fal­lend ruhig. Er habe jeden Ein­druck ver­mei­den wol­len, Kopf oder Kan­di­dat einer inner­kirch­li­chen Frak­ti­on zu sein. Des­halb und aus Alters­grün­den wur­de er 2013 von den mei­sten Vati­ka­ni­sten nicht mehr als papa­bi­le wahrgenommen.

Ive­r­eigh war frü­her Pres­se­spre­cher von Kar­di­nal Murphy‑O’Connor. Im letz­ten Jahr des Pon­ti­fi­kats von Bene­dikt XVI. sei eine Stim­mung erzeugt wor­den, die den Wunsch nach einem neu­en Papst ohne Ver­bin­dung zum „Estab­lish­ment“ der Römi­schen Kurie zum beherr­schen­den Druck auf die wäh­len­den Kar­di­nä­le wer­den habe lassen.

Kern der Gruppe: Kasper, Lehmann, Danneels

Austen Ivereigh
Austen Ive­r­eigh

Die­se Situa­ti­on sei, so der Autor, von den euro­päi­schen „Refor­mern“, die bereits 2005 Ber­go­glio unter­stützt hat­ten, genützt wor­den, um die Initia­ti­ve zu ergrei­fen. Kar­di­nal Murphy‑O’Connor, der selbst nicht mehr wahl­be­rech­tigt war, habe sich „mit dem deut­schen Kar­di­nal Wal­ter Kas­per zusam­men­ge­tan“, so Ive­r­eigh. Kern der Grup­pe sei­en die vier euro­päi­schen Kar­di­nä­le Wal­ter Kas­per, God­fried Dan­neels, Karl Leh­mann und Cor­mac Murphy‑O’Connor gewe­sen. Der eng­li­sche Kar­di­nal habe als Ver­bin­dungs­mann zu gleich­ge­sinn­ten in Nord­ame­ri­ka und in Com­mon­wealth-Staa­ten gedient. Die Deut­schen hät­ten in Euro­pa, Latein­ame­ri­ka und der rest­li­chen Drit­ten Welt um Stim­men geworben.

„Sie hat­ten ihre Lek­ti­on von 2005 gelernt“, schreibt Ive­r­eigh. „Zuerst sicher­ten sie sich die Zustim­mung von Ber­go­glio“. Ein zwei­tes Mal woll­ten sie nicht erle­ben, wie der Argen­ti­ni­er, wenn es dar­auf ankommt, ein­knickt und sei­ne Kan­di­da­tur zurück­zieht, wie 2005. „Auf die Fra­ge, ob er bereit sei, sag­te er, er glau­be, daß in die­ser Zeit der Kri­se für die Kir­che sich kein Kar­di­nal ver­wei­gern könn­te, wenn er gefragt wird.“ Murphy‑O’Connor habe Ber­go­glio dar­auf auf­merk­sam gemacht, nun beson­ders vor­sich­tig zu sein, doch nun sei „er an der Rei­he“. Ber­go­glio ant­wor­te­te: „capis­co“, ich verstehe.

„Capisco“, die Kampagne und eine emotionale Rede

Dann habe sich die Kam­pa­gne in Bewe­gung gesetzt, um für den Argen­ti­ni­er die Wer­be­trom­mel zu rüh­ren. Das Haupt­ar­gu­ment gegen­über den mei­sten Kar­di­nä­len sei das Alter Ber­go­gli­os gewe­sen. Sei­ne 76 Jah­re sei­en nicht als Hin­der­nis zu betrach­ten, da der Papst ja „zurück­tre­ten“ kön­ne. Es sei einer­seits mit dem anti­rö­mi­schen Affekt mobi­li­siert und gleich­zei­tig mit Ber­go­glio als einer Art „Über­gangs­kan­di­dat“ gewor­ben worden.

Aus dem Kon­kla­ve 2005 hat­te die Grup­pe gelernt, wel­chen Ein­druck ein star­kes Auf­tre­ten mach­te. Damals war es Glau­bens­prä­fekt Joseph Ratz­in­ger, der als Kar­di­nal­de­kan sou­ve­rän das Requi­em und die Bei­set­zung des lang­die­nen­den Johan­nes Pauls II. voll­zog und in den Homi­li­en einen kla­ren Kurs vorgab.

Nach der Vor­be­rei­tungs­kam­pa­gne und der Bear­bei­tung zahl­rei­cher Kar­di­nä­le durch das „Team Ber­go­glio“, sei der ent­schei­den­de Wen­de­punkt zugun­sten Ber­go­gli­os auf den Gene­ral­kon­gre­ga­tio­nen vor dem Kon­kla­ve erfolgt, als der Argen­ti­ni­er in einer Situa­ti­on ohne „natür­li­chen Nach­fol­ger“ sich mit einer emo­tio­na­len Rede von allen ande­ren abhe­ben konnte.

Ent­schei­dend, so Ive­r­eigh, für das Gelin­gen sei es gewe­sen, daß sich die Vati­kan­be­ob­ach­ter nach tra­di­tio­nel­lem Sche­ma vor allem auf Gerüch­te und Stim­mun­gen inner­halb der ita­lie­ni­schen Kir­che kon­zen­trier­ten, sodaß die Wahl­vor­be­rei­tung des „Teams“ unter Aus­schluß der Öffent­lich­keit statt­fin­den konn­te und damit Gegen­maß­nah­men, wie 2005 ver­hin­dert wer­den konn­ten, ein­schließ­lich der weit­ver­brei­te­ten Über­zeu­gung, es habe kei­ner­lei Vor­be­rei­tun­gen zugun­sten Ber­go­gli­os vor dem Kon­kla­ve gegeben.

War das ganz unge­wöhn­li­che Lob für einen wäh­len­den Kar­di­nal nur weni­ge Tage nach dem Kon­kla­ve der Dank für die Papst­wahl? Beim ersten Ange­lus von Papst Fran­zis­kus am 17. März 2013 lob­te Papst Fran­zis­kus den deut­schen Kar­di­nal Wal­ter Kas­per. Das Lob erfolg­te unter Hin­weis auf Kas­pers Buch über die „Barm­her­zig­keit“, in dem er sei­ne The­se der „neu­en Barm­her­zig­keit“ nie­der­ge­schrie­ben hat­te. Sie liegt seit­her wie ein Schat­ten über dem Pon­ti­fi­kat und wur­de bei der Bischofs­syn­ode im ver­gan­ge­nen Okto­ber im Zusam­men­hang mit wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen und Homo­se­xu­el­len zum offe­nen Streit­fall. Erklärt sich dadurch über­haupt die bevor­zug­te Stel­lung, die Kas­per bei Papst Fran­zis­kus genießt? Und die nicht weni­ger unge­wöhn­li­che Ernen­nung von Kar­di­nal Dan­neels aus­ge­rech­net zum Syn­oda­len der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie? (sie­he Kar­di­nal Dan­neels bei Bischofs­syn­ode – und den­noch schwei­gen die Medi­en).

Kas­per war es auch, der in der Zeit der Sedis­va­kanz den abge­tre­te­nen Bene­dikt XVI. öffent­lich warn­te, Ein­fluß auf die Nach­fol­ge­fra­ge aus­üben zu wol­len (sie­he Die War­nung an Bene­dikt XVI. von einem … Kas­per – Anti-Ratz­in­ger-Pon­ti­fi­kat in Pla­nung).

Dementi von Kardinal Murphy-O’Connor

ErwiderungAlles was Ive­r­eigh in sei­nem Buch zum The­ma vor­legt, ist laut Apo­sto­li­scher Kon­sti­tu­ti­on Uni­ver­si domi­ni­ci gre­gis von 1996 ver­bo­ten. Das bedeu­tet, daß alle Betei­lig­ten die Dar­stel­lung abstrei­ten müs­sen. Das bedeu­tet im Umkehr­schluß kei­nen Beweis für die Rich­tig­keit von Ive­r­eighs Dar­stel­lung, ist aber mit­zu­den­ken, denn Reak­tio­nen der Betrof­fe­nen erfolg­ten umgehend.

Unmit­tel­bar nach Erschei­nen des Sunday Tele­graph-Berich­tes gab die Pri­vat­se­kre­tä­rin von Kar­di­nal Mur­phy O’Connor, Mag­gie Doh­erty eine Erklä­rung ab, die am 25. Novem­ber im Dai­ly Tele­graph ver­öf­fent­licht wur­de. Am sel­ben Tag kam Ive­r­eighs Buch zum Ver­kauf in die Buch­hand­lun­gen. Gleich­zei­tig zum eng­li­schen Ori­gi­nal brach­te der Mond­ado­ri-Ver­lag eine ita­lie­ni­sche Über­set­zung her­aus, die den harm­lo­se­ren Titel „Tem­po di miser­i­cor­dia: Vita di Jor­ge Mario Ber­go­glio“ (Zeit der Barm­her­zig­keit. Das Leben von Jor­ge Mario Ber­go­glio) trägt.

In der Erklä­rung ließ der Kar­di­nal mit­tei­len, er habe sich in den Tagen unmit­tel­bar vor dem Kon­kla­ve Kar­di­nal Ber­go­glio nicht ange­nä­hert, um von ihm die Zustim­mung zu erhal­ten, als Kan­di­dat für das Papst­amt ins Ren­nen zu gehen. Zudem habe er aus Alters­grün­den gar nicht am Kon­kla­ve teil­neh­men kön­nen. Kurz­um, es sei an der Sache nichts dran, die sein ehe­ma­li­ger Pres­se­spre­cher nun in Buch­form vorlege.

„Alle vier Kardinäle bestreiten und sind über Veröffentlichung verärgert“

Den­noch wur­de der Medi­en­be­richt im Vati­kan so auf­merk­sam regi­striert, daß Vati­kan­spre­cher Pater Lom­bar­di auf Nach­fra­ge des Sis­mo­gra­fo dazu gestern Stel­lung nahm. In dem Buch „wird behaup­tet, daß sich in den Tagen vor dem Kon­kla­ve vier Kar­di­nä­le – Murphy‑O’Connor, Kas­per, Dan­neels und Leh­mann – der „Zustim­mung“ des Kar­di­nals Ber­go­glio zu sei­ner even­tu­el­len Wahl „ver­si­cher­ten“ („They first secu­red Bergoglio’s assent“), und „sich dann an die Arbeit mach­ten“ („then they got to work“) mit einer Kam­pa­gne zur För­de­rung sei­ner Wahl.
Ich kann erklä­ren, daß alle vier obge­nann­ten Kar­di­nä­le aus­drück­lich die­se Dar­stel­lung der Ereig­nis­se bestrei­ten (…) und wün­schen, daß man weiß, daß sie über das Ver­öf­fent­lich­te erstaunt und ver­är­gert sind.“

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: CR/BBC/Daily Tele­graph (Screen­shots)

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