„Das ist auch die Position des derzeitigen Papstes“ — Franziskus, Kasper und die „Kommunion für alle“

Franziskus und die "Kommunion für alle"
"Im Namen des Papstes": Franziskus und die "Kommunion für alle"

(Rom) „Die Obsku­ri­tät, mit der Papst Fran­zis­kus es liebt, über die kon­tro­ver­se­sten Fra­gen zu spre­chen und zu schrei­ben, ist eine Kon­stan­te sei­nes Lehr­am­tes; eine Obsku­ri­tät, die ihren Höhe­punkt in der Ant­wort fand, die er am 15. Novem­ber 2015 einer mit einem Katho­li­ken ver­hei­ra­te­ten Luthe­ra­ne­rin gab, die ihn gefragt hat­te, ob auch sie bei der Mes­se zur Kom­mu­ni­on gehen kön­ne.“ Mit die­sen Wor­ten lei­tet der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster sei­ne jüng­ste Zusam­men­fas­sung päpst­li­cher Signa­le in Sachen „Kom­mu­ni­on für alle“ ein.

Um alle Zwei­fel dar­über aus­zu­räu­men, „was der Papst wirk­lich dazu denkt, dafür sor­gen pünkt­lich die ihm am näch­sten ste­hen­den Per­so­nen und Inter­pre­ten: Kar­di­nä­le, Bischö­fe, Theo­lo­gen, Jesui­ten und Jour­na­li­sten“.

„Das ist auch die Position des derzeitigen Papstes“

Vor weni­gen Tagen nahm Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, zwei­fels­oh­ne einer der eng­sten Papst-Ver­trau­ten, zur Fra­ge der Inter­kom­mu­ni­on zwi­schen Katho­li­ken und Pro­te­stan­ten Stel­lung. Kas­per saß am 15. Novem­ber 2015 in der römi­schen Luther-Kir­che in der ersten Rei­he. Nun gab er dem ita­lie­ni­schen Staats­fern­se­hen RAI2 ein Inter­view.

Kar­di­nal Kas­per: Heu­te sind wir nicht mehr Fein­de, wir sind Freun­de, wir sind Brü­der und Schwe­stern. Wir haben die­sen öku­me­ni­schen Weg begon­nen und haben in der Zwi­schen­zeit vie­le Schrit­te gemacht. Wir sind guter Hoff­nung, daß wir eines Tages auch die vol­le Gemein­schaft errei­chen wer­den. Jetzt haben wir bereits viel Gemein­schaft zwi­schen uns.

RAI: Eine Gemein­schaft auch beim eucha­ri­sti­schen Mahl?

Kar­di­nal Kas­per: Ja, die gemein­sa­me Kom­mu­ni­on in gewis­sen Fäl­le den­ke ich ja. Wenn [zwei Ehe­part­ner, einer katho­lisch, einer pro­te­stan­tisch] den­sel­ben eucha­ri­sti­schen Glau­ben tei­len – das ist die Vor­aus­set­zung – und wenn sie inner­lich bereit sind, kön­nen sie vor ihrem Gewis­sen ent­schei­den, die Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen. Das ist auch die Posi­ti­on, den­ke ich, des der­zei­ti­gen Pap­stes, weil es einen Pro­zeß gibt, zusam­men­zu­kom­men; und ein Paar, eine Fami­lie kann man nicht vor dem Altar tren­nen.

Kardinal Walter Kasper im Rai-Interview
Kar­di­nal Wal­ter Kas­per im RAI-Inter­view

Die Aus­sa­gen Kas­pers fin­den sich in der Sen­dung „Pro­te­stan­te­si­mo“ (Pro­te­stan­tis­mus) der RAI2 vom 31. Janu­ar 2017 ab Minu­te 8‘08‘‘.

Papst Fran­zis­kus gab am 15. Novem­ber 2015 bei sei­nem Besuch der evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Gemein­de Roms in der römi­schen Chri­stus­kir­che eine kryp­ti­sche oder, laut Magi­ster, „obsku­re“ Ant­wort:  „Nein, Jein, Ja, das aber nie ein offi­zi­el­les Ja sein wird, seht sel­ber zu vor eurem Gewis­sen“. In der „Über­set­zung“ von Kar­di­nal Kas­per klingt die Ant­wort, bei der sich der Pur­pur­trä­ger aus­drück­lich auf Papst Fran­zis­kus beruft, wesent­lich deut­li­cher: Es sei letzt­lich eine Fra­ge des indi­vi­du­el­len Gewis­sens, das jen­seits des Nor­ma­ti­ven zur Letzt­in­stanz wird. „Das ist auch die Posi­ti­on, den­ke ich, des der­zei­ti­gen Pap­stes“, so Kas­per.

„Im Namen des Papstes“ — Chronologie der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion

Die­sel­be Beru­fung auf den Papst erfolgt „unter­des­sen pau­sen­los durch geziel­te Wort­mel­dun­gen“ auch im Zusam­men­hang mit dem nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia“. Trotz der „Obsku­ri­tät“ der päpst­li­chen Wor­te und trotz der „auf­ge­wor­fe­nen Zwei­fel“, so Magi­ster, sei das Schrei­ben für die eng­sten Papst-Ver­trau­ten „sehr klar“ und las­se die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on zu, auch wenn sie wei­ter­hin more uxorio leben  – „paro­la di Papa“ (der Papst garan­tiert mit sei­nem Wort).

8. April 2016

Schönborn und Amoris laetitia (8. April 2016)
Schön­born und Amo­ris lae­ti­tia (8. April 2016)

Der Erste, dem Fran­zis­kus den Auf­trag erteil­te, sein Den­ken auf die­se Wei­se aus­zu­le­gen, war Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, der Erz­bi­schof von Wien, und zwar gleich bei der Vor­stel­lung von Amo­ris lae­ti­tia am 8. April 2016 in Rom. Von Jour­na­li­sten gefragt, ob denn nun wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zur Kom­mu­ni­on gehen dürf­ten oder nicht, ver­wies Fran­zis­kus danach mehr­fach auf die „authen­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on“ des öster­rei­chi­schen Gra­fen.

5. September 2016

Anfang Sep­tem­ber 2016 folg­ten dann die Bischö­fe der Kir­chen­pro­vinz von Bue­nos Aires mit pasto­ra­len Richt­li­ni­en zur Umset­zung von Amo­ris lae­ti­tia ein­schließ­lich der Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne. Papst Fran­zis­kus schrieb ihnen am 5. Sep­tem­ber hand­schrift­lich, daß er ihren locke­ren Umgang mit der hei­li­gen Kom­mu­ni­on voll­kom­men begrü­ße. Ihrer „authen­ti­schen“ Inter­pre­ta­ti­on“ sei „nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen“. Das sei die „ein­zig mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on“, so Fran­zis­kus. Der direk­te Ein­fluß von Papst Fran­zis­kus auf die Kir­chen­pro­vinz, die bis zu sei­ner Papst­wahl von ihm selbst gelei­tet wur­de, steht außer Zwei­fel.

Die­se offe­ne Bil­li­gung einer Vor­ge­hens­wei­se, die in offe­nem Wider­spruch zur kirch­li­chen Ehe­leh­re und der Sakra­men­ten­ord­nung steht, ver­an­laß­te die vier nam­haf­ten Kar­di­nä­le Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner, dem Papst Dubia (Zwei­fel) zu Amo­ris lae­ti­tia zukom­men zu las­sen und ihn damit um Klä­rung zwei­deu­ti­ger und umstrit­te­ner Aus­sa­gen auf­zu­for­dern. Bis dahin war der päpst­li­che Kurs zwar bereits aus den Signa­len unschwer ables­bar gewe­sen, es hat­te aber ein direk­ter Beleg dafür gefehlt, daß Fran­zis­kus in die­ser Fra­ge von der kirch­li­chen Pra­xis und Leh­re abweicht. Am 19. Sep­tem­ber 2016 depo­nier­ten die vier Kar­di­nä­le ihre Dubia an Papst Fran­zis­kus bei der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Die Öffent­lich­keit wuß­te noch nichts davon. Ihrer Pflicht gemäß lie­ßen sie ihre Zwei­fel dem Papst ver­trau­lich zukom­men. Die­ser küm­mer­te sich aber nicht dar­um.

19. September 2016

Noch am sel­ben Tag erteil­te Kar­di­nal­vi­kar Agosti­no Val­li­ni, der für Papst Fran­zis­kus die Diö­ze­se Rom lei­tet, dem römi­schen Kle­rus in der Late­ran­ba­si­li­ka die Anwei­sung, wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Kom­mu­ni­on zu spen­den. Die von Kar­di­nal Val­li­ni vor­ge­leg­ten pasto­ra­len Richt­li­ni­en ent­spra­chen fak­tisch jenen der Bischö­fe von Bue­nos Aires und waren, so der Kar­di­nal­vi­kar – und wie könn­te es auch anders sein –, direkt vom Bischof von Rom gebil­ligt wor­den.

14. Januar 2017

Am 14. Janu­ar ver­öf­fent­lich­te der Osser­va­to­re Roma­no „mit offen­sicht­li­chem Eifer“, so Magi­ster, die pasto­ra­len Richt­li­ni­en der Bischö­fe Mal­tas, unter­zeich­net am 6. Janu­ar, die ihren Kle­rus eben­falls anwie­sen, wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen die Kom­mu­ni­on „nicht zu ver­wei­gern“.

2. Februar 2017

Am 2. Febru­ar folg­ten, wie­der­um ver­öf­fent­licht vom Osser­va­to­re Roma­no, die „noch libe­ra­le­ren Richt­li­ni­en der Bischö­fe von Deutsch­land“. Deren Vor­sit­zen­der, Kar­di­nal Rein­hard Marx, Erz­bi­schof von Mün­chen-Frei­sing, erklär­te, er „glau­be“, daß Ein­hel­lig­keit in der Bischofs­kon­fe­renz geherrscht habe. Nach Medi­en­be­rich­ten soll es aber zumin­dest sechs abwei­chen­de Stim­men gege­ben haben. Den Mut, eine Gegen­po­si­ti­on zu den Richt­li­ni­en zu for­mu­lie­ren, hat­ten die Dis­si­den­ten aller­dings bis­her nicht, was das selbst­si­che­re Auf­tre­ten von Kar­di­nal Marx erklärt.

10. Februar 2017

Am 10. Febru­ar druck­te die „Tages­zei­tung des Pap­stes“ die Vor­stel­lung des neu­en Buches des eme­ri­tier­ten Erz­bi­schofs von Bar­ce­lo­na, Llu­is Kar­di­nal Mar­ti­nez Sist­ach“, das den Titel „Como apli­car Amo­ris lae­ti­tia“ (Wie Amo­ris lae­ti­tia anzu­wen­den ist) trägt. Kar­di­nal Sist­ach wid­me­te das Buch „in Dank­bar­keit“ Papst Fran­zis­kus, der „die Leh­re der Kir­che für unse­re Zeit aktua­li­siert“.

15. Februar 2017

Am 15. Febru­ar folg­te im Osser­va­to­re Roma­no die Lobes­hym­ne auf die Klein­schrift von Kar­di­nal Fran­ces­co Coc­co­pal­me­rio, die der Theo­lo­ge Mau­ri­zio Gron­chi am Tag zuvor auf Radio Vati­kan gehal­ten hat­te. Das Buch Coc­co­pal­me­ri­os erschien im Vati­kan­ver­lag. Von beson­ders fran­zis­kus­eif­ri­gen Medi­en wur­de die Schrift als vom Papst „geschätzt“ und sogar von ihm „gewünscht“ dar­ge­stellt. Auch Coc­co­pal­me­rio bewegt sich in sei­ner Recht­fer­ti­gung auf der­sel­ben Linie der Vor­ge­nann­ten: Wenn wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne vor ihrem Gewis­sen zum Schluß gelan­gen, die Kom­mu­ni­on emp­fan­gen zu kön­nen, dann dür­fe und kön­ne man sie nicht dar­an hin­dern. Es zäh­le nicht, ob objek­tiv die Gemein­schaft mit Gott gege­ben sei, also objek­tiv die Vor­aus­set­zun­gen für den Kom­mu­nion­emp­fang gege­ben sind, son­dern – auch bei und trotz Fort­dau­er des Ehe­bru­ches – der sub­jek­ti­ve Wunsch, in Ein­heit mit Gott sein und die Kom­mu­ni­on emp­fan­gen zu wol­len.

Pars construens und pars destruens unterminieren die Fundamente

Die­se „pars con­stru­ens“, so Magi­ster, erleb­te in den ver­gan­ge­nen Tagen, par­al­lel zu den jüng­sten Ereig­nis­sen in Rom wie den Pro­test­pla­ka­ten und der Sati­re­aus­ga­be des Osser­va­to­re Roma­no, eine Beschleu­ni­gung. Sie ver­an­laß­te am 13. Febru­ar, so der Vati­ka­nist, auch die neun Kar­di­nä­le des C9-Kar­di­nal­s­ra­tes, der Fran­zis­kus in der Lei­tung der Kir­che und bei der Kuri­en­re­form berät, zu einer öffent­li­chen Soli­da­ri­täts- und Unter­stüt­zungs­be­kun­dung für den Papst. Die demon­stra­tiv zur Schau gestell­te Soli­da­ri­tät von Kar­di­nal Rein­hard Marx, der im Gre­mi­um Euro­pa ver­tritt, und von dem die bis­her libe­ral­sten Kom­mu­ni­on­be­stim­mun­gen erlas­sen wur­den, läßt kei­nen Zwei­fel dar­an, daß ande­ren C9-Mit­glie­dern kaum eine ande­re Wahl blieb.

Dem­ge­gen­über ste­he, so Magi­ster, eine „pars destru­ens“, die­se „fort­dau­ern­de, ver­ächt­li­che Wei­ge­rung“ des Pap­stes, auf die Dubia der vier Kar­di­nä­le zu ant­wor­ten.  Dazu gehö­re auch die Aus­klam­me­rung von Glau­bens­prä­fekt Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der allein des­halb in Ungna­de bei Fran­zis­kus gefal­len ist, weil er an der über­lie­fer­ten Leh­re fest­hält, eine Posi­ti­on, die vom Papst offen­sicht­lich uner­wünscht ist.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

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1 Kommentar

  1. Gera­de das macht ja den Unter­schied zwi­schen katho­lisch und pro­te­stan­tisch aus, dass sie eben nicht den sel­ben „eucha­ri­sti­schen“ Glau­ben haben. Bin ich pro­te­stan­tisch, dann glau­be ich eben nur an eine Trans-fina­li­sa­ti­on (ein ande­res Ziel) bzw. Trans-signi­fi­ka­ti­on (eine ande­re Bedeu­tung) aber nicht wie die Katho­li­ken an eine Trans­sub­tan­tia­ti­on (Ände­rung des Wesen), sonst wäre ich ja nicht mehr pro­te­stan­tisch. Aber auch die Gege­wart Chri­sti wird dann anders auf­ge­nom­men. Für man­che ist er da, geist­lich bzw spi­ri­tu­ell oder viel­leicht wie ein Geist eines (toten) Ver­wand­ten. Für ande­re ist er wahr­haft, wesen­haft, wirk­lich und selbst anwe­send. Hier besteht das Pro­blem, dass man das alles nur als eine Fra­ge der Gra­dua­li­tät sieht und nicht als wesen­haf­ter Unter­schied, was es eben ist. Die Trans­fi­na­li­sa­ti­on und die Trans­si­gni­fi­ka­ti­on mögen nicht falsch sein, aber sie sind nur dann rich­tig, wenn sie mir hel­fen die Trans­sub­stan­tia­ti­on zu begrei­fen.

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