Darf Kardinal Becciu den Vatikan nicht verlassen?

Finanzskandal und gescheiterte Finanzreformen












Papst Franziskus mit Angelo Becciu (damals noch nicht Kardinal).

(Rom) Die Suspendierung mehrerer Funktionäre des vatikanischen Staatssekretariats könnte noch höhere Kreise erfassen. Papst Franziskus habe Kardinal Angelo Becciu, dem Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, untersagt, den Vatikan zu verlassen.

Wie soll den Gläubigen erklärt werden, daß der Vatikan von Papst Franziskus Eigentümer einer Luxusimmobilie am Sloane Square in einem der teuersten Stadtteile Londons ist? Diese Frage war in den vergangenen Stunden wiederholt zu hören.

Spätestens die jüngsten Ereignisse legen offen, daß die Finanzreformen von Papst Franziskus gescheitert sind. Wer die Vorgänge im Vatikan etwas näher beobachtet, wußte das bereits im Juni 2017, als Kardinal Pell enttäuscht den Vatikan in Richtung Australien verließ und dem ebenfalls von Franziskus eingesetzten Generalrevisor Libero Milone mit Verhaftung gedroht wurde, sollte er seinen Posten im Vatikan nicht freiwillig räumen. Beide waren Kräften zu nahe gekommen, die mächtiger waren als sie – was im Vatikan bedeutet, daß sie besseren Zugang zum Papst hatten.

Von Franziskus war eine Neuordnung der Vatikanfinanzen mit tiefgreifenden Reformen versprochen worden. Dazu kam es aber nicht.

Zweifel am Kurs, der von Papst Franziskus in Finanzfragen eingeschlagen wurde, kamen bereits 2013 auf, als er wenige Monate nach seiner Wahl gleich drei zweifelhafte Personalentscheidungen traf. Zwei der damals Ernannten wurden bald darauf verhaftet.

Zu den wegen verdächtiger Finanz- und Immobiiliengeschäfte vom Dienst suspendierten Funktionären des Vatikans gehört auch Tommaso Di Ruzza, der Direktor der vatikanischen Finanzaufsicht, also der Vatikanbeauftragte zur Bekämpfung von Geldwäsche. Neben einem Priester, Msgr. Mauro Carlino, Leiter des Informations- und Dokumentationsamtes des Staatssekretariats, handelt es sich um vier Laien. Msgr. Carlino gehört wie Papst Franziskus zu den Dauergästen von Santa Marta.

Die Vatikanische Gendarmerie durchsuchte auf Befehl ihres Kommandanten, Domenico Giani, mehrere Amtsstellen und Büros.

Die Hintergründe der jüngsten Ereignisse sind noch undurchsichtig. Die Rede ist von Seilschaften und internen Machtkämpfen. Was derzeit gestreut wird, ist vorerst mit Vorsicht zu genießen. Franziskus nahestehende Kreise  geben als Lesart aus, daß der Papst die Suspendierungen und die Razzia der Gendarmerie angeordnet habe und er „der Sache auf den Grund gehen will“. Unter seinen Kritikern ist anderes zu hören. Beide Seiten scheinen allerdings darin einig, daß die Finanzreform von Franziskus gescheitert ist.

Die nun untersuchten Immobilien- und Finanzoperationen können, wie zu hören ist, nicht allein von den suspendierten Funktionären veranlaßt worden sein. Es werden Namen von ranghöheren Prälaten genannt, sehr hohen Prälaten: jener von Msgr. Alberto Perlasca, der „jahrelang die Schlüssel zum Tresor des vatikanischen Staatssekretariats verwahrte“, so der Corriere della Sera, und im vergangenen Juli von Papst Franziskus zum Promotor iustitiae ernannt wurde; wiederholt auch jener von Kardinal Angelo Becciu, der bis zum 29. Juni 2018 Substitut des Staatssekretärs war und von Franziskus im vergangenen Jahr zum Kardinal kreiert und zum Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse ernannt wurde; schließlich jener seines Nachfolgers im Staatssekretariat, Msgr. Edgar Peña Parra. Letzterer habe, wie der Corriere della Sera berichtet, Druck auf andere Vatikanstellen ausgeübt, damit weitere risikoreiche Spekulationsgeschäfte durchgeführt würden, um in London verlorengegangenes Geld wiederzugewinnen.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin habe von den Finanzgeschäften nichts gewußt, weil er mit diesen möglichst wenig zu tun haben wolle. Er habe aber auch von den Ermittlungen, Suspendierungen und Durchsuchungen erst kurz vor deren Beginn durch Papst Franziskus erfahren. Dazu der Corriere della Sera:

„Ein Detail, das die mangelnde Kommunikation zwischen Franziskus und seinem ‚Premierminister‘ bestätigt und dazu beiträgt, die Stimmen über ein wachsendes Unbehagen Parolins zu verstärken.“

Papst Franziskus habe Kardinal Becciu, dem ehemaligen Substituten und nunmehrigen Kardinalpräfekten, untersagt, den Vatikan zu verlassen. Das berichtete heute die weder ganz seriöse noch immer zuverlässige, aber gut informierte römische Skandalseite Dagospia.

Es folgte am 3. Oktober ein Schlagabtausch zwischen dem Kardinal und der Internetseite. Der Kardinal spöttelte auf Twitter:

„Selten so gelacht! Erst gestern hat mir der Papst bei der Audienz eine gute Reise für den Flug gewünscht, der mich morgen nach Brasilien bringen wird!“

Dagospia replizierte:

„Kardinal Becciu mag auch zum Lachen zumute sein, aber die Aufforderung, den Vatikan nicht zu verlassen, die von der Gerichtsbarkeit erlassen und vom Staatssekretär gebilligt wurde und gestern bis spät abends zur Genehmigung bei Bergoglio lag, ist aufsehenerregend: nicht nur, weil es um einen Mann von großer Macht geht, der sich für unantastbar hielt, sondern weil es das Vorspiel zu einer Reinigung auf höchster Ebene ist.“

Die Ermittlungen und Suspendierungen betreffen Beccius früheres Amt als Substitut am Staatssekretariat. Gegen den Kardinal sei nur deshalb von der Staatsanwaltschaft des Vatikans keine offiziellen Ermittlungen eingeleitet worden, weil er Kardinal ist. Alle Finanztransaktionen, die im Visier der Ermittler stehen, seien, so Dagospia, von ihm genehmigt worden.

Die Anordnung, daß Kardinal Becciu den Vatikan nicht verlassen darf, wird nicht nur als Signal gelesen, daß Papst Franziskus „nun durchgreifen“ wolle. Es gibt auch die Lesart, daß Franziskus damit den Kardinal vor dem Zugriff eines anderen Landes, konkret durch Italien, schützen wolle.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va/Twitter (Screenshots)

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2 Kommentare

  1. Was sind das alles derzeit nur für heilige Männer auf/um den Heiligen Stuhl, in/auf und den heiligen Gängen, Treppen, Hallen, Gemächern des Vatikans? Ganz und gar unheilige. Da kann man nur noch ungläubig staunend sich die Augen reiben, den Mund weit aufreißen vor Schmerz und Verzweiflung. Und dabei fast schon im Glauben wanken.

    Aber wie heißt’s bereits in der sogenannten Prophezeiung des hl. Malachias im letzten Absatz (frei zitiert und – noch – unverbindlich): „Petrus der Römer wird weiden seine Schafe in vielerlei Bedrängnissen. Danach wird die Stadt auf den sieben Hügeln zerstört werden. Der Richter, vor dem man erzittern muss, wird kommen und sein Volk richten. Ende.“

    Na, da kann ja noch Einiges auf uns zukommen in nächster Zeit. Die Zeichen stehen jedenfalls schon mal auf Sturm. Wie traurig, wie tröstlich! (K. H. Waggerl)

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