Warum man Papst Franziskus verteidigen soll – laut Eugenio Scalfari

Wer unterstützt Franziskus wirklich?

Eugenio Scalfari widmete seine Kolumne erneut Papst Franziskus. Dieses Bild wurde von La Repubblica zum Artikel vom 17. November veröffentlicht.
Eugenio Scalfari widmete seine Kolumne erneut Papst Franziskus. Dieses Bild wurde von La Repubblica zum Artikel vom 17. November veröffentlicht.

(Rom) Der Vati­ka­nist Mar­co Tosat­ti ver­öf­fent­lich­te eine pole­mi­sche Stel­lung­nah­me eines sei­ner Alter Egos, kon­kret von Msgr. X, zur jüng­sten Kolum­ne von Euge­nio Scal­fa­ri, in der die­ser erklärt, daß man Papst Fran­zis­kus ver­tei­di­gen müs­se, aber nicht sagt, war­um dies gesche­hen sol­le. Oder doch?

Zunächst ist der Hin­ter­grund des Gesche­hens zu erhel­len. Euge­nio Scal­fa­ri ist der Grün­der von La Repub­bli­ca, der ein­zi­gen Tages­zei­tung, die Papst Fran­zis­kus laut eige­nen Anga­ben täg­lich liest. La Repub­bli­ca ist das Flagg­schiff des ita­lie­ni­schen Links­jour­na­lis­mus, als des­sen Doy­en Scal­fa­ri gilt. Scal­fa­ris Fami­lie gehört zum frei­mau­re­ri­schen Hoch­adel, denn schon sein Ur-Ur-Urgroß­va­ter war ein beschürz­ter Bru­der und seit­her alle direk­ten männ­li­chen Vor­fah­ren die­ser Linie. Über sei­ne eige­ne Logen­mit­glied­schaft schweigt sich der inzwi­schen 96jährige aus, zeigt in sei­nem Haus aber augen­zwin­kernd und stolz die frei­mau­re­ri­sche Ahnen­ga­le­rie. Scal­fa­ri ist beken­nen­der Athe­ist und kann auf eine bis in die 50er Jah­re zurück­rei­chen­de akti­ve und füh­ren­de Rol­le als Kir­chen­geg­ner ver­wei­sen. Soweit das all­ge­mei­ne Vorspiel.

Die­ser Man­gia­pre­ti, „Pfaf­fen­fres­ser“, wie die Ita­lie­ner sagen, stell­te sich im Herbst 2013 der stau­nen­den Öffent­lich­keit plötz­lich als „Freund“ von Papst Fran­zis­kus vor. Die­se Freund­schaft sei im ersten Som­mer die­ses Pon­ti­fi­kats gewach­sen auf der Grund­la­ge eines Brief­wech­sels, von Tele­fon­ge­sprä­chen und schließ­lich einer ersten per­sön­li­chen Begeg­nung, aus der ein auf­se­hen­er­re­gen­des „Inter­view“ wur­de. Die Anfüh­rungs­zei­chen sind ver­pflich­tend, da Scal­fa­ri im Novem­ber 2013 vor der römi­schen Aus­lands­pres­se erklär­te, die Ant­wor­ten des Pap­stes aus dem Gedächt­nis rekon­stru­iert, also selbst for­mu­liert zu haben. So unge­wöhn­lich die­se jour­na­li­sti­sche Arbeits­wei­se ist, so sicher darf man aber anneh­men, daß Scal­fa­ris Beteue­rung zutref­fend ist, er habe die Aus­sa­gen des Pap­stes sinn­ge­treu wie­der­ge­ge­ben. Das Sze­na­rio wie­der­hol­te sich in den ver­gan­ge­nen sie­ben Jah­ren mehr­fach, da wei­te­re Begeg­nun­gen und Tele­fon­ge­sprä­che mit dem Papst folg­ten – und immer nach dem­sel­ben Muster.

Eine unvollständige Aufreihung

2013

2014

2015

2016

2017

2018

2019

2020

Den Pres­se­ver­ant­wort­li­chen des Hei­li­gen Stuhls schien zwar jedes­mal die Luft weg­zu­blei­ben, doch zu einer ech­ten Distan­zie­rung kam es nicht. Damit gilt Scal­fa­ris Wort. Eini­ge Kar­di­nä­le empör­ten sich, Kar­di­nal Bur­ke sag­te zu Scal­fa­ris Oster­ko­lum­ne von 2018, sie gehe „über das erträg­li­che Maß hin­aus“, und Kar­di­nal Mül­ler sprach im Janu­ar 2019 die ern­ste Emp­feh­lung aus, Fran­zis­kus sol­le sich von Bene­dikt XVI. statt vom Athe­isten Euge­nio Scal­fa­ri bera­ten las­sen, doch San­ta Mar­ta beküm­mer­te es nicht.

Papst Fran­zis­kus und das Scalfari-Lehramt

Soweit der spe­zi­fi­sche Hin­ter­grund, vor dem das Gan­ze spielt.

Wir fas­sen zusam­men: Aus Scal­fa­ri, dem Kir­chen- und Papst­geg­ner, wur­de mit der Wahl von Papst Fran­zis­kus zwar ein Papst­freund, aber kein Kir­chen­freund. In der Tat fol­gen alle Kolum­nen, die der „Freund des Pap­stes“ in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf die Titel­sei­te von La Repub­bli­ca setz­te, dem glei­chen Sche­ma: Sie prä­sen­tie­ren den Papst als Ban­ner­trä­ger einer neu­en, „ande­ren“ Kir­che, deren Leh­ren sich – sie­he da – von Kolum­ne zu Kolum­ne jenen der Frei­mau­re­rei annähern.

Scafaris Verteidigungsaufruf

Am 17. Novem­ber ver­öf­fent­lich­te La Repub­bli­ca den Arti­kel „Der Jesui­ten­papst und sei­ne Fein­de“ von Miguel Gotor. Ähn­li­che Ver­tei­di­gun­gen gab es in der Ver­gan­gen­heit bereits zuhauf. Kaum ein füh­ren­des Main­stream-Medi­um, das sich nicht damit schmücken könn­te. Neu ist, daß die Zuge­hö­rig­keit zum Jesui­ten­or­den so dezi­diert als Grund für tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che Anfein­dun­gen „in- und außer­halb“ der Kir­che ange­führt wird.

Zwei Tage spä­ter, am 19. Novem­ber griff dann Scal­fa­ri selbst zur Feder und brach­te gleich in der Über­schrift zum Aus­druck, wor­um es geht:

„War­um Papst Fran­zis­kus verteidigen.“

Nach sie­ben Jah­ren der ein­sei­ti­gen Annä­he­rung von Fran­zis­kus an Scal­fa­ri wird wahr­schein­lich nie­mand mehr ver­wirrt dar­über sein, daß ein lin­kes Front­blatt und des­sen Steu­er­mann als Prä­to­ria­ner­gar­de des Pap­stes auf­tre­ten. Am 14. Janu­ar 2016, La Repub­bli­ca fei­er­te ihr 40. Grün­dungs­fest, erzähl­te Scal­fa­ri den ver­sam­mel­ten Mit­ar­bei­tern und den zahl­rei­chen Gästen aus Poli­tik, Wirt­schaft und Kul­tur sowie den viel­köp­fig erschie­ne­nen Kol­le­gen ande­rer Medi­en, wie Fran­zis­kus ihn gebe­ten habe, sich „nicht zu bekeh­ren“. Natür­lich alles irgend­wie scherz­haft ver­packt. „Denn, so der Papst, er wüß­te sonst nicht, wo er dann einen ande­ren Ungläu­bi­gen wie ihn fän­de, mit dem er reden kön­ne, um neu­en Ansporn zu bekom­men“, berich­te­te der anwe­sen­de Jour­na­list einer ande­ren Tages­zei­tung die Erzäh­lung. Das anwe­sen­de Publi­kum war begeistert.

Zwei Tage vor dem Repub­bli­ca-Fest war am 12. Janu­ar 2016 das Gesprächs­buch von Andrea Tor­ni­el­li mit Papst Fran­zis­kus „Der Name Got­tes ist Barm­her­zig­keit“ in den Buch­han­del gekom­men. Tor­ni­el­li, seit 2013 päpst­li­cher Hof­va­ti­ka­nist, wur­de von Fran­zis­kus Ende 2018 als Chef­re­dak­teur mit Lei­tungs- und Koor­di­nie­rungs­be­fug­nis für alle Vati­kan­me­di­en an die Römi­sche Kurie beru­fen. Scal­fa­ri hat­te Papst Fran­zis­kus einen „Revo­lu­tio­när“ genannt. Bei der Vor­stel­lung des Buches durch den bekann­ten Schau­spie­ler, Regis­seur, Oscar-Preis­trä­ger und poli­tisch enga­gier­ten Rober­to Benig­ni, im deut­schen Sprach­raum vor allem durch sei­nen Holo­caust-Film „Das Leben ist schön“ bekannt, sekun­dier­te dieser:

„Fran­zis­kus ist ein Revo­lu­tio­när, wie Euge­nio Scal­fa­ri ihn genannt hat, der auch ein Revo­lu­tio­när ist. Unter Revo­lu­tio­nä­ren ver­steht man sich eben.“

War­um also ist Papst Fran­zis­kus laut Scal­fa­ri zu „ver­tei­di­gen“? Msgr. X konn­te in des­sen Kolum­ne kei­ne Ant­wort fin­den. „Mei­nes Erach­tens hat Scal­fa­ri mit dem Schrei­ben begon­nen, dann aber ver­ges­sen, was er sagen woll­te.“ Die­ser betont zunächst aus­führ­lich das inter­na­tio­na­le Anse­hen, das Fran­zis­kus genie­ße, und daß es dem argen­ti­ni­schen Papst sogar gelin­ge, die Jesui­ten – in man­chen Krei­sen ein altes Feind­bild schlecht­hin – auf­zu­wer­ten. „Aber er erklärt nicht, war­um man ihn ver­tei­di­gen soll­te, abge­se­hen davon, weil er sein Freund ist.“

Euge­nio Scal­fa­ri (*1924)

Der „einzige Gott“ der Eine-Welt-Religion

Liest man wei­ter, so Msgr. X, fin­de sich doch ein „rea­li­täts­nä­he­rer“ Ansatz: Scal­fa­ri führt aus, daß man Fran­zis­kus ver­tei­di­gen müs­se, weil er den reli­giö­sen Syn­kre­tis­mus vor­an­brin­ge und einen „ein­zi­gen Gott“ ver­tre­te, mehr noch, einen „ein­zi­gen nicht-christ­li­chen Gott“. Ob der „Freund des Pap­stes“ damit viel­leicht Pach­a­ma­ma meint, müs­se aber offenbleiben.

Das alles sei aber nicht neu. Scal­fa­ri wie­der­holt es seit Jah­ren. Dann scheint er den roten Faden zu ver­lie­ren und meint schließ­lich, man müs­se Fran­zis­kus unter­stüt­zen, weil Fran­zis­kus wegen des Coro­na­vi­rus nicht mehr über­all­hin rei­sen kön­ne, wie er es möch­te. Mit Scal­fa­ris Wor­ten: „Er ist gezwun­gen, in den päpst­li­chen Gemä­chern zu bleiben“.

Msgr. X meint, Scal­fa­ri sei schon so „senil“, daß er Kolum­nen „ohne Hand und Fuß“ schrei­be. „Dra­ma­tisch.“ Tosat­tis „Ein­flü­ste­rer“ ergeht sich dann in einer sar­ka­sti­schen Pole­mik, an deren Ende aber doch eine nicht unwich­ti­ge Schluß­be­mer­kung steht:

„Als ich die Über­schrift des Arti­kels las, erwar­te­te ich etwas ganz ande­res von der Art: ‚Wir müs­sen Papst Fran­zis­kus gegen Fein­de ver­tei­di­gen‘, die nicht die übli­chen vier ver­ach­te­ten, alten Tra­di­tio­na­li­sten ‚mit Zahn­ersatz‘, son­dern ganz ande­re sind.

Wir haben ver­stan­den, daß Xi Jin­ping ihn nicht schätzt und ihn benutzt.

Wir wis­sen, daß Biden an einer Poli­tik des Wirt­schafts­wachs­tums arbei­tet, die der ‚Wirt­schaft des Fran­ces­co‘ wider­spricht.

Mer­kel und Macron igno­rie­ren ihn und zie­hen ihn nicht ein­mal in Betracht.

Die jüdi­sche Welt liebt ihn nicht, ja nicht ein­mal die isla­mi­sche, trotz der Ver­su­che sich bei ihnen einzuschmeicheln.

Nicht ein­mal die Jesui­ten schät­zen ihn.

Wahr­schein­lich sind die ein­zi­gen, die ihn noch unter­stüt­zen, die Frei­mau­rer­brü­der. Frei­lich jene, die benut­zen und dann wegwerfen …“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. Was soll man dazu noch sagen? 

    So isses. Die Fak­ten­la­ge ist nun mal so und nicht anders. Und in ihrer Gesamt­heit lässt sie sich eigent­lich nur nega­tiv beur­tei­len. Wohl kein über­zeug­ter Katho­lik kann dar­in eine posi­ti­ve Rich­tung erken­nen. Es sei denn, es ist bereits die ernst­zu­neh­men­de Vor­be­rei­tung auf die nahen­de Wie­der­kunft Chri­sti. Nähe­res dazu lässt sich den Gerichts­re­den des Herrn ent­neh­men und natür­lich vor allem auch der Gehei­men Offen­ba­rung des Johan­nes. Letz­te­re ist sicher mehr als nur ein für Lai­en schwer ver­ständ­li­ches Trost­buch, wie man­che moder­nen Theo­lo­gen uns weis­ma­chen möch­ten und das angeb­lich nur sie ent­schlüs­seln können. 

    Im oben­ste­hen­den Bei­trag wird erwähnt, dass Papst Fran­zis­kus inter­na­tio­na­les Anse­hen besit­ze. Ob das wirk­lich so ist? Viel­leicht bei den kir­chen­fer­nen/-kir­chen­feind­li­chen Medi­en­ma­chern. Und inzwi­schen nicht ein­mal mehr bei denen. Und wohl schon gar nicht beim 96jährigen Scal­fa­ri selbst, der sicher der festen Über­zeu­gung ist, Jor­ge M. Ber­go­glio intel­lek­tu­ell haus­hoch über­le­gen zu sein.
    Wer immer behaup­tet, das gegen­wär­ti­ge Pon­ti­fi­kat sei beson­ders segens­reich, muss wohl in einer ande­ren Welt leben. 

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