Leo XIV. nach einem Jahr des Pontifikats

Der Versuch einer Bilanz


Nach einem Jahr des Pontifikats von Leo XIV. sind noch keine wirklichen Prioritäten erkennbar, auch keine besonderen Akzentsetzungen, während die Zahl der Herausforderungen wächst
Nach einem Jahr des Pontifikats von Leo XIV. sind noch keine wirklichen Prioritäten erkennbar, auch keine besonderen Akzentsetzungen, während die Zahl der Herausforderungen wächst

Von Rober­to de Mattei*

Vor einem Jahr, am Mon­tag, dem 8. Mai 2025, begann das Pon­ti­fi­kat von Leo XIV., Robert Fran­cis Pre­vost, dem 267. Papst der katho­li­schen Kir­che, dem ersten Papst aus den USA und dem ersten Ange­hö­ri­gen des Augustinerordens.

Der Frie­de sei mit euch allen … Dies ist der Frie­de des auf­er­stan­de­nen Chri­stus, ein unbe­waff­ne­ter und ent­waff­nen­der Frie­de, demü­tig und beharr­lich“ – dies waren die ersten Wor­te des neu­en Pap­stes, gespro­chen von der Log­gia des Peters­doms. Von Beginn an woll­te Leo XIV. sein Amt auf Frie­den und Ein­heit aus­rich­ten, inner­halb wie außer­halb der Kir­che. Des­halb rief er dazu auf, „Brücken zu bau­en, durch den Dia­log, durch die Begeg­nung, indem wir uns alle ver­ei­nen, um ein ein­zi­ges Volk zu sein, das immer im Frie­den lebt“. Ein Papst als „Brücken­bau­er“, ein „Pil­ger des Frie­dens und der Ein­heit“, wie er sich selbst in der Pre­digt der Mes­se am Flug­ha­fen von Bamen­da in Kame­run am ver­gan­ge­nen 17. April bezeich­ne­te. Gewiß ist das Ziel des Frie­dens hoch und edel, vor allem wenn er auf dem Eck­stein Chri­stus grün­det, dem Haupt der Kir­che und dem Erlö­ser der Welt; doch die Lage der Kir­che und der Welt ist heu­te lei­der nicht gün­stig für Brücken­bau­er und Pil­ger des Friedens.

Eine Bilanz eines Pon­ti­fi­kats nach einem Jahr zu zie­hen, ist ange­sichts die­ser Rea­li­tät nicht ein­fach, denn die Gesamt­heit der Wor­te, Hand­lun­gen und Doku­men­te des Pap­stes zeigt noch kei­ne ein­heit­li­che Rich­tung, die es erlau­ben wür­de, die Prio­ri­tä­ten und pasto­ra­len Per­spek­ti­ven vor­her­zu­se­hen, wel­che die Kir­che künf­tig lei­ten wer­den. Bis­her waren die Ent­schei­dun­gen des Pap­stes vor­sich­tig und abge­wo­gen, wäh­rend die Pro­ble­me, die sich ihm in einer unge­wis­sen Zukunft stel­len, schwer­wie­gend und tief­grei­fend sind.

Das bei wei­tem gra­vie­rend­ste die­ser Pro­ble­me ist der deut­sche Fall. Am 21. April emp­fahl Kar­di­nal Rein­hard Marx, Erz­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing und ehe­ma­li­ger Bera­ter von Papst Fran­zis­kus in der Lei­tung der Kir­che, den pasto­ra­len Dien­sten sei­ner Diö­ze­se die Ver­wen­dung eines Hand­buchs mit dem Titel „Der Segen stärkt die Lie­be“, das ver­schie­de­ne „For­meln“ zur Seg­nung gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re und wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner vor­schlägt. Der Text wur­de auf einer Kon­fe­renz vom 4. April 2025 gebil­ligt, die sich aus Deut­scher Bischofs­kon­fe­renz und Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken (ZdK) zusammensetzt.

Auf die­sen Vor­fall wäh­rend des Rück­flugs von sei­ner Afri­ka­rei­se am Don­ners­tag, dem 23. April, ange­spro­chen, woll­te Leo XIV. sei­ne Posi­ti­on mit fol­gen­den Wor­ten klä­ren: „Der Hei­li­ge Stuhl hat klar zu ver­ste­hen gege­ben, daß wir mit der for­ma­li­sier­ten Seg­nung von Paa­ren – in die­sem Fall homo­se­xu­el­len Paa­ren, wie Sie es anspre­chen, oder Paa­ren in irre­gu­lä­ren Situa­tio­nen – nicht ein­ver­stan­den sind, abge­se­hen von dem, was Papst Fran­zis­kus aus­drück­lich geneh­migt hat, indem er sag­te, daß alle Men­schen Seg­nun­gen emp­fan­gen. Alle sind ein­ge­la­den, Jesus zu fol­gen, und alle sind ein­ge­la­den, in ihrem eige­nen Leben die Umkehr zu suchen. Dar­über hin­aus­zu­ge­hen – so den­ke ich heu­te – könn­te mehr Spal­tung als Ein­heit ver­ur­sa­chen, und wir soll­ten Wege suchen, unse­re Ein­heit auf Jesus Chri­stus und auf das, was Jesus Chri­stus lehrt, zu grün­den.

Der Papst wider­spricht somit dem deut­schen Syn­oda­len Weg und distan­ziert sich indi­rekt von der Erklä­rung Fidu­cia sup­pli­cans des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re, die am 18. Dezem­ber 2023 ver­öf­fent­licht und von Papst Fran­zis­kus gebil­ligt wur­de und die eine pasto­ra­le, wenn auch nicht ritu­el­le Seg­nung für Paa­re in „irre­gu­lä­ren“ Situa­tio­nen sowie für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re zuläßt. Doch Papst Leo weiß, daß sich die deut­schen Bischö­fe wei­ter­hin auf die­ses Doku­ment beru­fen wer­den – zumin­dest so lan­ge, bis ein ande­res von glei­cher oder höhe­rer Auto­ri­tät, aber gegen­tei­li­ger Aus­rich­tung, ver­öf­fent­licht wird.

Die Posi­ti­on der deut­schen Bischö­fe ist ihrer­seits klar und auf ihre Wei­se kon­se­quent. Seit Janu­ar 2020 steht die Bischofs­kon­fe­renz an der Spit­ze eines „syn­oda­len Weges“, der das Ziel ver­folgt, die „ver­bind­li­chen“ Beschlüs­se ihrer „stän­di­gen Syn­ode“ auf die Welt­kir­che aus­zu­deh­nen. Dazu gehö­ren unter ande­rem die Wei­he von Frau­en sowie die voll­stän­di­ge Ein­be­zie­hung Homo­se­xu­el­ler in die Kir­che mit Zugang zu allen Sakra­men­ten, ein­schließ­lich der Ehe.

Der Hei­li­ge Stuhl hat mehr­fach ein­ge­grif­fen, um die deut­schen Bischö­fe zu war­nen. Bereits als Erz­bi­schof Filip­po Ian­no­ne – den Leo XIV. im Jahr 2025 an die Spit­ze des Dik­aste­ri­ums für die Bischö­fe stell­te – an deren Vor­sit­zen­den, Kar­di­nal Marx, schrieb, wies er dar­auf hin, daß die­se bri­san­ten The­men „nicht die Kir­che in Deutsch­land, son­dern die Welt­kir­che betref­fen und – mit weni­gen Aus­nah­men – nicht Gegen­stand von Bera­tun­gen oder Ent­schei­dun­gen einer Teil­kir­che sein kön­nen“. Doch der­sel­be Kar­di­nal Marx erklär­te in einem Inter­view mit der Wochen­zeit­schrift Stern am 30. März 2022: „Der Kate­chis­mus ist nicht in Stein gemei­ßelt. Man kann auch dar­an zwei­feln, was er sagt.“ Und fak­tisch bekräf­tig­te er dies am 21. April erneut.

Leo XIV. sieht sich somit mit einer schwe­ren Spal­tung kon­fron­tiert, die sich – im Gefol­ge des deut­schen Bei­spiels – auch auf ande­re Bischofs­kon­fe­ren­zen aus­wei­ten und ihn inner­halb der Kir­che in eine Min­der­hei­ten­po­si­ti­on brin­gen könnte.

Doch ein wei­te­res Pro­blem zeich­net sich am Hori­zont ab: die für den 1. Juli 2026 ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat durch die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. Es scheint, daß der Hei­li­ge Stuhl ein Exkom­mu­ni­ka­ti­ons­de­kret vor­be­rei­tet, ähn­lich jenem, das am 1. Juli 1988 von der Kon­gre­ga­ti­on für die Bischö­fe erlas­sen wur­de. Unab­hän­gig von der Bewer­tung die­ser Wei­hen und der dar­auf fol­gen­den kir­chen­recht­li­chen Stra­fen läßt sich nicht über­se­hen, daß wir es mit einem kirch­li­chen Bruch zu tun haben wer­den, der das ange­streb­te Ziel von Frie­den und Ein­heit in der Kir­che ver­ei­telt oder zumin­dest wei­ter ent­fernt. Nach der Exkom­mu­ni­ka­ti­on von 1988 hat­te Bene­dikt XVI. gewis­ser­ma­ßen eine Brücke zur tra­di­tio­na­li­sti­schen Welt geschla­gen, indem er 2007 das Motu Pro­prio Sum­morum Pon­ti­fi­cum erließ und 2009 die gegen die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ver­häng­ten Exkom­mu­ni­ka­tio­nen auf­hob. Spä­ter gewähr­te Papst Fran­zis­kus den Prie­stern der Bru­der­schaft die Voll­macht, gül­tig Beich­te zu hören, und regel­te die Aner­ken­nung der von ihnen geschlos­se­nen Ehen. Wäh­rend man 1988 noch an ein all­mäh­li­ches Ver­schwin­den der Bru­der­schaft nach dem Tod ihres Grün­ders den­ken konn­te, zeigt die heu­ti­ge Rea­li­tät, daß sie mehr als 700 Prie­ster, über 200 Semi­na­ri­sten, mehr als hun­dert Nie­der­las­sun­gen und Hun­der­te von Meß­zen­tren in über 70 Län­dern zählt, mit Hun­dert­tau­sen­den Gläu­bi­gen welt­weit. Was im Juli gesche­hen dürf­te, wird kein Brücken­bau sein, son­dern die Schaf­fung eines neu­en Gra­bens zwi­schen die­ser Welt und dem Hei­li­gen Stuhl.

Vor dem Hin­ter­grund der inter­na­tio­na­len Poli­tik hat sich zum rus­sisch-ukrai­ni­schen Krieg zudem der Kon­flikt gesellt, der die USA und Isra­el im Nahen Osten dem Iran gegen­über­stellt. Der Papst hat die­sen wie alle ande­ren Krie­ge ver­ur­teilt, doch der Frie­den ist noch fern. Mit dem jüng­sten Kon­flikt zwi­schen Donald Trump und Leo XIV. ist zudem eine Span­nung ent­stan­den, die viel­leicht die schwer­ste in den Bezie­hun­gen zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert darstellt.

Für all dies trägt der Papst kei­ne direk­te Ver­ant­wor­tung. Betrach­tet man die Lage jedoch unter dem Gesichts­punkt von Frie­den und Ein­heit als abso­lu­ten Gütern, so erscheint die Bilanz sei­nes ersten Pon­ti­fi­kats­jah­res besorg­nis­er­re­gend. Wenn man sich aber dar­an erin­nert, daß Frie­den und Ein­heit kei­ne abso­lu­ten Wer­te sind, son­dern auf Wahr­heit und Gerech­tig­keit grün­den, kön­nen auch Kon­flik­te und Spal­tun­gen heil­sam sein, indem sie hel­fen, den Weg wie­der­zu­fin­den, der im Cha­os ver­lo­ren­ge­gan­gen ist. Dies ist das beste Gebet und der auf­rich­tig­ste Wunsch für Leo XIV.: daß er uns zum wah­ren Frie­den Chri­sti im Reich Chri­sti füh­re und dabei alle Schwie­rig­kei­ten, Lei­den und Kämp­fe auf sich neh­me, die die­ser Weg mit sich brin­gen kann.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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