Papst Franziskus: „Wir müssen zu Pedro Arrupe zurückkehren. Arrupe ist ein Heiliger“

Der Papst bietet eine "innovative" und zwei wenig originelle Ansätze, um das Zweite Vatikanische Konzil zu verstehen

Jesuitengeneral Pedro Arrupe mit P. Jorge Mario Bergoglio, dem heutigen Papst Franziskus
Jesuitengeneral Pedro Arrupe mit P. Jorge Mario Bergoglio, dem heutigen Papst Franziskus

In sei­nem Inter­view mit den zehn Chef­re­dak­teu­ren der euro­päi­schen Jesui­ten­zeit­schrif­ten, das in Aus­zü­gen heu­te in der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung La Stam­pa ver­öf­fent­licht wur­de, nahm Papst Fran­zis­kus nicht nur zum Ukrai­ne­krieg, der NATO und dem Drit­ten Welt­krieg Stel­lung, son­dern auch zu inner­kirch­li­chen Fra­gen. Dabei kri­ti­sier­te er die „restau­ra­ti­ven“ Kräf­te, denn die Früch­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sei­en nur durch einen „neu­en Blick“ auf die Din­ge zu erkennen.

Im Zuge des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils wur­den für die Kir­che eine strah­len­de Zukunft vor­her­ge­sagt und blü­hen­de Kir­chen­land­schaf­ten ver­spro­chen. Ein „neu­er Früh­ling“ für die Kir­che wird seit­her zwar flei­ßig behaup­tet, doch mit einem seit 1965 andau­ern­den Pro­blem: Die strah­len­de Zukunft, die blü­hen­den Land­schaf­ten und der neue Früh­ling sind nir­gends zu sehen.

Für die­ses offen­sicht­li­che Defi­zit der Kon­zils-Inter­pre­ta­ti­on bie­tet Papst Fran­zis­kus in sei­nem Inter­view eine „inno­va­ti­ve“ Lösung an. Wenn man die groß­ar­ti­gen Errun­gen­schaf­ten des jüng­sten Kon­zils nicht erken­ne, dann lie­ge es nicht dar­an, daß es sie nicht gibt, son­dern am Betrach­ter, der falsch hin­schaue. Man müs­se den Blick­win­kel ändern, und schon…

„Die Restauration hat das Konzil geknebelt“

Auf die Fra­ge der Schrift­lei­ter, ob er eine „spi­ri­tu­el­le Erneue­rung in der Kir­che“ erken­nen kön­ne, sag­te Franziskus:

„Es ist sehr schwie­rig, eine gei­sti­ge Erneue­rung mit sehr ver­al­te­ten Sche­ma­ta zu sehen. Wir müs­sen unse­re Art, die Rea­li­tät zu sehen und zu bewer­ten, erneu­ern. In der euro­päi­schen Kir­che sehe ich die Erneue­rung eher in den spon­ta­nen Din­gen, die ent­ste­hen: Bewe­gun­gen, Grup­pen, neue Bischö­fe, die sich dar­an erin­nern, daß ein Kon­zil hin­ter ihnen liegt. Denn das Kon­zil, an das sich man­che Hir­ten am besten erin­nern, ist das Kon­zil von Tri­ent. Und das ist kein Unsinn, was ich sage.“

Der zwei­te Teil sei­ner „Lösung“ ist deut­lich weni­ger inno­va­tiv und vor allem nicht ori­gi­nell. Er stellt ein Man­tra der Kon­zils­ver­fech­ter dar. Laut Fran­zis­kus sind dem­nach am Zusam­men­bruch, den die Kir­che in Tei­len West­eu­ro­pas erlebt, nicht das Kon­zil und sei­ne Apo­lo­ge­ten schuld, son­dern vor­kon­zi­lia­re Kräf­te, die nicht etwa im 19. Jahr­hun­dert, im Geist des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, son­dern, weit schlim­mer, noch immer im Geist des Kon­zils von Tri­ent, also im 16. Jahr­hun­dert, leben.

Fran­zis­kus weiter:

„Die Restau­ra­ti­on ist soweit gegan­gen, das Kon­zil zu knebeln.“

Die Anzahl von „restau­ra­ti­ven Grup­pen“ sei „wirk­lich beein­druckend“. Beson­ders in den USA gebe es davon viele.

„Ein argen­ti­ni­scher Bischof erzähl­te mir, daß er gebe­ten wur­de, eine Diö­ze­se zu ver­wal­ten, die in die Hän­de die­ser ‚Restau­ra­to­ren‘ gefal­len war. Sie hat­ten das Kon­zil nie akzeptiert.“

Es gebe Ideen und Ver­hal­tens­wei­sen, so Fran­zis­kus, die aus einer restau­ra­ti­ven Hal­tung erwach­sen, die letzt­lich das Kon­zil nicht akzep­tiert habe:

„Das genau ist das Pro­blem: daß in eini­gen Kon­tex­ten das Kon­zil noch nicht akzep­tiert wurde.“

War­um es aber so lan­ge daue­re, bis die Früch­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils all­ge­mein erkenn­bar sei­en, erklärt Fran­zis­kus wie folgt:

„Es ist auch wahr, daß es ein Jahr­hun­dert braucht, damit sich ein Kon­zil ein­wur­zelt. Wir haben noch 40 Jah­re, um es Fuß fas­sen zu las­sen, also!“

Eines steht damit schon fest: Von den laut­star­ken Kon­zils­in­ter­pre­ten, die fal­sche Wei­chen­stel­lun­gen zu ver­ant­wor­ten haben, wird dann nie­mand mehr am Leben sein, von den Kon­zils­vä­tern ohne­hin zu schwei­gen. Der letz­te Kon­zils­va­ter aus dem deut­schen Sprach­raum ist 2014, der letz­te anglo­pho­ne Kon­zils­va­ter im ver­gan­ge­nen Febru­ar ver­stor­ben. Der letz­te ita­lie­ni­sche Kon­zils­va­ter, Msgr. Lui­gi Bet­t­az­zi, seit 1999 eme­ri­tier­ter Bischof von Ivrea und ein­zi­ger noch leben­der Unter­zeich­ner des Kata­kom­ben­pak­tes von 1965, lebt hin­ge­gen noch. Bet­t­az­zi war es, der Papst Fran­zis­kus im Som­mer 2020 als „Sohn des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils“ bezeich­ne­te. Mehr noch:

„Mit der Wahl von Ber­go­glio habe ich die pro­gram­ma­ti­sche Krö­nung des Kon­zils gese­hen, an dem ich teil­ge­nom­men habe.“

Der letz­te leben­de ita­lie­ni­sche Kon­zils­va­ter, der 99 Jah­re alte eme­ri­tier­te Bischof Lui­gi Bet­t­az­zi, mit Papst Franziskus

Aus geist­li­cher Sicht ist natür­lich nicht das Urteil der Men­schen ent­schei­dend, son­dern das Got­tes. Den­noch scheint ein Miß­ver­ständ­nis vor­zu­lie­gen: Eine bewußt ver­trö­sten­de Pro­jek­ti­on, in eine sich jeder ver­nünf­ti­gen Über­prü­fung ent­zie­hen­den Zukunft, zur Recht­fer­ti­gung kon­kre­ter Ent­schei­dun­gen und Urtei­le ist wohl nicht damit gemeint, wenn die Kir­che lehrt, auf die gött­li­che Vor­se­hung zu vertrauen.

Fran­zis­kus ent­schul­digt die Ver­ir­rung, wes­halb die Kir­che nicht im Früh­ling, son­dern im Win­ter gelan­det ist, in dem Inter­view also auf zwei­er­lei Wei­se. Ver­ant­wort­lich dafür sind für ihn im 16. Jahr­hun­dert ste­hen­ge­blie­be­ne restau­ra­ti­ve Kräf­te, die eine Umset­zung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils ver­hin­dert haben, und die Tat­sa­che, daß es min­de­stens hun­dert Jah­re brau­che, bis die Früch­te eines Kon­zils wirk­lich sicht­bar wer­den. Wir wol­len kurz nach­rech­nen: Dem­nach wären die Früch­te des vom Papst her­an­ge­zo­ge­nen Kon­zils von Tri­ent frü­he­stens 1663 und jene des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils frü­he­stens 1970 erkenn­bar gewor­den. War­um wur­de dann von Johan­nes XXIII. bereits 1961 ein neu­es Kon­zil ein­be­ru­fen? Würg­te er damit nicht ein Kon­zil ab, ehe es frucht­bar wer­den konnte?

Aber wir wol­len rech­ne­ri­sche Nach­sicht wal­ten las­sen, denn, so Fran­zis­kus, es gebe durch­aus „Zei­chen der Erneue­rung“. All­zu­viel kommt dem Papst dann aber dazu nicht in den Sinn. Es gebe Grup­pen, die „Sozi­al­hil­fe“ lei­sten, denn sie wür­den der Kir­che „ein neu­es Gesicht“ geben. „Die Fran­zo­sen sind sehr krea­tiv darin.“

„Heute geschieht das gleiche durch die Traditionalisten“

Dann wech­selt Fran­zis­kus schnell zurück zu den vor­her­ge­hen­den Aus­füh­run­gen, um in einer neu­en Vari­an­te jene angeb­lich das Zwei­te Vati­ca­num abwür­gen­den Kräf­te an den Pran­ger zu stel­len. Dabei bricht er eine Lan­ze für einen ein­fluß­rei­chen Gestal­ter der Nach­kon­zils­zeit, den dama­li­gen Jesui­ten­ge­ne­ral P. Pedro Arru­pe.

Papst Fran­zis­kus am 12. Mai am Grab von Gene­ral Arrupe

Arru­pe, ein Bas­ke wie der Ordens­grün­der Igna­ti­us von Loyo­la, ver­such­te im Wind­schat­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils eine Alli­anz zwi­schen Chri­sten­tum und Sozia­lis­mus zu schmie­den und gehör­te zu den frü­hen För­de­rern von Jor­ge Mario Ber­go­glio. Arru­pe war es, der Ber­go­glio 1973 zum Ordens­pro­vin­zi­al in Argen­ti­ni­en ernannte. 

Arru­pes Bestre­bun­gen führ­ten zu einem bei­spiel­lo­sen Nie­der­gang des Jesui­ten­or­dens, bis Johan­nes Paul II., bald nach sei­ner Wahl, die Hand­brem­se zog und ihn ent­mach­te­te. Was dem pol­ni­schen Papst von vie­len Jesui­ten nie ver­zie­hen wur­de. Unter Fran­zis­kus gibt es seit eini­gen Jah­ren Bemü­hun­gen, Arru­pe für sei­ne Zer­trüm­me­rung zu den Altä­ren zu erhe­ben. Im Mai bete­te Fran­zis­kus in der römi­schen Mut­ter­kir­che des Ordens am Grab Arru­pes. So hat­te er es ein erstes Mal bereits im Som­mer 2013 getan. Indem Fran­zis­kus Arru­pe im heu­te ver­öf­fent­lich­ten Inter­view als „Hei­li­gen“ anspricht, nahm er die offen­sicht­lich bevor­ste­hen­de Kano­ni­sie­rung des Jesui­ten­ge­ne­rals vorweg.

Zu den Schrift­lei­tern der euro­päi­schen Jesui­ten­zeit­schrif­ten sag­te er:

„Ihr wart noch nicht gebo­ren, aber ich war 1974 Zeu­ge des Lei­dens­we­ges des Gene­ral­obe­ren P. Pedro Arru­pe in der XXXII. Gene­ral­kon­gre­ga­ti­on. Zu jener Zeit kam es zu einer kon­ser­va­ti­ven Reak­ti­on, um die pro­phe­ti­sche Stim­me Arru­pes zu blockie­ren! Heu­te ist die­ser Gene­ral für uns ein Hei­li­ger, aber er muß­te vie­le Angrif­fe erdul­den. Er war mutig, weil er es wag­te, den Schritt zu set­zen. Arru­pe war ein Mann von gro­ßem Gehor­sam gegen­über dem Papst. Einem gro­ßen Gehor­sam. Und Paul VI. ver­stand das. Die beste Abhand­lung, die je ein Papst an die Gesell­schaft Jesu gerich­tet hat, ist jene, die Paul VI. am 3. Dezem­ber 1974 schrieb. Er hat sie mit der Hand geschrie­ben. Die Ori­gi­na­le sind vor­han­den. Der Pro­phet Paul VI. hat­te die Frei­heit, sie zu schrei­ben. Auf der ande­ren Sei­te unter­stütz­ten Per­so­nen, die auf irgend­ei­ne Wei­se mit der Kurie ver­bun­den waren, eine Grup­pe spa­ni­scher Jesui­ten, die sich für die ech­ten ‚Recht­gläu­bi­gen‘ hiel­ten und sich Arru­pe wider­setz­ten. Paul VI. hat sich an die­sem Spiel nie betei­ligt. Arru­pe hat­te die Fähig­keit, den Wil­len Got­tes zu erken­nen, ver­bun­den mit kind­li­cher Schlicht­heit dem Papst zu folgen.“

Ein spa­ni­scher Jesu­it, der über­all „Schwie­rig­kei­ten mach­te“, habe ihm sei­ner­zeit in Argen­ti­ni­en gesagt, er, Ber­go­glio, ver­ste­he nichts: Arru­pe sei schuld, und er freue sich schon, wenn die­ser am Peters­platz am Gal­gen bau­meln wer­de. Fran­zis­kus sagt nicht, was für ein dum­mes Geschwätz das war, da auf dem Peters­platz noch nie ein Gal­gen stand. Fran­zis­kus benutzt viel­mehr die unge­wöhn­li­che Anek­do­te, um zu zei­gen, wie grau­sam die „restau­ra­ti­ven“ Kräf­te in der Nach­kon­zils­zeit gewe­sen sei­en, und um einen Brücken­schlag in die Jetzt­zeit zu machen:

„Das­sel­be geschieht erneut, vor allem durch die Tra­di­tio­na­li­sten. Des­halb ist es wich­tig, die­se Gestal­ten [wie Arru­pe], die das Kon­zil und die Treue zum Papst ver­tei­digt haben, zu ret­ten. Wir müs­sen zu Arru­pe zurück­keh­ren: Er ist ein Licht jenes Augen­blicks, das uns alle erleuchtet.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Avvenire/Vatican.va (Screen­shots)

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4 Kommentare

  1. Die Grup­pe glau­bens­treu­er spa­ni­scher Jesui­ten, ohne­hin nicht sehr vie­le, wur­de sehr schlecht behan­delt. Nach Mala­chi Mar­tin, The Jesuits, wur­de jeder ein­zel­ne von P. Arru­pe und des­sen Mit­ar­bei­tern besucht und zur Schnecke gemacht. DAS war der groß­ar­ti­ge Dialog.

    Daß Arru­pe bei der 32. Gene­ral­kon­gre­ga­ti­on viel gelit­ten hät­te („Lei­dens­weg“), wie Fran­zis­kus sagt, kann sein oder auch nicht. Viel mehr gelit­ten haben die­je­ni­gen immer noch glau­bens­treu­en Jesui­ten, denen man ideo­lo­gi­sche Neue­run­gen auf­ge­nö­tigt hat. Beson­ders das Schlag­wort „Ein­satz für Gerech­tig­keit“ hat­te immer eine „lin­ke“ Konnotation.
    Vie­le Jesui­ten tra­ten aus (wobei man­che ihr Prie­ster­amt anders­wo weiterführten). 

    Übri­gens gelang­ten die Jahr­bü­cher der SJ „Jesui­ten – Die Gesell­schaft Jesu in der Welt“ von 2021 und 2022 die­ser Tage in mei­nen Besitz. Mas­ken, Mas­ken, Mas­ken, fast alle Pho­tos mit den idio­ti­schen Mas­ken. Und natür­lich Imp­fen, Coro­na, Flücht­lin­ge, Kli­ma – knall­hart. Die Gesell­schaft Jesu wur­de zum ver­län­ger­ten Arm der Olig­ar­chen. Deren Agen­da wird mit etwas reli­giö­sem Zucker­guß garniert. 

    Aber die­ser Baum ist tot.

    • Die­ser Baum nennt sich UN und schön wäre es, wenn er kei­ne Aus­wüch­se mehr treibt. Aber hieß es nicht noch kürz­lich aus dem Vati­kan, dass sie mit der UN eines Sin­nes seien?

  2. Irr­tum, Hei­li­ger Vater! Wir müs­sen zur katho­li­schen Tra­di­ti­on zurück­keh­ren. Tra­di­ti­on mit Zukunft!

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