Rückkehr zum Lehramt

Vor zehn Jahren: die Selbstsabotage der Morallehre

Von Abbé Clau­de Barthe*

Humanæ vitæ hat­te im Jah­re 1968, mit­ten in dem vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ein­ge­lei­te­ten libe­ra­len Kli­ma, ein unge­wöhn­li­ches Ereig­nis dar­ge­stellt. Die Enzy­kli­ka löste aller­dings hef­ti­gen Wider­spruch aus. Wäh­rend das von Paul VI. gelei­te­te Kon­zil die Ekkle­sio­lo­gie dem libe­ra­len Katho­li­zis­mus geöff­net hat­te – Öku­me­ne, Reli­gi­ons­frei­heit, Dia­log mit den Reli­gio­nen –, hat­te sich der­sel­be Paul VI. zur all­ge­mei­nen Ver­wun­de­rung gewei­gert, die Ehe­leh­re zu libe­ra­li­sie­ren, und die Emp­fäng­nis­ver­hü­tung verurteilt.

Die soge­nann­te „Restau­ra­ti­on“ der Pon­ti­fi­ka­te Johan­nes Pauls II. und Bene­dikts XVI. – ein Begriff, den Joseph Ratz­in­ger in sei­nem Buch „Zur Lage des Glau­bens“ ver­wen­de­te, einem Ver­such zu einer gemä­ßig­ten Inter­pre­ta­ti­on des Kon­zils – ver­fe­stig­te sich somit in die­sem rela­ti­ven Wider­stand der Moral­leh­re (Veri­ta­tis sple­ndor, 1993). Es war ein schwa­cher Wider­stand, der sich ver­pflich­tet sah, Zuge­ständ­nis­se zu machen – man den­ke an die „Theo­lo­gie des Lei­bes“ Johan­nes Pauls II. – und vor allem dar­auf ver­zich­te­te, das unfehl­ba­re Lehr­amt in Anspruch zu neh­men: Trotz wie­der­hol­ter For­de­run­gen wur­de die Leh­re von Humanæ vitæ nie­mals als end­gül­tig vor­ge­tra­gen, weil der „pasto­ra­le“ Hori­zont des Kon­zils als unüber­wind­bar galt.

Wie dem auch sei: Amo­ris læti­tia ließ im Jah­re 2016 die­se mora­li­sche Schran­ke ein­stür­zen und eröff­ne­te damit eine neue Pha­se der nach­kon­zi­lia­ren Zeit. Dies hat im übri­gen auch einen posi­ti­ven Aspekt: Die Zeit der hal­ben Maß­nah­men ist vorbei.

Kapitel VIII von Amoris lætitia

Mit Amo­ris læti­tia vom 19. März 2016 hat Papst Berg­o­glio in gewis­ser Wei­se und unter bestimm­ten Bedin­gun­gen den Ehe­bruch ent­kri­mi­na­li­siert, das heißt: inti­me Bezie­hun­gen mit einem ande­ren als dem eige­nen Ehe­gat­ten. Kapi­tel VIII des Apo­sto­li­schen Schrei­bens, „Beglei­ten, unter­schei­den und ein­glie­dern in der Zer­brech­lich­keit“, befaßt sich ins­be­son­de­re mit der „Zer­brech­lich­keit“ jener Men­schen, die das ehe­li­che Band zer­bre­chen und eine zwei­te Ehe ein­ge­hen. Papst Fran­zis­kus ging dabei in drei Schrit­ten vor:

  • Zunächst lud er zu einer pasto­ra­len „Beglei­tung“ der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen ein, die auf dem Prin­zip der Gra­dua­li­tät beru­hen soll­te. Dabei unter­schied er zwi­schen dem von der mora­li­schen Norm dar­ge­stell­ten Ide­al und dem, was eine beträcht­li­che Zahl von Chri­sten kon­kret zu ver­wirk­li­chen ver­mag und was für einen Weg der Beglei­tung und Unter­schei­dung berück­sich­tigt wer­den müs­se, der „die­se Gläu­bi­gen dazu führt, sich ihrer Situa­ti­on vor Gott bewußt zu werden“[1]. Die­se Beglei­tung erfolgt durch ein „Gespräch mit dem Prie­ster im inne­ren Forum, [das] zur Bil­dung eines rich­ti­gen Urteils dar­über bei­trägt, was die Mög­lich­keit einer vol­le­ren Teil­nah­me am Leben der Kir­che behin­dert und wel­che Schrit­te die­se Teil­nah­me för­dern und wach­sen las­sen kön­nen“ (Nr. 300).
  • Unmit­tel­bar dar­auf leg­te Papst Fran­zis­kus sei­ne neue lehr­mä­ßi­ge Per­spek­ti­ve dar: „Es ist nicht mehr mög­lich zu sagen, daß alle, die sich in einer soge­nann­ten ‚irre­gu­lä­ren‘ Situa­ti­on befin­den, in einem Zustand der Tod­sün­de leben und der hei­lig­ma­chen­den Gna­de beraubt sind. Die Gren­zen hän­gen nicht ein­fach von einer even­tu­el­len Unkennt­nis der Norm ab. Ein Mensch kann, obwohl er die Norm gut kennt, gro­ße Schwie­rig­kei­ten haben, die ‚in der mora­li­schen Norm ent­hal­te­nen Wer­te‘ zu ver­ste­hen, oder er kann sich in kon­kre­ten Bedin­gun­gen befin­den, die es ihm nicht erlau­ben, anders zu han­deln und ande­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden“ (Nr. 301).Dies ist der Kern der neu­en Moral­leh­re, die dem Aus­spruch des hei­li­gen Augu­sti­nus (Bekennt­nis­se, Buch X, Kap. 29), den das Kon­zil von Tri­ent über­nom­men hat (Denz. 1536), fron­tal ent­ge­gen­steht: „Gott befiehlt nichts Unmög­li­ches; wenn er aber befiehlt, ermahnt er dich, das zu tun, was du kannst, und zu erbit­ten, was du nicht kannst.“ Die­se For­mel bedeu­tet, daß Gott immer die not­wen­di­ge Gna­de gewährt, um das zu befol­gen, was er gebie­tet – in die­sem Fal­le die ehe­li­che Treue.
  • Schließ­lich zog Papst Fran­zis­kus aus die­ser Aus­sa­ge Kon­se­quen­zen hin­sicht­lich der sakra­men­ta­len Pra­xis: der bekann­ten Zulas­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on, die Gegen­stand fort­wäh­ren­der For­de­run­gen sei­tens der theo­lo­gi­schen Lin­ken gewe­sen war. „Auf­grund von Kon­di­tio­nie­run­gen oder mil­dern­den Fak­to­ren ist es mög­lich, daß man inmit­ten einer objek­ti­ven Situa­ti­on der Sün­de – die sub­jek­tiv nicht oder zumin­dest nicht voll schuld­haft sein kann – in der Gna­de Got­tes leben, lie­ben und auch im Leben der Gna­de und der Lie­be wach­sen kann, indem man dazu die Hil­fe der Kir­che emp­fängt“ (Nr. 305).Eine Anmer­kung (Nr. 351) prä­zi­sier­te hier­zu, daß man trotz des Fort­be­stehens des Ehe­bruchs unter Umstän­den die sakra­men­ta­le Abso­lu­ti­on und die Eucha­ri­stie emp­fan­gen kön­ne: „In bestimm­ten Fäl­len könn­te dies auch die Hil­fe der Sakra­men­te sein. Daher erin­ne­re ich die Prie­ster dar­an, daß der Beicht­stuhl kein Fol­ter­raum sein darf, son­dern der Ort der Barm­her­zig­keit des Herrn“ (Evan­ge­lii gau­di­um, Nr. 44). Eben­so wei­se ich dar­auf hin, daß die Eucha­ri­stie „nicht eine Beloh­nung für die Voll­kom­me­nen, son­dern ein groß­zü­gi­ges Heil­mit­tel und eine Nah­rung für die Schwa­chen“ ist (ebd., Nr. 47).

Fragen des Glaubens ohne Antwort

Vier Kar­di­nä­le – Ray­mond Bur­ke, Wal­ter Brand­mül­ler, Car­lo Caf­farra und Joa­chim Meisner[2] – leg­ten dar­auf­hin Papst Fran­zis­kus fünf Dubia vor, also Fra­gen, die an die römi­schen Auto­ri­tä­ten gerich­tet wer­den und frü­her so for­mu­liert waren, daß sie mit Ja oder Nein, posi­ti­ve oder nega­ti­ve, beant­wor­tet wer­den muß­ten – „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein“ (Mt 5, 37) –, wor­auf anschlie­ßend eine Erläu­te­rung der gege­be­nen Ant­wort erfol­gen sollte.

Das wich­tig­ste Dubi­um der Kar­di­nä­le lautete:

„Ist es nach Amo­ris læti­tia Nr. 301 noch mög­lich zu behaup­ten, daß eine Per­son, die gewohn­heits­mä­ßig im Wider­spruch zu einem Gebot des Geset­zes Got­tes lebt, wie etwa dem­je­ni­gen, das den Ehe­bruch ver­bie­tet (vgl. Mt 19, 3–9), sich in einer objek­ti­ven Situa­ti­on gewohn­heits­mä­ßi­ger schwe­rer Sün­de befin­det (vgl. Päpst­li­cher Rat für die Geset­zes­tex­te, Erklä­rung vom 24. Juni 2000)?“

Die von den Kar­di­nä­len ange­führ­te Erklä­rung des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te sag­te tatsächlich:

„Den Leib Chri­sti zu emp­fan­gen, obwohl man öffent­lich unwür­dig ist, stellt einen objek­ti­ven Scha­den für die kirch­li­che Gemein­schaft dar; es han­delt sich um ein Ver­hal­ten, das die Rech­te der Kir­che und aller Gläu­bi­gen ver­letzt, in Über­ein­stim­mung mit den Erfor­der­nis­sen die­ser Gemein­schaft zu leben. Im kon­kre­ten Fall der Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on betrifft der Skan­dal, ver­stan­den als Hand­lung, die ande­re zum Bösen bewegt, zugleich das Sakra­ment der Eucha­ri­stie und die Unauf­lös­lich­keit der Ehe (…). Der Spen­der der Kom­mu­ni­on muß es ableh­nen, sie jeman­dem zu geben, der öffent­lich unwür­dig ist.“

Schon zuvor, als das Pon­ti­fi­kat Berg­o­gli­os gera­de erst begon­nen hat­te und sich bereits eine Umkeh­rung der Leh­re abzeich­ne­te, hat­te der Ver­fas­ser die­sel­be Fra­ge gestellt, aller­dings in bezug auf das Sakra­ment der Buße, und zwar an die Kon­gre­ga­ti­on für die Glaubenslehre:

„Kann ein Beicht­va­ter einem Pöni­ten­ten die Abso­lu­ti­on ertei­len, der, nach­dem er kirch­lich ver­hei­ra­tet war, nach der Schei­dung eine zwei­te Ver­bin­dung ein­ge­gan­gen ist?“

Damit soll­te der Kon­gre­ga­ti­on – deren Prä­fekt Kar­di­nal Mül­ler und deren Sekre­tär Msgr. Lada­ria war – Gele­gen­heit gege­ben wer­den, zu bekräf­ti­gen, daß die Leh­re von Fami­lia­ris con­sor­tio, die spä­ter zitiert wer­den wird, wei­ter­hin gül­tig sei. Die Kon­gre­ga­ti­on ant­wor­te­te am 22. Okto­ber 2014:

„Einem wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen kann kei­ne gül­ti­ge Abso­lu­ti­on erteilt wer­den, wenn er nicht den festen Vor­satz hat, in Zukunft nicht mehr zu ‚sün­di­gen‘ und daher von den den Ehe­gat­ten eige­nen Akten abzu­se­hen, wobei er zu die­sem Zweck alle in sei­ner Macht ste­hen­den Maß­nah­men ergreift.“

Doch nach Amo­ris læti­tia hiel­ten es weder der Papst noch die Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re für ange­bracht, auf die Fra­gen der Kar­di­nä­le hin­sicht­lich der vor­ge­nom­me­nen Umkeh­rung zu antworten.

Eine Gele­gen­heit, die Fra­ge erneut auf­zu­wer­fen, steht nun bevor. Am 19. März 2026, dem zehn­ten Jah­res­tag des Apo­sto­li­schen Schrei­bens, woll­te Papst Leo XIV. aus­drück­lich die „hel­le Bot­schaft der Hoff­nung hin­sicht­lich der ehe­li­chen und fami­liä­ren Lie­be“ fei­ern, die das Apo­sto­li­sche Schrei­ben dar­stel­le, und „dem Herrn Dank sagen für den Anstoß zum Stu­di­um und zur pasto­ra­len Umkehr der Kir­che“, der dar­aus her­vor­ge­gan­gen sei. Zugleich bat er Gott „um den Mut, den Weg fort­zu­set­zen und das Evan­ge­li­um immer wie­der neu anzunehmen“.

Er kün­dig­te außer­dem an, vom 7. bis 14. Okto­ber die Prä­si­den­ten der Bischofs­kon­fe­ren­zen der gan­zen Welt zusam­men­zu­ru­fen, „um im gegen­sei­ti­gen Hören eine syn­oda­le Unter­schei­dung über die zu unter­neh­men­den Schrit­te vor­zu­neh­men, um heu­te den Fami­li­en das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, im Licht von Amo­ris læti­tia und unter Berück­sich­ti­gung des­sen, was in den Orts­kir­chen ver­wirk­licht wird“.

Zur Vor­be­rei­tung der Arbei­ten der Ver­samm­lung wur­de am 6. Juli vom Sekre­ta­ri­at der Syn­ode und vom Dik­aste­ri­um für die Lai­en, die Fami­lie und das Leben ein the­ma­ti­scher Weg ver­öf­fent­licht. Der vier­te Punkt die­ses Doku­ments („In den Schwie­rig­kei­ten des Lebens: beglei­ten und unter­stüt­zen; mit Fami­li­en in kom­ple­xen Situa­tio­nen unter­wegs sein“) knüpft an das The­ma von Kapi­tel VIII von Amo­ris læti­tia an.

Das Doku­ment ist trotz allem wenig klar, obwohl alles dar­auf hin­deu­tet, daß es die durch das Apo­sto­li­sche Schrei­ben vor­ge­nom­me­ne lehr­mä­ßi­ge Ver­än­de­rung bestätigt:

„Beson­de­re Auf­merk­sam­keit gilt Paa­ren und Fami­li­en, die in allen Pha­sen des Ehe­le­bens mit Situa­tio­nen rela­tio­na­ler, sozia­ler und geist­li­cher Schwie­rig­kei­ten kon­fron­tiert sind (…). Wel­che Schrit­te wur­den unter­nom­men, um die­je­ni­gen zu unter­stüt­zen, die in Situa­tio­nen der Zer­brech­lich­keit oder der Schwie­rig­keit leben? Wel­che Wider­stän­de tre­ten auf? Wie kön­nen christ­li­che Gemein­schaf­ten auf­ge­baut wer­den, in denen die­je­ni­gen, die die Erfah­rung von Leid, Ver­las­sen­heit, Tren­nung und Schei­dung gemacht haben, sich tat­säch­lich gehört, betei­ligt und mit­ver­ant­wort­lich füh­len? Wel­che kon­kre­ten Erfah­run­gen zei­gen schon heu­te das Gesicht einer Kir­che, die immer fähi­ger zu Nähe, Unter­schei­dung, Beglei­tung und Wert­schät­zung ist und den Men­schen und Fami­li­en hilft, wie­der Ver­trau­en zu fin­den, sich als Teil der Gemein­schaft zu erken­nen und die Barm­her­zig­keit Got­tes zu erfahren?“

Der aus­ge­spro­chen umständ­lich for­mu­lier­te Text erwähnt aus­drück­lich die­je­ni­gen, „die die Erfah­rung der Schei­dung gemacht haben“. Sie sol­len sich in einer Kir­che, die immer „fähi­ger“ dazu ist, ihnen zu hel­fen, „die Barm­her­zig­keit zu erfah­ren“, „wirk­lich gehört“ fühlen.

Man beach­te, daß der Text euphe­mi­stisch von „Situa­tio­nen der Zer­brech­lich­keit“ spricht, um das Wort „Sün­de“ zu ver­mei­den (wie dies im übri­gen auch die Enzy­kli­ka Magni­fi­ca huma­ni­tas tut).

Eine unannehmbare These

Offen­kun­dig läuft alles auf eine erneu­te Bestä­ti­gung der neu­en Leh­re hin­aus, wobei auf die Auf­nah­me geschie­de­ner und wie­der­ver­hei­ra­te­ter Per­so­nen in die Kir­che insi­stiert wird. Die­se Auf­nah­me war aller­dings nie­mals Gegen­stand einer Aus­ein­an­der­set­zung: Es wur­de immer gelehrt, daß ein Sün­der wei­ter­hin voll und ganz Teil der Kir­che bleibt. In der neu­en Pasto­ral jedoch ver­wan­delt sich die­se Auf­nah­me in eine sakra­men­ta­le Aufnahme.

Das Tref­fen im Okto­ber könn­te jedoch für eine Rei­he muti­ger Hir­ten eine pro­vi­den­ti­el­le Gele­gen­heit dar­stel­len, auf den gewal­ti­gen Scha­den hin­zu­wei­sen, den das Apo­sto­li­sche Schrei­ben der natür­li­chen und katho­li­schen Moral und damit der Ret­tung der See­len zuge­fügt habe. Im übri­gen ist es leich­ter, Amo­ris læti­tia zu kri­ti­sie­ren als die­sen oder jenen pro­ble­ma­ti­schen Text des Konzils.

  • Einer­seits kann man sich in die­sem Fal­le tat­säch­lich auf die Leh­re eines nach­kon­zi­lia­ren Pap­stes, Johan­nes Pauls II., stüt­zen, der in die­sem Punkt die immer­wäh­ren­de Leh­re bewahrt hat:

Zur Buße: „Die Ver­söh­nung im Sakra­ment der Buße – die den Weg zum Sakra­ment der Eucha­ri­stie eröff­nen wür­de – kann nur jenen gewährt wer­den, die, nach­dem sie bereut haben, das Zei­chen des Bun­des und der Treue zu Chri­stus ver­letzt zu haben, auf­rich­tig bereit sind, eine Lebens­form anzu­neh­men, die nicht mehr im Wider­spruch zur Unauf­lös­lich­keit der Ehe steht“ (Fami­lia­ris con­sor­tio, Nr. 84).

Zur Kom­mu­ni­on: „Die Kir­che bekräf­tigt jedoch ihre auf die Hei­li­ge Schrift gegrün­de­te Pra­xis, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne nicht zur eucha­ri­sti­schen Kom­mu­ni­on zuzu­las­sen. Sie selbst machen sich für die Zulas­sung unfä­hig, da ihr Zustand und ihre Lebens­si­tua­ti­on objek­tiv jenem Lie­bes­bund zwi­schen Chri­stus und der Kir­che wider­spre­chen, der durch die Eucha­ri­stie bezeich­net und ver­wirk­licht wird“ (ebd.).

Es sei denn, die betref­fen­den Per­so­nen ver­pflich­ten sich, „in voll­stän­di­ger Ent­halt­sam­keit zu leben, das heißt, sich der den Ehe­gat­ten eige­nen Akte zu enthalten“[3], und jeder mög­li­che Anstoß bei den­je­ni­gen ver­mie­den wird, die sie die Kom­mu­ni­on emp­fan­gen sehen.

  • Ande­rer­seits sind Brü­che in der Moral­leh­re für jeder­mann leich­ter fest­zu­stel­len als sol­che, die in der Ekkle­sio­lo­gie ein­ge­tre­ten sind. Im kon­kre­ten Fal­le ist die von Amo­ris læti­tia vor­ge­nom­me­ne Umkeh­rung gera­de­zu beeindruckend.

Nach den Wor­ten von Nr. 301 wür­den bestimm­te „kon­kre­te Bedin­gun­gen“ – eine neue „Ehe“, das Vor­han­den­sein von Kin­dern, die aus die­ser neu­en Ver­bin­dung her­vor­ge­gan­gen sind – dazu füh­ren, daß die Auf­lö­sung die­ser Ver­bin­dung, also die Tren­nung vom ille­gi­ti­men Ehe­part­ner oder das Leben mit ihm wie Bru­der und Schwe­ster, eine „neue Schuld“ dar­stel­len könn­te, offen­bar auf­grund des Scha­dens, der der zwei­ten Ehe­frau und den etwa­igen Kin­dern der zwei­ten Ver­bin­dung zuge­fügt würde.

Natür­lich ist es unbe­streit­bar, daß die Fol­gen des Ehe­bruchs ver­ant­wor­tungs­voll über­nom­men wer­den müs­sen, ins­be­son­de­re was die aus der ille­gi­ti­men Ver­bin­dung her­vor­ge­gan­ge­nen Kin­der betrifft. Dies muß jedoch gesche­hen, ohne die wah­re Ehe­frau und die ehe­li­chen Kin­der zu benach­tei­li­gen, die das Apo­sto­li­sche Schrei­ben nicht berücksichtigt.

So folgt die Argu­men­ta­ti­on von Amo­ris læti­tia ihrer eige­nen Logik bis zum Ende: Wenn das Ver­blei­ben im öffent­li­chen Ehe­bruch kei­ne Sün­de bedeu­tet, kann das Ver­las­sen die­ser Situa­ti­on zu einer Schuld wer­den. Nach Amo­ris læti­tia gibt es Fäl­le, in denen Ehe­bruch ver­dienst­voll ist!

Frü­her pfleg­ten Theo­lo­gie und Lehr­amt ihre Argu­men­ta­tio­nen in kla­ren und wesent­li­chen The­sen oder Pro­po­si­tio­nen zusam­men­zu­fas­sen, ins­be­son­de­re wenn es dar­um ging, sie zu ver­ur­tei­len – etwa die 85 aus der Syn­ode von Pistoia ent­nom­me­nen Pro­po­si­tio­nen, die 1794 durch die Bul­le Auc­torem fidei Pius’ VI. ver­ur­teilt wurden.

Die unan­nehm­ba­re The­se von Amo­ris læti­tia könn­te fol­gen­der­ma­ßen for­mu­liert werden:

Eini­ge Men­schen, die in öffent­li­chem Ehe­bruch leben, kön­nen auch dann, wenn sie die von ihnen ver­letz­te Norm ken­nen, nicht als im Zustand der Tod­sün­de befind­lich ange­se­hen werden.

Ist die­se Aus­sa­ge vom Stand­punkt des katho­li­schen Glau­bens aus ver­werf­lich? Oder ist umge­kehrt die Tat­sa­che, daß man die­se The­se für unan­nehm­bar hält, verwerflich?

Die Klammer der „pastoralen“ Lehre schließen

Es gehört zur Auf­ga­be des Pap­stes und der Bischö­fe, auf Fra­gen hin­sicht­lich des Glau­bens und der Sit­ten zu ant­wor­ten, die sich den Gläu­bi­gen Chri­sti stel­len und die ihnen von ihnen vor­ge­legt wer­den. Ihre wich­tig­ste Auf­ga­be besteht dar­in, den Glau­ben zu ver­kün­den und die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums weiterzugeben.

„Die Bischö­fe näm­lich“, erin­nert Lumen gen­ti­um (Nr. 25), „sind Herol­de des Glau­bens, die neue Jün­ger zu Chri­stus füh­ren; sie sind authen­ti­sche Leh­rer, das heißt, mit der Auto­ri­tät Chri­sti beklei­det, die dem ihnen anver­trau­ten Volk den Glau­ben ver­kün­den, den es glau­ben und auf das Leben anwen­den soll; sie erhel­len ihn im Licht des Hei­li­gen Gei­stes, indem sie aus dem Schatz der Offen­ba­rung Neu­es und Altes her­vor­ho­len (vgl. Mt 13,52); sie las­sen ihn Frucht brin­gen und wachen dar­über, daß von ihrer Her­de die Irr­tü­mer fern­ge­hal­ten wer­den, die sie bedro­hen (vgl. 2 Tim 4,1–4).“

Was den römi­schen Papst betrifft, so ist er in erster Linie der ober­ste Leh­rer des Glau­bens. Er unter­schei­det sich von den ande­ren Bischö­fen nicht durch eine höhe­re sakra­men­ta­le Gewalt, son­dern durch eine vol­le und sou­ve­rä­ne Juris­dik­ti­on über die gesam­te Kir­che, vor allem in dem, was die Leh­re über Glau­be und Sit­ten betrifft (Erstes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Pastor Æter­nus, Denz. 3064).

Was die Kir­che heu­te also von ihren Hir­ten erwar­tet, ist, daß sie aus dem „Pasto­ra­len“ aus­stei­gen – im neu­en Sin­ne, der die­sem Begriff gege­ben wur­de, näm­lich im Sin­ne einer Leh­re zwei­ter Qua­li­tät, die von ihrer Bezie­hung zur Tra­di­ti­on los­ge­löst ist – und zum Pasto­ra­len im evan­ge­li­schen Sin­ne zurück­keh­ren: zur Sor­ge, die die Hir­ten auf­wen­den müs­sen, um die See­len ihrer Scha­fe zum Heil zu füh­ren, und zwar in erster Linie durch die Ver­kün­di­gung der Wahrheit.

Im kon­kre­ten Fal­le erwar­tet die Kir­che von ihnen, daß sie an das Gebot erin­nern: „Du sollst nicht die Ehe bre­chen“ (Ex 20,14; Dtn 5,18; Mt 5,27); daß sie den Sün­dern in Sanft­mut zur Buße pre­di­gen, sie auf dem Weg der Reue vor Gott und der Wie­der­gut­ma­chung gegen­über dem betro­ge­nen Ehe­mann oder der betro­ge­nen Ehe­frau sowie gegen­über den tief ver­letz­ten Kin­dern füh­ren, ohne dabei natür­lich zu ver­ges­sen, die Ver­ant­wor­tung für die began­ge­ne Schuld zu über­neh­men, ins­be­son­de­re gegen­über den Kin­dern, die aus der zwei­ten Ver­bin­dung her­vor­ge­gan­gen sind.

Letzt­lich erwar­tet die Kir­che eine Rück­kehr zum Lehr­amt als sol­chem bezie­hungs­wei­se dazu, das Lehr­amt wie­der zum unmit­tel­ba­ren Bezugs­punkt ihrer Ver­kün­di­gung zu machen.

*Abbé Clau­de Bar­the, geist­li­cher Assi­stent der inter­na­tio­na­len Wall­fahrt Popu­lus Sum­morum Pon­ti­fi­cum. Der Arti­kel wur­de von Res Novæ am 1. Sep­tem­ber 2026 veröffentlicht.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shot)


[1] Die­ser Begriff der Gra­dua­li­tät war ein­ge­führt wor­den, um die Leh­re von Humanæ vitæ zu umge­hen, die die Emp­fäng­nis­ver­hü­tung ver­ur­teil­te. In Fami­lia­ris con­sor­tio (22. Novem­ber 1981, Nr. 34) hat­te Johan­nes Paul II. ver­sucht, die ent­stan­de­ne Lücke mit einer wenig trag­fä­hi­gen Unter­schei­dung ein­zu­däm­men: Das „Gesetz der Gra­dua­li­tät“, also das­je­ni­ge des mensch­li­chen Han­delns, das Schwie­rig­kei­ten schritt­wei­se über­win­det, um schließ­lich die Gebo­te zu befol­gen, ist legi­tim; nicht legi­tim ist hin­ge­gen die „Gra­dua­li­tät des Geset­zes“, die behaup­tet, das gött­li­che Gebot sei ledig­lich ein Ide­al, dem man sich annä­hern müsse.

Amo­ris læti­tia spricht in Nr. 295 von einer „Gra­dua­li­tät bei der umsich­ti­gen Aus­übung frei­er Hand­lun­gen“ durch Men­schen, die „nicht in der Lage sind, die objek­ti­ven Anfor­de­run­gen des Geset­zes voll­stän­dig zu ver­ste­hen, zu schät­zen oder zu verwirklichen“.

Mit einem Wort: Wenn man das Gesetz nicht befol­gen kann, tut man, was man kann …

[2] Ein fünf­ter Kar­di­nal, der Nie­der­län­der Wil­lem Jaco­bus Eijk, Erz­bi­schof von Utrecht, schloß sich öffent­lich der Initia­ti­ve der ersten vier an. Ein wei­te­rer hoch­ran­gi­ger Prä­lat unter­zeich­ne­te die an den Papst gerich­te­ten Dubia, woll­te jedoch nicht, daß sein Name öffent­lich bekannt­ge­ge­ben wird.

[3] Johan­nes Paul II., Pre­digt bei der hei­li­gen Mes­se zum Abschluß der V. Gene­ral­ver­samm­lung der Bischofs­syn­ode, 25. Okto­ber 1980.

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