Den Schrei des Volkes nicht gehört

Das politische Scheitern von Papst Franziskus

Souveränitätsbewegung: Herbert Kickl (FPÖ) und Matteo Salvini (Lega), beide waren bis vor kurzem Innenminister ihrer Länder.
Souveränitätsbewegung: Herbert Kickl (FPÖ) und Matteo Salvini (Lega), beide waren bis vor kurzem Innenminister ihrer Länder.

(Rom) Papst Fran­zis­kus mischt sich wie kein Papst seit der gewalt­sa­men Zer­schla­gung des Kir­chen­staa­tes 1870 in die Poli­tik ein, und das nicht nur in Ita­li­en oder in sei­ner Hei­mat Argen­ti­ni­en, son­dern glo­bal. Den­noch scheint kein Papst auf poli­ti­scher Ebe­ne erfolg­lo­ser zu sein als Fran­zis­kus. Unter dem Titel „Zwi­schen Natio­na­lis­men und dem rich­ti­gen Natio­nal­ge­dan­ken – Die poli­ti­sche Erfolg­lo­sig­keit von Papst Fran­zis­kus“ befaßt sich der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster mit der Fra­ge.

„Die Wider­sprüch­lich­keit“ ste­he vor aller Augen und sei in poli­ti­schen Begrif­fen als „ein Schei­tern“ zu bezeich­nen, so Magi­ster.

Als Bei­spiel ver­weist der Vati­ka­nist auf Ita­li­en, wo die Stel­lung des Pap­stes tra­di­tio­nell eine star­ke ist. Bei den Wah­len zum Euro­päi­schen Par­la­ment, im Mai 2019, aber auch den jüngst statt­ge­fun­de­nen Land­tags­wah­len, wähl­ten die prak­ti­zie­ren­den Katho­li­ken in ihrer Mehr­heit die Lega von Matteo Sal­vi­ni, „der die Got­tes­mut­ter ver­ehrt und [als Innen­mi­ni­ster (bis Anfang Sep­tem­ber 2019)] erfolg­reich die ille­ga­le Ein­wan­de­rung bekämpf­te“.

Die gläu­bi­gen Katho­li­ken wähl­ten das, was Fran­zis­kus im Zuge einer neu­en Ver­po­li­ti­sie­rung der Kir­che als größ­tes Übel sieht.

„Im enge­ren Kreis der Ver­trau­ten von Jor­ge Mario Ber­go­glio muß ihn jemand auf die­sen Wider­spruch hin­ge­wie­sen haben zwi­schen dem, was er pre­digt, und dem, was die Gläu­bi­gen tun.“

Dabei ist es Fran­zis­kus, der sagt, den „Schrei“ des Vol­kes zu „hören“ und sein Inter­pret zu sein. Die­sen Anspruch erhob er im Zusam­men­hang mit der Fami­li­en­syn­ode 2014 und mit der Ama­zo­nas­syn­ode 2019. Den „Schrei“ des Vol­kes, wie er etwas pathe­tisch for­mu­lier­te, den sei­nes eige­nen Vol­kes, näm­lich der Gläu­bi­gen, den hört Fran­zis­kus aber nicht so gut. Er hört nicht das Unbe­ha­gen der Men­schen gegen sei­ne Migra­ti­ons­agen­da. Die gläu­bi­gen Katho­li­ken reagie­ren mit dem Stimm­zet­tel, ob in den USA, in Frank­reich, Ita­li­en oder auch im deut­schen Sprach­raum.

Schützenhilfe für Franziskus

Als Beleg dafür, daß im enge­ren Kreis von Fran­zis­kus die Ange­le­gen­heit the­ma­ti­siert wor­den sein muß, dient Magi­ster der jüng­ste Arti­kel von Andrea Ric­car­di, dem Grün­der der Gemein­schaft von Sant’Egidio, Pro­fes­sor für Zeit­ge­schich­te und ehe­ma­li­ger Mini­ster, im Cor­rie­re del­la Sera vom 11. Dezem­ber. Ric­car­di ließ die Alarm­si­re­nen heu­len und man ahnt, in wel­che Rich­tung sei­ne Kri­tik zielt: „Der Natio­nal­ka­tho­li­zis­mus, eine Gefahr für die Kir­che“.

„Ric­car­di zitiert Fran­zis­kus nur flüch­tig und hütet sich, an des­sen laut­star­ke Breit­sei­te im Inter­view vom ver­gan­ge­nen 6. August zu erin­nern.“

Magi­ster bezieht sich dabei auf das „apo­ka­lyp­ti­sche Inter­view“, das Fran­zis­kus im ver­gan­ge­nen Som­mer der Tages­zei­tung La Stam­pa gab. Zur Ein­ord­nung: In der EU waren nach den Wah­len vom Mai die Wei­chen für die kom­men­de Amts­zeit der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu stel­len, in Groß­bri­tan­ni­en war der Bre­x­i­ter Boris John­son seit weni­gen Tagen Pre­mier­mi­ni­ster und in Ita­li­en wur­de dar­an gear­bei­tet, die Lega und Sal­vi­ni aus der Regie­rung zu kata­pul­tie­ren, so wie man zuvor bereits die FPÖ aus der öster­rei­chi­schen Regie­rung gewor­fen hat­te, wo des­halb Par­la­ments­wah­len bevor­stan­den. In die­ser Situa­ti­on sag­te das Kir­chen­ober­haupt:

„Der Sou­ve­rä­nis­mus ist eine Hal­tung der Iso­la­ti­on. Ich mache mir Sor­gen, weil wir Reden hören, die denen Hit­lers von 1934 ähneln.“

Die Ver­tre­ter der Sou­ve­rä­ni­täts­be­we­gung, ob die Lega in Ita­li­en, der Ras­sem­ble­ment Natio­nal in Frank­reich oder die AfD in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, wur­den zwar nament­lich nicht erwähnt, doch jeder ver­stand, wer als brand­ge­fähr­li­che Böse­wich­te gemeint war, denn, so Fran­zis­kus, ihre Poli­tik ende „immer“ im Krieg. Die­se päpst­li­che Vor­ga­be wie­der­ho­len seit Mona­ten die Ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz und eben­so die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz, und sie ver­su­chen damit Ein­fluß auf das Wahl­ver­hal­ten der Gläu­bi­gen zu neh­men.

Auch Ric­car­di eil­te mit sei­nem Arti­kel dem Papst zu Hil­fe, um des­sen Hal­tung zu ver­tei­di­gen. Er beklag­te dar­in nicht eine man­geln­de Refle­xi­on der behaup­te­ten The­se, auch nicht, inwie­fern die Sou­ve­rä­ni­täts­be­we­gung eine Reak­ti­on auf eine Hal­tung wie jene von Papst Fran­zis­kus sein könn­te.

Ric­car­di beklag­te viel­mehr, daß in der Kir­che die Hal­tung des Pap­stes noch immer zu wenig geteilt wer­de. Er kri­ti­sier­te, daß „ein Teil der Katho­li­ken“, die „sozia­le Bot­schaft“ von Fran­zis­kus noch nicht ver­stan­den und ange­nom­men hät­te.

„Ric­car­di ist aller­dings selbst der erste, der dar­auf ver­zich­tet, die Fra­ge zu ana­ly­sie­ren“, so Magi­ster.

Er beschrän­ke sich dar­auf, so der Vati­ka­nist, die Sou­ve­rä­ni­täts­be­we­gung sogar dafür zu kri­ti­sie­ren, daß ihr „christ­li­che Wer­te und Sym­bo­le“ wich­tig sind. Ric­car­di kan­zelt die­se Hal­tung als „Natio­nal­ka­tho­li­zis­mus“ ab, und läßt kei­nen Zwei­fel, daß er die­se Bezeich­nung nega­tiv meint, denn sie wider­spre­che dem „vom Kon­zil ererb­ten katho­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus“.

Roberto Pertici (link) und Andrea Riccardi: gegensätzliche Positionen
Rober­to Per­ti­ci (link) und Andrea Ric­car­di: gegen­sätz­li­che Posi­tio­nen

Gegenposition: Verteidigung des Nationalgedankens

Doch nicht nur Ric­car­di, des­sen Gemein­schaft sich noch mit kei­nem Papst stär­ker iden­ti­fi­zier­te als mit Fran­zis­kus, befaß­te sich mit dem Natio­nal­ge­dan­ken und der west­li­chen Gesell­schaft.  Rober­to Per­ti­ci, ein Fach­kol­le­ge Ric­car­dis, lehrt Zeit­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Ber­ga­mo. Einer sei­ner For­schungs­schwer­punk­te ist das Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Staat. In frü­he­ren Jah­ren gehör­te Per­ti­ci auch noch zu den Autoren des Osser­va­to­re Roma­no.

In einem Inter­view mit der Tages­zei­tung L’Eco di Ber­ga­mo wider­sprach er den Kri­ti­kern des Natio­nal­ge­dan­kens und der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät wie Ric­car­di. Wenn die Gesell­schaft immer mehr in Ego­is­men zer­fal­le, sei das nicht das Ergeb­nis eines neu­en, natio­na­len Den­kens, son­dern im Gegen­teil eine direk­te Kon­se­quenz, daß das rech­te Ver­ständ­nis für den Natio­nal­ge­dan­ken ver­lo­ren gegan­gen ist.

Per­ti­ci geht in sei­nen Über­le­gun­gen vom Klas­si­ker „L’idea di nazio­ne“ (Der Natio­nal­ge­dan­ke) des ita­lie­ni­schen Histo­ri­kers Fede­r­i­co Cha­bod (1901–1960) aus. Für Cha­bo­ds Hal­tung von Bedeu­tung war sei­ne Her­kunft aus dem Aosta­tal, einem ita­lie­ni­schen Grenz­land zu Frank­reich, wo die Mut­ter­spra­che der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung, wie Cha­bo­ds Fami­li­en­na­me erken­nen läßt, Fran­co­pro­ven­za­lisch ist, und die neben Ita­lie­nisch auch Fran­zö­sisch spre­chen. Unter Ver­weis auf Cha­bod kri­ti­siert Per­ti­ci die post­mo­der­ne Geschichts­schrei­bung, die sich dar­in gefal­le, die Nati­on und den Natio­nal­ge­dan­ken als „Kon­strukt“, „Erfin­dung“ oder sogar „Betrug“ dar­zu­stel­len.

Dem hält Per­ti­ci ent­ge­gen, daß eine Nati­on ihre Wur­zeln und ihre Fun­da­men­te „in einer Zivi­li­sa­ti­on und einer Kul­tur“ habe. Das bedeu­te eben nicht, daß alle ande­ren „unzi­vi­li­siert“ und „kul­tur­los“ sei­en. Es gebe vie­le Kul­tu­ren, die sich unter­ein­an­der aus­tau­schen kön­nen und sol­len, doch jede habe spe­zi­fi­sche Merk­ma­le, die sie ein­zig­ar­tig mache. Per­ti­ci wört­lich:

„Heu­te sind wir den Wor­ten nach alle Uni­ver­sa­li­sten, doch die Nati­on grün­det sich auf einer Kul­tur des Unter­schieds, was nicht Abschot­tung meint.“

Das schwä­che der­zeit den Natio­nal­ge­dan­ken. Es sei zwar eine Tat­sa­che, daß aus den Natio­nal­staa­ten auch die „Natio­na­lis­men“ her­vor­gin­gen, aber das sei nur ein Ele­ment, dem nicht mehr Bedeu­tung zuge­mes­sen wer­de sol­le, als ihm zuste­he. Es gebe ande­re, gewich­ti­ge Ele­men­te, die sich mit der Ent­fal­tung der Natio­nal­staa­ten durch­setz­ten, dazu gehö­ren die Demo­kra­tie, die Errun­gen­schaf­ten im Arbeits­recht, die Sozi­al­ge­setz­ge­bung ins­ge­samt, die staat­li­che Wohl­fahrt. Die über­na­tio­na­len Gebil­de, die man an die Stel­le der Natio­nal­staa­ten set­zen möch­te, hät­ten erst den Beweis anzu­tre­ten, ob sie die­sel­ben Qua­li­tä­ten und Fähig­kei­ten besit­zen. Der Natio­nal­staat ver­fü­ge über kla­re Fun­da­men­te. Er schaf­fe Gemein­schaft und gebe Halt. Das alles kön­ne von über­na­tio­na­len Gebil­den nicht gesagt wer­den.

Die Men­schen ver­spü­ren eine Ver­un­si­che­rung auf vie­len Ebe­nen, doch der Papst kommt ihnen nicht zu Hil­fe, son­dern liest ihnen die Levi­ten. Man könn­te auch sagen, er beschimpft sie zuwei­len, weil sie sich dem angeb­li­chen „Fort­schritt“ ver­wei­gern wür­den.

Mit Blick auf die Nati­on wür­den heu­te auf unge­bühr­li­che Wei­se die nega­ti­ven Sei­ten betont. Laut Per­ti­ci sei­en hin­ge­gen die posi­ti­ven Sei­ten zu betrach­ten und her­vor­zu­he­ben.

„In der Nati­on inte­griert sich das Indi­vi­du­um in eine Wirk­lich­keit, die den rein per­sön­li­chen Hori­zont über­win­det, ohne ihn auf­zu­he­ben. Das soge­nann­te ‚All­ge­mein­wohl‘ wird in ihr zu etwas Rea­lem. Seit zwei Jahr­hun­der­ten steht das All­ge­mein­wohl im Mit­tel­punkt der kirch­li­chen Sozi­al­leh­re. Es läuft aber Gefahr zum blo­ßen Abstrak­tum zu wer­den, wenn es nicht mehr in einem Volk Gestalt annimmt, in etwas Nahem, das man kennt und einem ver­traut ist. Nur abstrak­te Per­so­nen sind aus Prin­zip jenen zuge­tan, die fern sind. Der Mensch ist nor­ma­ler­wei­se aber zuerst jenen zuge­tan, die ihm nahe und gleich sind, die Gemein­sa­mes haben und zu denen ein unmit­tel­ba­rer, gemein­schaft­li­cher Bezug besteht.“

Das heu­ti­ge Auf­tre­ten zahl­rei­cher Grup­pen­in­ter­es­sen und Ego­is­men in Euro­pa sei die direk­te Kon­se­quenz zur jah­re­lan­gen Leug­nung der Nati­on, eine direk­te Fol­ge, daß „etwas geleug­net wur­de, in das wir alle ein­ge­bun­den waren“, so Per­ti­ci.

Paradigmenwechsel und internationale Eliten

Vor allem sei es seit den 60er Jah­ren „ins­ge­samt“ zu einem „Para­dig­men­wech­sel“ gekom­men. Wäh­rend bis dahin die Kol­lek­tiv­rech­te eine Rol­le spiel­ten, und das Indi­vi­du­um sich als Teil eines Grö­ße­ren fühl­te und ver­stand, tra­ten seit­her die Indi­vi­du­al­rech­te in den Vor­der­grund, und der Mensch denkt nur mehr dar­an, sich durch Selbst­ver­wirk­li­chung selbst zu ent­fal­ten.

Mit die­sem Para­dig­men­wech­sel, so Per­ti­ci, gin­gen „enor­me, anthro­po­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen“ ein­her, „deren Trag­wei­te wir uns noch gar nicht ganz bewußt sind“.

Das vori­ge Jahr­hun­dert habe gezeigt, daß die Über­stei­ge­rung der Kol­lek­tiv­rech­te schwe­ren Scha­den anrich­ten kön­ne. Das­sel­be gel­te nun im 21. Jahr­hun­dert aber auch umge­kehrt für die Über­stei­ge­rung der Indi­vi­du­al­rech­te.

Der Histo­ri­ker ver­weist dabei auf einen Zusam­men­hang zwi­schen der 68er-Bewe­gung und dem seit den 90er Jah­ren auf­tre­ten­den Neo­li­be­ra­lis­mus.

„Es scheint, als hand­le es sich dabei um zwei völ­lig ver­schie­de­ne Din­ge: 68 ist ein Phä­no­men der extre­men Lin­ken, der Neo­li­be­ra­lis­mus von rechts. Wenn wir uns aber als Histo­ri­ker die Sub­stanz der Din­ge anschau­en, stel­len wir fest, daß hin­ter dem einen wie dem ande­ren Phä­no­men der­sel­be hyper-indi­vi­dua­li­sti­sche Ansatz steht, der da lau­tet: ‚Ver­bie­ten ver­bo­ten‘, im Bereich der Wirt­schaft und des Sozia­len eben­so wie im Bereich der Ethik.“

Per­ti­ci endet sein Inter­view mit einer bemer­kens­wer­ten Beob­ach­tung, „die auch an das den­ken läßt, was der­zeit an der Spit­ze der Kir­che geschieht“, so Magi­ster:

„Heu­te ist die Ver­bin­dung von Huma­ni­täts­den­ken und ethi­schem Indi­vi­dua­lis­mus die Mischung der inter­na­tio­na­len Eli­ten.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

    • Klei­ne Ver­bes­se­rung des Vor­ste­hen­den: Statt „an den“ muss es rich­tig „an denen“ lau­ten.

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