Warum schickt Rom den Kommissar?

Die (indirekte) Antwort von Kardinal Braz de Aviz

Kardinal Braz de Aviz sprach über das Priestertum und das Ordensleben und enthüllte vielleicht auch, warum Rom unter Papst Franziskus „traditionalistischen“ und „konservativen“ Orden den Kommissar schickt.

(Asun­ci­on) War­um wer­den seit 2013 vor allem als tra­di­tio­na­li­stisch oder kon­ser­va­tiv ein­ge­stuf­te Orden und Gemein­schaf­ten wie die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta von Rom unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt, und das in der Regel ohne Anga­be von Grün­den? Die­se Fra­ge steht seit Juli 2013, vier Mona­te nach der Wahl von Papst Fran­zis­kus, im Raum und hat vor allem mit Kar­di­nal Braz de Aviz und der von ihm gelei­te­ten Ordens­kon­gre­ga­ti­on zu tun. In dem Inter­view dürf­te der Kar­di­nal, mehr unbe­wußt als beab­sich­tigt, Ant­wort auf die Fra­ge gege­ben haben. Braz de Aviz ent­hüll­te eini­ge Grün­de, die hin­ter der Aus­sendung von Kom­mis­sa­ren zu ste­hen schei­nen. Er bot auch erhel­len­den Ein­blick zum der­zei­ti­gen Prie­ster­ver­ständ­nis in Rom. Alles in allem Aspek­te, die auch mit Blick auf die Ama­zo­nas­syn­ode inter­es­sant sind.

Wie berich­tet, hielt sich Kar­di­nal Braz de Aviz vor kur­zem in Para­gu­ay auf. Dort gab er der Haupt­stadt-Tages­zei­tung Ulti­ma Hora ein Inter­view, das am ver­gan­ge­nen Sams­tag, den 14. Juli ver­öf­fent­licht wur­de.

Ulti­ma Hora: Was sind heu­te die Her­aus­for­de­run­gen (für das Ordens­le­ben heu­te)?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Wir arbei­ten hart an der Ände­rung der Aus­bil­dung. Wir haben über eine Fort­bil­dung vom Mut­ter­leib bis zum letz­ten Atem­zug nach­zu­den­ken. Es gibt einen Pro­zeß des Lebens, in dem Wer­te oder Lei­den erwor­ben wer­den oder nicht. In der Aus­bil­dung zählt alles, man kann nicht sagen, das ist Aus­bil­dung und das nicht. Es ist ein Weg, der gegan­gen wer­den muß, und der viel Auf­merk­sam­keit, Ver­ant­wor­tung, Fähig­keit zur Ver­ge­bung und Fähig­keit zum Zuhö­ren erfor­dert. Wir haben viel zu ändern.
Dann haben wir das Pro­blem inner­halb des geweih­ten Lebens, das Mensch­li­che wie­der­zu­ge­win­nen, die Nei­gun­gen, die Sexua­li­tät. Wir haben die Bezie­hung zwi­schen Vor­ge­setz­ten und Unter­ge­be­nen wie­der­her­zu­stel­len, um sie in ein neu­es Licht zu rücken. Die Mann-Frau-Bezie­hung, nicht mehr defen­siv, son­dern inte­grier­ter, tie­fer und voll­stän­di­ger auf bei­den Sei­ten.

Ulti­ma Hora: Es gibt eine Berufs­kri­se. Wor­auf geht das ihrer Mei­nung nach zurück?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Ich den­ke, es ist alles ein Pro­blem der Authen­ti­zi­tät des Lebens. Ein Pro­blem ist auch, daß die Gesell­schaft Gott vie­ler­orts leug­net. Er wird nicht in der Theo­rie geleug­net, aber in der Pra­xis. Wir müs­sen jetzt also sehen: Was ist grund­le­gend und was nicht. Vie­le Din­ge der Tra­di­ti­on, vie­le Din­ge, die der ver­gan­ge­nen Kul­tur ange­hö­ren, tau­gen nicht mehr.

Ulti­ma Hora: Was zum Bei­spiel?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Wir haben zum Bei­spiel Lebens­for­men, die mit unse­ren Grün­dern ver­bun­den sind, aber nicht wesent­lich sind: eine Art zu beten, eine Art sich zu klei­den, bestimm­ten Din­gen zuviel Bedeu­tung zu geben, die nicht wich­tig sind, und ande­re, die wirk­lich wich­tig sind, zu wenig zu beach­ten. Die­se stär­ker glo­ba­li­sier­te Sicht von allem … die wir nicht hat­ten, jetzt haben wir sie. Daß mei­ne Kul­tur wich­ti­ger ist als die Kul­tur des ande­ren, das stimmt nicht mehr, denn die Kul­tu­ren sind alle gleich, aber sie müs­sen die Wer­te des Evan­ge­li­ums fin­den.

Ulti­ma Hora: So als hät­te sich die Spi­ri­tua­li­tät ver­schlech­tert…

Kar­di­nal Braz de Aviz: Ja, genau das. Alle sekun­dä­ren Din­ge kön­nen fal­len, aber nicht das beson­de­re Cha­ris­ma der Grün­der.

Ulti­ma Hora: Gehört der Zöli­bat in die­sen vie­len Din­gen, die auf­zu­ge­ben sind?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Für das geweih­te Leben ist der Zöli­bat von grund­le­gen­der Bedeu­tung, weil er eine der Säu­len ist: Armut, Keusch­heit und Gehor­sam. Das sind aber kei­ne Gebo­te, son­dern Pro­po­si­tio­nen, es sind evan­ge­li­sche Räte. Sein Wert ist zu ent­decken, jemand muß ent­decken, ob er dazu beru­fen ist oder nicht. Manch­mal täuscht einer sich und denkt, beru­fen zu sein, ohne es zu sein. Ande­re akzep­tie­ren das nicht, weil sie es nicht als Wert anse­hen. Wir müs­sen unter­schei­den, erken­nen und befol­gen.

Ulti­ma Hora: War­um erle­ben wir eine Zeit, in der das apo­sto­li­sche Leben gefähr­de­ter scheint?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Heu­te haben wir an das Prie­ster­tum nicht als das Wich­tig­ste zu den­ken. Das Prie­ster­tum ist einer der Wer­te, eine der Beru­fun­gen. Im geweih­ten Leben darf der Prie­ster nicht den ersten Platz ein­neh­men. Er hat den glei­chen Platz ein­zu­neh­men wie die ande­ren Brü­der und Schwe­stern … Das zum Bei­spiel muß sich ändern: Der Papst sagt, daß wir zwi­schen Macht und Voll­macht unter­schei­den müs­sen. Die gött­li­che Voll­macht ist in Ord­nung, die Macht nicht. Weil die Macht, nach der Denk­wei­se der Welt, eine Form der Herr­schaft ist, die nicht dient. Wir müs­sen durch eine ande­re Tür gehen: Die­nen im Geheim­nis und in der Lage sein, die­se Brü­der­lich­keit zu fin­den.

Ulti­ma Hora: Wie geht die Kir­che und der Papst nun mit den Fäl­len von sexu­el­lem Miß­brauch um?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Der Papst will Trans­pa­renz, er will Ver­ant­wor­tung. Der Papst sagt, auch wenn es sich nur um Miß­brauch in der Kir­che gehan­delt hat, muß das auf­ge­klärt wer­den, denn die geweih­te Gestalt des Prie­sters ist eine Gestalt, die auf einen gött­li­chen Wert hin­weist, einen tie­fen mensch­li­chen Wert. Wenn du das nicht hast, betreibst du Miß­brauch. Das müs­sen wir erken­nen. Und die Medi­en tun sehr gut dar­an, wenn sie das alles ins Blick­feld zie­hen, wohl wis­send, daß 95% die­ser Pro­ble­me in der Fami­lie und nicht in der Kir­che lie­gen, denn das ist auch wahr.

Ulti­ma Hora: Inwie­weit haben sich die sexu­el­len Skan­da­le auf die Kir­che aus­ge­wirkt, daß es weni­ger Prie­ster­be­ru­fun­gen gibt?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Der Skan­dal beein­flußt immer, aber das ist nur eine Sei­te, weil die mei­sten vor 50 Jah­ren statt­fan­den; die ande­re Sei­te ist, daß jetzt das Bewußt­sein viel grö­ßer ist. Es hat aber gro­ßen Ein­fluß auf den Rück­gang. Wir haben aber mehr Anpas­sung an die aktu­el­le Kul­tur, authen­ti­sches Leben, und den­ken, daß Gott sich dar­um küm­mern wird.

Ulti­ma Hora: Wie soll das Stig­ma besei­tigt wer­den?

Kar­di­nal Braz de Aviz: Nur durch das Auf­klä­ren der Fäl­le und dann, indem wir unse­re Art zu Sein ändern. Weil es ein loka­li­sier­tes Pro­blem ist, ein sehr ern­stes Pro­blem, dann aber muß man sich ändern. Aber wir sind nicht besorgt, daß das ans Licht kommt. Es ist not­wen­dig, daß es ans Licht kommt. Wir brau­chen eine beschei­de­ne­re Kir­che, um zusam­men­zu­le­ben und zusam­men zu ver­su­chen, das Leben zu schüt­zen. Alles wei­te­re tut Gott, wie er es will.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ulti­ma Hora (Screen­shot)

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