Am 1. Juli will diePriesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) neue Bischöfe weihen. Die Ankündigung markiert einen kirchenpolitisch hochsensiblen Schritt, der Erinnerungen an das Jahr 1988 wachruft, als Erzbischof Marcel Lefebvre ohne päpstliche Zustimmung vier Bischöfe weihte, die seine eigene Exkommunikation und die der vier neugeweihten Bischöfe zur Folge hatte. Während der Status für den 1991 verstorbenen Erzbischof Lefebvre bis heute nicht aufgehoben wurde, nahm Papst Benedikt XVI. jenen der vier unerlaubt, aber gültig geweihten Bischöfe 2009 zurück. Wiederholt sich nun der Konflikt von 1988, oder wird Rom anders reagieren?
Die Nachricht zieht solche Kreise, daß die Internetseiten der Priesterbruderschaft derzeit nicht erreichbar sind.
CNA beruft sich auf Informationen aus den Reihen des von Msgr. Lefebvre gegründeten Werkes, auf das direkt oder indirekt der gesamte Bereich der heutigen traditionsverbundenen Gemeinschaften in der Kirche zurückgeht. Nach Angaben der Bruderschaft ging der Entscheidung zu neuen Weihen ein formelles Ersuchen an den Heiligen Stuhl voraus. Generaloberer Pater Davide Pagliarani bat im vergangenen August, kurz nach der Wahl des neuen Papstes, um eine Audienz bei Leo XIV. und legte in weiteren Schreiben die aus seiner Sicht „objektive Notwendigkeit“ neuer Bischofsweihen dar. Innerhalb der Bruderschaft wird schon seit einigen Jahren mit zunehmender Insistenz auf neue Bischofsweihen gedrängt. Das Werk ist heute weit größer als 1988, als Erzbischof Lefebvre vier neue Bischöfe weihte, von denen heute nur mehr zwei leben. Einer, Bischof Richard Williamson, wurde aus der Bruderschaft ausgeschlossen und ist 2025 verstorben, ein weiterer, Bischof Tissier de Mallerais, ist 2024 verstorben. Rom ging auf die Bitte aber nicht ein. Bis heute sah der Heilige Stuhl keine Notwendigkeit, auf die Bitte zu antworten. Stattdessen sei kürzlich zwar ein Schreiben aus Rom eingetroffen, das die vorgetragenen Anliegen aber vollständig unbeantwortet läßt.
„Objektiver Notstand“ als zentrales Argument
Die Piusbruderschaft beruft sich – wie schon 1988 – auf einen kirchlichen Notstand. Dieser sei nicht primär organisatorischer, sondern geistlicher Natur. Die verbliebenen zwei Bischöfe der Bruderschaft seien in die Jahre gekommen, müßten jedoch weltweit Firmungen und Weihen spenden, um die sakramentale Versorgung der Gläubigen sicherzustellen. Aus Sicht der Bruderschaft handelt es sich dabei nicht um einen Akt des Ungehorsams, sondern um eine Pflicht gegenüber den Seelen.
Auf pius.info, der bruderschaftseigenen Internetseite, wird diese Argumentation vertieft: Die Bruderschaft, wie unermüdlich betont wird, sieht sich nicht außerhalb der Kirche, sondern in einer Ausnahmesituation innerhalb der Kirche, ausgelöst durch doktrinelle Unklarheiten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil – insbesondere in Fragen der Religionsfreiheit, des Ökumenismus und des Verhältnisses von Kirche und moderner Welt. Von herausragender Bedeutung ist dabei die 1969 vorgenommene Liturgiereform, während die Bruderschaft an der überlieferten Form des Römischen Ritus festhält. Diese Position wird seit Jahrzehnten vertreten und hat sich, so die Selbsteinschätzung, durch die Entwicklungen der jüngsten Pontifikate eher bestätigt als entschärft.
Verhältnis zu Rom: rechtlich irregulär, aber nicht schismatisch
Kirchenrechtlich befindet sich die FSSPX in einem Zwischenstatus. Rom spricht von einer „irregulären Situation“, vermeidet jedoch seit Jahren den Begriff des Schismas. Ab Mitte der 1970er Jahre und noch vor den Bischofsweihen von 1988 wurde die Bruderschaft innerkirchlich sogar als „Sekte“ gebrandmarkt. Davon ist man inzwischen längst abgerückt. Dazu haben unter anderem nicht unerheblich, wenn auch indirekt, die beiden Motu proprien beigetragen, Ecclesia Dei von Johannes Paul II. (1988) und Summorum Pontificum von Benedikt XVI. (2007), mit denen dem überlieferten Ritus in der Kirche offiziell wieder eine Heimstatt eingeräumt wurde. Die Bruderschaft erkennt den Papst ausdrücklich an, nennt ihn im Hochgebet der Heiligen Messe und grenzt sich klar vom Sedisvakantismus ab. Das Zweite Vatikanische Konzil als „Superdogma“ lehnt sie hingegen ab. Sie argumentiert dabei, daß dieses erst ein Produkt der Nachkonzilszeit, aber ohne Rechtsgrundlage sei, und beruft sich dabei auf die geltenden kanonischen Bestimmungen.
Zugleich machte der Heilige Stuhl in der Praxis wiederholt Zugeständnisse. Benedikt XVI. nahm die Exkommunikationen zurück und leitete Gespräche um die Wiederherstellung der vollen Einheit ein. Ausgerechnet Papst Franziskus, der erklärte Gegner des überlieferten Ritus, erklärte Beichten bei Priestern der Piusbruderschaft für gültig und erlaubte unter bestimmten Voraussetzungen auch Eheschließungen. In vatikanischen Klarstellungen wurde zudem festgehalten, daß der Besuch eines von der Bruderschaft gefeierten Meßopfers an sich keine Sünde darstellt. Kritiker sehen darin eine faktische Anerkennung, auch wenn eine rechtliche Lösung bis heute aussteht. Die zuletzt unter Franziskus geführten Gespräche endeten 2017 ergebnislos, als die Vollversammlung der Glaubenskongregation eine im Vorfeld zwischen den beiden Verhandlungsdelegationen informell gefundene Einigung ablehnte (siehe auch hier und hier).
Die historische Dimension: Lefebvre und das Konzil
Die Auseinandersetzung ist ohne die Person von Erzbischof Marcel Lefebvre nicht zu verstehen. Der frühere Generalobere der Spiritaner und einflußreiche Missionsbischof in Afrika war kein Randakteur, sondern eine profilierte, das heißt, herausragende Gestalt des kirchlichen Establishments vor, während und nach dem Konzil. Seine Kritik richtete sich weniger gegen das Konzil als solches, sondern gegen einige Formulierungen in bestimmten Dokumenten und vor allem gegen die spätere Interpretation und Umsetzung. Diese Differenzierung kommt in der offiziellen kirchlichen Debatte oft zu kurz. Progressiven Kreisen gefiel der Bruch, den Paul VI. gegenüber der von Lefebvre 1970 gegründeten Piusbruderschaft vollzog, denn damit gab es nicht nur ein Feindbild: Vor allem konnte man die noch starken traditionsverbundenen Teile der Kirche mit einer Kontaktschuld belegen. Wer für die Tradition eintrat, wurde in die Nähe einer „Sekte“ gerückt, was für Katholiken, besonders Kleriker, der schlimmste Vorwurf war. Es wurde ein divide etabliert, welches strukturell das impera durch den progressiven Zeitgeist stärkte.
US-amerikanische katholische Kommentatoren weisen seit Jahren darauf hin, daß viele der von Lefebvre kritisierten Entwicklungen – liturgischer Subjektivismus, doktrinelle Mehrdeutigkeiten, ein faktischer Glaubensverlust im Westen – heute auch von Autoren thematisiert werden, die keineswegs der Piusbruderschaft nahestehen. Die Frage, ob Lefebvres Diagnose falsch war, wird daher zunehmend neu gestellt, auch wenn seine damalige Vorgehensweise weiterhin umstritten bleibt. Die Forderung, Teile des Konzils und vor allem den Nachkonzilsgeist auf den Prüfstand zu stellen, wurde zunehmend lauter, je offensichtlicher es wurde, daß die vom Konzil erhofften Früchte nicht nur ausblieben, sondern faule Früchte offenkundig wurden.
Wachstum trotz Ausgrenzung
Ungeachtet ihrer kirchenrechtlichen Situation und der Spaltung von 1988 ist die Piusbruderschaft zahlenmäßig immer mehr gewachsen. Weltweit gehören ihr heute über 730 Priester und mehr als 250 Seminaristen an. In fünf Priesterseminaren werden Kandidaten ausgebildet, Heilige Messen im überlieferten Ritus werden an rund 800 Orten in 77 Ländern gefeiert. Hinzu kommen Schulen, Exerzitienhäuser und verbundene Ordensgemeinschaften.
Die Bedeutung wird in ihrer ganzen Dimension deutlich, wenn man berücksichtigt, daß faktisch alle Gemeinschaften der Tradition, auch jene, die nach den unerlaubten Bischofsweihen 1988 entstanden und durch das Motu proprio Ecclesia Dei in die volle Gemeinschaft mit Rom zurückkehrten, aus der Piusbruderschaft hervorgegangen sind.
Dieses Wachstum der Tradition steht in auffälligem Kontrast zur allgemeinen Lage der Kirche in Europa und Nordamerika, wo Berufungen und Meßbesuch seit Jahrzehnten rückläufig sind. Für Beobachter in den USA ist die FSSPX daher weniger ein nostalgisches Randphänomen als ein Indikator für ungelöste Spannungen im Inneren der Kirche. Vor allem wird die Tradition insgesamt zunehmend als Alternative und nicht als Problem, vielmehr als Lösung des Problems der Kirchenkrise wahrgenommen. Dies wird auch auf der Gegenseite so gesehen und ruft entsprechend heftige Gegenreaktion hervor wie das Motu proprio Traditionis custodes von Franziskus im Jahr 2021, mit der allerdings die Piusbruderschaft nicht getroffen werden konnte.
Offene Fragen und mögliche Folgen
Die im Raum stehenden neuen Bischofsweihen stellen Rom vor ein Dilemma. Eine harte kirchenrechtliche Reaktion würde die ohnehin belasteten Beziehungen weiter verschärfen. Schweigen oder stillschweigende Duldung hingegen würde als faktische Anerkennung interpretiert werden. Bereits 1988 führte eine Eskalation zu einer jahrzehntelangen Eiszeit, deren Folgen bis heute nachwirken und die, wie die weitere Entwicklung zeigte, vor allem unnötige Schikanen gegen Priester und Gläubige der Tradition bedeutete.
Aus Sicht der Piusbruderschaft scheint die Entscheidung gefallen zu sein. Sie versteht sich nicht als Rebellin gegen den Papst, sondern als Hüterin einer Tradition, die sie in Gefahr sieht und in der sie die einzige Zukunft der Kirche sieht. Ob der Heilige Stuhl diese Selbstdeutung teilt oder ihr entschieden entgegentritt, wird nicht zuletzt darüber entscheiden, ob der 1. Juli als erneuter Bruch oder als weiterer Schritt in einer ungelösten kirchlichen Dauerkrise in die Geschichte eingeht.
Die Entscheidung kann innerhalb der Piusbruderschaft zu Zerwürfnissen und Abwanderungen führen. Vor allem aber fehlt es nicht an Kräften, die nach dem Pontifikat von Franziskus im Vatikan stark sind, die neue Bischofsweihen als Vorwand für eine Eskalation sehen könnten, um einen „irreversiblen Prozeß“ einzuleiten, wie er Franziskus gefiel, und tabula rasa zu machen. Doch Franziskus regiert nicht mehr. Die Entscheidung liegt nun bei Leo XIV.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: La Porte Latine/Youtube (Screenshot)