Kardinal ohne Rechte – die Detonation eines Finanzskandals

Papst Franziskus fordert die Trockenlegung eines Sumpfes, den er sich in seiner Nähe hielt

Papst Franziskus mit Kardinal Becciu, dem die Purpurwürde bleibt, aber die Kardinalsrechte entzogen wurden. Die ungewöhnliche Reaktion auf die Vorwürfe gegen seinen Vertrauten.
Papst Franziskus mit Kardinal Becciu, dem die Purpurwürde bleibt, aber die Kardinalsrechte entzogen wurden. Die ungewöhnliche Reaktion auf die Vorwürfe gegen seinen Vertrauten.

(Rom) Gestern akzep­tier­te Papst Fran­zis­kus den Rück­tritt von Kar­di­nal Ange­lo Becciu vom Amt des Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Hei­lig- und Selig­spre­chungs­ver­fah­ren sowie, was noch sen­sa­tio­nel­ler ist, „von allen Rech­ten” eines Kar­di­nals. Der Vati­kan nann­te kei­ne Grün­de für die­sen unge­wöhn­li­chen Schritt, wes­halb sie hier nach­ge­reicht wer­den sol­len.

Rich­tig­ge­hend wur­de der Schritt, unab­hän­gig von der im Vati­kan übli­chen For­mel des Rück­tritts­an­ge­bots, als Aberken­nung der Ämter gedeu­tet. Außer­ge­wöhn­lich ist die Rege­lung, die Papst Fran­zis­kus wähl­te: die Schaf­fung einer neu­en Kate­go­rie, die der Kar­di­nä­le ohne Rech­te. Sein Ver­trau­ter bleibt Kar­di­nal, ver­liert aber die damit ver­bun­de­nen Rech­te, so, als wäre der 72 Jah­re alte Becciu bereits 80.

Es han­delt sich bereits um die zwei­te „Aberken­nung“ der Kar­di­nal­s­wür­de im der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat. Und erneut betrifft sie einen engen Ver­trau­ten von Papst Fran­zis­kus. Grün­de dafür wur­den vom vati­ka­ni­schen Pres­se­amt kei­ne genannt, den­noch sind die­se in gro­ben Zügen bekannt. Die Deto­na­tio­nen, die das der­zei­ti­ge Pon­ti­fi­kat erschüt­tern, nähern sich dem Zen­trum. Der Fall McCarrick, dem Papst Fran­zis­kus viel Ein­fluß bei den Bischofs­er­nen­nun­gen in den USA ein­ge­räumt hat­te, bis sein homo­se­xu­el­les Dop­pel­le­ben publik wur­de und er ihm die Kar­di­nal­s­wür­de ent­zog, deto­nier­te noch weit ent­fernt über dem gro­ßen Teich. Der Fall Becciu explo­dier­te in unmit­tel­ba­rer Nähe des Pap­stes. Um die Hin­ter­grün­de ein wenig zu erklä­ren, bedarf es etwas Zeit, denn in die­sem Kon­text kocht eini­ges unter dem Deckel.

Angelo der Sarde

Kar­di­nal Gio­van­ni Ange­lo Becciu, genannt Ange­lo, ein Sar­de, gehört zum Kreis der Vati­kan­di­plo­ma­ten, jener Kor­po­ra­ti­on, die sich mit der Wahl von Papst Fran­zis­kus wie­der jenen Ein­fluß an der Römi­schen Kurie zurück­hol­ten, den Papst Bene­dikt XVI. zurück­ge­drängt hat­te. Sei­nen letz­ten Auf­trag als Apo­sto­li­scher Nun­ti­us nahm er bis 2011 auf Kuba wahr. Dann wur­de er auf Vor­schlag des dama­li­gen Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs Tar­ci­sio Ber­to­ne als des­sen Sub­sti­tut an das vati­ka­ni­sche Staats­se­kre­ta­ri­at beru­fen. Becciu, obwohl Vati­kan­di­plo­mat, wur­de nicht zum Diplo­ma­ten­kreis von Kar­di­nal Ange­lo Soda­no gerech­net, der die Revan­che gegen Bene­dikt XVI. such­te, son­dern galt als Tech­no­krat.

Die­ser Ruf sicher­te ihm, obwohl von Bene­dikt XVI. in das hohe Amt beru­fen, auch das Wohl­wol­len von Fran­zis­kus. Unter die­sem erleb­te Becciu einen Kar­rie­re­schub in unge­ahn­te Höhen. Er gehör­te gleich zur ersten Grup­pe von vier Kuri­en­mit­ar­bei­tern, die vom neu­ge­wähl­ten Papst in ihrem Amt bestä­tigt wur­den. Drei davon waren Diplo­ma­ten.

Becciu reih­te sich sogleich in die Ber­go­glio-Gar­de ein und wur­de im Lau­fe der Jah­re wie­der­holt von Medi­en als „Freund” von Fran­zis­kus genannt (im Gegen­satz zu des­sen „Fein­den”, sprich Kri­ti­kern sei­ner Amts­füh­rung). Das zeig­te sich in der Ver­tei­di­gung des umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia. Als Kri­tik an Pas­sa­gen laut wur­de, deren Ver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Tra­di­ti­on bezwei­felt wird, sprang Becciu im Herbst 2016 dem Papst zur Sei­te und bezich­tig­te die Kri­ti­ker, dar­un­ter vier Kar­di­nä­le, die sich mit Dubia (Zwei­feln) an den Papst gewandt hat­ten, des Unge­hor­sams:

„Als demü­ti­ger Mit­ar­bei­ter des Pap­stes ver­spü­re ich die Pflicht, ihm loy­al zu sagen, was ich den­ke, wenn eine Ent­schei­dung in Aus­ar­bei­tung ist. Sobald sie getrof­fen wur­de, gehor­che ich dem Hei­li­gen Vater völ­lig. Die Ein­heit der Kir­che, für die Jesus Blut geschwitzt hat und sein Leben gege­ben hat, kommt vor mei­nen Ideen, so schön sie auch sein mögen. Jene, die im Unge­hor­sam erson­nen wur­den, haben die Kir­che rui­niert.“

Ein so „demü­ti­ger” Mit­ar­bei­ter war Becciu dann aber doch nicht, wie sich inzwi­schen zeig­te. Vor­erst blieb das päpst­li­che Ver­trau­en in ihn unge­bro­chen. Der sar­di­sche Prä­lat sicher­te es sich als päpst­li­cher Prä­to­ria­ner.

Die Distanzierung von Pater Cavalcoli

So trat er im Novem­ber 2016 per­sön­lich vor die Mikro­pho­ne von Radio Vati­kan, um sich vom bekann­ten Domi­ni­ka­ner Pater Gio­van­ni M. Caval­co­li zu distan­zie­ren. Der Dog­ma­ti­ker hat­te in sei­ner Sen­dung von Radio Maria Ita­li­en auf die Fra­ge eines Hörers geant­wor­tet, ob Gott „reue­lo­se Sün­der straft”. Im Detail ging es in der Fra­ge dar­um, ob Natur­ka­ta­stro­phen wie das Erd­be­ben, das damals soeben Mit­tel­ita­li­en erschüt­tert hat­te, auch eine Fol­ge von Geset­zen „gegen den Wil­len Got­tes” sein könn­ten wie der Lega­li­sie­rung der „Homo-Ehe”. P. Caval­co­li beant­wor­te­te die Grund­fra­ge mit einem kla­ren ja. Die Natur­ka­ta­stro­phen sei­en Teil der gefal­le­nen Natur, und damit eine Kon­se­quenz der Ursün­de. Was kon­kre­te Zuschrei­bun­gen anbe­langt, äußer­te sich Caval­co­li sehr zurück­hal­tend und mahn­te zur Vor­sicht. Der Dog­ma­ti­ker ging auf den Begriff der „Stra­fe Got­tes“ ein, der vie­len „nicht gefällt, aber ich ver­wen­de ihn den­noch, weil es ein bibli­sches Wort ist“. Es sei „natür­lich wich­tig“, was unter „Stra­fe“ zu ver­ste­hen sei, was Gott damit mei­ne, und wel­cher Zusam­men­hang sich dar­in für die gesam­te Exi­stenz des Men­schen und sein Heil aus­drücke.
Die Fra­ge, ob eine Natur­ka­ta­stro­phe wie nun die Erd­be­ben in Mit­tel­ita­li­en die Fol­ge eines bestimm­ten Ereig­nis­ses sei­en, sei „schwer mit Sicher­heit zu beant­wor­ten“. Die Fra­ge sei „sehr hei­kel“. Der Domi­ni­ka­ner woll­te dar­auf nur eine „ganz per­sön­li­che Mei­nung“ äußern. Ihn habe vor allem die Zer­stö­rung der Basi­li­ka von Nor­cia, dem Geburts­ort des hei­li­gen Bene­dikt, am Mor­gen des 30. Okto­ber erschüt­tert. Er wol­le „nichts hin­ein­in­ter­pre­tie­ren, weil das hei­kel sei, aber zumin­dest zu beden­ken geben, daß Bene­dikt von Nur­sia der Patron Euro­pas ist. Er ist der Vater der christ­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, der Vater des Abend­lan­des, Euro­pas, das nicht nur katho­li­sche, son­dern auch lai­zi­sti­sche Gelehr­te in einer schwe­ren Kri­se sehen.”

Becciu, damals die Num­mer zwei des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats, distan­zier­te sich über Radio Vati­kan von die­sen Aus­sa­gen. P. Caval­co­li habe die „Barm­her­zig­keit” Got­tes nicht ver­stan­den. Die Mel­dung ging um die Welt: Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung titel­te wahr­heits­wid­rig: „Prie­ster bezeich­net Erd­be­ben als Stra­fe Got­tes“.
Der Grund für die Auf­re­gung war die in Fra­ge und Ant­wort ange­deu­te­te Kop­pe­lung mit der Lega­li­sie­rung der „Homo-Ehe” in Ita­li­en. Radio Vati­kan sprach von „belei­di­gen­den” Aus­sa­gen für die Opfer der Erd­be­ben (und mein­te impli­zit für die Homo­se­xu­el­len). Der Osser­va­to­re Roma­no folg­te mit der Schlag­zei­le: „Belei­di­gen­de Behaup­tun­gen”. Die vati­ka­ni­schen Medi­en mach­ten sich dabei nicht die Mühe, P. Caval­co­li zu kon­tak­tie­ren. Die Distan­zie­rungs­wel­le roll­te gna­den­los. Der Domi­ni­ka­ner knick­te aber nicht ein, weil er nur gesagt habe, „was die Kir­che lehrt“, doch Radio Maria Ita­li­en setz­te ihn wegen der Becciu-Kri­tik vor die Tür.

Caval­co­li kom­men­tier­te die vati­ka­ni­sche Attacke mit den Wor­ten:

„Papst Fran­zis­kus ist nicht häre­tisch. Er umgibt sich aber mit fal­schen Freun­den und schlech­ten Rat­ge­bern“

Die Enthauptung des Malteserordens

Fran­zis­kus belohn­te die Knüp­pel­ar­beit sei­nes Ver­trau­ten, indem er ihn am 4. Febru­ar 2017 zum Päpst­li­chen Dele­ga­ten für den Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­den ernann­te. Bis gestern übte Becciu damit im Orden die fak­ti­sche Kon­trol­le aus. Vor­aus­ge­gan­gen war ein bei­spiel­lo­ser Skan­dal. Papst Fran­zis­kus, vom Staats­se­kre­ta­ri­at (also auch Becciu) in die­sem Sin­ne beein­flußt, hat­te den recht­mä­ßig und auf Lebens­zeit gewähl­ten Für­sten und Groß­mei­ster des Mal­te­ser­or­dens, Fra Mat­thew Festing, am 28. Janu­ar 2017 sei­nes Amtes ent­ho­ben, obwohl sich die­ser nichts zuschul­den hat­te kom­men las­sen. Aller­dings hat­te sich der Groß­mei­ster den Inter­es­sen einer Grup­pe ent­ge­gen­ge­stellt, die über bes­se­re Kon­tak­te in den Vati­kan ver­füg­te. Die Fol­ge die­ser „Freun­derl­wirt­schaft” war eine Intri­ge zum Sturz des stö­ren­den Groß­mei­sters. Dabei spiel­te Becciu eine zen­tra­le Rol­le. Die gan­ze Dimen­si­on des Skan­dals ist noch nicht bekannt. Das Aus­maß läßt sich aber an den links­li­be­ra­len Welt­leit­me­di­en wie New York Times, Washing­ton Post und BBC erah­nen, die sich in der Sache enga­gier­ten.

Sie behaup­te­ten, daß der Sturz des Groß­mei­sters der Abwehr einer qua­si „töd­li­chen” Gefahr für das gefei­er­te Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus gedient hät­te. Draht­zie­her die­ser Bedro­hung sei Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke gewe­sen, der dama­li­ge Kar­di­nal­pro­tek­tor des Mal­te­ser­or­dens, also päpst­li­cher Bot­schaf­ter beim Orden. Der Titel wur­de Kar­di­nal Bur­ke nach dem Sturz von Groß­mei­ster Festing zwar belas­sen, doch alle Zustän­dig­kei­ten ent­zo­gen und Becciu über­tra­gen.

In Wirk­lich­keit ging es im bei­spiel­lo­sen Macht­kampf nicht nur um die Ehre und das Anse­hen von Albrecht Frei­herr von Boe­sela­ger, den Groß­mei­ster Festing sei­nes Amtes als Groß­kanz­ler des Ordens ent­ho­ben hat­te – was der Auf­takt zum Sturz Festings wur­de –, son­dern mehr noch um eine in der Schweiz gebun­ker­te, omi­nö­se Schen­kung in drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he eines fran­zö­si­schen Ade­li­gen und Mal­te­sers, auf wel­che die erwähn­te Grup­pe die Hand legen woll­te.

Die Wegbeförderung

Am 26. Mai 2018 folg­te für Becciu der näch­ste Kar­rie­re­sprung: Papst Fran­zis­kus ernann­te ihn zum Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se und erhob ihn am 28. Juni des­sel­ben Jah­res in den Kar­di­nal­s­rang. Damit galt es als ziem­lich sicher, daß er im näch­sten Kon­kla­ve zu den Papst­wäh­lern gehö­ren wür­de.

Den Ernen­nun­gen war eine Rei­he von Gerüch­ten vor­aus­ge­gan­gen. Bereits 2016 wur­de Becciu als künf­ti­ger Kar­di­nal­prä­fekt der Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on genannt. Anfang 2018 ver­dich­te­ten sich die Stim­men von per­sön­li­chen Kon­flik­ten zwi­schen Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin und sei­nem Sub­sti­tu­ten. Die Rede war von Men­ta­li­täts- und Tem­pe­ra­ments­un­ter­schie­den zwi­schen dem Sar­den Becciu und der „nor­di­schen” Nüch­tern­heit von Kar­di­nal Paro­lin. Die Tages­zei­tung Il Fat­to Quo­ti­dia­no schrieb im Janu­ar 2018:

Kar­di­nal Becciu (links) noch als Kuri­en­erz­bi­schof und Sub­sti­tut des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs.

„Eine klas­si­sche ‚poli­ti­sche Riva­li­tät‘ zwi­schen Kar­di­nal Pie­tro Paro­lin und dem bereits genann­ten Becciu kann Ber­go­glio zu einer auf­se­hen­er­re­gen­den Ent­schei­dung drän­gen. […] Die Zeit hat den Spiel­raum im Staats­se­kre­ta­ri­at ver­klei­nert. Paro­lin und Becciu gera­ten anein­an­der, und im Dop­pel kom­men zu vie­le Ell­bo­gen zum Ein­satz.
Um Becciu ein­zu­däm­men, hat Fran­zis­kus vor weni­gen Mona­ten im Staats­se­kre­ta­ri­at eine ‚drit­te Sek­ti­on‘ geschaf­fen, die sich um die Nun­tien küm­mert. Das reicht aber nicht. ‚Wenn Becciu nicht geht, wird Paro­lin gehen‘, sagt eine vati­ka­ni­sche Quel­le zum Fat­to. Ber­go­glio hat nicht die Absicht, Becciu zu ‚bestra­fen‘, er kann ihn aber beför­dern und ent­fer­nen: ihn zum Kar­di­nal erhe­ben und in ein Dikaste­ri­um ver­schie­ben.“

Genau das tat Fran­zis­kus eini­ge Mona­te spä­ter. Doch das war nicht die gan­ze Wahr­heit.

Das Riesenloch im Peterspfennig

Zu Beccci­us Sturz mag eini­ges vom bis­her Gesag­ten bei­getra­gen haben, doch der eigent­li­che Grund waren undurch­sich­ti­ge Immo­bi­li­en­ge­schäf­te, mit denen man sich ver­spe­ku­liert hat­te und die ein Rie­sen­loch in die Kas­sen des Vati­kans geris­sen haben. Auf dem Rück­flug von Japan, am 26. Novem­ber 2019, bestä­tig­te Papst Fran­zis­kus bei der flie­gen­den Pres­se­kon­fe­renz, daß Hun­der­te Mil­lio­nen Dol­lar aus dem Peters­pfen­nig über zwei­fel­haf­te Wege für ver­lust­rei­che Immo­bi­li­en­ge­schäf­te in Lon­don ein­ge­setzt wor­den waren. Die Bestä­ti­gung erfolg­te, nach­dem es wäh­rend der Aus­lands­rei­se des Pap­stes in Rom zu einem „Kampf aller gegen alle ums Geld” (San­dro Magi­ster) gekom­men war und der Skan­dal explo­dier­te.

Kurz vor sei­ner Abrei­se nach Fern­ost hat­te Fran­zis­kus am 14. Novem­ber einen neu­en Prä­fek­ten für das Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at ernannt. Andert­halb Jah­re nach dem Abgang von Kar­di­nal Geor­ge Pell aus Rom mach­te der Papst sei­nen Mit­bru­der, den Jesui­ten Juan Anto­nio Guer­re­ro Alves, zu des­sen Nach­fol­ger.

Dem war vor­aus­ge­gan­gen, daß am 1. Okto­ber die Räum­lich­kei­ten der vati­ka­ni­schen Finanz­in­for­ma­ti­ons­be­hör­de AIF von der vati­ka­ni­schen Gen­dar­me­rie durch­sucht wor­den war. Grund dafür waren Ermitt­lun­gen, weil sich Unge­reimt­hei­ten bei der Abwick­lung von Immo­bi­li­en­ge­schäf­ten erhär­tet hat­ten. Die Durch­su­chung hat­te den Aus­schluß der AIF aus der Egmont Group, dem euro­päi­schen Netz­werk der Finanz­auf­sichts­be­hör­den, zur Fol­ge. Im Raum steht seit­her der Ver­dacht von Geld­wä­sche. Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin sprach Ende Okto­ber 2019 von „undurch­sich­ti­gen“ Geschäf­ten.

Am Abend vor dem Abflug des Pap­stes nach Thai­land wur­de vom Vati­kan plötz­lich die Ernen­nung eines neu­en AIF-Prä­si­den­ten ange­kün­digt, des­sen Name aber erst nach der Rück­kehr des Pap­stes bekannt­ge­ge­ben wer­de. Die Vor­gangs­wei­se war unge­wöhn­lich. Hat­te der Vati­kan den Ein­druck erweckt, es hand­le sich um einen not­wen­di­gen Schritt, da die Amts­zeit des bis­he­ri­gen AIF-Prä­si­den­ten René Brüel­hart aus­lau­fe, wider­sprach die­ser. Der Schwei­zer gab über Reu­ters bekannt, ein unbe­fri­ste­tes Man­dat erhal­ten zu haben, aber nun zurück­ge­tre­ten zu sein. Mit ihm gin­gen noch zwei wei­te­re AIF-Vor­stän­de, der Schwei­zer Marc Odend­all und der US-Ame­ri­ka­ner Juan Car­los Zara­te. Odend­all war auch Mit­glied der päpst­li­chen Unter­su­chungs­kom­mis­si­on, die in der Cau­sa Mal­te­ser­or­den den von Groß­mei­ster Festing abge­setz­ten Groß­kanz­ler Boe­sela­ger reha­bi­li­tiert und an der Abset­zung von Groß­mei­ster Festing durch Papst Fran­zis­kus mit­ge­wirkt hat­te.

Einen Tag nach der Durch­su­chung der AIF-Räum­lich­kei­ten und der Beschlag­nah­mung von Doku­men­ten und Com­pu­tern durch die vati­ka­ni­sche Gen­dar­me­rie erfolg­te die Sus­pen­die­rung von fünf Vati­kan­funk­tio­nä­ren, dar­un­ter auch des AIF-Direk­tors Tom­ma­so Di Ruz­za, Schwie­ger­sohn von Anto­nio Fazio, dem mäch­ti­gen ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten der ita­lie­ni­schen Noten­bank Ban­ca d’Italia. Zu den fünf sus­pen­dier­ten Vati­kan­funk­tio­nä­ren gehör­te Msgr. Mau­ro Car­li­no, der zuvor Becci­us Sekre­tär war.

Ins Visier geriet auch Becciu. Die vati­ka­ni­sche Ermitt­lungs­be­hör­de hat­te wegen der star­ken Ver­dachts­mo­men­te ange­ord­net, daß Kar­di­nal Becciu den Vati­kan nicht ver­las­sen dür­fe. Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin erteil­te sei­ne Zustim­mung, nicht aber Papst Fran­zis­kus. Die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft konn­te auch nicht direkt gegen Becciu ermit­teln, da für Ermitt­lun­gen gegen Kar­di­nä­le die Erlaub­nis des Pap­stes nötig ist. Noch gehör­te der Papst-Ver­trau­te Becciu zu den „Unan­tast­ba­ren“.

Eine goldene Nase

Soweit bis­her bekannt, ver­dien­ten sich mit dem Kauf der Lon­do­ner Har­rods-Immo­bi­lie in der Sloa­ne Ave­nue zwei vom Vati­kan hin­zu­ge­zo­ge­ne „Finanz­ex­per­ten“ hin­ter­ein­an­der eine gol­de­ne Nase im zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich, einer unter Becciu, der ande­re unter des­sen Nach­fol­ger Peña Par­ra. Das Geld stamm­te aus dem Peters­pfen­nig, den Spen­den der Gläu­bi­gen der gan­zen Welt zur Unter­stüt­zung der apo­sto­li­schen und kari­ta­ti­ven Akti­vi­tä­ten des Hei­li­gen Stuhls.

Becciu ver­tei­dig­te den gan­zen Okto­ber 2019 hin­durch sein Vor­ge­hen mit Vehe­menz. In die­sem Zusam­men­hang ist auch die über­ra­schen­de Ent­las­sung von Gene­ral­inspek­tor Dome­ni­co Gia­ni, dem Kom­man­dan­ten des Gen­dar­me­rie­korps des Staa­tes der Vati­kan­stadt, zu sehen, die am 14. Okto­ber 2019, kei­ne zwei Wochen nach der Durch­su­chung der AIF-Räum­lich­kei­ten, erfolg­te. Grund für den Zorn auf Gia­ni war nicht das damals von eini­gen Medi­en, dann auch vom vati­ka­ni­schen Pres­se­amt behaup­te­te läp­pi­sche Durch­sickern von Infor­ma­tio­nen an die Öffent­lich­keit, son­dern die Kor­rup­ti­ons­er­mitt­lun­gen gegen rang­ho­he Mit­ar­bei­ter des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats. Der Rang­höch­ste unter ihnen war Kar­di­nal Becciu.

Die vati­ka­ni­sche Gen­dar­me­rie ermit­telt seit Jah­ren und wur­de teils mas­siv behin­dert.

Am 30. Okto­ber stieg dann Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin selbst in den Ring. Obwohl bei­de treue Ber­go­glia­ner sind, ist das Ver­hält­nis zwi­schen Paro­lin und Becciu schon län­ger unter­kühlt. Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär hielt sich lan­ge aus dem Spiel. Ende Okto­ber nahm er doch Stel­lung und bezeich­ne­te die Lon­do­ner Immo­bi­li­en­ope­ra­ti­on als „undurch­sich­tig“ und for­der­te die Justiz des Vati­kans auf, Klar­heit zu schaf­fen. Damit hat­te er alle Ver­tei­di­gungs­ver­su­che Becci­us mit einem Schlag zunich­te­ge­macht.

Die Reak­ti­on Becci­us erfolg­te „sofort und stür­misch“ (San­dro Magi­ster). „Es gab nichts Undurch­sich­ti­ges“, ließ er wis­sen. Mit den Anschul­di­gun­gen wol­le man ihn ledig­lich mit „Dreck bewer­fen“. Obwohl selbst Paro­lin auf Distanz gegan­gen war, hielt Papst Fran­zis­kus wei­ter zu sei­nem Ver­trau­ten, wes­halb selbst jetzt nichts geschah.

Nach der Rück­kehr aus Japan ernann­te Fran­zis­kus ledig­lich den Ita­lie­ner Car­me­lo Bar­ba­gal­lo zum neu­en AIF-Prä­si­den­ten, der bis dahin Direk­tor der Abtei­lung Ban­ken- und Finanz­auf­sicht der Ban­ca d’Italia war.

Die Ermitt­lun­gen der vati­ka­ni­schen Gen­dar­me­rie, die wei­ter­gin­gen, waren durch Anzei­gen der Vati­kan­bank IOR ins Rol­len gebracht wor­den, die nicht nur die AIF betra­fen, son­dern gerüch­te­wei­se auch das Staats­se­kre­ta­ri­at. Das war auch der Grund, wes­halb für den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär eine rote Linie über­schrit­ten war. Die zen­tra­le Fra­ge war, um wel­che „Finanz­ope­ra­tio­nen” es sich han­del­te, von denen in der vati­ka­ni­schen Pres­se­er­klä­rung vom 1. Okto­ber zum Poli­zei­ein­satz in den AIF-Räum­lich­kei­ten die Rede war.

Katholisches.info schrieb dazu:

„Die wich­tig­ste Ope­ra­ti­on ist der Kauf einer Luxus­im­mo­bi­lie in der Lon­do­ner Sloa­ne Ave­nue, die den Vati­kan 200 Mil­lio­nen Dol­lar kostet. Durch­ge­führt wur­de er ab 2014 über ver­schlun­ge­ne und wenig ver­trau­ens­wür­di­ge Wege durch die Erste Sek­ti­on des Staats­se­kre­ta­ri­ats, die vom dama­li­gen Sub­sti­tu­ten des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs, Msgr. Ange­lo Becciu, gelei­tet wur­de. Becciu wur­de inzwi­schen von Papst Fran­zis­kus zum Kar­di­nal erho­ben und als Prä­fekt an die Spit­ze der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren beför­dert.
Der von Papst Fran­zis­kus fal­len­ge­las­se­ne Kar­di­nal Pell hat­te sich als Prä­fekt des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats erfolg­los gegen den Kauf gestemmt. Was Pell damals noch weni­ger ahn­te: Er mach­te sich damit eini­ge ein­fluß­rei­che Per­so­nen zu Geg­nern.”

Die Intrige gegen Kardinal Pell

Becciu hat­te tat­kräf­tig am Stuhl des Austra­li­ers Geor­ge Pell mit­ge­sägt, der seit 2014 erster Kar­di­nal­prä­fekt des neu­errich­te­ten Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats war. Der bri­tisch gepräg­te Pell pack­te sein neu­es Amt an der Römi­schen Kurie unter dem offen­bar nai­ven Aspekt einer ord­nungs­ge­mä­ßen und effi­zi­en­ten Ver­wal­tung an. Daß er damit für eini­ge zum Stö­ren­fried wur­de, der ihren Inter­es­sen unan­ge­nehm wer­den konn­te, ahn­te er nicht. Noch weni­ger ahn­te er, wozu sie bereit waren, um sich und ihre Inter­es­sen zu schüt­zen. Als er es erkann­te, war es zu spät. Die Intri­gan­ten gegen Pell saßen in der Güter­ver­wal­tung des Apo­sto­li­schen Stuhls APSA und – was für den Fall Becciu maß­geb­lich ist – im Staats­se­kre­ta­ri­at. Am 14. März 2019 zitier­te Katholisches.info den Vati­ka­ni­sten Mar­co Tosat­ti:

„Als jene Pro­ble­me auf­tra­ten, die als ‚Fall Libe­ro Milo­ne’ bekannt wur­den (der Gene­ral­re­vi­sor des Vati­kans, der für die Ver­wal­tungs- und Finanz­kon­trol­le zustän­dig war, aber aus dem Vati­kan hin­aus­ge­wor­fen und sogar ange­zeigt wur­de, weil er uner­laubt Ermitt­lun­gen über kurio­se und ver­däch­ti­ge Finanz­be­we­gun­gen und zu eini­gen eben­so kurio­sen Kon­ten auf­ge­nom­men hat­te), woll­te Kar­di­nal Pell der Sache auf den Grund gehen und Licht in die von Milo­ne auf­ge­zeig­ten Unklar­hei­ten brin­gen.
Und so flat­ter­te das ‚Brief­lein’ aus Austra­li­en auf sei­nen Schreib­tisch, des­sen Ergeb­nis von allen Medi­en berich­tet wur­de.”

Har­rods, die Luxus­im­mo­bi­lie, um die sich eine der bei­den Ermitt­lun­gen dreht.

Tosat­ti deu­te­te damit an, daß die Anzei­ge gegen Kar­di­nal Pell, die dazu führ­te, daß er sich vor austra­li­schen Gerich­ten wegen eines angeb­li­chen sexu­el­len Miß­brauchs­falls ver­ant­wor­ten muß­te, in Wirk­lich­keit aus dem Vati­kan gesteu­ert wor­den sei. Pell koste­te es fast Kopf und Kra­gen. Mit der Anzei­ge auf dem Tisch und von Papst Fran­zis­kus in sei­nen Bemü­hun­gen im Stich gelas­sen, Klar­heit in dubio­se Finanz­ope­ra­tio­nen zu brin­gen, resi­gnier­te der Austra­li­er und begab sich auf sei­nen per­sön­li­chen Kal­va­ri­en­weg.

Er ent­schied sich, nach Austra­li­en zurück­zu­keh­ren und sich dem Gericht zu stel­len, wobei er die­sen Gang aus­drück­lich in eine geist­li­che Dimen­si­on stell­te. Die austra­li­schen Medi­en lynch­ten ihn bereits vor Pro­zeß­be­ginn. Auf die Vor­ver­ur­tei­lung folg­te die Ver­ur­tei­lung in erster und zwei­ter Instanz zu sechs Jah­ren Gefäng­nis. Erst der Ober­ste Gerichts­hof kipp­te das in sich „unlo­gi­sche” Urteil. Pell ging nach der Ver­ur­tei­lung erster Instanz ins Gefäng­nis, indem er auf die Mög­lich­keit ver­zich­te­te, den Haus­ar­rest zu bean­tra­gen, solan­ge das Urteil nicht rechts­kräf­tig war. Obwohl er im ver­gan­ge­nen Früh­jahr frei­ge­spro­chen und sofort ent­haf­tet wur­de, nahm sich Fran­zis­kus bis­her nicht die Zeit, sei­nen unschul­dig ver­folg­ten und geschun­de­nen Kar­di­nal zu emp­fan­gen. Aber das ist eine ande­re Geschich­te. Tat­sa­che ist jedoch, daß der Fall Pell mit dem Fall Becciu zusam­men­hängt. Es ist eine kri­mi­no­lo­gi­sche Weis­heit, daß zur Ver­tu­schung einer Tat (Straf­tat, Sün­de, Bloß­stel­lung) wei­te­re Taten began­gen wer­den kön­nen.

Spätes Handeln

Die Beför­de­rung Becci­us zum Prä­fek­ten der Hei­lig­spre­chungs­kon­gre­ga­ti­on, die mit dem 1. August 2018 aktiv wur­de, läßt sich rück­blickend als eine Ent­fer­nung aus dem Staats­se­kre­ta­ri­at lesen. Papst Fran­zis­kus glaub­te offen­bar, die ihm nicht unbe­kannt geblie­be­nen Gerüch­te über die Lon­do­ner Immo­bi­li­en­käu­fe damit „lösen” und das Staats­se­kre­ta­ri­at, aber auch Becciu schüt­zen zu kön­nen. Bekannt­lich läßt Fran­zis­kus kei­ne Ver­trau­ten fal­len, solan­ge sie nicht die Loya­li­tät ihm gegen­über ver­let­zen oder er durch die Öffent­lich­keit dazu gezwun­gen wird, um grö­ße­ren Scha­den abzu­wen­den.

Zehn Mona­te sind allein ver­gan­gen, seit der Finanz­skan­dal um den Kauf der Har­rods-Immo­bi­lie in der Lon­do­ner Sloa­ne Ave­nue öffent­lich bekannt wur­de und die Rol­le von Kar­di­nal Becciu the­ma­ti­siert wird. Zehn Mona­te, die Fran­zis­kus ver­strei­chen ließ.

Erst als vor weni­gen Tagen, am 19. Sep­tem­ber, wei­te­re dubio­se Immo­bi­li­en­käu­fe in Lon­don bekannt wur­den und der Ver­dacht der Geld­wä­sche gestern vom Wochen­ma­ga­zin L’Es­pres­so öffent­lich auf Kar­di­nal Becciu fiel, folg­ten Taten, die zur Amts­ent­he­bung Becci­us und zum Ent­zug der Rech­te eines Kar­di­nals führ­ten. Um 20 Uhr, eine unge­wöhn­li­che Zeit für den Hei­li­gen Stuhl, gab das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt die ent­spre­chen­den Schrit­te bekannt.

Im ver­gan­ge­nen Juni wur­den meh­re­re Per­so­nen durch den Pro­mo­tor Ius­ti­tiae, die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft, ver­haf­tet, dar­un­ter der Finanz­bro­ker Gian­lui­gi Tor­zi, der Bera­ter des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats und ehe­ma­li­ge Funk­tio­när von Credit Suis­se Enri­co Cras­so, der Lei­ter des Ver­wal­tungs­am­tes des Staats­se­kre­ta­ri­ats Fabri­zio Tira­bas­si und noch eini­ge Neben­fi­gu­ren. Gegen Tor­zi wird wegen Erpres­sung ermit­telt. Er habe sich dem vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at ange­bo­ten (gemeint ist die damals von Becciu gelei­te­te Sek­ti­on), dabei behilf­lich zu sein, die Pro­ble­me rund um den Kauf der Har­rods-Immo­bi­lie zu lösen. Dar­aus wur­de ein Fall im Fall, denn statt­des­sen habe er ver­sucht, nach­dem er offen­bar aus­rei­chend Infor­ma­tio­nen über die undurch­sich­ti­gen Geschäf­te erhal­ten hat­te, den Vati­kan (wie­der­um kon­kret die Becciu-Sek­ti­on) um 15 Mil­lio­nen Euro zu erpres­sen.

Papst Fran­zis­kus tut sich schwer, sich von Ver­trau­ten zu tren­nen.

Der eigent­li­che zwei­te Immo­bi­li­en­fall betrifft jedoch eine Rei­he von Finanz­trans­ak­tio­nen, bei denen sich die Betei­lig­ten Ver­mitt­lungs­zah­lun­gen in Mil­lio­nen­hö­he sicher­ten, die um 100–150 Pro­zent über den übli­chen Zah­lun­gen lagen. Die Immo­bi­li­en­ge­schäf­te in Lon­don setz­ten 2014 ein.

Die vati­ka­ni­schen Ermitt­ler wol­len wis­sen, wie es dazu kom­men konn­te, daß Ver­trä­ge zu so über­höh­ten Bedin­gun­gen unter­schrie­ben wur­den. In den Ermitt­lungs­ak­ten taucht in die­sem Zusam­men­hang auch der Name von Ales­san­dro Noce­tì auf, der damals für die Credit Suis­se tätig war. Auf die Käu­fe folg­ten wei­te­re dubio­se Trans­ak­tio­nen, was die Ver­wal­tung der Immo­bi­li­en betrifft. Offen­bar sahen eini­ge in den Immo­bi­li­en eine Kuh, die mög­lichst lan­ge gemol­ken wer­den soll­te. Gemol­ken wur­den letzt­lich der Vati­kan und des­sen Kas­sen.

Becciu über­ant­wor­te­te Cras­so den „gesam­ten Tre­sor des Vati­kans“, so L’Es­pres­so, der ihn über Steu­er­pa­ra­die­se für Spe­ku­la­tio­nen ein­setz­te.

Becciu ersuch­te die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz und die Ver­wal­tung des Peters­pfen­nigs ihm Geld zu lei­hen, das nicht zurück­ge­zahlt wer­den müs­se. Zwei­mal erhielt er sol­che Lei­stun­gen von der Bischofs­kon­fe­renz, ein­mal vom Peters­pfen­nig. Jeweils floß das Geld an die Genos­sen­schaft Spes, den ope­ra­ti­ven Arm der Cari­tas des sar­di­schen Bis­tums Ozie­ri, deren gesetz­li­cher Ver­tre­ter Becci­us Bru­der Toni­no ist.

Aus den kom­pli­zier­ten, da ver­schlei­er­ten Geschäfts­prak­ti­ken, zu denen ermit­telt wird, soll nur ein Punkt her­aus­ge­grif­fen wer­den, der Kar­di­nal Becciu direkt betrifft. Die­ser hat­te als Sub­sti­tut des Staats­se­kre­ta­ri­ats nicht nur den Lon­do­ner Immo­bi­li­en­kauf und die fol­gen­den Ver­trä­ge geneh­migt, son­dern steht auch im Ver­dacht der Geld­wä­sche.

Im Dezem­ber 2017 erteil­te die Con­sor­tia Direc­tors Limi­ted mit Sitz auf der Kanal­in­sel Jer­sey, die die Lon­do­ner Vati­k­an­im­mo­bi­li­en ver­wal­tet, einem zwi­schen­ge­schal­te­ten Unter­neh­men den Auf­trag, einen Betrag in der Höhe von 700.000 Pfund an die Eight Lotus Petals Limi­ted mit Sitz auf den bri­ti­schen Jung­fern­in­seln zu über­wei­sen. Die­se Trans­ak­ti­on wur­de von der Finanz­auf­sicht der Bank des zwi­schen­ge­schal­te­ten Unter­neh­mens wegen des Ver­dachts der Geld­wä­sche gestoppt. Davon wur­de auch die vati­ka­ni­sche Finanz­auf­sichts­be­hör­de AIF unter­rich­tet, die davon Kar­di­nal Becciu in Kennt­nis setz­te, der damals noch Sub­sti­tut des Staats­se­kre­ta­ri­ats war.

Dar­auf erfolg­te im Janu­ar 2018 die Zah­lung genau der glei­chen Sum­me durch die SC Alpha, ein Unter­neh­men der Grup­pe Sloa­ne & Cado­gan Invest­ment Manage­ment, die in den Har­rods-Kauf invol­viert ist, an die Five Ruby Red Limi­ted, die auf den genann­ten Ales­san­dro Noce­tì zurück­zu­füh­ren ist. Als Über­wei­sungs­grund wur­den „Lei­stun­gen bezüg­lich Inve­sti­ti­ons­ver­trag” ange­ge­ben. Die Zah­lung wur­de über eine Bar­clays-Filia­le in einem Steu­er­pa­ra­dies abge­wickelt. Seit­her inter­es­siert die Ermitt­ler, ob der­sel­be Betrag für die gestopp­te Zah­lung im Dezem­ber 2017 und die erfolg­te Zah­lung im Janu­ar 2018 nur Zufall oder ein zwei­ter Zah­lungs­an­lauf in der­sel­ben Sache war. Vor allem inter­es­siert auch, wel­che Rol­le der dama­li­ge Erz­bi­schof Becciu in der Sache spiel­te. Ihm waren Erkennt­nis­se über­mit­telt wor­den, die ihn viel­leicht direkt betra­fen: Blieb er des­halb untä­tig oder ver­an­laß­te er sogar die zwei­te Über­wei­sung?

Die vati­ka­ni­sche Staats­an­walt­schaft hat, wie La Veri­tà berich­tet, zwei Ermitt­lun­gen zu den Lon­do­ner Immo­bi­li­en­ge­schäf­ten lau­fen. Eine betrifft die Har­rods-Immo­bi­lie, die zwei­te die ande­ren vier Immo­bi­li­en­ge­schäf­te. Ob ein direk­ter Zusam­men­hang zwi­schen bei­den besteht, inter­es­siert auch die vati­ka­ni­schen Ermitt­ler. Min­de­stens zwei Namen von Ver­däch­ti­gen tau­chen in bei­den Ermitt­lun­gen auf.

Die Sache ist hoch­bri­sant, denn zumin­dest im ersten Fall geht es um Gel­der aus dem Peters­pfen­nig. Papst Fran­zis­kus for­dert die Trocken­le­gung eines Sump­fes, den er selbst (zu lan­ge) in sei­ner Nähe gedul­det hat­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/MiL (Screen­hots)

1 Kommentar

  1. Ein Hin­weis auf den „Syn­oda­len Weg“ sei hier ange­bracht. Rein­hard Kar­di­nal Marx hat, wäh­rend alle die­se Din­ge lie­fen, sei­ne Augen und Ohren offen­ge­hal­ten. Als Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz ach­te­te er mit Argus­au­gen dar­auf, daß es zu die­sem mon­strö­sen Finanz­skan­dal kei­ner­lei Spu­ren in die Kir­che in Deutsch­land gin­gen. Spä­te­stens, als ihm bewußt wur­de, daß das fak­tisch das gesam­te Ver­mö­gen welt­kirch­li­cher Auf­ga­ben und Pato­ral ver­nich­tet war, däm­mer­te es ihn, daß man sich dann an die Kir­che in Deutsch­land hal­ten wür­de, daß durch Kir­chen­steu­er und „Kirch­geld“ gemäß dem kano­ni­schen Recht die welt­kirch­li­chen Auf­ga­ben zu unter­stüt­zen sei­en, etc…
    Dar­aus blieb nur eine Fol­ge­rung: „Los von Rom!“ Selbst wenn die deut­schen Diö­ze­sen und Ordens­ge­mein­schaf­ten all ihr Ver­mö­gen dem Hei­li­gen Stuhl über­schrie­ben hät­ten, wäre das Finanz­loch nicht annä­hernd gedeckt. Und die eige­nen Skan­da­le (Sexu­el­ler und Pasto­ra­ler Miß­brauch, Ver­schwen­dung von Kir­chen­ver­mö­gen und Ver­un­treu­ung des­sel­ben durch Kir­chen­mit­ar­bei­ter in allen Stän­den) stan­den und ste­hen noch einer säku­lar­ge­richt­li­chen Klä­rung aus. Hier­für ist gera­de noch soviel vor­han­den, daß man mit Erhal­tung der Not­fall­sub­stanz davon­kommt. Natür­lich erklärt man in der Kir­che nicht so ein­fach „Rom bekommt von uns nichts mehr!“, man will den Schwar­zen Peter Rom zuschicken, indem man dann Rom vor­wirft, ins Schis­ma gegan­gen zu sein, sobald sich der „Syn­oda­le Weg“ durch­setzt. „Heu­schrecken und Wil­der Honig“, so ende­te einst eine viel­be­lä­chel­te Pfar­rer-Serie des Zwei­ten Deut­schen Fern­se­hen („Mit Leib und See­le“), aber dar­auf läuft es hin­aus.
    Es bleibt nur noch die Über­lie­fer­te Lit­ur­gie, der Über­lie­fer­te Glau­be, so wie es Mar­cel Lefebrve, Pad­re Pio, Mak­sy­m­ill­jan Kol­be und letzt­lich der Hl. Papst Pius X. für die­se Zeit vor­ge­ge­ben hat. Nur durch ein mas­si­ves Wun­der inner­halb UND außer­halb der Kir­che kann so das sozia­le König­tum Chri­sti wie­der­her­ge­stellt wer­den. Und ich sage es hei­mit zu ersten­mal: Wenn Chri­stus in Men­schen­ge­stalt heu­te in den Vati­kan käme, wür­de er eine Gei­ßel neh­men und alle raus­ja­gen. Hier hät­te Klaus Kin­ski aus „Jesus Chri­stus, Erlö­ser!“ recht­be­hal­ten.

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