Fatima: vatikanische Täuschungen, gewollte Ignoranz, apokalyptische Weltlage (2. Teil)

Hat sich die kirchliche Hierarchie den Forderungen von Fatima verweigert?


Dr. Lucia dos Santos im Jahr 1946 (links) und 1967 (rechts)
Dr. Lucia dos Santos im Jahr 1946 (links) und 1967 (rechts)

Von Wolf­ram Schrems*

Die­ser Teil schließt unmit­tel­bar an den 1. Teil vom 5. März an. Nach der Anzahl der Kom­men­ta­re zu schlie­ßen, stieß er auf gro­ßes Interesse.

Aller­dings gab es augen­schein­lich auch Miß­ver­ständ­nis­se. Da es aber nicht mög­lich ist, in jedem ein­zel­nen Bei­trag zum The­ma Fati­ma immer alles bereits Geschrie­be­ne zu wie­der­ho­len, sei der inter­es­sier­te Leser auf die vor zwölf Jah­ren erschie­ne­ne Serie zur Grund­pro­ble­ma­tik der kirch­li­chen Rezep­ti­on der Fati­ma-Bot­schaft (mit einem Epi­log) und auf die 2017 ver­öf­fent­lich­te Serie zu Papst Bene­dikt XVI. und Fati­ma verwiesen.

Wor­auf alle die genann­ten Bei­trä­ge hin­aus­lau­fen, ist, daß sich die kirch­li­che Hier­ar­chie ab Pius XI. den For­de­run­gen von Fati­ma letzt­lich ver­wei­gert hat und daß ab Johan­nes XXIII. eine regel­rech­te Ver­tu­schungs- und Lügen­kam­pa­gne lan­ciert wur­de. Die­se Vor­gangs­wei­se der Petrus­nach­fol­ger ver­ur­sach­te ein Desa­ster für Kir­che und Welt und wird gro­ße, sich schon abzeich­nen­de Kala­mi­tä­ten nach sich zie­hen, bis die Wei­he Ruß­lands ord­nungs­ge­mäß durch­ge­führt und der Tri­umph des Makel­lo­sen Her­zens Mari­ens, spe­zi­fisch durch die Bekeh­rung Ruß­lands, welt­weit erkenn­bar ist. Der Tri­umph kann und soll durch das Mit­wir­ken von Gläu­bi­gen und Geist­lich­keit in Gebet und Opfer beschleu­nigt werden. –

In die­sem zwei­ten Teil wird noch ein­mal auf die gewoll­te Igno­ranz in Bezug auf die zwei ver­schie­de­nen „Sr. Lucia“ eingegangen.

Wir müs­sen uns daher die Fra­ge stel­len, zumin­dest rhe­to­risch, da es der­zeit kei­ne Ant­wort dar­auf gibt:

Was geschah zwischen 1957 und 1967 mit Sr. Lucia?

Bekannt­lich gibt es in der Per­so­na­lie einen Bruch, der zwi­schen 1957 und 1967 statt­ge­fun­den haben muß. Das hier schon öfter genann­te Inter­view von Sr. Lucia vom 26. Dezem­ber 1957 mit Pater Agu­stin Fuen­tes aus dem Pas­sio­ni­sten­or­den ist der letz­te zwei­fels­frei nach­voll­zieh­ba­re Auf­tritt der Sehe­rin von Fati­ma. Die­ses Inter­view, in dem die Sehe­rin gera­de­zu apo­ka­lyp­ti­sche War­nun­gen aus­sprach, wur­de 1958 mit kirch­li­cher Erlaub­nis publi­ziert, aber im dar­auf­fol­gen­den Jahr, also nach dem Tod von Pius XII., vom Ordi­na­ri­at von Coim­bra als falsch und sen­sa­tio­na­li­stisch abge­tan. Die Aus­sa­gen von Sr. Lucia sei­en nicht kor­rekt wie­der­ge­ge­ben wor­den und Sr. Lucia habe zu Fati­ma nichts mehr zu sagen. Sie wur­de dar­auf im Kar­mel für die Welt gleich­sam unsicht­bar gemacht. Bis jetzt weiß man nicht, wer für die Erklä­rung des Ordi­na­ri­ats ver­ant­wort­lich war, die Unter­schrift am Doku­ment ist unleserlich.

Jeden­falls begann eine Peri­ode der Iso­la­ti­on für die Sehe­rin, Fati­ma geriet ab 1960, der Ent­schei­dung von Papst Johan­nes XXIII., das Drit­te Geheim­nis ent­ge­gen der Wei­sung Unse­rer Lie­ben Frau nicht zu publi­zie­ren, nach und nach aus dem kirch­li­chen Bewußtsein.

Die­je­ni­ge Per­son, die beim Fati­ma-Besuch von Papst Paul VI. am 13. Mai 1967 der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert wur­de, sieht anders aus als die von den Pho­to­gra­phien bekann­te Sr. Lucia, benimmt sich anders und wirkt viel zu jung für eine sech­zig­jäh­ri­ge Frau. Wir haben dar­über auf die­ser Sei­te schon mehr­fach aus­führ­lich geschrie­ben (hier, hier, hier und hier).

Im Zusam­men­hang mit der offi­zi­el­len kirch­li­chen Fati­ma-Geschichts­schrei­bung sei eine bezeich­nen­de Bege­ben­heit genannt:

Im Jahr 1974 wur­de der seit 1954 amtie­ren­de kir­chen­of­fi­zi­el­le Fati­ma-Histo­ri­ker P. Joa­quin Alon­so aus dem Cla­re­ti­ner­or­den, hoch­qua­li­fi­zier­ter Histo­ri­ker und Theo­lo­ge, von Bischof Cos­me do Ama­ral von Lei­ria-Fati­ma, einem Mit­glied des Opus Dei, von sei­ner Posi­ti­on als Fati­ma-Histo­ri­ker abbe­ru­fen. Er durf­te auch die 24 Bän­de sei­ner von Bischof João Perei­ra Venân­cio im Jahr 1966 in Auf­trag gege­be­ne und von por­tu­gie­si­schen Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren begut­ach­te­te Stu­die über Fati­ma, dar­un­ter aus­führ­li­che Inter­views mit Sr. Lucia, nicht ver­öf­fent­li­chen. Kei­ne Begrün­dung wur­de für die­se Zen­sur geliefert.

Für sei­ne umfang­rei­che Doku­men­ta­ti­on der Ereig­nis­se in Fati­ma hat­te P. Alon­so auch zahl­rei­che Pho­to­gra­phien aus­ge­wer­tet. Er ver­öf­fent­lich­te im Jahr 1976 ein schma­les Buch mit dem Titel La ver­dad sob­re el Secre­to de Fáti­ma.1In die­sem Buch sind zwei Pho­to­gra­phien abge­druckt, von denen jeweils eines die „alte“, eines die „neue“ Sr. Lucia zeigt. P. Alon­so stellt das Offen­kun­di­ge fest: Die jewei­li­gen Phy­sio­gno­mien sind grund­le­gend ver­schie­den. Damit leg­te er nahe, daß es sich um zwei Per­so­nen han­deln muß. Man kann sich vor­stel­len, was die­ser Akt an Selbst­über­win­dung geko­stet haben muß.

Es stellt sich die Fra­ge: Soll­te Pater Alon­so wirk­lich der ein­zi­ge gewe­sen sein, dem die Dis­kre­panz zwi­schen den bei­den „Lucia“-Physiognomien auf­ge­fal­len ist?2

Woll­te er der Öffent­lich­keit einen Wink geben? Jeden­falls starb er nach sie­ben Jah­ren einer vom Vati­kan ver­häng­ten Iso­la­ti­on im Jahr 1981 und sei­ne zwan­zig­tau­send­sei­ti­ge Doku­men­ta­ti­on ist immer noch unter Ver­schluß, mit Aus­nah­me von zwei Bän­den, die – erheb­lich redi­giert – in den neun­zi­ger Jah­ren ver­öf­fent­licht wurden.

War­um? Was soll hier ver­steckt wer­den? Ist das nicht bizarr, daß in der Kir­che des neu­ent­deck­ten „Dia­logs“ ein von der Kir­chen­hier­ar­chie selbst beauf­trag­ter und hoch­qua­li­fi­zier­ter Wis­sen­schaft­ler zum Schwei­gen gebracht wird?

Aus dem Gesag­ten ergibt sich eine wei­te­re wich­ti­ge Fra­ge, näm­lich wie es sein kann, einen Kon­vent (und die gesam­te Welt­öf­fent­lich­keit) zu täuschen:

Selbstzensur im Karmel, Bedrohung unter Gehorsam?

In einem Gespräch zum gegen­ständ­li­chen The­ma vor eini­gen Mona­ten wur­de mir die Fra­ge gestellt, wie das sein kann, daß ein all­fäl­li­ger Aus­tausch nie­man­dem im Kon­vent auf­ge­fal­len sein soll.

Man kann dar­auf ent­geg­nen: Wer sagt denn, daß das nie­man­dem auf­ge­fal­len ist?

Man stel­le sich einen Kar­me­li­tin­nen­kon­vent am Ende der 1950er Jah­re vor: Nach­dem die Ordens­frau­en Gehor­sam gelobt und ihr Leben lang prak­ti­ziert hat­ten, gehorch­ten sie wohl auch dann, wenn ein merk­wür­di­ger Befehl aus­ge­ge­ben wur­de, der nach einer ange­ord­ne­ten Ver­tu­schung aus­sah. Sie ver­trau­ten ihren Obe­ren ver­mut­lich total und gestat­te­ten sich kei­ner­lei Regung des Miß­trau­ens. Mög­li­cher­wei­se wur­den Stra­fen ange­droht, falls ein Kon­vent­mit­glied doch vor­ge­habt haben soll­te, sich an eine außen­ste­hen­de Per­son oder gar an die Behör­de zu wen­den. Aus­ge­schlos­sen ist das nicht.

Ange­sichts der Bru­ta­li­tät, mit der vati­ka­ni­sche Maß­nah­men wie die „Lit­ur­gie­re­form“, der inter­re­li­giö­se Dia­log und die „Offen­heit“ zur Welt unter Gehor­sam gegen die Tra­di­ti­on und den Glau­bens­sinn erzwun­gen wur­den, soll­te uns ein eben­so ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen gegen­über Ordens­frau­en nicht wun­dern. Da schon die „Lit­ur­gie­re­form“ von Paul VI. und Erz­bi­schof Bug­nini auf Lügen und Täu­schun­gen auf­bau­te, wird man wohl auch auf ande­ren Gebie­ten nicht immer strikt bei der Wahr­heit ver­blie­ben sein.

Man kann das weiterdenken:

Gewöhnt sich ein Kon­vent ein­mal dar­an, Ver­tu­schung zu betrei­ben, wobei gar nicht alle Mit­glie­der ein­ge­weiht sein müs­sen, dann wird sich das über die Jah­re und Jahr­zehn­te ver­fe­sti­gen und neu auf­ge­nom­me­ne Mit­glie­der wer­den dann nur die offi­zi­el­le Geschich­te ken­nen.3 (Die­ser Kom­men­ta­tor meint, daß gege­be­nen­falls alle Schwe­stern des Kar­mels von Coim­bra, die Sr. Lucia gekannt hat­ten, in ande­re Kar­mel­klö­ster ver­setzt wor­den sei­en. Mög­lich. Lei­der belegt er das nicht.)

Das sind frei­lich alles Mut­ma­ßun­gen. Sie haben nur den Zweck von „heu­ri­sti­schen“ Gedankenexperimenten.

Auf Pho­to­gra­phien und in Fil­men ist neben der „neu­en“ Sr. Lucia eine Mit­schwe­ster zu sehen, deren Phy­sio­gno­mie einen äußerst eigen­ar­ti­gen Ein­druck hin­ter­läßt. Was war ihre Rol­le? War sie die „Auf­pas­se­rin“ der „neu­en“ Lucia für die öffent­li­chen Auf­trit­te? Han­delt es sich um Sr. Maria Celi­na vom Gekreu­zig­ten Jesus (die mög­li­cher­wei­se auch Prio­rin war)? Was wuß­te sie?

Das wäre noch näher zu erhe­ben. In die­sem Zusam­men­hang soll noch auf eine weit ver­brei­te­te Geschich­te hin­ge­wie­sen werden:

Kardinal Caffarra und Sr. Lucia?

(Fort­set­zung folgt.)

*Wolf­ram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro-Lifer, seit 2011 mit der Pro­ble­ma­tik der vati­kan­of­fi­zi­el­len Fati­ma-Dar­stel­lung vertraut.

Bild: MiL


1 Die­ser Abschnitt greift haupt­säch­lich auf die Anga­ben im Film The Fati­ma Files – The Priest Who Knew Too Much zurück, der im Dezem­ber 2025 auf Rad­trad­tho­mist und YT ver­öf­fent­licht wur­de. Lei­der ist die Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se nicht immer ganz klar. Zudem ist die For­mu­lie­rung von der „Ver­set­zung“ (trans­fer) von Sr. Lucia in den Kar­mel von Coim­bra irre­füh­rend, weil sie von sich aus um Ent­las­sung aus dem Doro­thee­rin­nen­or­den und um Auf­nah­me im Kar­mel ange­sucht hat. Papst Pius XII. geneh­mig­te die­sen Schritt. Inwie­weit dazu die im Film getrof­fe­nen Aus­sa­gen zum Opus Dei und des­sen Grün­der zutref­fend sind, müß­te geson­dert unter­sucht wer­den. Das ist jetzt nicht das The­ma. Zu Pater Alon­sos Lebens­jah­ren nach der Ent­he­bung von sei­nem Amt sie­he auch, lei­der eben­falls nur auf Eng­lisch.

2 Aus den für die­sen Arti­kel ver­wen­de­ten Berich­ten geht nicht her­vor, wann P. Alon­so genau Sr. Lucia getrof­fen hat, ob bei den Gesprä­chen im Sprech­zim­mer Git­ter und Vor­hang die bei­den trenn­ten und ob und ggf. wann der Zugang P. Alon­sos zu Sr. Lucia ein­ge­schränkt wor­den ist.

3 Im Kar­mel von Coim­bra hängt im Ein­gangs­be­reich ein über­di­men­sio­nier­tes Por­trät der „neu­en“ und „offi­zi­el­len“ Sr. Lucia (zumin­dest im Okto­ber 2015 war es noch dort). Es wirkt ein­fach zu bru­tal, zu for­ciert, zu apo­dik­tisch. Hier soll dem Besu­cher wohl eine Bot­schaft regel­recht oktroy­iert wer­den. Dazu fällt einem die­ser Vers in Shake­speares Ham­let ein: The lady doth pro­test too much, methinks. – Die Dame, wie mich dünkt, gelobt zu viel.

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