Osservatore Romano wirbt für verheiratete Priester

Die Amazonas-Agenda rollt



Der Osservatore Romano wirbt für verheiratete Priester.
Der Osservatore Romano wirbt für verheiratete Priester.

(Rom) Der Osservatore Romano veröffentlichte in seiner gestrigen Ausgabe einen Artikel, mit dem für verheiratete Priester geworben wird. Die Tageszeitung des Heiligen Stuhls folgt damit im Abstand von einer Woche der neuen Marschrichtung, die von Papst Franziskus am 28. Januar auf dem Rückflug von Panama ausgegeben wurde.

Der von Giampaolo Mattei gezeichnete Artikel breitet unter der Überschrift „Ein Vorschlag für die Priester von morgen“ die Thesen des emeritierten deutschen Missionsbischofs Fritz Lobinger aus. Der aus Bayern stammende, heute 90 Jahre alte Msgr. Lobinger war Missionsbischof von Aliwal in Südafrika. Er wird von den Gegnern des priesterlichen Zölibats als Hauptbezugspunkt genannt. Sie wollen mit der von Papst Franziskus für kommenden Oktober einberufenen Amazonassynode Lobingers These umsetzen.

Lobinger will zur Behebung des Priestermangels und zur Vermeidung eines angeblichen kulturellen Kolonialismus durch Missionare „Dorfälteste“ für die Zelebration der Eucharistiefeier und die Sakramentenspendung weihen lassen. Er setzt dabei voraus, daß es sich dabei um verheiratete Männer handelt.

Das Aufgebot der 68er in der Kirche

Es schwingen demnach mehrere Aspekte zusammen: unter anderem der Wunsch nach seelsorglicher Betreuung, Sakramentenspendung sowie späte Nachwehen der westlichen Anti-Kolonial- und Anti-Zölibats-Bewegung. Lobingers Thesen lassen daher ein Entstehungsdatum erkennen, das sich am bündigsten mit dem Jahr 1968 zusammenfassen läßt. ’68 war nicht nur ein weltliches, sondern auch ein kirchliches Phänomen.

Den Adepten seiner These geht es vor allem um die Aushebelung des Zölibats. Unter dem Deckmantel einer etwas verblaßten „antiimperialistischen“ und „antikolonialistischen“ Förderung indigener Völker, sind es vor allem innerkirchliche Strömungen im westlichen Europa, die in der Sache aktiv sind. Wenn sie vom fernen Amazonas sprechen, meinen sie die Zölibatsaufhebung in Europa, besonders im deutschen Sprachraum, wo sich erneut – wie bereits vor 500 Jahren zu den Zeiten Luthers, Zwinglis und Müntzers und vor 50 Jahren zu den Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils – besonders radikale, unduldsame und einflußreiche Strömungen gegen die kirchliche Glaubenslehre und Tradition finden. Die deutsche Sprache, noch vor kurzem die internationale Wissenschaftssprache, wird von der Politik längst zugunsten des Englischen demontiert. Das deutsche Denken spielt aber, wie die Entwicklung in der Kirche der vergangenen Jahrzehnte zeigt, nach wie vor eine zentrale Rolle – in positiver wie in negativer Hinsicht.

Die Bergoglio-Dialektik

Papst Franziskus vollzog am 28. Januar auf die Journalistenfrage nach verheirateten Priester in gewohnter Bergoglio-Dialektik jene Kapriole, die den Eindruck eines entschiedenen Bekenntnisses zur kirchlichen Tradition vermittelt, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil meint. Wie bereits zur Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen 2014–2016 und für die protestantischen Ehegatten 2015–2018 verkündete Franziskus ein Nein, das in einem breiten Wortschwall zu einem Jein und schließlich zu einem Ja wurde. Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein war gestern.

Einmal mehr ging die Taktik weitgehend auf. Während die Zölibatsgegner aufmerksam und vergnügt die Ohren spitzten, gaben sich konservative Medien auf einem Ohr taub. Sie hörten nur, was sie hören wollten, und verkündeten, der Papst habe ein „deutliches Nein“ zu verheirateten Priestern gesagt. Das Gegenteil davon ist aber wahr.

Der Papst sagte lediglich, er werde „nie“ eine Zustimmung zu verheirateten Priestern geben. Das in der Bergoglio-Dialektik lediglich eine formale, aber keine inhaltliche Aussage ist. Vielmehr zeigt die Vergangenheit, daß Franziskus inhaltlich sogar das Gegenteil dessen meint, was er formal betont. Er gab „nie“ eine Zustimmung zur Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion, dennoch ist das in etlichen Diözesen und ganzen Länder bereits – von ihm angestoßen, gewollt und geduldet – zur Realität geworden . Er gab auch „nie“ eine Zustimmung zur Zulassung protestantischer Ehegatten zur Kommunion, dennoch ist das in deutschen Diözesen bereits – von ihm in der römischen Luther-Kirche mit seiner Bergoglio-Dialektik des Nein-Jein-Ja angestoßen, gewollt und geduldet – zur Realität geworden. Die Aushebelung des priesterlichen Zölibats ist lediglich der Dritte Streich. Das oberste Ziel des Pontifikats von Papst Franziskus und der Mafia von Sankt Gallen, die ihn auf den Papststuhl hob, ist ein doppeltes: die Umsetzung der kirchlichen 68er-Agenda in irreversibler Form.

Vor allem das zweite Ziel, von Papst Franziskus und seinem Umfeld offen ausgesprochen, so warnen einige Beobachter, sollte jene aufschrecken, die hoffen, das „Problem“ Franziskus einfach „überleben“ zu können. Manche dürften den Jesuiten Bergoglio und seine Unterstützer noch immer unterschätzen. Franziskus hat längst weitergedacht: Er weiß, daß seine Tage nicht unbegrenzt sind, weshalb er entschlossen ist, dafür zu sorgen, daß die von ihm „angestoßenen Prozesse“ ihn überleben.

Der Osservatore Romano signalisiert mit seinem gestrigen Artikel, daß von Papst Franziskus die offene Diskussion von verheirateten Priestern am 28. Januar freigegeben wurde. Inoffiziell wird mit päpstlicher Hilfe zumindest seit dem April 2014 darauf hingearbeitet. Als erkennbaren Startschuß läßt sich die Audienz für den Missionsbischof Erwin Kräutler Anfang April jenes Jahrs festmachen, deren Wiedergabe durch den österreichischen Alt-68er genaue Beachtung verdient. Es gibt Spekulationen, daß die Aufhebung des priesterlichen Zölibats Teil der Wahlkapitulationen war, die Grundlage für die Unterstützung von Kardinal Bergoglio im Konklave 2013 durch den Geheimzirkel von Sankt Gallen war.

„Zweiter Typus von Priestern“

Lobingers Vorschlag, so die Tageszeitung des Vatikans, besteht darin, „neben dem traditionellen Diözesanklerus“ einen „zweiten Typus“ von Priestern „wiedereinzuführen“, den es bereits „in den ersten Jahrhunderten der Kirche“ gegeben habe:

„(…) ein Mann von bewährtem Glauben, der – da er Familie und Arbeit hat – sich in Teilzeit den religiösen Diensten in der Pfarrei widmet. Die Pfarreien hätten so immer Gruppen von Priestern zur Verfügung, um den religiösen Funktionen vorzustehen. Diese Männer würden das Amt nicht in individueller Form ausüben, sondern immer als Gruppe.“

Der Osservatore Romano selbst nennt den Entstehungszeitraum der Lobinger-These: „in den 70er Jahren“. Daher rührt auch die irrige Prämisse eines „urkirchlichen“ Modells, das sich in dem Punkt von dem heutigen unterschieden habe. Die These von der „Rückkehr zur Urkirche“ läßt sich unschwer mit dem Alter Lobingers erklären. Obwohl diese These von einer ganz anderen „Urgemeinde“ längst widerlegt ist, halten überzeugte Modernisten, die vorwiegend in den 60er Jahren geprägt wurden, unerschütterlich daran fest. Sie wollen mit einem Konstrukt ihres Denkens die Realität verändern, indem sie die Realität als Konstrukt behaupten. Diese Methode der dialektische Zersetzung ist auch aus anderen Bereichen bekannt.

In den 60er Jahren wurde auch Papst Franziskus geprägt, von Jesuiten, von denen einige damals politisch außer Rand und Band geraten waren.

Der Osservatore Romano schreibt wörtlich:

„Der Papst hat also empfohlen, die Idee Lobingers in Betracht zu ziehen, die vorsieht, ‚Älteste‘, auch verheiratete, zu Priestern zu weihen, die die Messe zelebrieren, das Sakrament der Versöhnung verwalten und die Krankensalbung spenden.“

Begründet wird der „neue Typus von Priestern“ mit dem „Priestermangel“.

Das bedenkliche Erbe des Konzils

Das Weihesakrament, so die Idee, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil auf der Stufe des Diakons bereits in zölibatäre und verheiratete Diakone geteilt wurde, soll nun auch auf der Stufe der Priester zweigeteilt werden.

Lobinger, der am Ende des Zweiten Vaticanums 35 Jahre alt war, verkörpert jenen damals nur zur Hälfte verwirklichten Wunsch der Zölibatsaufhebung. Rückblickend kann kaum ein Zweifel bestehen, daß die Zulassung sogenannter „viri probati“ als Diakone, bei Beibehaltung des Diakonats als Stufe des Weihesakraments, weder eine zukunftsweisende noch prophetische Weichenstellung des Konzils war. Grob gesagt, handelt es sich lediglich um einen schlechten, weil unausgereiften „Kompromiß“, um den eigentlichen Wunsch der Modernisten – die Aufhebung des Zölibats für die Weltpriester – zu verhindern, ohne sie ganz zu verärgern. Die verheirateten Diakone sollten die Ablehnung abfedern, denn damit hatten die Zölibatsgegner den Fuß zumindest in der Tür.

Zur Zeit des Konzils war die Zulassung verheirateter Diakone nämlich noch so unnötig wie ein Kropf. Die Priesterseminare waren voll, die Zahl der Welt- und Ordenspriester Legion. Treibende Kräfte unter den Konzilsvätern hatten nicht etwa die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und vorausschauend erkannt, daß sich das bald ändern würde, sondern diese Änderungen – Zehntausende von Priestern, die ihren Dienst aufgaben, leere Priesterseminare, ein Mangel an Ordensberufungen – erst herbeigeführt.

Im Rest der Lobinger-These spiegelt sich linke, soziologische Rhetorik der 60er und 70er Jahre wider. Der Osservatore Romano formuliert sie so:

„Für Lobinger gilt der vorrangige Einsatz dem Aufbau authentischer christlicher Gemeinden, die aus Personen gebildet werden, die lernen, mitzuarbeiten und die Aufgaben zu teilen.“

Urgemeinde-Rhetorik

So wie im Artikel zweimal wiederholt wird, daß die Einführung verheirateter Priester als Lösung für den Priestermangel gedacht ist, so wird zweimal wiederholt, daß verheiratete Priester in der „Urkirche“ die Regel gewesen seien. Sie seien also, so der vermittelte, aber irrige Eindruck, mindestens ein ebenso gültiges Priestermodell, wenn nicht sogar das eigentliche und ursprünglichere als das zölibatäre Priestertum.

Laut Lobinger sollten in jeder Pfarrei „drei, sieben oder mehr bewährte, örtliche, verheiratete Anführer zu Priestern geweiht werden“.

Der Osservatore Romano schließt seinen wohlwollenden Artikel mit einer bezeichnenden Aufforderung zum Kippen des Zölibats:

„Nord und Süd müssen gemeinsam gehen, weil sie voneinander abhängen. Ja, alte und neue Kirchen müssen sich gegenseitig verstehen in den jeweiligen Situationen, um zu einer Lösung zu kommen, mit der alle einverstanden sind. Und vielleicht ist gerade der Norden an der Reihe, den ersten Schritt zu setzen.“

„Den Osservatore näher an Santa Marta heranführen“

Der Artikel enthält weder eine kritische Anmerkung zur Lobinger-These noch äußert er ein Wort zur Verteidigung des priesterlichen Zölibats. Die kirchliche Tradition spielt für die meisten Redakteure diözesaner Kirchenzeitungen im deutschen Sprachraum schon lange keine wirkliche Rolle mehr. Das positivistische Denken walzt im Zweifelsfall alles platt. Dieses Denken hat, der Artikel belegt es, auch beim Osservatore Romano Einzug gehalten. Papst Franziskus macht es möglich.

Der Artikel scheint ein Hinweis, daß sich die jüngsten personellen Umbesetzungen im Kommunikationsbereich des Vatikans bereits in der Blattlinie niederschlagen. Am 18. Dezember 2018 tauschte Papst Franziskus den Chefredakteur des Osservatore Romano aus. Auf Giovanni Maria Vian folgte Andrea Monda, ein Adlatus des Papst-Vertrauten P. Antonio Spadaro, Chefredakteur der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica. Der Jurist und Religionswissenschaftler Monda erklärte, die Tageszeitung „näher an Santa Marta“ heranführen zu wollen, also stärker in den Dienst von Papst Franziskus und seiner Linie zu stellen. Dafür wird im Hintergrund auch Andrea Tornielli, der Hausvatikanist von Franziskus sorgen, der seit demselben Datum als eine Art Hauptchefredakteur mit Ausrichtungs- und Koordinierungsbefugnis die inhaltliche Linie aller Vatikanmedien vorgibt.
Der Autor des Artikels, der Berufsjournalist Giampaolo Mattei, ist seit 1986 Redakteur des Osservatore Romano. Auch das sagt etwas aus.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Redes Cristianas/Osservatore Romano/Wikicommons (Screenshots)

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2 Kommentare

  1. Verheirateter Priester/klassische Zweikindfamilie/Verhütung inbegriffen – mehr fällt mir zu dem Foto nicht ein!

    Und er muss in der femininen Kirche gut aussehen: strahlendes Lachen/braungebrannte Haut/tolle Zähne als Zeichen der Gesundheit!

    Die Frau erfüllt auch gleich die Kleiderordnungen der neuen Kirche: sexy/tiefer Ausschnitt/jung/verführerisch!

    … ein Vorbild für alle Gutmenschen in der Kirche: so lebendig/so übersprühend zufrieden – soooo katholisch!

    Also wenn das nicht zieht, dann weiß ich’s auch nicht.

    Aber im ernst: Ist das das Foto zum Artikel im OR, oder hat es nur die Redaktion ausgewählt?

  2. Für mich ist das ein Faschingsbild, Papa geht diesmal als „katholischer Priester“ zum Fasching, wenn es nicht so traurig wäre. Jede Frau, die ein priesterliches Leben zerstört, trägt schwere Schuld.

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