Der Jesuit auf dem Papstthron – 3. Exkurs: Töhötöm Nagy, „Jesuiten und Freimaurer“

Töhötöm Nagy - über Jesuiten und Freimaurer.
Töhötöm Nagy (1956) - über Jesuiten und Freimaurer.

von Wolf­ram Schrems*

Der vom Glau­ben abge­fal­le­ne und in die Frei­mau­re­rei ein­ge­tre­te­ne unga­ri­sche Ex-Jesu­it Töhö­töm Sán­dor Nagy (1908 – 1979) wur­de schon zwei­mal auf die­ser Sei­te erwähnt. Er ist ein wich­ti­ger Zeu­ge für die irre­al-eupho­ri­sche Hoch­stim­mung der Ära von Johan­nes XXIII. und – anfäng­lich – von Paul VI. einer­seits, für die tie­fe Durch­drin­gung der Kir­che durch die Frei­mau­rer andererseits.

Der Jesuit 1935
Der Jesu­it 1935.

Nach­dem Nagy aus­ge­rech­net in Bue­nos Aires in die Frei­mau­re­rei auf­ge­nom­men wor­den ist, ist ein loka­ler Bezug zu Papst Fran­zis­kus gege­ben. Inso­fern paßt ein Exkurs gut in unse­re Serie.

Aus Platz­grün­den müs­sen wir hier auf das für unser The­ma Wesent­li­che ein­ge­hen, zur Bio­gra­phie möge die Infor­ma­ti­on rei­chen, daß Nagy aus einem nach Tria­non zu Jugo­sla­wi­en bzw. Ser­bi­en geschla­ge­nen Gebiet des Banats stamm­te und nach dem Novi­zi­at in Ungarn in Inns­bruck Theo­lo­gie stu­dier­te. 1937 wur­de er zum Prie­ster geweiht. Mit dem cha­ris­ma­ti­schen P. JenÅ‘ Ker­kai arbei­te­te er in der neu­ge­grün­de­ten unga­ri­schen katho­li­schen Land­ju­gend KALOT. Er erle­dig­te auch diplo­ma­ti­sche Missionen.

Auf­grund sei­nes Dis­sen­ses zur kon­se­quent anti­kom­mu­ni­sti­schen Poli­tik des neu­ernann­ten Pri­mas von Ungarn, Kar­di­nal Józ­sef Mindszen­ty (1892 – 1975), Erz­bi­schof von Gran (Esz­ter­gom), wur­de er 1947 nach Süd­ame­ri­ka ver­setzt. Schließ­lich sagt er sich vom Glau­ben los, wird in den Lai­en­stand zurück­ver­setzt, hei­ra­tet und tritt 1952 den Frei­mau­rern bei, wo er bis in den 33. Grad aufsteigt.

Eine unga­ri­sche Inter­net­sei­te, die sich der Auf­ar­bei­tung der Geschich­te der unga­ri­schen Staats­si­cher­heit wid­met, rezen­siert eine Publi­ka­ti­on von Éva Petrás (Mit­ar­bei­te­rin des Archivs der unga­ri­schen Staats­si­cher­heit), Behind the Mask – The Life and Thought of Töhö­töm Nagy, und zieht dar­aus die wenig schmei­chel­haf­te Infor­ma­ti­on zu sei­nem letz­ten Lebensabschnitt:

„Nach­dem ihm die unga­ri­sche Poli­ti­sche Poli­zei eine Rück­kehr­mög­lich­keit ange­bo­ten hat­te, zog er mit sei­ner Fami­lie im Jahr 1968 nach Buda­pest zurück. Bis zu sei­nem Tod wur­de er von der Poli­ti­schen Poli­zei als Geheim­agent in Kir­chen­an­ge­le­gen­hei­ten ein­ge­setzt“ (eige­ne Über­set­zung).

Wenn man sich vor Augen führt, wie sehr die unga­ri­schen Katho­li­ken im Kom­mu­nis­mus gelit­ten haben und selbst von der vati­ka­ni­schen Poli­tik im Stich gelas­sen wor­den sind (sinn­bild­lich ver­dich­tet in der Per­son ihres Pri­mas Kar­di­nal Mindszen­ty), muß man die­se Infor­ma­ti­on (sofern sie zutref­fend ist (1) ) als gera­de­zu ver­nich­tend für die mora­li­sche Repu­ta­ti­on von Ex-Pater Nagy betrach­ten. Inter­es­sant ist auch die Infor­ma­ti­on auf der unga­ri­schen Wiki­pe­dia-Sei­te, wonach Nagy seit 1966 immer wie­der nach Rom gefah­ren sei und die Jesui­ten­ku­rie auf­ge­sucht habe. Was er dort gemacht hat, wis­sen wir nicht.

Einheit der Welt?

Kom­men wir zu unse­rem The­ma, der der­zei­ti­gen Koin­zi­denz von Nie­der­gang von Papst­tum und Jesuitenorden.

Nagy brach­te 1963 in Bue­nos Aires sei­ne Auto­bio­gra­phie, Jesui­ten und Frei­mau­rer (zit. nach der deut­schen Aus­ga­be, Wil­helm Frick Ver­lag, Wien 1969), auf den Markt.

Dar­in kommt er auf das damals lau­fen­de Kon­zil zu spre­chen. Dabei wird etwa der undurch­sich­ti­ge Kar­di­nal Augu­stin Bea aus dem Jesui­ten­or­den, zuvor Beicht­va­ter von Papst Pius XII., in uns inter­es­sie­ren­dem Zusam­men­hang erwähnt:

Jesuitas y Masones (spanische Erstausgabe)
Jesui­tas y Maso­nes (spa­ni­sche Erstausgabe).

„Gestern sprach ich mit eini­gen befreun­de­ten Jesui­ten über das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil und die aus ihm resul­tie­ren­den Neue­run­gen. Wir erwar­te­ten mit begrün­de­ten Hoff­nun­gen die ver­spro­che­nen Refor­men. Papst Paul VI. besitzt genug Per­sön­lich­keit, Klug­heit, Erfah­rung und Festig­keit, um das gro­ße Werk zu Ende zu füh­ren. Ein Pater las mir aus dem Osser­va­to­re Roma­no eini­ge Wor­te des Kar­di­nals Bea S. J. vor, die die­ser anläß­lich der Salz­bur­ger Hoch­schul­wo­chen gesagt hat­te: ‚Die gegen­wär­ti­ge Welt eint sich; die Äuße­run­gen des Gei­stes stre­ben nach einer Ein­heit, die eine bes­se­re Zukunft ver­heißt.‘“ (499)

Beson­ders die Ein­heits­rhe­to­rik ist hier zu beach­ten. Gleich­zei­tig bleibt die Gesamt­aus­sa­ge im Vagen: Was heißt z. B. der Aus­druck „die Äuße­run­gen des Gei­stes“? Wel­chen Gei­stes überhaupt?

Hat nicht der hl. Igna­ti­us sei­ne Schü­ler gelehrt, die Gei­ster zu unterscheiden?

Es ist nicht klar, wel­che „Ein­heit“ der Jesui­ten­kar­di­nal hier meint, da es ja auch eine Ein­heit im Bösen gibt. Die­se ist zwar aus inne­ren Grün­den labil, kann aber für eini­ge Zeit durch­aus viel Unheil anrich­ten (in der Mafia oder im Okkul­tis­mus o. a.).

Damit ist aber auch der Opti­mis­mus einer „bes­se­ren Zukunft“ als unfun­diert erwie­sen. „Bes­se­re Zukunft“ gibt es nur, wenn die Men­schen den Gebo­ten Got­tes gehor­chen, nicht aber, wenn sie ledig­lich „einig“ sind.

Wer aber ruft heu­te unzwei­deu­tig zum Befol­gen der Gebo­te Got­tes auf? Die kirch­li­che Hier­ar­chie und die Jesui­ten ja wohl nicht. Bezie­hungs­wei­se nicht mehr.

Lei­der bedient auch Papst Fran­zis­kus – bei aus­blei­ben­der Mah­nung zur Bekeh­rung – die­se opti­mi­sti­sche Rhetorik.

Die­se Rhe­to­rik führt mit inne­rer Zwangs­läu­fig­keit zu einer opti­mi­sti­schen Welt­zu­ge­wandt­heit, die ihrer­seits zu einer Anhäng­lich­keit an die Mäch­ti­gen die­ser Welt führt. Da Papst Fran­zis­kus jetzt selbst mit der UNO in das Lied vom „men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del“ ein­stimmt, sieht man, daß er für die­se Welt­zu­ge­wandt­heit optiert hat. Wer aber mit den Mäch­ti­gen die­ser Welt geht, geht frü­her oder spä­ter auch mit dem „Für­sten die­ser Welt“.

„Jesuitas y Masones“

Sodann macht Nagy eine schil­lern­de Aus­sa­ge zum Ver­hält­nis von Jesui­ten und Freimaurern:

„Die Gesell­schaft Jesu steht der Mau­re­rei noch um eini­ges näher als die Kir­che selbst. Öfters wer­den die Jesui­ten als die ‚Frei­mau­rer der Kir­che‘ apo­stro­phiert; und nicht völ­lig zu Unrecht. Die grund­le­gen­de Ana­lo­gie besteht dar­in, daß bei­de Orden von einem außer­or­dent­lich fort­schritt­li­chen Geist beseelt sind“ (505).

Man muß die­se Pas­sa­ge (wie das gan­ze Buch) sehr kri­tisch sehen:

Jesuiten wie Nagy provozieren solche Fragen.
Pro­vo­zier­te Fragen.

Eine „grund­le­gen­de Ana­lo­gie“ ist von der Idee bei­der Ver­ei­ni­gun­gen her natür­lich nicht gege­ben. Somit ist die Aus­sa­ge, die Jesui­ten sei­en die „Frei­mau­rer der Kir­che“, ein völ­li­ger Unsinn. Allen­falls ist es Wich­tig­tue­rei oder Selbst­be­schwich­ti­gung eines auf­grund der Apost­asie schlech­ten Gewissens.

„Fort­schritt­li­cher Geist“ ist auch eine der typi­schen Wort­hül­sen, die von den spe­ku­la­ti­ven Bau­hüt­ten in die Welt gesetzt wer­den, eine rei­ne Nebel­gra­na­te. Denn es ist ja nicht gesagt, in wel­che Rich­tung denn die­ser „Fort­schritt“ gehen soll.

Igna­ti­us hat durch sein Prin­zip magis („mehr“) zwei­fel­los eine unge­heu­re Dyna­mik ange­sto­ßen: Sei­ne Idee über­stieg das (vom Wort­laut, nicht von der Sache her, sta­ti­sche) bene­dik­ti­ni­sche Ut in omni­bus glo­ri­fice­tur Deus (Damit in allem Gott ver­herr­licht wer­de) hin zum (auch von der For­mu­lie­rung her dyna­mi­schen) Omnia ad maio­rem Dei glo­ri­am (Alles zur grö­ße­ren Ehre Got­tes). Igna­ti­us ver­ab­scheu­te Medio­kri­tät. Sei­ne Päd­ago­gik zielt auf ein bestän­di­ges Wei­ter­ge­hen ab, ist inso­fern „fort­schritt­lich“. Aber die Ziel­rich­tung ist klar: die grö­ße­re Ehre Got­tes, die je bes­ser umge­setz­te täti­ge Lie­be, die je mehr für Chri­stus gewon­ne­nen Seelen.

Nicht gemeint ist mit dem magis eine Ver­än­de­rung der Glau­bens­in­hal­te. Auch ein säku­la­rer „Fortschritts“-Glaube fällt nicht darunter.

Die­ser Glau­be ist Unsinn und Aber­glau­be. Es bleibt ja immer im Vagen, WAS genau im Fort­schritt erreicht wer­den soll. Damit kön­nen die Prot­ago­ni­sten die­ses „Fort­schritts“, Posi­ti­vi­sten, Moder­ni­sten, Kom­mu­ni­sten, Natio­nal­so­zia­li­sten, Zio­ni­sten u. a., natür­lich eige­ne Zie­le unter dem Deck­man­tel „histo­ri­scher Not­wen­dig­kei­ten“ u. dgl. verfolgen.

Ande­rer­seits hat Nagy inso­fern recht, da sich in der ersten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts doch der maso­ni­sche Ein­fluß in der Gesell­schaft Jesu immer mehr Gel­tung ver­schafft hat.

Was wird eigentlich in Buenos Aires gespielt?

Für unse­ren Zusam­men­hang ist auch die Rol­le von Bue­nos Aires im Frei­mau­rer­tum von Interesse:

„In Bue­nos Aires kam es am 12. April 1965 zu einem bei­spiel­lo­sen Ereig­nis: Pater José Ben­esch hielt bei einer Sit­zung der Groß­lo­ge Argen­ti­ni­ens einen bril­lan­ten Vor­trag über die moder­ne Kir­che, der gro­ßen Bei­fall ern­te­te“ (S. 513f, Fuß­no­te) (2) .

Jesuiten und Freimaurer (ungarische und deutsche Ausgabe)
Jesui­ten und Frei­mau­rer (unga­ri­sche und deut­sche Ausgabe).

Inwie­weit die argen­ti­ni­schen Jesui­ten im all­ge­mei­nen und Papst Fran­zis­kus im spe­zi­el­len ein­schlä­gig beein­flußt wor­den sind, kann man ohne inten­si­ve­re Nach­for­schun­gen natür­lich nicht sagen. Daß ein sol­cher Ein­fluß exi­stiert, ist aber auf­grund der Aus­füh­run­gen von Nagy nicht von der Hand zu weisen.

Resümee

Alle die­se von Nagy im Hoch­ge­fühl einer – ver­meint­lich – „Neu­en Ära“ ange­spro­che­nen zitier­ten Sach­ver­hal­te sind offen­bar nicht aus der Luft gegrif­fen. Der „außer­or­dent­lich fort­schritt­li­che Geist“ hat in die Gesell­schaft Jesu und in die Gesamt­kir­che brei­te Schnei­sen geschla­gen. Der „bril­lan­te Vor­trag“ des Jesui­ten­pa­ters Ben­esch über eine soge­nann­te „moder­ne Kir­che“ wird die Her­ren Maso­nen in ihrem sub­ver­si­ven Tun wei­ter bestärkt haben.

Der „gro­ße Bei­fall“ kam von den Falschen.

Igna­ti­us hat­te im Exer­zi­ti­en­buch geschrie­ben, der Exer­zi­tant sol­le „je mehr mit dem schmacher­füll­ten Chri­stus Schmach als Ehren­er­wei­se [wün­schen], und je mehr dar­nach [ver­lan­gen], als ein Tor und Narr ange­se­hen zu wer­den um Chri­sti wil­len, der zuerst als ein sol­cher ange­se­hen wur­de, denn für wei­se und klug in die­ser Welt“ (Drit­te Stu­fe der Demut, EB 167).

Und jetzt läßt man sich von geschwo­re­nen Fein­den der Wahr­heit feiern?

Was für ein Absturz!

Töhö­töm Nagy ist aber nur ein Bei­spiel für die Apost­asie der Gott­ge­weih­ten, die in der Bot­schaft von Fati­ma eine wich­ti­ge Rol­le spielt. Inso­fern haben wir es hier mit einem beson­ders apo­ka­lyp­ti­schen „Zei­chen der Zeit“ zu tun.

Auch hier wären Papst Fran­zis­kus und der Gene­ral­obe­re der Jesui­ten drin­gend auf­ge­ru­fen, kor­ri­gie­rend und exor­zie­rend einzugreifen.

*MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Katechist

Bild: Wiki­com­mons

(1) Theo­re­tisch ist es denk­bar, daß Nagy sei­ne nach­rich­ten­dienst­li­chen und diplo­ma­ti­schen Fähig­kei­ten klan­de­stin in den Schutz der Kir­che stell­te und die Geheim­po­li­zei an der Nase her­um­führ­te. Ohne spe­zi­el­le For­schun­gen wird man das nicht her­aus­ar­bei­ten kön­nen. Die Aus­füh­run­gen von Frau Petrás gehen aber nicht in die­se Richtung.

(2) Pater José Ben­esch war 1961 zum ersten Kanz­ler und Gene­ral­se­kre­tär des neu­errich­te­ten Bis­tums Avel­la­ne­da ernannt wor­den. Das Gebiet des neu­en Bis­tums war aus der Kir­chen­pro­vinz La Pla­ta her­aus­ge­löst und als Suf­fra­gan­bis­tum dem Erz­bis­tum Bue­nos Aires unter­stellt worden.

Die voll­stän­di­ge Reihe:

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