Der Jesuit auf dem Papstthron – Epilog (2. Teil)

Die Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola in der Ausgabe von 1548.
Die Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola in der Ausgabe von 1548.

Von Wolf­ram Schrems*
Die­ser Teil schließt unmit­tel­bar an den 1. Teil vom 03.03.21 an. Wie ange­kün­digt, wird hier ein Para­graph im Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en­buch vor­ge­stellt, der aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang geris­sen zu Fehl­ent­wick­lun­gen füh­ren kann.

Damit gehen wir ins Detail:

Exerzitienbuch Nr. 22: die Aussagen des Nächsten „retten“

Zunächst der vol­le Text des Para­gra­phen 22:

„Damit sowohl der, der die geist­li­chen Übun­gen gibt, wie der, der sie emp­fängt, ein­an­der jeweils mehr hel­fen und för­dern, haben sie vor­aus­zu­set­zen, daß jeder gute Christ mehr bereit sein muß, eine Aus­sa­ge des Näch­sten zu ret­ten, als sie zu ver­dam­men. Ver­mag er sie aber nicht zu ret­ten, so for­sche er nach, wie jener sie ver­steht, und wenn er sie übel ver­steht, so ver­bes­se­re er ihn mit Lie­be, genügt dies aber nicht, so suche er alle pas­sen­den Mit­tel, daß jener, sie rich­tig ver­ste­hend, sich ret­te“ (Igna­ti­us von Loyo­la, Die Exer­zi­ti­en, über­tra­gen von Hans Urs von Bal­tha­sar, Johan­nes Ver­lag Ein­sie­deln, 11. Auf­la­ge 1993, S. 17)1.

Zunächst stellt man fest: Der Wort­sinn die­ser Stel­le ist auf den ersten Blick nicht voll­stän­dig klar. Denn wie kann man jeman­den anlei­ten, des­sen eige­ne Aus­sa­ge „rich­tig zu ver­ste­hen“? Der­je­ni­ge, der die Aus­sa­ge tätigt, wird wohl selbst wis­sen, wie die­se ver­stan­den wer­den soll. Vom Wort­laut bleibt daher unklar, ob „jeder gute Christ“ sei­nem Gesprächs­part­ner etwas regel­recht ein­re­den soll, was die­ser nicht meint und nicht inten­diert. Wäh­rend das ein mani­pu­la­ti­ver, also miß­bräuch­li­cher Ein­satz die­ser Regel wäre, wird man den rich­ti­gen Ein­satz der Regel her­aus­strei­chen müs­sen, näm­lich genau zuzu­hö­ren und dann allen­falls dort zu kor­ri­gie­ren, wo es not­wen­dig ist (in Anleh­nung an Mt 18,15ff):

Berechtigung dieser Regel…

Posi­tiv kann aus die­ser Regel her­aus­ge­zo­gen wer­den, daß jeder Christ sei­nem Gesprächs­part­ner gut zuhö­ren soll, damit er genau ver­steht, was die­ser eigent­lich sagen will. Das ist ein Gebot der Näch­sten­lie­be. Es gilt inner­halb des Exer­zi­ti­en­be­triebs, der natür­lich ein hoch­sen­si­bler Bereich ist, und außer­halb. Aller­dings ist der Reden­de auch zu Wahr­haf­tig­keit verpflichtet.

Die Näch­sten­lie­be gebie­tet dar­über hin­aus, sei­nem Gesprächs­part­ner nicht mit sinn­lo­sen und irrele­van­ten Wor­ten die Zeit zu steh­len (vgl. Mt 12,36).

Als histo­ri­sches Vor­bild für das genaue Zuhö­ren, soweit es die Wis­sen­schaft betrifft, kann der hl. Tho­mas von Aquin gel­ten. Die­ser gibt in den ein­zel­nen Arti­keln der Sum­ma theo­lo­giae zunächst Ein­wän­de gegen sei­ne eige­ne Mei­nung wie­der. Er hört die ande­re Sei­te (nach der juri­sti­schen Maxi­me audia­tur et alte­ra pars) und for­mu­liert deren Posi­ti­on in eige­nen Wor­ten, um zu demon­strie­ren, daß er sie ver­stan­den hat. Dann for­mu­liert er einen Wider­spruch (sed con­tra), die Kon­klu­si­on und die Wider­le­gun­gen gegen die Ein­wän­de. Das ist ein vor­bild­li­ches Vor­ge­hen. Aller­dings waren die­je­ni­gen Autoren, mit denen sich Tho­mas aus­ein­an­der­setz­te, ernst­zu­neh­men­de Auto­ri­tä­ten (abge­se­hen davon, daß Tho­mas auch Bibel­stel­len anführt, die sei­ner eige­nen Mei­nung auf den ersten Blick wider­spre­chen). Die­se Situa­ti­on ist heu­te über­haupt nicht mehr gege­ben, da bekannt­lich auch und beson­ders Pro­fes­so­ren und Intel­lek­tu­el­le häu­fig Papa­gei­en von Mode­strö­mun­gen oder Agen­ten von Regie­run­gen sind. Oder – para­do­xer­wei­se – im Zei­chen des Skep­ti­zis­mus jede Mög­lich­keit von Wahr­heits­er­kennt­nis ohne­hin bestrei­ten. War­um soll man sie dann über­haupt anhören?

Wei­ter­hin kann aus die­ser Regel her­aus­ge­zo­gen wer­den, daß „jeder gute Christ“ auch bereit sein muß, bei sei­nem Gesprächs­part­ner gege­be­nen­falls nach­zu­fra­gen, wenn etwas unklar ist, oder ihn sogar zu kor­ri­gie­ren. Ziel die­ser Vor­gangs­wei­se ist, dem Gesprächs­part­ner zu hel­fen, sich „zu ret­ten“, also das See­len­heil zu erlan­gen. Dafür ist die bedin­gungs­lo­se Lie­be zur Wahr­heit wesent­lich. Genau betrach­tet ver­tritt Igna­ti­us also kei­ner­lei Rela­ti­vis­mus. Es geht auch nicht um nai­ve Gut­gläu­big­keit. Die­se Anwei­sung steht ja im Rah­men des Exer­zi­ti­en­bu­ches, das sei­ner­seits im Rah­men des über­lie­fer­ten katho­li­schen Glau­bens steht. Dar­aus ist zu fol­gern, daß der­je­ni­ge, der die Exer­zi­ti­en gibt, und der­je­ni­ge, der sie emp­fängt, an die Vor­ga­ben des katho­li­schen Glau­bens gebun­den sind.

Davon hat man sich aber auch im jesui­ti­schen Exer­zi­ti­en­be­trieb in vie­len Fäl­len ent­fernt. Daher kann die­se Regel falsch inter­pre­tiert werden:

… und mögliche Fehlentwicklung

Eine Fehl­ent­wick­lung kommt also zustan­de, wenn aus die­ser Regel des Exer­zi­ti­en­bu­ches gefol­gert wird, man müs­se schlech­ter­dings in jeder Situa­ti­on jedem Wahr­haf­tig­keit und guten Wil­len kon­ze­die­ren. Das wäre naiv und unrealistisch.

Pro­ble­ma­tisch wäre auch fol­gen­de Annah­me: Falls man beim Gesprächs­part­ner kei­nen guten Wil­len aus­ma­chen kann, kön­ne man den Gesprächs­part­ner den­noch immer durch gedul­di­ge Kor­rek­tu­ren auf einen guten Weg brin­gen. Denn damit wür­de man sich erpreß­bar machen und sich viel Zeit und Ener­gie für ein unge­wis­ses Resul­tat steh­len las­sen.2

Um wie­viel mehr gilt das für berufs­mä­ßi­ge Sophi­sten und Lüg­ner im Dienst tota­li­tä­rer Pro­pa­gan­da. Die­se hat­te Igna­ti­us bei der Abfas­sung des Exer­zi­ti­en­bu­ches und somit der gegen­ständ­li­chen Regel aber auch nicht im Auge.

Wie wir um uns sehen, hat sich die­se Regel gleich­sam ver­selb­stän­digt und aus­ge­wei­tet. Dabei kann man ohne auf­wen­di­ge For­schung nicht sagen, inwie­weit die Pro­pa­gan­di­sten des (fast) unein­ge­schränk­ten „Dia­logs“ sich expli­zit auf die­se Regel berie­fen. Klar ist jeden­falls, daß man heut­zu­ta­ge sei­tens der Kir­che im all­ge­mei­nen und sei­tens der Jesui­ten im beson­de­ren jedem zutraut, ein wür­di­ger Gesprächs­part­ner zu sein.

Allgegenwärtiger und unrealistischer „Dialog“ – aber natürlich nicht mit jedem

Denn genau die­se Hal­tung ist seit der Zeit des II. Vati­can­ums in der Kir­che vor­herr­schend: „Dia­log“ wird um jeden Preis pro­pa­giert, auch mit denen, von denen wir wis­sen, daß sie geschwo­re­ne Fein­de der Kir­che sind. Einen pro­mi­nen­ten Aus­druck fand die­se Hal­tung in der Enzy­kli­ka Pacem in ter­ris (1963) von Papst Johan­nes XXIII., in der die­ser den Kom­mu­nis­mus zwar kri­ti­siert, den Kom­mu­ni­sten aber eine erha­be­ne Men­schen­wür­de zuer­kennt und zum „Dia­log“ aufruft.

Aus­ge­nom­men vom „Dia­log“ und von der Zuer­ken­nung von erha­be­ner Men­schen­wür­de sind immer nur – wirk­li­che oder ver­meint­li­che – „Nazis“. Es ist heut­zu­ta­ge unvor­stell­bar, daß Ver­tre­ter der Kir­chen­hier­ar­chie oder des Jesui­ten­or­dens auch nur mit Ver­tre­tern „popu­li­sti­scher“ Par­tei­en oder der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung in einen Dia­log tre­ten wür­den. Aber sonst wird „Dia­log“ auf Teu­fel komm raus betrieben.

Es wird hier nicht behaup­tet, das Exer­zi­ti­en­buch hät­te die unter­wür­fi­ge Hal­tung des genann­ten „Dia­logs“ etwa mit dem Sowjet­kom­mu­nis­mus durch Papst Johan­nes XXIII. deter­mi­niert. Es wird aller­dings fest­ge­stellt, daß heut­zu­ta­ge eine unrea­li­sti­sche, ire­ni­sti­sche Hal­tung des „Dia­logs“ gegen­über den Fein­den der Kir­che und der Wahr­heit exi­stiert. Die­se Hal­tung ähnelt auf den ersten Blick der betref­fen­den Anwei­sung des Exer­zi­ti­en­bu­ches. Manch­mal beruft sie sich wohl auch auf die­se, aller­dings nach­dem sie sie aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang des katho­li­schen Glau­bens und Den­kens geris­sen hat.

Die­se Hal­tung eines uni­ver­sel­len „Dia­logs“ wur­de ab der Amts­zeit des schon genann­ten P. Pedro Arru­pe als Gene­ral­obe­ren der Jesui­ten (1965–1981) in der Arbeit des Jesui­ten­or­dens domi­nant. Aus­ge­nom­men waren natür­lich auch da – wie schon gesagt – „Rech­te“. Aus­ge­nom­men waren auch die ein­hun­dert spa­ni­schen Jesui­ten, die sich an die Kir­chen­füh­rung wand­ten, weil sie den tra­di­tio­nel­len Glau­ben und Lebens­stil der Jesui­ten bewah­ren woll­ten und dafür von Arru­pe auf­ge­sucht und ohne viel „Dia­log“ zur Schnecke gemacht wurden.

Dialog, „Zuhören“, „Verstehenwollen“ u. dgl. sind nicht immer indiziert

Es ist die Hal­tung, die (um Josef Pie­per zu para­phra­sie­ren) der Tugend der Tap­fer­keit kei­nen Wert mehr bei­mes­sen kann, weil alles ver­han­del­bar gewor­den ist. Da in die­ser Hal­tung auch ein Geg­ner in einem bestimm­ten Kon­flikt als letzt­lich guten Wil­lens gese­hen wird und durch die rich­ti­ge „Kon­flikt­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie“ zur Bei­le­gung des Kon­flikts gebracht wer­den kann, braucht es weder (nach Tho­mas von Aquin in der Dar­stel­lung Pie­pers) den (gege­be­nen­falls not­wen­di­gen) Angriff auf das Übel (insi­li­re, „ansprin­gen“) noch das (gege­be­nen­falls not­wen­di­ge) Stand­hal­ten gegen­über dem über­mäch­ti­gen Übel (per­se­ver­a­re, „durch­hal­ten“). Es gibt kei­ne Fein­de der Kir­che mehr, es ist alles nur ein Miß­ver­ständ­nis. Die­ses kann durch „Dia­log“ gelöst werden.

Es ist natur­ge­mäß unmög­lich, daß Igna­ti­us bei der Abfas­sung des Exer­zi­ti­en­bu­ches die gan­ze Raf­fi­nes­se „moder­ner“ Pro­pa­gan­da­me­tho­den mit ihrer Aus­wir­kung auf die Mas­se im Auge gehabt haben soll. Weder die Public Rela­ti­ons des Edward Ber­nays, noch die Psy­cho­lo­gie der Mas­sen von Gust­ave Le Bon, noch die dia­bo­li­sche Sug­ge­stiv­kraft der Sowjet­pro­pa­gan­da und des Natio­nal­so­zia­lis­mus stan­den vor dem gei­sti­gen Auge des Hei­li­gen. Er hat sich ver­mut­lich nicht vor­stel­len kön­nen, wie sehr die Pro­pa­gan­da des 20. und 21. Jahr­hun­derts förm­lich Mil­li­ar­den von Men­schen bewo­gen hat, bestimm­te Dok­tri­nen zu glau­ben. Die „öffent­li­che Mei­nung“ der Gegen­wart ist gera­de­zu flä­chen­deckend mani­pu­liert (Kli­ma, Covid, Migra­ti­on, Inter­na­tio­na­lis­mus u. a.).

Soll man auch die Aus­sa­gen sol­cher­art Irre­ge­lei­te­ter „ret­ten“? Nein. Kann man sie anlei­ten, sie „rich­tig zu ver­ste­hen“? Viel­leicht. Auch das wäre ein sinn­vol­ler Ein­satz die­ser Regel etwa der Kir­chen­hier­ar­chen. Denn die­se haben ja auch und vor allem die Ver­ant­wor­tung für die ihnen anver­trau­ten Gläu­bi­gen, denen sie kein Ärger­nis geben dür­fen. Aber das pas­siert nicht.

Bestimmt konn­te Igna­ti­us sich nicht vor­stel­len, daß inner­halb der Kir­chen­hier­ar­chie eine Men­ta­li­tät ein­zie­hen wür­de, die den Außen­ste­hen­den, ja auch den Fein­den der Kir­che blind und fak­ten­re­si­stent Ver­trau­ens­vor­schuß gewäh­ren wür­de. Genau das ist ein­ge­tre­ten. Und gele­gent­lich stößt man auf einen Bischof oder einen Jesui­ten, der genau unter expli­zi­ter Beru­fung auf Exer­zi­ti­en­buch 22 zur Offen­heit gegen­über dem Fal­schen auf­ruft (so etwa der dama­li­ge Inns­brucker Bischof Man­fred Scheu­er bei der Chri­sam­mes­se 2011 im Inns­brucker Dom).

Resümee

Somit kön­nen wir resümieren:

Aus dem katho­li­schen Kon­text geris­sen und von den Absich­ten des hl. Igna­ti­us los­ge­löst, kann sich Exer­zi­ti­en­buch §22 als Mit­tel zur Unter­mi­nie­rung von Kir­che und Chri­sten­tum erwei­sen. Denn wenn immer jedem guter Wil­le zu kon­ze­die­ren ist, beraubt man sich selbst der Abwehr gegen das Böse, das nun­mehr expli­zit oder impli­zit geleug­net wird.

Das ist im gro­ßen Maß­stab geschehen.

Der zwei­te Punkt ist heik­ler. Dazu im drit­ten Teil.

*Wolf­ram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro Lifer

Bild: Wikicommons/MiL


1 Die­se Über­set­zung wur­de Ende der 1990er Jah­re vom öster­rei­chisch-schwei­ze­risch-litaui­schen Novi­zi­at in Inns­bruck ver­wen­det. Man gestand ihr sei­tens der Obe­ren also sprach­li­che Kor­rekt­heit zu. (Die­ses Novi­zi­at exi­stiert übri­gens seit Jah­ren nicht mehr.)

2 Ein lite­ra­ri­sches Bei­spiel für Erpres­sung durch eine Per­son, die schlech­ten Wil­lens ist und par­tout nicht die Wahr­heit über sich aner­ken­nen will, ist der Zwerg mit dem Tra­gö­den in C. S. Lewis‘ berühm­tem Roman Die gro­ße Schei­dung (The Gre­at Divor­ce) von 1945.

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