Gibt es keine absolute Wahrheit? — Mißverständlicher Papstbrief an Atheisten Eugenio Scalfari

Eugenio Scalfari und Papst Franziskus
Eugenio Scalfari und Papst Franziskus: Das individuelle Gewissen als höchste Instanz?

(Rom) Papst Fran­zis­kus hat dem ehe­ma­li­gen Chef­re­dak­teur der links­li­be­ra­len Tage­zei­tung La Repub­bli­ca und füh­ren­den ita­lie­ni­schen Jour­na­li­sten Euge­nio Scal­fa­ri einen Brief geschrie­ben. Scal­fa­ri, der aus einer alten Frei­mau­rer­fa­mi­lie stammt, war Mit­grün­der der Radi­ka­len Par­tei, ist Athe­ist, laut­star­ker Kir­chen­geg­ner, Sena­tor auf Lebens­zeit, einer der maß­geb­li­chen Pro­pa­gan­di­sten der ita­lie­ni­schen Volks­ab­stim­mun­gen der 70er Jah­re, mit denen Ehe­schei­dung und Abtrei­bung lega­li­siert wur­den. Die Initia­ti­ve des Pap­stes ist daher außer­ge­wöhn­lich, der Inhalt teil­wei­se erklä­rungs­be­dürf­tig bis umstritten.

Aus­sa­gen, die, wie begei­ster­te Medi­en­be­rich­te bele­gen, leicht zu erah­nen­de Schluß­fol­ge­run­gen nach sich zie­hen. So schrieb etwa sogar die ita­lie­ni­sche katho­li­sche Tages­zei­tung Avve­ni­re: „‘Gott ver­gibt, wer dem eige­nen Gewis­sen folgt‘. Das schreibt Papst Fran­zis­kus in einem Brief an die Tages­zei­tung Repub­bli­ca in Beant­wor­tung von zwei Arti­keln von Euge­nio Scal­fa­ri die am 7. Juli und 7. August ver­öf­fent­licht wur­den. Der Papst ant­wort im Brief auf zwei Schlüs­sel­the­men, die Scal­fa­ri auf­ge­wor­fen hat­te: ‘mir scheint, daß es Ihnen am Her­zen liegt, die Hal­tung der Kir­che gegen­über jenen zu ver­ste­hen, die den Glau­ben an Jesus nicht tei­len. Vor allem fra­gen Sie mich, ob der Gott der Chri­sten jenen ver­gibt, die nicht glau­ben und nicht den Glau­ben suchen. Es sei vor­aus­ge­schickt, und das ist grund­le­gend, daß die Barm­her­zig­keit Got­tes kei­ne Gren­zen kennt. Die Fra­ge für jene, die nicht an Gott glau­ben, liegt im Gehor­sam gegen­über dem eige­nen Gewis­sen. Die Sün­de exi­stiert auch für den, der kei­nen Glau­ben hat, wenn man gegen das Gewis­sen handelt.“

Neue Heilsformel: Gott wird die Atheisten retten, die ihrem Gewissen folgen?

Die Fest­stel­lung mag so nicht falsch sein und doch paßt sie, so im Raum ste­hen gelas­sen, nicht. Was nicht paßt, ist die nicht aus­ge­spro­che­ne, aber logi­sche Schluß­fol­ge­rung dar­aus: Es besteht kei­ne Not­wen­dig­keit, sich zu Chri­stus zu bekeh­ren, es genügt, daß man dem eige­nem Gewis­sen folgt. Und dabei kann man sich nun sogar auf einen Papst beru­fen. Ja, wenn es der Papst selbst sagt.

Brief von Papst Franziskus an Atheisten Eugenio Scalfari: Gibt es keine absolute Wahrheit?Damit wird die ret­ten­de Heils­tat Chri­sti am Kreuz gemin­dert, wenn nicht sogar bedeu­tungs­los erklärt, die eigent­lich das gan­ze Leben des Men­schen ver­än­dern und bestim­men soll­te und die von der Kir­che allen Men­schen ver­kün­det wer­den soll­te. Dabei ent­hält das päpst­li­che Schrei­ben an Scal­fa­ri vie­le lich­te Momen­te über das Ver­hält­nis zu Chri­stus, die ganz an Papst Bene­dikt XVI. erin­nern. Die Rela­ti­vie­rung der Bekeh­rung als Vor­aus­set­zung für das See­len­heil ist dem deut­schen Papst hin­ge­gen fremd und erin­nert viel­mehr an den neu­en Ber­go­glio-Stil, der den Medi­en so gefällt. Die media­len Reak­tio­nen spre­chen für sich.

Lau­tet eine neue Heils­for­mel: Gott wird die Athe­isten ret­ten, die ihrem Gewis­sen fol­gen? Wäh­rend Chri­stus dabei kei­ne Rol­le spielt.

Am Mitt­woch-Mor­gen sag­te der Papst aber in sei­ner Kurz­pre­digt, die Bot­schaft des Hei­li­gen Pau­lus sei: „Chri­stus ist alles“, er sei die Ganz­heit und die Hoff­nung, „weil er der Bräu­ti­gam ist, der Sieger“.

Und in der Mitt­wochs­au­di­enz sag­te der Papst: „In der Tau­fe wer­den wir von der Kir­che als Kin­der Got­tes gebo­ren.“ Und for­der­te die Gläu­bi­gen auf, den Glau­ben „frucht­bar“ wer­den zu las­sen, damit „das Licht Chri­sti alle Enden der Erde erreicht“.

Kein Wider­spruch?

Etymologische Korrektheit mit Gefahr eines Mißverständnisses — das prompt auftrat

Eine wei­te­re Stel­le des Papst­brie­fes wur­de von ver­schie­de­nen Medi­en mit Genug­tu­ung auf­ge­grif­fen: Der Papst habe Scal­fa­ri geschrie­ben, daß es kei­ne „abso­lu­te Wahr­heit“ gebe. So hat es der Papst nicht geschrie­ben. Die vom Papst gebrauch­te For­mu­lie­rung bot jedoch Anlaß für Miß­ver­ständ­nis­se, die La Repub­bli­ca umge­hend aus­nütz­te, um den Papst selbst als Ver­fech­ter des Rela­ti­vis­mus daste­hen zu las­sen. Die Fra­ge, ob es eine abso­lu­te Wahr­heit gibt oder nicht, ist von zen­tra­ler Bedeu­tung für den christ­li­chen Glauben.

„Abso­lut“ wird meist als Syn­onym für defi­ni­tiv, nicht ver­han­del­bar, objek­tiv und unver­gleich­lich ver­wen­det. Papst Fran­zis­kus prä­zi­sier­te im Schrei­ben an Scal­fa­ri jedoch, daß er in der Fest­stel­lung, daß „die Wahr­heit nicht abso­lut“ ist, es in sei­ner kor­rek­ten ety­mo­lo­gi­schen Bedeu­tung, die vom Latein her­kommt, gebraucht.

Der Begriff „abso­lut“ lei­tet sich vom latei­ni­schen Verb absol­vo, absol­ve­re ab, das sich aus der Prä­po­si­ti­on ab (von) und dem Verb sol­vo (lösen), zusam­men­setzt. Kon­ju­giert lau­tet das Par­ti­zip Per­fekt solu­tus, und ist eine Pas­siv­form. Abso­lu­tus bedeu­tet also „gelöst, los­ge­löst von“. Das latei­ni­sche Verb sol­vo bezeich­net nicht nur eine phy­si­sche Los­lö­sung, son­dern auch im Zusam­men­hang mit einer Bezie­hung, wie Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na fest­hielt. Dies vor­aus­ge­setzt wird die Pas­sa­ge im Papst­brief an Scal­fa­ri verständlicher:

Begin­nend wür­de ich nicht ein­mal bei jenen, die glau­ben, von „abso­lu­ter Wahr­heit“ spre­chen, im Sin­ne, daß abso­lut das ist, was los­ge­löst ist, das was ohne jede Bezie­hung ist. Die Wahr­heit laut christ­li­chem Glau­ben aber ist die Lie­be Got­tes für uns in Jesus Chri­stus. Daher ist die Wahr­heit eine Beziehung!

Die Wahr­heit ist nicht „abso­lut“, nicht weil sie rela­tiv ist, son­dern weil sie eine Bezie­hung ist und daher der Bin­dun­gen bedarf: Die Lie­be Got­tes und sein Leben in der Rea­li­tät der Kirche.

Die Fra­ge nach der Sinn­haf­tig­keit die­ses Wort­spiels des Pap­stes bleibt. Die Gefahr eines Miß­ver­ständ­nis­ses lag von vor­ne­her­ein auf der Hand. War­um wur­de den­noch die­ses Risi­ko ein­ge­gan­gen, das prompt ein­ge­tre­ten ist, wie die Eupho­rie der Repub­bli­ca und in derem Gefol­ge zahl­rei­cher ande­rer Medi­en belegt? Wem also hat die ety­mo­lo­gi­sche „Kor­rekt­heit“ genützt? Dem See­len­heil von wem soll­te es nüt­zen? Wie­viel zusätz­li­che Ver­wir­rung hat es ohne Not gestiftet?

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Nuo­va Bus­so­la Quotidiana

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