Die überraschende Zölibats-Wende – Versuch einer Rekonstruktion der Ereignisse

Vier Episoden und ein Nachtrag

Am 12. Januar wurde offensichtlich: Zwischen die beiden Päpste paßt nicht nur ein Blatt, sondern ein ganzes Buch.
Am 12. Januar wurde offensichtlich: Zwischen die beiden Päpste paßt nicht nur ein Blatt Papier, sondern ein ganzes Buch.

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster berich­tet vier Epi­so­den, die nicht nur im Zusam­men­hang mit der Ver­tei­di­gung des prie­ster­li­chen Zöli­bats geeig­net sind, doku­men­tiert zu wer­den, son­dern dabei hel­fen, die Rol­le rück­wärts zu rekon­stru­ie­ren, die von Papst Fran­zis­kus kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens Que­ri­da Ama­zo­nia voll­zo­gen wurde.

Episode 1

Am 14. Janu­ar, Le Figa­ro hat­te kurz davor den Pau­ken­schlag durch die Vor­ankün­di­gung des Sarah/Benedikt XVI.-Buches „Aus den Tie­fen unse­rer Her­zen“ aus­ge­führt, über­schlu­gen sich die Ereig­nis­se in Rom. Die radi­kal­sten Ele­men­te des päpst­li­chen Hof­staa­tes waren aktiv gewor­den und schlu­gen mit unglaub­li­cher Här­te auf die Autoren des Buches ein. Beglei­tet wur­de das Gan­ze durch stän­di­ge Distan­zie­run­gen Gäns­weins, des­sen ver­zwick­te Lage als Die­ner zwei­er Her­ren der Vati­ka­nist Anto­nio Soc­ci rekon­stru­ier­te. Am Ende berich­te­ten die wich­tig­sten welt­li­chen Medi­en die Falsch­mel­dung, Bene­dikt XVI. habe sei­ne Autoren­schaft zurück­ge­zo­gen. Übri­gens ein Bei­spiel, von nicht weni­gen, für die Ver­brei­tung von Fake News durch „Leit­me­di­en“, für die sie sich nicht ent­schul­digt haben.

Am 15. Janu­ar, dem Tag, als in Frank­reich das Buch in den Han­del kam, hielt Papst Fran­zis­kus wie gewohnt sei­ne Gene­ral­au­di­enz ab. An sei­ner Sei­te saß, eben­falls wie gewohnt, Kuri­en­erz­bi­schof Gäns­wein in sei­ner Funk­ti­on als Prä­fekt des Päpst­li­chen Hau­ses. Wäh­rend­des­sen griff Bene­dikt XVI. per­sön­lich zum Tele­fon­hö­rer und rief Kar­di­nal Sarah an, um ihm sei­ne Soli­da­ri­tät zum Aus­druck zu brin­gen. Der vor­ma­li­ge Papst brach­te dem Kar­di­nal sei­ne Fas­sungs­lo­sig­keit zum Aus­druck über die Här­te der Angrif­fe. Und es geschah, was erklärt, wes­halb Kar­di­nal Sarah spä­ter davon spre­chen soll­te, daß die Angrif­fe „ins Herz getrof­fen“ und „tief geschmerzt“ haben: Bene­dikt XVI. wein­te am Tele­fon. Kar­di­nal Sarah war dar­über so fas­sungs­los und gerührt, daß auch er wei­nen muß­te. Die­se erschüt­tern­de Sze­ne, die sich an einem Ende der Tele­fon­lei­tung im Klo­ster Mater Eccle­siae und am ande­ren Ende im Büro des Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung abspiel­te, bringt die gan­ze Dra­ma­tik der ver­gan­ge­nen Tage und Wochen zum Aus­druck. Die Trä­nen gal­ten nicht nur den per­sön­lich zu erdul­den­den Angrif­fen, son­dern der Bestür­zung über die Angrif­fe gegen den prie­ster­li­chen Zölibat.

Episode 2

Die zwei­te Epi­so­de, die Magi­ster berich­tet, betrifft den 17. Janu­ar und spiel­te sich im Klo­ster Mater Eccle­siae ab. An jenem Abend berich­te­te Kar­di­nal Sarah mit drei Tweets, daß zwi­schen ihm und Bene­dikt XVI. voll­ste Über­ein­stim­mung herrscht. 

Was er nicht berich­te­te, war, daß er zusam­men mit Bene­dikt XVI. eine Pres­se­er­klä­rung auf­ge­setzt hat­te, die Bene­dikt XVI. allei­ne publi­zie­ren woll­te, um öffent­lich klar­zu­stel­len, daß er hin­ter dem gemein­sa­men Buch steht und nicht, wie von inter­es­sier­ter Sei­te insi­nu­iert wor­den war, von Kar­di­nal Sarah rein­ge­legt oder mani­pu­liert wor­den sei. Zugleich rief er dar­in auf, die Pole­mi­ken ein­zu­stel­len und zur gebo­te­nen Sach­lich­keit zurückzukehren.

Benedikt XVI. mit Kardinal Sarah
Bene­dikt XVI. mit Kar­di­nal Sarah

Bene­dikt XVI. über­gab den auf­ge­setz­ten Text zur Ver­öf­fent­li­chung an sei­nen per­sön­li­chen Sekre­tär, Kuri­en­erz­bi­schof Gäns­wein. Die­ser reich­te ihn, wie es offi­zi­ell üblich ist, an den Sub­sti­tu­ten im vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at, Msgr. Edgar Peña Par­ra, wei­ter. Magi­ster, dem die Erklä­rung vor­liegt, spricht von einem stark auto­bio­gra­phi­schen Inhalt, den Bene­dikt XVI. dem Text gege­ben hatte.

Es bestehe kein begrün­de­ter Zwei­fel, so der Vati­ka­nist, daß der Vati­kan­di­plo­mat Peña Par­ra sei­nen direk­ten Vor­ge­setz­ten, Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin, über das Schrei­ben infor­mier­te. Des­sen Inhalt betraf eine zu heik­le und viru­len­te Fra­ge in jenen Tagen. Eben­so­we­nig soll­te bezwei­felt wer­den, daß der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär umge­hend Papst Fran­zis­kus davon in Kennt­nis setz­te. Der Grund für die­se Annah­men fin­det sich in der drit­ten Epi­so­de, die Magi­ster berichtet.

Episode 3

Die drit­te Epi­so­de spiel­te sich mut­maß­lich zwi­schen dem Staats­se­kre­ta­ri­at und San­ta Mar­ta ab und muß rekon­stru­iert wer­den. Tat­sa­che näm­lich ist, daß die von Bene­dikt XVI. auf­ge­setz­te Pres­se­er­klä­rung, mit der er per­sön­lich den Falsch­mel­dun­gen der Welt­pres­se ent­ge­gen­tre­ten woll­te, nie ver­öf­fent­licht wur­de. Anders aus­ge­drückt: Ab der Über­ga­be an Sub­sti­tut Peña Par­ra ver­lie­ren sich ihre Spuren. 

Von wem auch immer der Befehl aus­ge­gan­gen sein mag, die Stel­lung­nah­me zu unter­drücken und in einer Schub­la­de ver­schwin­den zu las­sen: Tat­sa­che ist, daß ab die­sem Augen­blick – und die­se Ent­schei­dung traf mit Sicher­heit Papst Fran­zis­kus per­sön­lich – Kuri­en­erz­bi­schof Gäns­wein aus der Nähe des Pap­stes ver­bannt und von sei­nem Amt als Prä­fekt des Päpst­li­chen Hau­ses sus­pen­diert wurde.

Gäns­weins letz­ter Auf­tritt in die­ser Funk­ti­on erfolg­te just am Mor­gen jenes 17. Janu­ar, als der Staats­prä­si­dent der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go den Vati­kan besuch­te. Danach ver­schwand der deut­sche Prä­lat von der Sei­te des Pap­stes, an der er pro­to­kol­la­risch bis dahin bei des­sen öffent­li­chen Auf­trit­ten zu sehen war. Am 22. Janu­ar fehl­te er erst­mals bei der Gene­ral­au­di­enz, eben­so beim Besuch von US-Vize­prä­si­dent Mike Pence am 24. Janu­ar, jenem des ira­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Bar­ham Ahmad Salih am 25. Janu­ar, bei der Gene­ral­au­di­enz vom 29. Janu­ar und beim Besuch des argen­ti­ni­schen Staats- und Regie­rungs­chef Alber­to Fer­nan­dez am 31. Januar.

Gänsweins protokollarischer Platz, aus dem er entfernt wurde.
Gäns­weins pro­to­kol­la­ri­scher Platz, aus dem er ent­fernt wurde.

Spä­te­stens der Inhalt der Pres­se­er­klä­rung von Bene­dikt XVI. hat­te für Papst Fran­zis­kus gezeigt, daß Msgr. Gäns­wein nicht wil­lens oder nicht imstan­de war, ihm in der Ange­le­gen­heit mehr zu gehor­chen als Bene­dikt XVI. Jeden­falls übte der Pri­vat­se­kre­tär des ehe­ma­li­gen Pap­stes nicht jene Zen­sur­funk­ti­on aus, die Fran­zis­kus von ihm erwar­te­te und – laut Anto­nio Soc­ci – bereits am 13. Janu­ar laut­stark von ihm gefor­dert hatte. 

Und für jene, die Wut­aus­brü­che des regie­ren­den Pap­stes für undenk­bar hal­ten und sich wei­gern, sol­che über­haupt in Betracht zu zie­hen: Selbst wenn also die laut­star­ke Begeg­nung zwi­schen Fran­zis­kus und Gäns­wein am 13. Janu­ar aus­ge­blen­det wür­de, war für Fran­zis­kus am Abend des 17. oder spä­te­stens am Mor­gen des 18. Janu­ar klar, daß die öffent­li­chen Beteue­run­gen Gäns­weins vom 14. Janu­ar, Bene­dikt XVI. sei nicht Co-Autor des Buches „Aus den Tie­fen unse­rer Her­zen“, halt­los waren.

Magi­ster for­mu­liert es so:

„Mit ande­ren Wor­ten: Der Wider­stand des eme­ri­tier­ten Pap­stes dage­gen, daß sein Nach­fol­ger den radi­kal­sten Strö­mun­gen an der Front des prie­ster­li­chen Zöli­bats nach­ge­ben könn­te, stand damit in aller Deut­lich­keit fest. Und das nur weni­ge Tage vor der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens, von dem sich vie­le in aller Welt erwar­te­ten, dar­in eine Öff­nung von Fran­zis­kus für die Wei­he von ver­hei­ra­te­ten Män­nern zu lesen.“

Episode 4

Die vier­te und letz­te Epi­so­de, die Magi­ster berich­tet, betrifft die Rol­le, die Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin in der Ange­le­gen­heit spielte.

Am Mitt­woch, dem 22. Janu­ar ver­öf­fent­lich­te der Ver­lag Can­tagal­li in Sie­na eine Pres­se­mit­tei­lung, daß die ita­lie­ni­sche Aus­ga­be des Buches von Kar­di­nal Sarah und Bene­dikt XVI. am 30. Janu­ar erschei­nen wer­de. Der Ver­lag gab zur Über­ra­schung ber­go­glia­ni­scher Medi­en bekannt, daß die Ver­öf­fent­li­chung nur mini­ma­le Ver­än­de­run­gen gegen­über dem fran­zö­si­schen Ori­gi­nal auf­wei­sen wer­de, das zum Zeit­punkt, als Le Figa­ro am 12. Janu­ar die Vor­ankün­di­gung publi­zier­te, bereits fer­tig gedruckt und aus­ge­lie­fert war.

Was nicht bekannt war: Can­tagal­li hat­te die Pres­se­er­klä­rung zuvor Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin vor­ge­legt, der „Zei­le für Zei­le“ geprüft und die Ver­öf­fent­li­chung „leb­haft ermu­tigt“ hatte.

Die Ankün­di­gung des Ver­lags ent­hielt nichts weni­ger als eine ein­deu­ti­ge Wer­tung: Das Buch von Kar­di­nal Sarah und Bene­dikt XVI. „ist von hohem theo­lo­gi­schem, bibli­schem, geist­li­chem und mensch­li­chem Wert“, und sein Inhalt wer­de durch das „Gewicht der Autoren garan­tiert“ und durch „ihren Wil­len, allen die Früch­te ihrer Über­le­gun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len“, indem sie dadurch „ihre Lie­be für die Kir­che, für Sei­ne Hei­lig­keit Papst Fran­zis­kus und für die gan­ze Mensch­heit zum Aus­druck bringen“.

Nachtrag

Magi­ster been­det sei­ne Dar­stel­lung mit der vier­ten Epi­so­de. Es besteht kein Zwei­fel, daß er damit jedoch sagen will, daß irgend­wann zwi­schen dem 22. Janu­ar und dem 3. Febru­ar, zwi­schen der Ver­öf­fent­li­chung der Stel­lung­nah­me des Ver­lags Can­tagal­li und der Audi­enz von Kar­di­nal Rein­hard Marx bei Papst Fran­zis­kus, die Ent­schei­dung fiel, die seit April 2014 vor­be­rei­te­te Revo­lu­tio­nie­rung des Prie­ster­tums abzublasen.

Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis: Der erste Anhalts­punkt, daß Hand an den prie­ster­li­chen Zöli­bat gelegt wer­den soll, wur­de am 9. April 2014 greif­bar, als der öster­rei­chi­sche Mis­si­ons­bi­schof Erwin Kräut­ler, damals noch Apo­sto­li­scher Prä­lat von Xin­gu im Ama­zo­nas, in einem Gespräch mit dem ORF über die Audi­enz bei Papst Fran­zis­kus berich­te­te. Kräut­ler war am 4. April 2014 von Fran­zis­kus emp­fan­gen wor­den. Der ORF berich­te­te, Kräut­ler habe ihm den Prie­ster­man­gel am Ama­zo­nas geklagt und den „eucha­ri­sti­schen Not­stand“, der dort in den ent­le­ge­nen Indi­o­dör­fern herr­sche. Er habe das­sel­be Anlie­gen 2012 bereits Bene­dikt XVI. vor­ge­bracht. Die­ser habe ihm als Lösung geant­wor­tet, er, Kräut­ler, sol­le um Prie­ster­be­ru­fun­gen beten. Des­sen brüs­ke Reak­ti­on lau­te­te: „Da mache ich nicht mit“. Der Alt-68er woll­te end­lich die Besei­ti­gung des prie­ster­li­chen Zöli­bats errei­chen. Ganz begei­stert berich­te­te er des­halb über die ganz ande­re Reak­ti­on von Papst Fran­zis­kus. Die­ser habe ihm gesagt, er erwar­te sich von den Bischö­fen „muti­ge“, ja „küh­ne Vor­schlä­ge“. Für Kräut­ler war das eine ein­deu­ti­ge Auf­for­de­rung, die von ihm und Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes betrie­be­ne „Ama­zo­nas-Werk­statt“ vor­an­zu­trei­ben. Im Herbst 2014 ent­stand dar­aus das Kirch­li­che Ama­zo­nas-Netz­werk REPAM, das mit der Vor­be­rei­tung der Ama­zo­nas­syn­ode beauf­tragt wur­de – zu die­sem Zeit­punkt noch geheim, denn die Ein­be­ru­fung der Syn­ode wur­de von Fran­zis­kus erst im Okto­ber 2017 bekannt­ge­ge­ben. Vor­sit­zen­der von REPAM wur­de ein enger Papst-Ver­trau­ter, Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes, des­sen Hal­tung zugun­sten einer Zöli­bats­ab­schaf­fung wie bei Bischof Kräut­ler, der sei­ne rech­te Hand wur­de, seit vie­len Jah­ren bekannt war. 

Hum­mes war es auch, der im Spät­som­mer 2017 Lösun­gen, die nicht ein neu­es, ver­hei­ra­te­tes „Ama­zo­nas-Prie­ster­tum“ vor­sa­hen, im Namen von Papst Fran­zis­kus eine Absa­ge erteil­te: „Nein, nein, der Papst will das nicht“. Es kann kein Zwei­fel bestehen, daß Fran­zis­kus die Hum­mes-Kräut­ler-Bestre­bun­gen unter­stütz­te. Die „tie­fe­re Agen­da“ der Ama­zo­nas­syn­ode wur­de von Katholisches.info aus­führ­lich doku­men­tiert. Einer der ersten Arti­kel, der bereits über die Absicht berich­te­te, zur Abschaf­fung des prie­ster­li­chen Zöli­bats eine Syn­ode über den Ama­zo­nas ein­zu­be­ru­fen, wur­de am 9. Dezem­ber 2015 ver­öf­fent­licht. Ihn aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve nach­zu­le­sen lohnt sich.

Gestern bemüh­te sich der Kar­di­nal Micha­el Czer­ny gegen­über Vati­can­News den Ein­druck zu erwecken, das Buch von Kar­di­nal Sarah und Bene­dikt XVI. habe kei­ne Rol­le für das nach­syn­oda­le Schrei­ben Que­ri­da Ama­zo­nia gespielt. Der von Fran­zis­kus 2019 zum Erz­bi­schof ernann­te und zum Kar­di­nal kre­ierte Jesu­it aus Mäh­ren, mit Pur­pur aus­ge­zeich­net, obwohl nur Unter­se­kre­tär des von Fran­zis­kus neu­errich­te­ten Dikaste­ri­ums für die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung des Men­schen, sag­te dabei nur die hal­be Wahr­heit. Es stimmt, daß Que­ri­da Ama­zo­nia bereits vor der Ver­öf­fent­li­chung des Buches weit­ge­hend aus­for­mu­liert war. Es gibt aber kei­nen Hin­weis, daß Fran­zis­kus bereits vor dem 15. Janu­ar auf das eigent­li­che Ziel der Ope­ra­ti­on Ama­zo­nas­syn­ode, die Auf­wei­chung des prie­ster­li­chen Zöli­bats, ver­zich­ten woll­te, in die fast sechs Jah­re sei­nes Pon­ti­fi­kats inve­stiert wor­den waren. Umge­kehrt gibt es kon­kre­te Hin­wei­se, daß noch das Gegen­teil geplant war. Am 13. Janu­ar ver­schick­te Kar­di­nal Hum­mes ein erstes Schrei­ben an alle Bischö­fe welt­weit, mit dem er sie auf die bevor­ste­hen­de Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens vor­be­rei­te­te und Tipps für des­sen Prä­sen­ta­ti­on in der Öffent­lich­keit gab. Am sel­ben Tag explo­dier­te in Rom die Pole­mik um das Buch von Sarah und Bene­dikt XVI., was das bereits auf­ge­setz­te Schrei­ben nicht mehr berührte.

Der synodale Irrweg
Der syn­oda­le Irrweg

Kar­di­nal Hum­mes ver­schick­te am 29. Janu­ar noch ein zwei­tes Schrei­ben. Wie Prof. Rober­to de Mattei anhand des Inhalts nach­wei­sen konn­te, ging zumin­dest Hum­mes auch damals noch davon aus, daß der prie­ster­li­che Zöli­bat fal­len wer­de. Fran­zis­kus hat­te ihm, sei­nem eng­sten Ver­trau­ten in der Ama­zo­nas-Agen­da, zu die­sem Zeit­punkt noch kei­ne ande­re Wei­sung erteilt. Die Kurs­än­de­rung des Pap­stes läßt sich daher noch genau­er ein­schrän­ken auf den Zeit­raum vom 29. Janu­ar bis zum 3. Febru­ar. Die Ent­schei­dung dazu kann in ihm bereits nach dem 18. Janu­ar gereift sein. Aus­ge­spro­chen wur­de sie von ihm aber erst am 3. Febru­ar gegen­über einem ent­setz­ten Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, der glaub­te, durch die erste Run­de des „Syn­oda­len Weges“, die in den Tagen davor statt­ge­fun­den hat­te, gestärkt nach Rom zu reisen.

Ver­schie­de­ne Quel­len berich­te­ten noch Ende Januar/Anfang Febru­ar von Bischö­fen, die den Ent­wurf des nach­syn­oda­len Schrei­bens in Aus­zü­gen ein­se­hen konn­ten und gese­hen hat­ten, daß dar­in der umstrit­te­ne Para­graph 111 des Syn­oden-Schluß­do­ku­ments ent­hal­ten war. Die­ser Para­graph fehlt in der gestern ver­öf­fent­lich­ten End­fas­sung ganz wie auch jeder ande­re Hin­weis auf das Syn­oden-Schluß­do­ku­ment außer einer lapi­da­ren Emp­feh­lung, es zu lesen.

Hat­te man im Vati­kan bis­her Wert auf die Beto­nung gelegt, zwi­schen Papst Fran­zis­kus und sei­nem Vor­gän­ger Bene­dikt XVI. pas­se „kein Blatt Papier“, war spä­te­stens seit dem 12. Janu­ar offen­sicht­lich gewor­den, daß nicht nur ein Blatt Papier, son­dern ein gan­zes Buch zwi­schen sie paßt. Bene­dikt XVI., der sich lan­ge gedul­dig den Ansprü­chen und Erwar­tun­gen sei­nes Nach­fol­gers gefügt hat­te, war dazu in die­sem Punkt nicht mehr bereit. Papst Fran­zis­kus muß­te zur Kennt­nis neh­men, daß er von höch­ster Stel­le Wider­stand erfuhr.

Am 3. Febru­ar teil­te Papst Fran­zis­kus Kar­di­nal Rein­hard Marx mit, daß es kei­ne Ände­rung des prie­ster­li­chen Zöli­bats geben wer­de. Der Kar­di­nal, der im Gefol­ge der vom deut­schen Epi­sko­pat teils eupho­risch geför­der­ten Ama­zo­nas­syn­ode einen deut­schen „Syn­oda­len Weg“ beschrit­ten hat­te, war so ent­setzt, daß er weni­ge Tage spä­ter ohne Nen­nung von Grün­den sei­nen Ver­zicht auf das Amt des Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz bekannt­gab. Den genau­en Zusam­men­hang ver­schwieg er, viel­leicht auf Anwei­sung von Papst Fran­zis­kus, sicher aber auch, weil er sein per­sön­li­ches Schei­tern nicht zu offen­sicht­lich wer­den las­sen woll­te, immer­hin ist Marx im Gegen­satz zu Kar­di­nal Hum­mes, dem ande­ren gro­ßen Ver­lie­rer, der auf den 86. Geburts­tag zusteu­ert, erst 66 Jah­re alt. Er gehört rech­ne­risch noch 14 Jah­re zum Kreis der Papstwähler. 

Von from­men See­len ist in die­sen Stun­den zu hören, sie hät­ten schon immer gewußt, daß der Papst nicht Hand an den Zöli­bat legen wer­de, wobei nicht immer klar ist, ob aus ihnen so gro­ßes Gott­ver­trau­en spricht oder die Wei­ge­rung, unan­ge­neh­men Din­gen in die Augen zu sehen. Tat­sa­che ist, daß der Ver­öf­fent­li­chung des nach­syn­oda­len Schrei­bens Que­ri­da Ama­zo­nia zwi­schen dem 12. Janu­ar, dem Tag, als Le Figa­ro den Vor­ab­druck zum Buch von Kar­di­nal Sarah und Bene­dikt XVI. ver­öf­fent­lich­te, und dem 12. Febru­ar, dem Tag der Ver­öf­fent­li­chung von Que­ri­da Ama­zo­nia, Schlag auf Schlag hoch­dra­ma­ti­sche Tage im Vati­kan folg­ten, deren genaue Rekon­struk­ti­on noch nicht abge­schlos­sen ist (Stich­wort: Aci­es ordi­na­ta am 18. Janu­ar in Mün­chen mit schwer­wie­gen­den Anschul­di­gun­gen gegen Kar­di­nal Marx und Bischof Bode; Stich­wort: mög­li­che abschrecken­de Wir­kung des deut­schen „Syn­oda­len Wegs“ auf Rom, ein­schließ­lich der die Inten­tio­nen ent­hül­len­den Tat­sa­che, daß trotz Anwe­sen­heit der Bischö­fe und zahl­rei­cher Prie­ster am letz­ten „Syn­oden­tag“ kei­ne Mes­se zele­briert wur­de, son­dern eine lai­en­ge­lei­te­te „Wort­got­tes­fei­er“ statt­fand). Erst recht sind die Kon­se­quen­zen für das wei­te­re Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus nicht abseh­bar, das für bestimm­te Kir­chen­krei­se, dar­un­ter ein Gut­teil jener, die sich vom 30. Janu­ar bis zum 1. Febru­ar im Frank­fur­ter Dom ver­sam­mel­ten, den ersten mas­si­ven Dämp­fer erfah­ren hat.

Bleibt die Fra­ge, wie ernst es Fran­zis­kus ist, die Hand nicht gegen den prie­ster­li­chen Zöli­bat zu erhe­ben, aber auch, ob er mög­li­cher­wei­se nicht bald zwi­schen allen Stüh­len sit­zen wird.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/Synodaler Weg (Screen­shots)

10 Kommentare

  1. Hoch­in­ter­es­san­te Rekon­struk­ti­on und Dar­stel­lung der Ereig­nis­se, jedoch hal­te ich es für eine rei­ne Legen­den­bil­dung, dass der ach­so „dik­ta­to­ri­sche“ Papst, der macht was er will, sich in die­sem Fall wegen einem Buch hat ein­schüch­tern lassen.
    Es fehlt mir das zwin­gen­de Argu­ment, die­sen Wer­de­gang so zu glauben.

    • Ich glau­be an das Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes, der die­ses Umden­ken bewirkt hat! Vie­le Men­schen haben dafür gebetet.

  2. „Bleibt die Fra­ge, wie ernst es Fran­zis­kus ist, die Hand nicht gegen den prie­ster­li­chen Zöli­bat zu erhe­ben, aber auch, ob er mög­li­cher­wei­se nicht bald zwi­schen allen Stüh­len sit­zen wird.
    Es geht um die Hei­li­ge Kir­che und wir soll­ten die Kräf­te des Him­mels als unbe­sieg­bar betrach­ten und sie sind kei­nes­wegs pas­siv. Aber der Angriff wird wei­ter gehen bis der Herr kommt. Alles ande­re wäre sei­ner nicht wür­dig. Das Kar­di­nal Marx nicht mehr Vor­sit­zen­der der Kon­fe­renz sein will ist für vie­le moder­ne Katho­li­ken die unter der „Zöli­bats­dik­ta­tur“ der katho­li­schen Kir­che schwer lei­den und kaum noch atmen kön­nen natür­lich sehr trau­rig aber sie kön­nen doch pro­blem­los pro­te­stan­tisch wer­den und alle ihre Pro­ble­me mit der katho­li­schen Kir­che die sie so trau­rig machen sind weg. Nur zu, geht dort hin wo euer zu Hau­se ist. Aber ihr bekommt dann kein Requi­em mehr.
    Per Mari­am ad Christum.

    • @Shuca. Oder doch lie­ber zu den Alt­ka­tho­li­ken über­wech­seln. Da bekom­men sie sogar, soweit mir bekannt ist, ihr Requi­em. Alt­ka­tho­li­sche Frau­en kön­nen, ähn­lich wie bei den Angli­ka­nern, zu Prie­ste­rin­nen und zu Bischö­fin­nen geweiht wer­den. Es gibt bei denen kei­nen ver­pflich­ten­den Zöli­bat, alle dür­fen hei­ra­ten, Homo­ehen kön­nen geseg­net wer­den, Wie­der­ver­hei­ra­tet-Geschie­de­nen die Eucha­ri­sie emp­fan­gen. Außer­dem: Die Alt­ka­tho­li­ken haben eine bischöf­lich-syn­oda­le Ver­fas­sung. Sie neh­men den Papst nicht all­zu ernst und sind m.W. wie her­kömm­li­che Katho­li­ken in Deutsch­land kirchensteuerpflichtig.

    • Das ist eben ihr Pro­blem, sie wol­len nicht dahin gehen, wo alles schon so ist, wie es wol­len, son­dern sie wol­len, dass es nur so ist und des­halb wol­len sie die apo­sto­lisch-katho­li­sche Kir­che niederreißen.

  3. Das Reich Satans ist in sich gespal­ten: das zei­gen die­se Vorgänge.
    Tat­sa­che ist, daß seit vie­len Jah­ren auf die Besei­ti­gung des Zöli­bats und die Ein­füh­rung eines „Frau­en­prie­ster­tums“ mit aller Kraft hin­ge­ar­bei­tet wur­de. In der Tat hat­te dann das gemein­sa­me Buch von Kar­di­nal Sarah und Papst em. Bene­dikt XVI. den dar­an Inter­es­sier­ten einen dicken Strich durch die Rech­nung gemacht. Daß die Din­ge jetzt geklärt sind, kann kein Mensch bei Ver­stand anneh­men. Sie wer­den sehr wahr­schein­lich ihre Wun­den lecken und dann wei­ter­drän­gen, aber es ist und war immer ein Kampf gegen Wind­müh­len- völ­lig hirnverbrannt.
    Die Kir­che in Deutsch­land steht vor einem Scher­ben­hau­fen, einem GAU, ihrem eige­nen. Es ist gut, daß jetzt alles offen zu Tage getre­ten ist, und die Häre­ti­ker und Aposta­ten ent­larvt sind. Sie müs­sen jetzt abtre­ten und man­che müß­ten lai­siert werden.

  4. Kann es sein, dass vor lau­ter Augen­merk auf den Zöli­bat der selt­sa­me Geist nicht bemerkt wird, der sonst durch das Abschluss­do­ku­ment weht? 

  5. Vit­to­rio Agam­ben schrieb nach dem Schritt Bene­dikts, der all­ge­mein als Amts­ver­zicht bezeich­net wird, ein Essay „Das Geheim­nis der Gesetz­lo­sig­keit“ Er ver­wies dabei auf einen Arti­kel aus Bene­dikts wis­sen­schaft­li­chen Jugend­jah­ren über den Kir­chen­be­griff des Tyco­ni­us, ein eccle­sio­lo­gi­sches Trac­tat. Er ging dabei auf die zwei­te Regel mit dem Namen cor­pus bipar­ti­tum im Beson­de­ren ein. Sie beschreibt eine Kir­che, wel­che einen Leib mit zwei Sei­ten hat, eine lin­ke und eine rech­te, eine sün­di­ge und eine begnadete.Dieser Leib umfasst Sün­de und Gna­de. Danach ist die Kir­che eine per­mix­ta mit einer guten und einer schlech­ten Sei­te. Auch Jeru­sa­lenm und Baby­lon sind zwei Sei­ten der­sel­ben Stadt.Beide Sei­ten sind bis zur End­zeit per­mixt und erst zur End­zeit wer­den die bei­den Sei­ten getrennt. Solan­ge ist nach die­ser Leh­re die Kir­che in sich als Anti­the­se zu erke­nen. Wenn Sie so wol­len, ist dies auch in dem Bild des heu­ti­gen Papst­tums zu erken­nen. Aber es darf nicht sein, dass fal­sche Leh­re, als eine Sei­te der Kir­che, die ande­re Sei­te, die rich­ti­ge Leh­re erstickt. Dies war und ist die Auf­ga­be Bene­dikts. Er hat in dem gemein­sa­me Buch mit Kar­di­nal Sarah die rich­ti­ge, die hel­le Sei­te der Kir­che sicht­bar gemacht. Trotz sei­nes beschrie­ben Wut­an­fal­les war Fran­zis­kus dage­gen macht­los. Noch ist die Tren­nung der bei­den Kir­chen nicht erfolgt. Wir kön­nen noch auf Bene­dikt schau­en. Vie­les erin­nert in dem Kir­chen­bild des Tyco­ni­us an Mt. 13,24 ‑30 , das Unkraut im Wei­zen­feld. Ich glau­be, dass in Kennt­nis des von Dr. Joseph Ratz­in­ger erneut beschrie­be­nen Kir­chen­bil­des des Tyco­ni­us, die jet­zi­gen Ereig­nis­se bes­ser zu ver­ste­hen sind.

  6. Ich möch­te jedoch mei­nen Kom­men­tar wei­ter­füh­ren. Was wird sein, wenn Bene­dikt gestor­ben ist? Wer wird mit sei­ner Auto­ri­tät, die hei­li­ge Sei­te der Kir­che auf Erden beschüt­zen, über­neh­men? Kommt dann die Zeit des Anti­chri­sten­tums mit dem Anti­chri­sten, der sich auf anstel­le des Nach­fol­gers Petri auf den Stuhl Chri­sti set­zen wird? Die genaue Inter­pre­ta­ti­on und über­set­zung von Mt.13,24 — 30 lässt die Wirng des­sen erken­nen, das mit Unkraut über­setzt wird.Christus sprach in der genau­en Über­set­zung der Stel­le bei Mat­thä­us­nicht von Unkraut, son­dern von Tau­mel­l­olch, eine durch einen end­phyti­schen Para­si­ten gif­ti­ge Pflan­ze, wel­che wie der Wei­zen und mit dem Wei­zen auf­wächst und erst bei der Rei­fe von die­sem unter­scheid­bar ist. Die Gift­wir­kung des Tau­mel­l­ol­ches auf den Kör­per ist direkt ver­gleich­bar mit der Wir­kung der Sün­de für die See­le. Heu­te scheint der Tau­mel­l­ol­chals Sym­bol für das Böse, die Sün­de den Wei­zen als das Sym­bol der guten Frucht zu überwuchern.

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