Dreißig Jahre unerlaubte Bischofsweihen (1)

Dreißig Jahre unerlaubte Bischofsweihen
Dreißig Jahre unerlaubte Bischofsweihen: Die Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) 2017 beim Abschluß der großen Wallfahrt nach Fatima.

Von Wolf­ram Schrems*

Am 30. Juni die­ses Jah­res jäh­ren sich die uner­laub­ten Bischofs­wei­hen durch Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re und Bischof Anto­nio de Castro May­er zum 30. Mal. Zu die­sem denk­wür­di­gen Jah­res­tag sei­en eini­ge per­sön­li­che Beob­ach­tun­gen und Über­le­gun­gen gestat­tet. Sie sol­len einer glau­bens­ge­mä­ßen Inter­pre­ta­ti­on der Ereig­nis­se die­nen, den betei­lig­ten Per­so­nen Gerech­tig­keit wider­fah­ren las­sen und die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger zum Han­deln aufrufen.

Der Text wird in zwei Tei­le geteilt. Der zwei­te Teil erscheint in eini­gen Tagen.

Daher zunächst eini­ge per­sön­li­che Reminiszenzen:

Frühsommer 1988: Anschein einer vitalen Kirche unter Papst Johannes Paul II.

Weni­ge Tage vor der Wei­he der vier Bischö­fe der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., näm­lich am Sams­tag, dem 25. Juni, besuch­te Papst Johan­nes Paul II. im Rah­men sei­ner Öster­reich-Pil­ger­fahrt Lorch (das histo­ri­sche Lau­ria­cum bei Enns, Diö­ze­se Linz). Dort fei­er­te er am Vor­mit­tag einen Wort­got­tes­dienst. Ich nahm schul­frei und fuhr mit einem Schul­kol­le­gen per Fahr­rad dorthin.

Erzbischof Marcel Lefebvre
Erz­bi­schof Mar­cel Lefebvre

Ich erin­ne­re mich an die gro­ße Zahl von Men­schen, die dem Papst ihre Auf­war­tung mach­ten. Ich erin­ne­re mich auch an Ver­tei­ler von gegen den Papst gerich­te­ten Pam­phle­ten („Ja zum Glau­ben – nein zur Ent­mün­di­gung“ als Wider­spruch zum offi­zi­el­len Mot­to der Papst­rei­se „Ja zum Glau­ben – ja zum Leben“), unter ihnen ein Klas­sen­kol­le­ge, und an die Anwe­sen­heit von Abt und Kon­vent des ober­öster­rei­chi­schen Trap­pi­sten­klo­sters Engels­zell, des ein­zi­gen kon­tem­pla­ti­ven Män­ner­klo­sters in Österreich.

Auf­grund die­ses Bil­des eines blü­hen­den kirch­li­chen Lebens war mir der weni­ge Tage spä­ter voll­zo­ge­ne „schis­ma­ti­sche Akt“, wie die uner­laub­te Bischofs­wei­he von Ber­nard Fel­lay, Ber­nard Tis­sier de Mal­lerais, Richard Wil­liam­son und Alfon­so de Galar­re­ta im Motu pro­prio Eccle­sia Dei adflic­ta §3 genannt wur­de, unver­ständ­lich und skan­da­lös. Denn die Kir­che in Per­son von Papst Johan­nes Paul II. war ja augen­schein­lich vital und mis­sio­na­risch. Der Papst ver­such­te auch, das von Kar­di­nal König in Öster­reich ange­rich­te­te Cha­os zu behe­ben, und wur­de durch den illoya­len Akt von Erz­bi­schof Lef­eb­v­re geschwächt.

Johannes Paul II. und die Piusbruderschaft – unterschiedliche Wirkungsgeschichten

Nun, drei­ßig Jah­re spä­ter, stellt sich die Situa­ti­on voll­stän­dig anders dar: Die von Johan­nes Paul II. pro­kla­mier­te „Neue­van­ge­li­sie­rung“ und die ver­such­te Reka­tho­li­sie­rung der Kir­che Öster­reichs sind geschei­tert. Die öster­rei­chi­sche Situa­ti­on ist schlim­mer als je zuvor, ein­schließ­lich mei­ner Hei­mat­diö­ze­se Linz. Der Kon­vent von Engels­zell hat nur mehr eine Hand­voll Mön­che und ist nach mensch­li­chem Ermes­sen dem bal­di­gen Unter­gang geweiht.

Papst Johannes Paul II.
Papst Johan­nes Paul II.

Die Welt­kir­che befin­det sich seit dem Amts­an­tritt von Papst Fran­zis­kus in einem Zustand galop­pie­ren­den Wahnsinns.

Die posi­ti­ven Ein­drücke und Hoff­nun­gen des Jah­res 1988 haben sich also voll­stän­dig zerschlagen.

Im Gegen­zug erleb­te die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. einen kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­stieg. Die­ser muß ange­sichts äuße­ren Drucks und inne­rer Kri­sen, dar­un­ter etli­che Aus­trit­te, als auf­se­hen­er­re­gend bezeich­net wer­den. Die Anzahl der Prie­ster stieg auf über 600, Kir­chen wer­den gebaut, neue Gläu­bi­ge wer­den angezogen.

Man fragt sich: Kann ein schlech­ter Baum gute Früch­te bringen?

Eben.

Der for­mal uner­laub­te Akt der Bischofs­wei­hen muß also neu bewer­tet wer­den. Denn nach mensch­li­chem Ermes­sen gäbe es ohne ihn heu­te kei­ne über­lie­fer­te Mes­se mehr. Es gäbe kei­ne Eccle­sia Dei-Gemein­schaf­ten. Es gäbe kaum noch einen tra­di­tio­nel­len Glau­ben, der uns jen­seits des Bruchs durch das II. Vati­ca­num mit der Tra­di­ti­on seit den Anfän­gen der Kir­che verbindet.

Hans Urs von Balthasar
Hans Urs von Balthasar

In die­sem Zusam­men­hang soll daher an noch ein Ereig­nis aus dem Früh­som­mer 1988 erin­nert werden:

Papst Johan­nes Paul II. ernann­te am 28. Mai den Schwei­zer Prie­ster, Gelehr­ten und Ex-Jesui­ten Hans Urs von Bal­tha­sar (1905 – 1988) zum Kar­di­nal. Der so Geehr­te starb aber am 26. Juni, bevor ihm der Kar­di­nals­hut über­reicht wer­den konnte.

Die­se Kar­di­nal­s­kre­ierung ist eine der vie­len Ambi­va­len­zen des Wir­kens von Johan­nes Paul II. War­um um alles in der Welt hat er von Bal­tha­sar zum Kar­di­nal ernannt? Was soll­te damit kir­chen­amt­lich unter­stützt wer­den? Die lee­re Höl­le? Die durch die Offen­ba­rung in kei­ner Wei­se gestütz­te „Hoff­nung, daß alle Men­schen geret­tet wer­den“ – 71 Jah­re nach der Höl­len­vi­si­on der Seher­kin­der von Fatima?

Von Bal­tha­sar hat­te sei­ne Ver­dien­ste, blieb aber eine ambi­va­len­te Gestalt der jün­ge­ren Kirchengeschichte.

All das zeigt, daß Johan­nes Paul II. inner­lich zer­ris­sen war. Dazu gibt es einen fak­ten­ba­sier­ten Roman aus dem Jahr 1996.

Malachi Martin, Windswept House (Der letzte Papst), als Verständnisschlüssel

Der iri­sche Ex-Jesu­it, Papst­be­ra­ter, Prie­ster und Schrift­stel­ler Mala­chi Mar­tin (1921 – 1999) behan­delt in sei­nem auf­se­hen­er­re­gen­den Roman Winds­wept Hou­se (1996, dt. Der letz­te Papst, 2004) die rät­sel­haf­te Poli­tik von Papst Johan­nes Paul II. (im Buch „der sla­wi­sche Papst“)((Über Mala­chi Mar­tin kann man im Inter­net viel kon­tro­ver­ses lesen. Sei­ne Bücher und Inter­views machen aller­dings nicht den Ein­druck, daß hier ein Ver­rück­ter oder Hoch­stap­ler am Werk gewe­sen wäre. Um sich selbst ein Bild machen zu kön­nen, ist die Kon­sul­ta­ti­on der auf You­tube greif­ba­ren Inter­views emp­foh­len z. B.: Radio: Art Bell Show: Das letz­te Inter­view; Fern­se­hen: Firing Line mit Wil­liam F. Buck­ley jr.: Fol­ge 119 (07.12.1973), Fol­ge 339 (06.09.1978) und Fol­ge 414 (22. April 1980).))

„Der letzte Papst“
„Der letz­te Papst“

Mar­tin legt dar, daß Johan­nes Paul II. um feind­li­che Umtrie­be im Vati­kan und in der Welt­kir­che zwar wuß­te, die­se aber nicht bekämpf­te. All­zu vie­le Wöl­fe im Schafs­pelz ließ er in ihrem destruk­ti­ven Tun gewäh­ren. Mar­tin zeich­net den Papst als per­sön­lich fromm, aber in der Lehr­ver­kün­di­gung nicht deut­lich und kon­fron­ta­tiv genug. In geo­po­li­ti­schen Fra­gen ist er bestens infor­miert, aber zu welt­lich in der Vor­gangs­wei­se (etwa in der Anspra­che, die „Kar­di­nal Cosi­mo Mae­stroi­an­ni“ – gemeint ist wahr­schein­lich Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Agosti­no Casa­ro­li – vor der UNO hal­ten soll).

Nach einer plau­si­blen Inter­pre­ta­ti­on woll­te Mar­tin mit die­sem Buch Papst Johan­nes Paul II. zum ener­gi­schen Ein­grei­fen auf­rüt­teln. Die­se Inter­pre­ta­ti­on ist umso glaub­wür­di­ger, als die Hand­lung am Ende ja in einen Schwe­be­zu­stand mün­det, in dem der Papst eine lan­ge auf­ge­scho­be­ne Ent­schei­dung tref­fen muß.

Drei­zehn Jah­re nach dem Tod von Papst Johan­nes Paul II. und ange­sichts der apo­ka­lyp­ti­schen Situa­ti­on von Kir­che und Welt wird man schluß­fol­gern kön­nen, daß der Appell offen­bar nicht gehört wur­de: Johan­nes Paul II. hat die Kon­spi­ra­ti­on inner­halb des Vati­kans nicht ent­schei­dend bekämpft und häre­ti­sche Theo­lo­gen und Bischö­fe nicht ihrer Ämter ent­ho­ben. Im Gegen­teil gab es unver­ständ­li­che Kar­di­nal­s­er­nen­nun­gen. Er hat sei­ne geist­li­che Voll­macht nicht genützt, um die Kir­che zu schüt­zen. Wie wir wis­sen, hat der Papst auch die For­de­run­gen von Fati­ma nicht umgesetzt.

À pro­pos Fatima:

Mala­chi Mar­tin läßt sein Buch mit der Epi­so­de begin­nen, als Papst Johan­nes XXIII. in Gegen­wart eini­ger Ver­trau­ter das Drit­te Geheim­nis von Fati­ma liest. Die­ses hät­te bekannt­lich im Jahr 1960 ver­öf­fent­licht wer­den sol­len. Papst Johan­nes wei­gert sich aber und stößt damit Mil­lio­nen von Katho­li­ken, die auf die Ver­öf­fent­li­chung war­ten, vor den Kopf.((Das kann man auch in Mark Fel­lows, Fati­ma in Twi­light, so lesen. Vgl. dazu die Anga­ben zu den Jah­ren 1959 und 1960 in die­ser Zusam­men­fas­sung der Ereig­nis­se und eben­falls zu 1960.))

Der Papst woll­te – in den Wor­ten Mar­tins – auch über eine Wei­he Ruß­lands nicht ein­mal nach­den­ken, weil er durch eine sol­che Wei­he sei­ne Bezie­hun­gen zur Sowjet­uni­on gefähr­den und sein Lieb­lings­pro­jekt, das Kon­zil, aufs Spiel set­zen würde.

Papst Paul VI.
Papst Paul VI. (1963–1978)

Mar­tin legt nahe, daß die­ser Unge­hor­sam des „guten Pap­stes“ kau­sal zu den fol­gen­den Kata­stro­phen in Kir­che und Welt führ­te. Durch die­sen Unge­hor­sam wur­de die Abwehr­kraft der Kir­che geschwächt und „der Rauch Satans“, wie Papst Paul VI. am 29. Juni 1972 bekla­gen soll­te, drang in das Hei­lig­tum der Kir­che ein.((Man kann lesen, daß Paul VI. damit viel­leicht auf ein eini­ge Jah­re zuvor durch­ge­führ­tes sata­ni­sti­sches Ritu­al inner­halb des Vati­kans anspiel­te. Mar­tin datiert die­ses Ritu­al auf den 29. Juni 1963. Genaue­re Infor­ma­tio­nen sind natur­ge­mäß prak­tisch nicht zu bekom­men. Der vor kur­zem ver­stor­be­ne Exor­zist Roms, P. Gabrie­le Amor­th, sprach jedoch von Akti­vi­tä­ten sata­ni­sti­scher Grup­pen inner­halb des Vati­kans. Damit ist die Hand­lung im Roman von Mala­chi Mar­tin nicht unglaubwürdig.))

Johan­nes Paul II. griff in die Machi­na­tio­nen von Kon­spi­ra­to­ren und Dis­si­den­ten nicht oder fast nicht ein. Aber die Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Erz­bi­schof Lef­eb­v­re und der von ihm geweih­ten Bischö­fe hat er aus­ge­spro­chen und bis zu sei­nem Tod auf­recht­erhal­ten. Auch hier kann man sich fra­gen, wie­weit er sei­ner­seits unter Druck gesetzt wor­den war. Aber er war der Pon­ti­fex. Er trug die Verantwortung.((Auf dem Hin­ter­grund der Hand­lung von Winds­wept Hou­se, in dem von einer mas­si­ven Intri­ge, den Papst zum Rück­tritt zu zwin­gen, die Rede ist, muß das Durch­hal­ten von Johan­nes Paul II. bis zum Ende als hero­isch gewür­digt wer­den. Das war zwei­fel­los eine vor­bild­li­che Dimen­si­on in einem ambi­va­len­ten Pontifikat.))

Und noch etwas muß in die­sem Zusam­men­hang erwähnt wer­den: Näm­lich ein Detail des Wir­kens von Papst Johan­nes Paul II. und dem dama­li­gen Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger, das schwer­wie­gen­de Fra­gen aufwirft.

(Fort­set­zung folgt)

*Wolf­ram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro-Lifer

Bild: FSSPX.org/Wikicommons/Youtube/Cssr/MiL (Screen­shots)