Der Jesuit auf dem Papstthron – Epilog (3. Teil/Schluß)

Der Jesuitenorden wurde nicht ab initio unterwandert, sondern erlebt erst seit dem 2. Vaticanum eine Erosion durch Apostasie.
Der Jesuitenorden wurde nicht ab initio unterwandert, sondern erlebt erst seit dem 2. Vaticanum eine Erosion durch Apostasie.

Von Wolf­ram Schrems*

Die­ser Bei­trag schließt unmit­tel­bar an den 2. Teil vom 12. März, der sich mit dem Para­gra­phen 22 des Exer­zi­ti­en­bu­ches beschäf­tig­te, an.

Exerzitienbuch § 365: „das Weiße als schwarz sehen, wenn es die Kirche so definiert“

Im letz­ten Teil des Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en­bu­ches, den Regeln zum Füh­len mit der Kir­che, fin­det sich fol­gen­de Regel:

„Die drei­zehn­te. Wir müs­sen, um in allem das Rech­te zu tref­fen, immer fest­hal­ten: ich glau­be, daß das Wei­ße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hier­ar­chi­sche Kir­che es so defi­niert. Denn wir glau­ben, daß zwi­schen Chri­stus Unse­rem Herrn, dem Bräu­ti­gam, und der Braut, der Kir­che, der glei­che Geist wal­tet, der uns zum Heil unse­rer See­len lei­tet und lenkt, weil durch den­sel­ben Geist Unsern Herrn, der die Zehn Gebo­te erließ, auch Unse­re Hei­li­ge Mut­ter die Kir­che gelenkt und regiert wird“ (ebd., 112).

Wie man es dreht und wen­det, die­se Regel wirkt zunächst auf­grund des ersten Sat­zes pro­ble­ma­tisch. Zwei­er­lei kommt näm­lich sofort in den Sinn: Die Kir­che „defi­niert“ nichts Wei­ßes als schwarz. Und: Die Wirk­lich­keit kann durch die Kir­che nicht umde­fi­niert werden.

Den­noch hat die Kir­che das Exer­zi­ti­en­buch aner­kannt, somit auch die­se Regel, die im zwei­ten Satz ja auch vom Hei­li­gen selbst erklärt wird. Die Regel kann also nicht gegen den Glau­ben und die Gebo­te verstoßen.

Wie ver­hält es sich damit?

Kon­sul­tiert man Inter­pre­ta­tio­nen durch Jesui­ten selbst (Georg Sans), fin­det man zu die­ser Regel fol­gen­de Erklärung:

Wir „sehen“ zwar den fürch­ter­lich Miß­han­del­ten und Gekreu­zig­ten, „glau­ben“ aber auf das Zeug­nis (oder die „Defi­ni­ti­on“) der Kir­che hin, daß die­ser Gott und auf­er­stan­de­ner Herr ist. Wir „sehen“ die kirch­li­che Struk­tur in all ihrer Unvoll­kom­men­heit und mit sün­di­gen Amts­trä­gern und Lai­en, „glau­ben“ aber auf das Zeug­nis eben­die­ser Kir­che hin, daß sie hei­lig ist.1

Nur so kann es Igna­ti­us gemeint haben. Lei­der, so möch­te man sagen, hat er sich aber nicht deut­li­cher aus­ge­drückt. Denn der Wort­laut die­ser Regel legt nahe, die kirch­li­che Hier­ar­chie könn­te (gleich­sam „nomi­na­li­stisch“) Glau­bens­gut und Moral umde­fi­nie­ren. Zumin­dest stellt sich das dem heu­ti­gen Beob­ach­ter so dar: Denn wir haben mit den Doku­men­ten des II. Vati­can­ums kirch­li­che Tex­te vor uns, die bei­spiels­wei­se Falsch­aus­sa­gen über die fal­schen Reli­gio­nen täti­gen.2

Mit den Doku­men­ten von Papst Fran­zis­kus haben wir kirch­li­che Tex­te vor uns, die die Häre­sie begün­sti­gen, Ver­wir­rung ver­brei­ten und in öko­no­mi­schen und öko­lo­gi­schen Fra­gen dilettieren.

Frei­lich wären sol­che Abar­tig­kei­ten dem hl. Igna­ti­us und sei­nen Zeit­ge­nos­sen nicht in den Sinn gekom­men, und der Gesamt­zu­sam­men­hang von Exer­zi­ti­en­buch und kirch­li­chem Glau­ben schließt sie auch aus.

Man konn­te zur Deu­tung die­ser Regel auch hören, daß Dog­men, die sich wie in der Eucha­ri­stie­leh­re und der Mario­lo­gie dem Ver­ste­hen des Gläu­bi­gen schwer erschlie­ßen und beson­ders anstö­ßig klin­gen, einen erhöh­ten Ver­trau­ens­vor­schuß benö­ti­gen, der eben durch die­se mas­si­ve For­mu­lie­rung des hl. Igna­ti­us illu­striert wer­de. Das ist m. E. ein guter Gedanke.

Man ver­steht die Regel also rich­tig, wenn man sie im eben genann­ten Sinn und im Gesamt­kon­text des Glau­bens inter­pre­tiert. Dazu gehört, daß es die hier­ar­chi­sche, leh­ren­de Kir­che ist, die sich ver­bind­lich in einer dog­ma­ti­schen Fra­ge äußert und dabei Glau­bens­in­hal­te dar­legt, die eben Glau­ben for­dern, wie die leib­li­che Auf­er­ste­hung Jesu, die Hei­lig­keit der Kir­che und die Dog­men über die Eucha­ri­stie und die Got­tes­mut­ter. Bei­läu­fi­ge Kom­men­ta­re eines Pap­stes oder gar häre­ti­sche Aus­sa­gen egal wel­chen kirch­li­chen Amts­trä­gers sind selbst­ver­ständ­lich von die­ser Regel nicht gedeckt.

Auch zur rhe­to­ri­schen Unter­maue­rung von Anord­nun­gen kirch­li­cher Obe­rer in Füh­rung und Ver­wal­tung ist sie nicht gedacht.3 Wir stel­len mit Bedau­ern fest, daß heu­te in der Kir­che mehr Auto­ri­ta­ris­mus herrscht als je zuvor, weil man sich als Unter­ge­be­ner auf über­haupt nichts mehr beru­fen kann: Vie­len Bischö­fen und Ordens­obe­ren sind die Inhal­te des Glau­bens und die Gebo­te der Moral in der Aus­übung von Auto­ri­tät schlicht­weg egal.

Und dem Papst auch. Damit herrscht die völ­li­ge Willkür.

Resümee des 3. Teils

Es ist ein Erfah­rungs­wert, daß sich gro­ße Kata­stro­phen durch klei­ne und zeit­lich oft weit ent­fern­te Ursa­chen anbah­nen. Von daher ist es sehr wich­tig, die drei­zehn­te Regel zum Füh­len mit der Kir­che, die für unse­re Ohren zunächst schockie­rend klingt, rich­tig und im Gesamt­kon­text zu ver­ste­hen. Das Igna­tia­ni­sche Exer­zi­ti­en­buch ist wie die gesam­te igna­tia­ni­sche Spi­ri­tua­li­tät eine legi­ti­me (und beson­ders inten­si­ve) Art und Wei­se, den katho­li­schen Glau­ben zu leben. Man muß wie­der­ho­len: den katho­li­schen, also das Glau­bens­gut, das depo­si­tum fidei, wie es von den Anfän­gen durch Jesus Chri­stus und die Apo­stel ohne Bruch auf uns gekom­men ist. In des­sen Dienst steht auch das kirch­li­che Lehr­amt, das weder neue Glau­bens­in­hal­te erfin­den noch sie umdeu­ten kann. Das wäre dem hl. Igna­ti­us auch nicht in den Sinn gekommen.

Resümee der Serie

Die bei­den Regeln, die in die­ser Arti­kel­se­rie vor­ge­stellt wur­den, kön­nen falsch ver­stan­den und falsch ange­wen­det wer­den.4 Ange­sichts des Über­ma­ßes an Häre­sie, Ver­rat, Blas­phe­mie und Unver­stand (Mk 7,22) im Jesui­ten­or­den seit 1965 und seit 2013 auch auf dem Papst­thron geht es natür­lich nicht um eini­ge über­schie­ßend oder falsch inter­pre­tier­te Regeln des hl. Ignatius.

Es geht – ohne Über­trei­bung gesagt – um eine Abwen­dung von Gott und eine Hin­wen­dung zum Für­sten die­ser Welt, damit zwangs­läu­fig zu des­sen Hand­lan­gern in Poli­tik, Finanz und Pro­pa­gan­da. Damit ist eine sata­nisch inspi­rier­te Ido­li­sie­rung der Welt Gegen­stand kirch­li­cher Ver­kün­di­gung, genau­er gesagt, päpst­li­cher Pro­pa­gan­da gewor­den: Fjo­dor Dosto­jew­ski hat in sei­ner Para­bel vom Groß­in­qui­si­tor (dazu ein Kom­men­tar von 2017 anläß­lich des fri­vo­len Schmau­sens in der Kir­che San Petro­nio in Bolo­gna) ganz rich­tig erkannt, daß eine ungläu­bi­ge Kir­chen­füh­rung genau in die­se Rich­tung gehen und das Geschäft des Wider­sa­chers besor­gen muß.

Für einen Orden, der über vier Jahr­hun­der­te hin­weg eine der Säu­len der Recht­gläu­big­keit in der Kir­che war, der die Unter­schei­dung der Gei­ster vom Novi­zi­at an lehrt und der im Exer­zi­ti­en­buch (§§ 136ff) die Novi­zen zur Betrach­tung der Ban­ner Chri­sti und des Satans anlei­tet, gibt es kei­ne Ent­schul­di­gung dafür, sich der Agen­da des Bösen und der Ver­wir­rung ver­schrie­ben zu haben.5

In der Per­son von Papst Fran­zis­kus sind eben zwei Kata­stro­phen ver­ei­nigt: eine Kri­se des Papst­tums, mani­fest seit dem Pon­ti­fi­kat von Johan­nes XXIII. (ab 1958), und der Nie­der­gang der Gesell­schaft Jesu, mani­fest seit der Amts­zeit des Gene­ral­obe­ren Pedro Arru­pe (ab 1965). Papst Ber­go­glio kann sich für sei­ne apo­sta­ti­sche Poli­tik und sei­ne Aus­lie­fe­rung der Kir­che an die Mäch­te der Welt und der Unter­welt weder auf den Apo­stel­für­sten noch auf sei­nen Ordens­stif­ter und des­sen Exer­zi­ti­en­buch berufen.

Schluß

Jesui­ten und von ihnen geform­te Ordens­leu­te, Welt­prie­ster und Lai­en haben seit den Tagen des hl. Igna­ti­us zur grö­ße­ren Ehre Got­tes, zu ihrem eige­nen Heil und dem Heil derer, für die sie arbei­te­ten, Gewal­ti­ges her­vor­ge­bracht. Eine gehei­me, erfolg­rei­che Ein­fluß­nah­me sub­ver­si­ver Kräf­te im jun­gen Orden zum Zweck von des­sen Umpro­gram­mie­rung kann nicht fest­ge­stellt wer­den.6 Anzu­neh­men, die vie­len Bemü­hun­gen, Lei­stun­gen und Mar­ty­ri­en so zahl­rei­cher Jesui­ten wären nur eine Deckung, um die wah­ren, sub­ver­si­ven und destruk­ti­ven Absich­ten zu ver­decken, wäre verrückt.

Nein, es han­delt sich um einen Abfall vom Glau­ben in neue­rer Zeit. Die­ser wur­de nach Mala­chi Mar­tin The JesuitsThe Socie­ty of Jesus and the Betra­y­al of the Roman Catho­lic Church (1987)7 unter­grün­dig in dis­kre­ten Zir­keln („bro­ther­hood“) vor­be­rei­tet, die u. a. die Schrif­ten von P. Teil­hard de Char­din wei­ter­ga­ben, und brach auf der 31. Gene­ral­kon­gre­ga­ti­on 1965/66 voll aus. Glau­bens­treue Jesui­ten, mög­li­cher­wei­se oder höchst­wahr­schein­lich zah­len­mä­ßig in der Mehr­heit, erleb­ten schwe­re Zei­ten im Orden (oder tra­ten aus).

Der Orden begann schnell zu schrumpfen.

Gleich­zei­tig bie­der­te er sich den Mäch­ti­gen die­ser Welt an.

Aller­dings geschah die­se Apost­asie auch in ande­ren Orden. Man den­ke vor allem an das Cha­os der Frau­en­or­den in West­eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka. Die Prie­ster- und Ordens­be­ru­fe sind auf einen Bruch­teil von vor 1965 gefal­len. Mark Fel­lows bemerkt in Fati­ma in Twi­light, daß nur die Pest des 14. Jahr­hun­derts mehr Prie­ster und Ordens­leu­te aus­ge­löscht habe als das II. Vaticanum.

Die Apost­asie geschah in der gan­zen Kir­chen­struk­tur. Durch eine geheim­nis­vol­le gött­li­che Zulas­sung wer­den die Chri­sten, Gläu­bi­ge und Amts­trä­ger, auch die Päp­ste, vom Teu­fel ver­sucht und „gesiebt“ (Lk 22,31).

Die Lau­heit und Ehr­furchts­lo­sig­keit in Kle­rus und Volk hat­te gemäß der Bot­schaft von La Salet­te (19. Sep­tem­ber 1846) schon im 19. Jahr­hun­dert den Boden für die­se Ein­wir­kun­gen des Bösen berei­tet. Unse­re Lie­be Frau gab in Fati­ma kla­re Wei­sun­gen, um den Glau­ben im gro­ßen Maß­stab wie­der­her­zu­stel­len. Die­se Wei­sun­gen wur­den, inso­fern sie an die Hier­ar­chie gerich­tet waren, näm­lich Wei­he Ruß­lands an das Unbe­fleck­te Herz und Ver­kün­di­gung der Süh­ne­sams­ta­ge, nicht umge­setzt. Im gläu­bi­gen Volk war lan­ge Zeit ein Bewußt­sein für die Bot­schaft von Fati­ma vor­han­den, nach dem Kon­zil ver­ebb­te es.

Wir resü­mie­ren: Der hl. Igna­ti­us ist am gegen­wär­ti­gen Desa­ster des von ihm gegrün­de­ten Ordens und des Papst­tums nicht schuld. Wie auch der hl. Petrus nicht schuld dar­an ist.

*Wolf­ram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., kirch­lich gesen­de­ter Kate­chist, Pro Lifer

Bild: MiL


1 Zitat Sans: ‚Und drit­tens ist der eigent­li­che Grund für die Regel der, dass es in Glau­bens­aus­sa­gen um eine Erkennt­nis im Hei­li­gen Geist geht. Der Hei­li­ge Geist ist ein und der­sel­be in Chri­stus und uns. Wir wer­den vom Hei­li­gen Geist zu dem hin­ge­lei­tet, was unser eige­nes ewi­ges Heil ist.

Tat­säch­lich han­deln alle Glau­bens­aus­sa­gen von der Ver­bin­dung von etwas Geglaub­tem mit etwas Gese­he­nem. Im Glau­ben geht es um Got­tes Selbst­mit­tei­lung an sein Geschöpf. Des­halb haben Glau­bens­aus­sa­gen immer die Struk­tur einer Ein­heit von Gegen­sät­zen. Ich sehe den Gekreu­zig­ten, einen zu Tode geschun­de­nen Men­schen. An die­ser Sicht ist nichts unzu­tref­fend; sie ist alles ande­re als blo­ßer Schein. Aber ich glau­be an ihn als den Auf­er­stan­de­nen. Sei­ne Got­tes­sohn­schaft ange­sichts des Todes ist sei­ne Auf­er­ste­hung. Dies ist kei­ner ande­ren Erkennt­nis zugäng­lich als dem­je­ni­gen Glau­ben, der das Erfüllt­sein vom Hei­li­gen Geist ist. »Nie­mand kann sagen: ›Jesus ist Herr‹, außer im Hei­li­gen Geist.« (1 Kor 12,3)

Ähn­li­ches gilt von der Kir­che. Wir sehen eine Gemein­schaft von Men­schen mit vie­len Feh­lern. Das ist kein Schein, son­dern die vol­le Wahr­heit. Aber wir glau­ben, dass Gott uns in der Glau­bens­ver­kün­di­gung der Kir­che sei­ne eige­ne Gegen­wart schenkt. Wir glau­ben immer Gegen­sätz­li­ches zu dem, was wir sehen, ohne Letz­te­res demen­tie­ren zu müssen.‘

2 Nostra aeta­te 2: „So erfor­schen im Hin­du­is­mus die Men­schen das gött­li­che Geheim­nis und brin­gen es in einem uner­schöpf­li­chen Reich­tum von Mythen und in tief­drin­gen­den phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen zum Aus­druck (…). In den ver­schie­de­nen For­men des Bud­dhis­mus wird das radi­ka­le Unge­nü­gen der ver­än­der­li­chen Welt aner­kannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Men­schen mit from­mem und ver­trau­en­dem Sinn ent­we­der den Zustand voll­kom­me­ner Befrei­ung zu errei­chen (…).“ Und NAe 3: „Mit Hoch­ach­tung betrach­tet die Kir­che auch die Mus­lim, die den allei­ni­gen Gott anbe­ten (…). Sie mühen sich, auch sei­nen ver­bor­ge­nen Rat­schlüs­sen sich mit gan­zer See­le zu unter­wer­fen, so wie Abra­ham sich Gott unter­wor­fen hat, auf den der isla­mi­sche Glau­be sich ger­ne beruft. (…) Des­halb legen sie Wert auf sitt­li­che Lebens­hal­tung und ver­eh­ren Gott beson­ders durch Gebet, Almo­sen und Fasten.“ Lumen gen­ti­um 16: „Der Heils­wil­le umfaßt aber auch die, wel­che den Schöp­fer aner­ken­nen, unter ihnen beson­ders die Mus­lim, die sich zum Glau­ben Abra­hams beken­nen und mit uns den einen Gott anbe­ten, den barm­her­zi­gen, der die Men­schen am Jüng­sten Tag rich­ten wird“ (Zit. jeweils nach der offi­zi­el­len Vati­kan­sei­te www.vatican.va. Her­vor­he­bun­gen pro­ble­ma­ti­scher und unzu­tref­fen­der Aus­sa­gen WS). Nach Auf­fas­sung des Kon­zils beten also die Mus­li­me als Mus­li­me den allei­ni­gen Gott an und beken­nen sich als sol­che zum Glau­ben Abra­hams. Das ist falsch. Die Dar­stel­lung der Reli­gio­nen durch das Kon­zil kann natür­lich auch so ver­stan­den wer­den, daß das Kon­zil deren eige­nes Selbst­ver­ständ­nis dar­le­gen woll­te. Das hät­te man aber deut­lich sagen müssen.

3 Vati­k­anex­per­te Hans­ja­kob Steh­le ver­steht die­se Regel in sei­nem hoch­in­ter­es­san­ten Buch Die Ost­po­li­tik des Vati­kans, Mün­chen 1975, in einem fal­schen Sinn, wenn er von dem Brief des Ordens­ge­ne­rals W. Ledóchow­ski an Bischof Michel d’Herbigny, selbst ursprüng­lich Jesu­it, schreibt, in dem Ledóchow­ski dem Bischof mit­teilt: „‘Es wäre demü­tig und somit in Über­ein­stim­mung mit der Insti­tu­ti­on des Ordens und mit dem Gei­ste des Hei­li­gen Igna­ti­us, bequem auch für den Hei­li­gen Stuhl, wenn Sie durch Ver­mitt­lung des Paters Gene­ral dem Hei­li­gen Vater schrift­lich Ihren Rück­tritt von allen Ihren Tätig­kei­ten in Rom anbie­ten‘“ (190, leicht redi­giert WS), und dann so kom­men­tiert: „Die­ses Schrei­ben des Jesui­ten­ge­ne­rals ent­hielt kei­ner­lei Begrün­dung, aber auch kei­nen direk­ten Befehl (den Ledóchow­ski einem dem Papst unter­stell­ten Bischof nicht geben konn­te). Es war ‚nur‘ ein unmiß­ver­ständ­li­cher Appell an jenen Geist blin­der Selbst­ver­leug­nung, für die der Ordens­stif­ter Igna­ti­us von Loyo­la die Regel auf­ge­stellt hat­te: ‚… bei dem Wei­ßen, das ich sehe, zu glau­ben, es sei schwarz, wenn die hier­ar­chi­sche Kir­che es so ent­schei­det…‘ (Exerc. Spi­rit.)“ (190f). Nach­dem die­se Regel eben die Glau­bens­de­fi­ni­ti­on durch die zustän­di­ge Auto­ri­tät im Sinn hat (näm­lich durch den Papst oder ein dog­ma­ti­sches Kon­zil unter dem Papst), ist eine Anwen­dung auf eine so oder anders, nach der Klug­heit zu wäh­len­den Vor­gangs­wei­se in einer kon­kre­ten Situa­ti­on nicht zuläs­sig. Der Obe­re kann nicht zu einem Unter­ge­be­nen sagen: „Was Sie als weiß sehen, ist schwarz, weil ich es so ent­schei­de. Nun füh­ren Sie das durch!“

4 Wir kön­nen zur wei­te­ren Illu­stra­ti­on des Miß­brauchs einer gesun­den Regel ergän­zen, daß man auch die über­trie­be­ne Selbst­be­spie­ge­lung (als ego­zen­tri­sches Um-sich-Krei­sen im Rah­men der geist­li­chen Beglei­tung und Bera­tung oder auch im Rah­men von Ses­sel­krei­sen) als Fehl­ent­wick­lung der igna­tia­ni­schen Spi­ri­tua­li­tät betrach­ten kann. Igna­ti­us ruft zur Beob­ach­tung und Ana­ly­se der inne­ren Regun­gen auf, die von Gott oder vom Teu­fel kom­men kön­nen. Die­se Unter­schei­dung der Gei­ster ist eine wich­ti­ge Kunst im Inne­ren Leben. Wird sie aber aus dem katho­li­schen Zusam­men­hang geris­sen, also als rein huma­ni­sti­sche Psy­cho­lo­gie prak­ti­ziert, oder wird vom betref­fen­den Jesui­ten­obe­ren ein Fra­ge­ver­bot über die meta­phy­si­sche Beschaf­fen­heit der inne­ren Regun­gen ver­hängt, oder aber ufert die Selbst­ana­ly­se ein­fach über jedes gesun­de Maß hin­aus aus, dann kommt es zur Fehl­ent­wick­lung, zur Per­ver­si­on von etwas Gutem und Sinn­vol­len. Auch das ist eingetreten.

5 Bekannt­lich erklär­te Gene­ral­obe­rer Arturo Sosa im Jahr 2017 und 2019 den Teu­fel zur „sym­bo­li­schen Gestalt“, die „wir“ geschaf­fen hät­ten. Er revi­dier­te aller­dings die­se Aus­sa­ge. Den­noch ist die ursprüng­li­che Weg­in­ter­pre­ta­ti­on des Teu­fels sym­pto­ma­tisch für den Orden.

6 Ein Ex-Jesu­it pol­ni­scher Her­kunft namens Robert Maryks beschäf­tig­te sich mit der Auf­nah­me von Kon­ver­ti­ten aus dem Juden­tum bzw. von deren Nach­kom­men in die jun­ge Gesell­schaft Jesu und mit dem Kampf zu deren Zurück­drän­gung aus Ein­fluß­po­si­tio­nen ab dem 3. Gene­ral­obe­ren St. Franz von Bor­gia. Hier ein kur­zes Inter­view. Bekannt ist, daß im Spa­ni­en des 14. und 15. Jahr­hun­derts tat­säch­lich das Phä­no­men der Schein­kon­ver­si­on von Juden mit fol­gen­der Sub­ver­si­on der Kir­che exi­stier­te. Eini­ge der ersten Jesui­ten hat­ten einen Con­ver­so-Hin­ter­grund. Daß Leh­re und Pra­xis des hl. Igna­ti­us und des jun­gen Jesui­ten­or­dens aller­dings davon im Sin­ne der Sub­ver­si­on beein­flußt wor­den wären, ist in kei­ner Wei­se evi­dent. Daß es ernst­haf­te Bekeh­run­gen von Juden gege­ben hat und daß deren Nach­kom­men eben­falls ernst­haf­te Chri­sten gewe­sen sind, schei­nen die, die das Haupt­au­gen­merk auf die „Ras­se“ legen, auf die Abstam­mung und die DNS (vgl. Joh 8,33), nicht zu ver­ste­hen, weder Juden noch „Anti­se­mi­ten“. Es geht aber in der Kir­che nicht um die Ras­se, son­dern um den Glau­ben: In Chri­stus ist nicht Jude und nicht Grie­che, nach dem, was Pau­lus in Gal 3,28 sagt.

7 Der zeit­ge­nös­si­sche katho­li­sche Autor Dr. E. Micha­el Jones, South Bend, India­na, ist bezüg­lich der Per­son Mala­chi Mar­tins (1921–1999) und des genann­ten Buches sehr kri­tisch. Er sagt, es ent­hal­te vie­le Feh­ler. Nach zwei­ter Lek­tü­re stell­te ich tat­säch­lich eini­ge irri­ge Jah­res­zah­len und fal­sche Ord­nungs­zah­len bei Papst­na­men fest. Alle die­se und all­fäl­li­ge son­sti­ge Schwä­chen wider­le­gen aber die Grund­aus­sa­gen des Buches nicht. Ex-Jesu­it Mar­tin war zwei­fels­frei eine schil­lern­de Gestalt. Für mich gibt es aber kei­nen Grund, sei­nen Aus­sa­gen und Publi­ka­tio­nen aus den 80er und 90er Jah­ren zu mißtrauen.


Die voll­stän­di­ge Rei­he von Wolf­ram Schrems:

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