Das Problem Tucho: Die Dauerkrise eines päpstlichen Protegés

Das Enigma Fernández: Was hält ihn in Rang und Ansehen?


Papst Franziskus fügte der Kirche – laut eigenem Anspruch – "irreversiblen" Schaden zu. Der personifizierte Ausdruck dieses Erbes ist Glaubenspräfekt Victor Manuel "Tucho" Fernández.
Papst Franziskus fügte der Kirche – laut eigenem Anspruch – "irreversiblen" Schaden zu. Der personifizierte Ausdruck dieses Erbes ist Glaubenspräfekt Victor Manuel "Tucho" Fernández.

Da im Advent in den USA all­jähr­lich The Sound of Music aus­ge­strahlt wird, erin­nert sich Charles Coll­ins, ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter von Radio Vati­kan und heu­te ver­ant­wort­li­cher Redak­teur des US-ame­ri­ka­ni­schen katho­li­schen Nach­rich­ten­por­tals Crux, dar­an, wie die Non­nen dort rat­los über Maria sin­gen: „How do you sol­ve a pro­blem like Maria?“ Gemeint ist eine jun­ge Novi­zin namens Maria. Genau die­se Zei­le fällt Coll­ins ein in bezug auf Kar­di­nal Víc­tor Manu­el Fernán­dez, jenen argen­ti­ni­schen Inti­mus nun schon zwei­er Pon­ti­fi­ka­te, der seit sei­ner Ernen­nung 2023 an die Spit­ze des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re mehr Unru­he stif­tet, als die­ses Amt ver­trägt. Und tat­säch­lich wirkt der Prä­fekt für vie­le wie eine Figur, die stets „ver­wirrt und unbe­re­chen­bar“ erscheint – nur geht es in die­sem Fall nicht um eine Musi­cal-Komö­die, son­dern um die Schalt­zen­tra­le des kirch­li­chen Lehramtes.

Ein Präfekt im Dauerstolpern

Vic­tor Manu­el Fernán­dez, genannt „Tucho“, seit Jahr­zehn­ten eng mit Jor­ge Mario Berg­o­glio ver­bun­den, genoß unter Papst Fran­zis­kus eine auf­fäl­li­ge Immu­ni­tät gegen­über Kri­tik und eine bemer­kens­wer­te Frei­heit, Theo­lo­gi­sches in eine eigen­wil­li­ge Pasto­ral­pro­sa umzu­gie­ßen. Die­se berg­o­glia­ni­sche Pro­tek­ti­on, die zumin­dest bis in das Jahr 1997 zurück­reich­te und sich nicht wirk­lich erklärt, schwemm­te Fernán­dez von hohen zu immer höhe­ren Posi­tio­nen – jede um eini­ge Schuh­num­mern zu groß für ihn, wie Kri­ti­ker mein­ten, die ihn näher kennen.

Sei­ne frü­he­ren Publi­ka­tio­nen, dar­un­ter die noto­risch zitier­ten Büch­lein über „Küs­sen“ und „Orgas­mus“ wären als jugend­li­che Unbe­darft­hei­ten zu ent­schul­di­gen, wäre er zum Zeit­punkt ihrer Abfas­sung nicht schon gegen 40 und seit vie­len Jah­ren zum Prie­ster geweiht gewe­sen. Aber selbst da hät­te man wohl noch zwei Augen zudrücken kön­nen, hät­te er spä­ter als Ghost­wri­ter und Souf­fleur Berg­o­gli­os spä­te­stens nach des­sen Wahl zum Papst eine kla­re Linie, intel­lek­tu­el­le Tie­fe oder wenig­stens kir­chen­po­li­ti­sches Fin­ger­spit­zen­ge­fühl gezeigt. Doch von all­dem ist erstaun­lich wenig zu sehen. Statt­des­sen reiht sich seit sei­nem Amts­an­tritt in Rom Zwi­schen­fall an Zwi­schen­fall wie Per­len an einer Ket­te – nur daß die­se Per­len jedes Mal die Fas­sa­de Roms ein Stück wei­ter zerkratzen.

War das gar die Absicht, der letz­te berg­o­glia­ni­sche „Streich“, um das in man­chen Krei­sen zutiefst ver­haß­te Hei­li­ge Offi­zi­um, die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on (von Fran­zis­kus nicht zufäl­lig in Glau­bens­dik­aste­ri­um umbe­nannt), rest­los zu demontieren?

Der Eklat um Fidu­cia sup­pli­cans war ein Para­de­bei­spiel für die­se destruk­ti­ve Dra­ma­tur­gie. Mit der Zulas­sung zu Seg­nun­gen für Paa­re in irre­gu­lä­ren Ver­bin­dun­gen, expli­zit auch für Homo-Paa­re, trieb Fernán­dez einen Keil in die Welt­kir­che, wie ihn kein päpst­li­ches Doku­ment der jün­ge­ren Zeit her­vor­ge­ru­fen hat. Am 11. Sep­tem­ber 2023 trat Fernán­dez sein römi­sches Amt als Glau­bens­prä­fekt an, bereits am 18. Dezem­ber leg­te er Fran­zis­kus Fidu­cia sup­pli­cans zur Unter­schrift vor, die die­ser ohne Zögern lei­ste­te. Das Tem­po ist zu schnell, als daß nicht ange­nom­men wer­den müß­te, daß Pro­te­gé und Men­tor nicht schon längst Vor­ar­beit gelei­stet hatten.

Afri­ka­ni­sche Bischofs­kon­fe­ren­zen ver­wei­ger­ten die Umset­zung, die ukrai­ni­sche grie­chisch-katho­li­sche Kir­che, die Bischö­fe Ungarns, der Nie­der­lan­de, von Ast­a­na und ande­re mehr erklär­ten öffent­lich, man wer­de das Papier igno­rie­ren, und die kop­tisch-ortho­do­xe Kir­che brach den Dia­log mit Rom ab. 

Wochen­lang muß­ten vati­ka­ni­sche Stel­len beschwich­ti­gend nach­ar­bei­ten, Tucho selbst tat es mit der ihm offen­bar eige­nen Pein­lich­keit (die Homo-Seg­nun­gen dürf­ten nur maxi­mal 15 Sekun­den dau­ern); bis schließ­lich Papst Fran­zis­kus selbst zur Beru­hi­gung inter­ve­nie­ren muß­te und im Duo mit Fernán­dez akro­ba­ti­sche „Ein­schrän­kun­gen“ impro­vi­sier­te. Was Fran­zis­kus nicht ohne die für ihn typi­schen Sei­ten­hie­be tat und Kri­ti­ker als Heuch­ler und Ideo­lo­gen beschimpfte. 

Auf die eigent­li­che Kri­tik, daß Fidu­cia sup­pli­cans die Wahr­heit ver­dun­kelt, gin­gen die Berg­o­glia­ner nicht ein. Ins­ge­samt ist Fidu­cia sup­pli­cans nur im Kon­text jener von Fran­zis­kus betrie­be­nen Kapi­tu­la­ti­on in Sachen Homo­se­xua­li­tät zu ver­ste­hen. Selbst wer Berg­o­glio gewo­gen ist, konn­te sich dem Ein­druck nicht ent­zie­hen, daß mit Tucho Fernán­dez an der Spit­ze des Glau­bens­dik­aste­ri­ums die­se zen­tra­le kirch­li­che Auto­ri­tät in Brand gesetzt wur­de, die er eigent­lich schüt­zen sollte.

Zu die­ser Linie paßt neben wei­te­ren Pan­nen und Plei­ten auch die Epi­so­de um die lehr­mä­ßi­ge Note Mater popu­li fide­lis, jenes Doku­ment, das den seit Jahr­zehn­ten gebräuch­li­chen Begriff Cor­re­demptrix, auf deutsch Mit­erlö­se­rin, für Maria prak­tisch unter­sagt – und das alles, ohne eine auch nur annä­hernd über­zeu­gen­de theo­lo­gi­sche Begrün­dung vor­zu­le­gen. Daß Fernán­dez anschlie­ßend in einem Inter­view erneut nach­leg­te und erklär­te, pri­vat kön­ne man den Titel schon ver­wen­den, nur eben nicht offi­zi­ell, und die Ent­schei­dung sei kei­ne Ver­ur­tei­lung frü­he­rer Ver­wen­dun­gen durch vie­le Hei­li­ge und Päp­ste, son­dern gel­te „immer“, aber im Sin­ne von „ab jetzt“, war kaum geeig­net, die Ver­wir­rung zu mil­dern. Auch Coll­ins fragt sich, war­um ein Glau­bens­prä­fekt The­men auf­wärmt, die kein Kon­flikt­feld sind, und sie dann mit der denk­bar gering­sten Sen­si­bi­li­tät für kirch­li­che Tra­di­ti­on und Fröm­mig­keit abräumt.

Ähn­lich unglück­lich wirkt die jüng­ste lehr­mä­ßi­ge Note Una caro, die angeb­lich die Pro­ble­ma­tik der Poly­ga­mie in Afri­ka im Blick hat, fak­tisch aber fast aus­schließ­lich auf euro­päi­sche Sexu­al­theo­lo­gen der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts zurück­greift. Kei­ne anthro­po­lo­gi­schen Rea­li­tä­ten, kei­ne kon­kre­ten sozia­len Ver­wer­fun­gen, kein Blick auf die Kin­der und Frau­en, die unter poly­ga­men Ver­hält­nis­sen lei­den. Man gewinnt den Ein­druck, daß Por­no-Prä­fekt Fernán­dez, Spe­zia­list für das Küs­sen, an dem The­ma Sexua­li­tät hängt und weni­ger die Kir­che adres­siert als irgend­ein aka­de­mi­sches (?) Audi­to­ri­um, das nur zufäl­lig in Rom sitzt.

Ein System der Protektion und seine Folgen

Jor­ge Mario Berg­o­glio, Tuchos Ent­decker und gro­ßer Men­tor, ist am 21. April 2025 ver­stor­ben. Daß sich Fernán­dez und sei­ne Linie trotz fort­ge­setz­ter Fehl­lei­stun­gen über des­sen Tod hin­aus auch im neu­en Pon­ti­fi­kat hal­ten kön­nen, hat weni­ger mit theo­lo­gi­scher Bril­lanz als mit einem Geflecht per­sön­li­cher Loya­li­tä­ten zu tun, das über Jah­re in Argen­ti­ni­en gewach­sen ist und sich im Vati­kan als erstaun­lich wider­stands­fä­hig erweist.

Die Beför­de­run­gen im Umfeld ehe­ma­li­ger argen­ti­ni­scher Mit­ar­bei­ter sind dafür ein spre­chen­des Indiz. Ein Bei­spiel ist Dani­el Pel­liz­zon, an den Cami­nan­te Wan­de­rer erin­nert. Pel­liz­zon ord­ne­te 2011/​2012 das per­sön­li­che Archiv Berg­o­gli­os, arbei­te­te dann mit Tucho Fernán­dez an der Päpst­li­chen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en, wur­de 2018 zum Prie­ster geweiht, stieg 2023 zum per­sön­li­chen Sekre­tär von Papst Fran­zis­kus auf und wur­de nach des­sen Tod wie­der nach Bue­nos Aires zurück­ge­schickt: Wenn jemand, der einst aus dem Semi­nar ent­fernt wur­de und spä­ter „aus Barm­her­zig­keit“ (und Inter­ven­ti­on) gera­de noch zur Prie­ster­wei­he gelang­te, heu­te eine der attrak­tiv­sten Pfar­rei­en von Bue­nos Aires über­neh­men darf, dann ist das kein Zufall, son­dern Aus­druck eines Systems, das nicht fach­li­che Eig­nung belohnt, son­dern Zuge­hö­rig­keit zu einem Kreis. 

Wer dazu­ge­hört, wird beför­dert und auch geschützt; wer nicht dazu­ge­hört, ver­schwin­det aus den Sicht­ach­sen und wird trotz aller Fähig­kei­ten nichts. Und in die­sem System, auf­ge­baut und geför­dert von Jor­ge Mario Berg­o­glio, bewegt sich Fernán­dez wie ein Fisch im Wasser.

All dies führt zurück zu jener Leit­fra­ge, die Coll­ins etwas humor­voll ver­packt, aber nicht zufäl­lig und durch­aus ernst auf­wirft: Wie löst man ein Pro­blem wie Tucho Fernán­dez? Wäh­rend im Film die rebel­li­sche Novi­zin namens Maria ein­fach in ein neu­es Umfeld ver­setzt wird und dort auf­blüht, ver­fügt der Vati­kan über kei­ne ver­gleich­ba­re Opti­on. Wohin soll­te ein Prä­fekt der Glau­bens­leh­re „weg­be­för­dert“ wer­den, ohne daß das Amt selbst Scha­den nimmt? Das ist jedoch die fal­sche Fra­ge. Und wenn in ent­schei­den­den Momen­ten fal­sche Fra­gen gestellt wer­den, soll­te man sich auch fra­gen, war­um dies geschieht.

Der Scha­den ist bereits ange­rich­tet. Und man muß hin­zu­fü­gen, daß die­ser von Fran­zis­kus, der eine sehr akzen­tu­ier­te und ziel­ge­rich­te­te Per­so­nal­po­li­tik betrieb, auch genau so gewollt war. Schwer­wie­gen­der erscheint, war­um Leo XIV. sei­ne Unter­schrift unter die berg­o­glia­ni­schen Tucho-Doku­men­te setzt. Nichts und nie­mand kann ihn dazu zwin­gen. Über­haupt erstaunt das leo­ni­ni­sche Pon­ti­fi­kat durch die unge­wöhn­li­che Viel­zahl von Doku­men­ten, die von Fran­zis­kus gewollt und und unter die­sem vor­be­rei­tet wur­den, aber jetzt erst ver­öf­fent­licht wer­den. War­um sieht sich Leo XIV. in lehr­amt­li­chen Fra­gen an sei­nen Vor­gän­ger gebun­den, wäh­rend er in ver­wal­tungs­tech­ni­schen Ange­le­gen­hei­ten kei­ne Pro­ble­me hat, Fran­zis­kus-Ent­schei­dun­gen auf­zu­he­ben, zurück­zu­neh­men und abzu­schaf­fen. Über Hin­ter­grün­de mag man spe­ku­lie­ren, Fakt ist jedoch, daß ein Papst, der ein Doku­ment unter­zeich­net, dafür die Ver­ant­wor­tung trägt und zwang­läu­fig ange­nom­men wer­den muß, daß es genau sei­ne Über­zeu­gung widerspiegelt.

Die­ser Makel lastet auf dem aktu­el­len Pon­ti­fi­kat und Tucho Fernán­dez ist die Blei­ku­gel am Bein des neu­en Papstes.

Sie zieht durch wider­sprüch­li­che Doku­men­te, schlecht abge­wo­ge­ne Inter­ven­tio­nen und ideo­lo­gi­sche Expe­ri­men­te im Kurz­schluß­mo­dus nicht nur Leo XIV. in die Tie­fe, son­dern die Auto­ri­tät der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on (Glau­bens­dik­aste­ri­um) und der kirch­li­chen Lehr­au­tori­tät überhaupt.

Wie lan­ge kann sich die­ses Pon­ti­fi­kat, wie lan­ge kann sich die Kir­che einen Glau­bens­prä­fek­ten Tucho Fernán­dez und das berg­o­glia­ni­sche Pro­tek­ti­ons­sy­stem noch lei­sten? Der hoch­be­tag­te Kar­di­nal Joseph Zen gab bereits weni­ge Tage nach der Ver­öf­fent­li­chung von Fidu­cia sup­pli­cans die Ant­wort: Kar­di­nal Vic­tor Manu­el Fernán­dez soll­te zurücktreten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: 0221 (Screen­shot)