In der Kirche herrscht ein paradoxer Rollentausch

Widersprüchlicher Rollentausch, der "beunruhigend" ist: Analyse von InfoVaticana zu den aktuellen Konflikten in der katholischen Kirche. Im Bild von oben links die Verteidiger der kirchlichen Lehre: Kardinal Sarah, Ettore Gotti Tedeschi, Kardinal Burke, Erzbischof Negri. Unten v.l. die progressiven Neuerer, die jede Diskussion abwürgen: Antonio Spadaro SJ, Andrea Tornielli, James Martin SJ, Kardinal Kasper.
Widersprüchlicher Rollentausch, der "beunruhigend" ist: Analyse von InfoVaticana zu den aktuellen Konflikten in der katholischen Kirche. Im Bild von oben links die Verteidiger der kirchlichen Lehre: Kardinal Sarah, Ettore Gotti Tedeschi, Kardinal Burke, Erzbischof Negri. Unten v.l. die progressiven Neuerer, die jede Diskussion abwürgen: Antonio Spadaro SJ, Andrea Tornielli, James Martin SJ, Kardinal Kasper.

(Rom) „Kardinäle wie Sarah und Burke, Bischöfe wie Luigi Negri oder Laien wie Gotti Tedeschi sind ständigen persönlichen Angriffen ausgesetzt, und das fast immer aus demselben Grund: weil sie die katholische Lehre verteidigen. Auch die Aggressoren sind in der Regel die gleichen: Spadaro, Tornielli, James Martin…“ Mit diesen Worten schildert InfoVaticana die aktuelle Situation in der Kirche. Wer die katholische Glaubenslehre und kirchliche Disziplin verteidigt, wird öffentlich und meist auf der persönlichen Ebene angegriffen. Nicht etwa durch Kirchenfeinde, sondern durch Kirchenvertreter, die Papst Franziskus besonders nahestehen.

„Die streitende Kirche“ lebt in der Welt mit ihren Schatten, „ohne von der Welt zu sein“. Ihre Gläubigen sind aber „gegen die Ideen und Tendenzen der Welt nicht unverwundbar“, so die spanische Internetzeitung.

„Vielleicht ist es deshalb nicht überraschend, auch im kirchlichen Umfeld das Spiegelbild eines einzigartigen Phänomens sehen, das wir jeden Tag im politischen Panorama des Westens erleben.“

Was ist damit gemeint?

Progressive, die gestern Meinungsfreiheit forderten, wollen heute nichts davon wissen

Progressistische Kreise in der Kirche haben jahrzehntelang „Öffnung“, „Flexibilität“, „Meinungsfreiheit“ und „Barmherzigkeit“ gefordert. Doch nun, da sie selbst „an der Macht sind“, scheinen diese Forderungen für sie keine Rolle mehr zu spielen. „Die Reihen werden geschlossen“ und selbst zurückhaltende Abweichungen bekämpft.

„Sie bringen jede kritische Stimme zum Schweigen, stürzen sich gnadenlos wie ein Rudel auf die Wagemutigen und machen die formale Autorität, die sie jetzt ausüben, zum endgültigen Kriterium der Wahrheit.“

In der Vergangenheit habe es zahlreiche Beispiele dafür gegeben, so InfoVaticana. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem Amoris laetitia, das umstrittene nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus. Vier Kardinäle haben dazu Dubia (Zweifel) geäußert und den Papst um Klärung gebeten.

„Das genügte bereits, um die Hoftheologen wie auf Knopfdruck herausspringen zu lassen, um alles zum Schweigen zu bringen.“

Ein „trauriges“ Beispiel sei auch die Reaktion der „neuen Orthodoxie“ gegen die Unterzeichner der Correctio filialis wegen der Verbreitung von Häresien. Das sonst betonte Liebesgebot samt Barmherzigkeit hin oder her: Unerbittlich wurde den Unterzeichner mangelnder Respekt vor dem Papst vorgeworfen. Dabei wurde jede inhaltliche Auseinandersetzung mit den Argumenten, die von den Unterzeichnern der Correctio vorgebracht wurden, konsequent vermieden.

διαβάλλειν – verwirrende Rollenumkehr

InfoVaticana nennt auch die Namen der Hauptfiguren, die jede kritische Anmerkung niedermachen:

  • Massimo Faggioli, Theologe, Historiker und Vatikanist der Zeitschrift Commonweal Magazine;
  • James Martin, Jesuit, Redakteur der US-Jesuitenzeitschrift America, unermüdlicher Verfechter von „Homo-Rechten“ und daher besonderer Medienliebling;
  • Antonio Spadaro, Jesuit, Chefredakteur der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà  Cattolica;
  • Austen Ivereigh, früher Pressereferen von Kardinal Murphy-O’Connor, Enthüller des Team Bergoglio und Franziskus-Biograph;
  • Andrea Tornielli, Vatikanist der Tageszeitung La Stampa, Koorinator von Vatican Insider und Haus- und Hofvatikanist von Papst Franziskus,

Das „Paradoxe“ an der aktuellen Situation sei, daß in Form einer „beunruhigenden Komödie“ ein eklatante „Rollentausch“ stattgefunden habe.

Jene, die vor doktrinellen Neuerungen warnen, weil sie sich in Treue auf die tausendjährige Tradition der Kirche sützen, werden als ungehorsame „Rebellen“ hingestellt und beschimpft. Jene, die für Neuerungen sind, berufen sich auf die faktische Macht, die sie nun innehaben, und fordern in deren Namen „Öffnungen“ und eine „Relativierung“ des Depositum fidei.

Mit anderen Worten: Wer glaubenstreu ist, steht wie ein ungehorsamer Rebell da und die ungehorsamen Rebellen wie die legitime Autorität.

Nicht nur Amoris laetitia: Kardinal Sarah als Zielscheibe

Der Konflikte betrifft, so InfoVaticana, aber nicht nur Amoris laetitia samt Dubia und Correctio filialis. Das nachsynodale Schreiben „ist nicht das einzige Schlachtfeld in dem scheinbar tumben und nicht erklärten Krieg, um die kirchliche Praxis zu ändern“.

Eine Zielscheibe vieler Angriffe ist Kurienkardinal Robert Sarah, der Präfekt der Gottesdienstkongregation, obwohl er „weder einen kritischen Text gegen Amoris laetitia unterschrieben hat noch von seinem Temperament her ein Freund von Kontroversen ist“.

Der Kardinal aus Guinea schweigt aber nicht, wenn er in seinem Zuständigkeitsbereich Gefahren sieht. Solche erkannte er im päpstlichen Motu proprio Magnum Principium, mit dem Franziskus jeder einzelnen Bischofskonferenz, von denen es weltweit derzeit 120 gibt, die primäre Zuständigkeit für die Übersetzung der liturgischen Bücher in die Landessprachen sowie „Anpassungen“ der liturgischen Texte übertragen hat. Die Bestimmungen sind bereits seit dem 1. Oktober in Kraft.

Kardinal Sarah sieht die Gefahr, daß damit die äußere liturgische Einheit der Kirche bedroht sein könnte, aber auch inhaltliche Abweichungen und Fehlentwicklungen stattfinden und außer Kontrolle geraten könnten. Dagegen erhob er, ohne Kritik an Franziskus zu äußern, seine Stimme, indem er als zuständiger Kardinalpräfekt eine Präzisierung zum Motu proprio veröffentlichte, zu dessen Ausarbeitung er vom Papst nicht hinzugezogen worden war.

Darauf reagierte Franziskus mit einer scharfen öffentlichen Demütigung des von ihm selbst zum Präfekten der Gottesdienstkongregation ernannten Kardinals.

Ettore Gotti Tedeschi und die anderen „Feinde des Papstes“

Eine weitere, bevorzugte Zielscheibe der „Wächter der neuen Macht“ ist Ettore Gotti Tedeschi. Der Finanzwissenschaftler und Bankier, bis 2012 Präsident der Vatikanbank IOR, unterzeichnete die Correctio filialis. Auf diese Unterschrift stürzten sich in einer ersten Reaktion jene, die zum engsten Kreis um Franziskus gehören. Da jede inhaltliche Auseinandersetzung Tabu ist, wurde nicht davor zurückgeschreckt, reflexartige Aversionen gegen „Banker“ zu schüren, wie es der päpstliche Hofvatikanist Andrea Tornielli getan hat.

Die Unterzeichner der Correctio filialis wurden insgesamt als „Feinde des Papstes“ bezeichnet. Man ging sogar soweit, zu behaupten, es handle sich „um Feinde der Kirche Jesu Christi“.

Daraus ergebe sich ein weiteres „Paradox“, so InfoVaticana: Wer nichts anderes wolle, „als der Tradition der Kirche treu zu bleiben“, werde als Feind Jesu Christi denunziert. Dabei handelt es sich bei den Unterzeichnern um Persönlichkeiten, die nachweislich ihr ganzes Laben der kirchliche Lehre und Ordnung treu gedient haben. Zu jenen, aber die das Gegenteil behaupten und sich nun mit Papst Franziskus solidarisieren, finden sich aber solche, die ihr ganzes Leben „als theologische Dissidenten“ verbracht haben. InfoVaticana erwähnt sie nicht, aber man kann an dieser Stelle an die Aktion des progressiven Pastoraltheologen Paul Zulehner Pro Pope Francis denken.

Heuchlerische Widersprüche

Und da es um Widersprüchlichkeiten geht, wird von der katholischen Onlinezeitung noch eine weitere genannt:

„Dieselben Theologen und Kleriker, die eine linke Dritte-Welt-Sicht zu ihrer bevorzugten Fahne gemacht haben und die ‚eurozentrische‘ Etikette wie die Pest meiden, verbergen aber kaum ihre intellektuelle Verachtung für Sarah und andere afrikanische Prälaten … weil diese Afrikaner sind.“

Die Worte von Kardinal Walter Kasper, einem anderen Vertrauten von Franziskus, die dieser gegen die afrikanischer Kritik am Kurs äußerte, der sich nun durch Amoris laetitia in der Kirche ausbreitet, seien schwerlich anders zu interpretieren, so InfoVaticana.

Afrika sei „ganz anders“ als der Westen, so Kasper. Die Afrikaner hätten den Menschen im Westen nicht zu sagen, wie sie über Ehe, Familie und Homosexualität zu denken hätten.

In diesem Interview, das Kasper kurz vor Ende der ersten Bischofssynode über die Familie gab, flackerte bereits die „Dezentralisierung“ auf, die Franziskus mit der Umsetzung von Amoris laetitia de facto und mit dem Motu proprio Magnum Principium auch de jure umsetzt. Das Ergebnis ist eine sich ausbreitende Fraktionierung der Kirche.

Mit welcher Legitimität fordern Relativierer Gehorsam?

InfoVaticana endet den Artikel mit einer beklemmenden Feststellung:

„Um eine Frage aus einem früheren Artikel zu wiederholen: Ist es eine ‚Verschwörungstheorie‘ in all diesen Signalen die willentliche, von sehr mächtigen Kräften in ihrer Mitte unterstützte Absicht zu sehen, die katholische Doktrin ‚relativieren‘ zu wollen? Und wenn dem so ist: Mit welcher Legitimität kann verlangt werden, Veränderungen zu akzeptieren, mit denen alles relativiert wird, denn dadurch wird auch die Verpflichtung relativiert, den Hirten zu gehorchen?“

Die Onlinezeitung endet ihre Analyse aus der Feder von Carlos Esteban mit dem Satz:

„‚Niemand hört dir zu, Athanasius! Die ganze Welt ist gegen dich!, sagten jene, die auf den Straßen schrien. Und er antwortete: ‚Dann bin ich gegen die Welt‘.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: InfoVaticana

2 Kommentare

  1. „Progressive, die gestern Meinungsfreiheit forderten, wollen heute nichts davon wissen.“ –> Als ich dies las, fiel mir spontan ein, was ein weiser alter Mann früher zu sagen pflegte: ‚Wenn der Knecht aufs Pferd kommt, dann reitet er härter, als der vorherige Herr dies je zu tun pflegte.“ –> Beten und hoffen!

    • „Wenn der Knecht aufs Pferd kommt, dann reitet er härter als der vorherige Herr dies je zu tun pflegte“.

      Der Grund hierfür ist die Unsicherheit in der neuen Position. Darüber hinaus gilt grundsätzlich: Wer nicht dazu bereit ist, sich auf andere Meinungen und Sichtweisen einzulassen, ist sich seiner eigenen Meinung nicht sicher. Eine solche Haltung ist immer ein Zeichen von Schwäche und nicht von Stärke.
      Auf lange Sicht ist Zensur auch immer erfolglos.

      Um einen Einwand vorwegzunehmen, möchte ich sofort bemerken, dass der katholische „Index librorum“ nicht die Aufgabe hat(te), die Diskussion abzuwürgen, sondern Katholiken zu schützen, die in ihrem Glauben durch unverstandene Dinge erschüttert werden könnten.

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