Der deutsche Synodale Irrweg – zum Dritten

Vertuschung der Missbrauchspraxis von post-klerikalen Geistlichen mit dem Kampfbegriff „Klerikalismus“

Synodaler Irrweg der katholischen Kirche in Deutschland: Grundlagen auf denen drei Synoden-Foren arbeiten sind falsch.

Von Hubert Hecker.

Zusam­men­fas­sung: Die Auf­ga­ben­stel­lun­gen von drei Foren des Syn­oda­len Wegs basie­ren auf der The­se, dass die mei­sten Miss­bräu­che von Geist­li­chen im kle­ri­ka­len Kon­text began­gen wor­den sei­en. Die MHG-Stu­die behaup­tet die­sen Zusam­men­hang als „kle­ri­ka­li­sti­sche“ Macht­aus­übung. Aber die dafür prä­sen­tier­ten Zah­len bele­gen das Gegen­teil: Die Mehr­zahl der Über­grif­fe in den letz­ten Jahr­zehn­ten wur­den von cha­ris­ma­ti­schen Jugend­prie­stern und post-kle­ri­ka­len Geist­li­chen began­gen. Das wird an sechs Bio­gra­phien von teils pro­mi­nen­ten Seri­en­tä­tern erläu­tert. Ent­lar­vend dabei sind die Ver­tu­schungs­ma­nö­ver der zustän­di­gen Bischö­fe bzw. von Papst Fran­zis­kus.

Die The­se, dass der soge­nann­te Kle­ri­ka­lis­mus bei Prie­stern miss­brauchs­be­gün­sti­gend sei, stell­te erst­mals 2003 der eng­li­sche Kano­nist Tom Doyle auf. Bei Papst Fran­zis­kus war es schon eine fixe Behaup­tung, als er in Reak­ti­on auf den Penn­syl­va­nia-Report im Herbst 2018 schrieb: Die Hal­tung des Kle­ri­ka­lis­mus sei die Haupt­ur­sa­che für sexu­el­le Über­grif­fe von Geist­li­chen. Seit­her haben sich zahl­rei­che links-libe­ra­le Theo­lo­gen und Kir­chen­po­li­ti­ker über Kle­ri­ka­lis­mus erei­fert, um ihn als Nähr­bo­den für Miss­brauch ins­be­son­de­re der kon­ser­va­ti­ven Geist­lich­keit unter­zu­schie­ben.

Die Theo­rie vom Kle­ri­ka­lis­mus spiel­te auch für die Arbeits­auf­trä­ge des Syn­oda­len Wegs eine wich­ti­ge Rol­le. Für drei der vier Syn­odal­fo­ren wur­de die Kri­tik an angeb­lich miss­brauchs­för­dern­den kle­ri­ka­li­sti­schen Struk­tu­ren als Basis­an­nah­me gesetzt: Des­halb müss­te der Sta­tus der geweih­ten Prie­ster dekon­stru­iert und dabei ins­be­son­de­re der Zöli­bat infra­ge gestellt wer­den. Die kle­ri­ka­le „Macht“ der Prie­ster und Bischö­fe soll nach dem Muster der staat­li­chen Gewal­ten­tei­lung auf­ge­spal­ten wer­den. Und schließ­lich sei mit der Beauf­tra­gung von Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen und Wei­he­äm­ter die „män­ner­bün­di­sche Abge­schlos­sen­heit des Kle­rus“ auf­zu­bre­chen.

Auf die­sem Hin­ter­grund ist es dring­lich, genau­er auf die The­se der MHG-Stu­die ein­zu­ge­hen, nach der „Kle­ri­ka­lis­mus“ als spe­zi­fi­scher kirch­li­cher Struk­tur­fak­tor miss­brauchs­för­dernd behaup­tet wird. Unter dem ent­spre­chen­den Stich­wort bei den der Stu­die vor­an­ge­stell­ten Emp­feh­lun­gen heißt es:

„Sexu­el­ler Miss­brauch ist vor allem auch Miss­brauch von Macht. In die­sem Zusam­men­hang wird für sexu­el­len Miss­brauch im Kon­text der katho­li­schen Kir­che der Begriff des Kle­ri­ka­lis­mus als eine wich­ti­ge Ursa­che und ein spe­zi­fi­sches Struk­tur­merk­mal genannt (Doyle, 2003). Kle­ri­ka­lis­mus meint ein hier­ar­chisch-auto­ri­tä­res System, das auf Sei­ten des Prie­sters zu einer Hal­tung füh­ren kann, nicht geweih­te Per­so­nen in Inter­ak­tio­nen zu domi­nie­ren, weil er qua Amt und Wei­he eine über­ge­ord­ne­te Posi­ti­on inne­hat. Sexu­el­ler Miss­brauch ist ein extre­mer Aus­wuchs die­ser Domi­nanz. …“ (MHG-Stu­die S. 13).

Dem­nach wäre Miss­brauch dann als kle­ri­ka­li­stisch zu cha­rak­te­ri­sie­ren, wenn ein Prie­ster sei­ne spe­zi­el­len Voll­mach­ten und Auf­ga­ben, die ihm aus der sakra­men­ta­len Prie­ster­wei­he erwach­sen, zu sexu­el­len Über­grif­fen an Min­der­jäh­ri­gen ein­setzt. Ein sol­cher schänd­li­cher Miss­brauch des Prie­ster­tums wird heu­te in der Regel mit der kir­chen­recht­li­chen Höchst­stra­fe der Lai­sie­rung sank­tio­niert.

Die bis­he­ri­gen Äuße­run­gen zum The­ma ver­mit­teln den Ein­druck, dass die mei­sten Miss­brauch­s­ta­ten im kle­ri­ka­li­sti­schen Kon­text ver­übt wor­den wären. Gegen­über die­sem vagen Ver­dacht macht die MHG-Stu­die daten­fun­dier­te Anga­ben zu dem Kom­plex, so dass kle­ri­ka­li­sti­scher Miss­brauch quan­ti­ta­tiv ein­ge­grenzt wer­den kann.

Die MHG-Studie verfälscht bei der Interpretation ihre eigenen Daten …

Im Teil­pro­jekt 6 wer­ten die Autoren der Stu­die Daten aus den Per­so­nal­ak­ten aus mit der Fra­ge­stel­lung, in wel­chen Kon­tex­ten die Miss­brauch­s­ta­ten erfolg­ten.1 Danach gescha­hen deut­lich über 50 Pro­zent der sexu­el­len Über­grif­fe bei pri­va­ten Tref­fen, in der Woh­nung oder dem Haus­halt der beschul­dig­ten Geist­li­chen oder im Urlaub. 18,6 Pro­zent der Miss­bräu­che gescha­hen im Kon­text der Beich­te oder ande­rer sakra­ler Hand­lun­gen. Die übri­gen Fäl­le ver­teil­ten sich im unte­ren Pro­zent­be­reich auf Unter­richt, Fort­bil­dung, Feri­en­la­ger, Hei­me und Inter­na­te, Aus­flü­ge etc., also eher nicht-kle­ri­ka­le Kon­tex­te.

Für die Zuord­nung zu kle­ri­ka­li­sti­schen Miss­brauch­s­ta­ten kom­men nur die 18,6 Pro­zent der Über­grif­fe bei sakra­len Hand­lun­gen infra­ge. Neben der Beich­te ist es vor allem die Mess­fei­er, die als Sakra­men­ten­spen­dung dem Prie­ster vor­be­hal­ten ist. Der kle­ri­ka­le Kon­text ist somit bei weni­ger als einem Fünf­tel der sexu­el­len Miss­bräu­che nach­weis­bar. Da die Beicht­pra­xis nach dem Kon­zil mas­siv zurück­ging, müss­te die ange­ge­be­ne Zahl für die letz­ten Jahr­zehn­te noch wei­ter unten ange­setzt wer­den.

Die­se daten­ba­sier­te Aus­sa­ge wird von den MHG-Autoren in einer schma­len Pas­sa­ge zu einer „über­wie­gen­den Zahl“ von kle­ri­ka­li­sti­schen Miss­brauch­s­ta­ten ver­fäl­schend auf­ge­bauscht. Die Ana­ly­se der sie­ben­zei­li­gen Kom­men­tie­rung, auf Sei­te 283 mit „Dis­kus­si­on“ über­schrie­ben, för­dert die fol­gen­de Ver­dre­hungs­in­ter­pre­ta­ti­on zuta­ge:

  • Zunächst wer­den die kon­tex­tua­li­sier­ten Taten mit „Tat­an­bah­nun­gen“ gleich­ge­setzt, wovon in der sta­ti­sti­schen Erhe­bung kei­ne Rede ist.
  • Sodann wird dar­über spe­ku­liert, dass die tat­säch­li­chen Über­grif­fe wäh­rend dienst­li­cher und sakra­ler Kon­tak­te „ange­bahnt wor­den sein könn­ten.
  • Damit könn­te „eine mög­li­cher­wei­se nicht gerin­ge Zahl von Taten bei pri­va­ten Tref­fen“ eben­falls dem sakra­len Kon­text zuge­ord­net wer­den.
  • Nach die­sen drei spe­ku­la­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­sta­tio­nen kom­men die Autoren zu der Schluss­be­haup­tung, „dass die über­wie­gen­de Zahl der Miss­brauch­s­ta­ten“ unter Aus­nut­zung der geist­lich-sakra­len Auto­ri­tät „erfolgt“ sei.

Mit den Argu­men­ta­ti­ons­schrit­ten von „könn­te“ und „mög­li­cher­wei­se“ zu einer Tat­sa­chen­be­haup­tung, bei der die Daten­ba­sis von 18,6 Pro­zent auf über 50 Pro­zent hoch­ge­schraubt wird, bewe­gen sich die Autoren auf dem Niveau von Taschen­spie­ler­tricks. Für die­se Pas­sa­ge gilt, was Man­fred Lütz über die Zusam­men­fas­sun­gen der MHG-Stu­die sag­te: „Man kann sich eigent­lich nicht vor­stel­len, dass irgend­ein Wis­sen­schaft­ler so etwas schreibt.“2

… um die Erwartungen der bischöflichen Auftraggeber zu erfüllen

Aber war­um lie­ßen sich die MHG-Autoren zu sol­chen leicht erkenn­ba­ren Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen ver­lei­ten? Die deut­schen Bischö­fe hat­ten als ein Haupt­ziel der Stu­die bestimmt, dass „miss­brauchs­be­gün­sti­gen­de Struk­tu­ren“ in der Kir­che iden­ti­fi­ziert wer­den soll­ten. In die­sem Fall wie­sen die Daten zu den Umstän­den der Miss­brauch­s­ta­ten weni­ger auf syste­mi­sche Fak­to­ren hin: über 50 Pro­zent der Über­grif­fe im pri­va­ten Kon­text der Geist­li­chen, nur 18,6 Pro­zent im Zusam­men­hang mit sakra­len Hand­lun­gen. Also klatsch­ten die Autoren an die Daten­prä­sen­ta­ti­on noch einen sinn­ver­dre­hen­den Kom­men­tar mit den Stich­wor­ten, die die Auf­trag­ge­ber hören woll­ten. Die­sen Ein­druck macht die ver­un­glück­te Kom­men­tie­rung.

Als Resü­mee bleibt fest­zu­hal­ten: Es ist eine erkenn­ba­re Falsch­be­haup­tung der MHG-Stu­die, dass die über­wie­gen­de Zahl an sexu­el­len Miss­brauchs­hand­lun­gen von Geist­li­chen im kle­ri­ka­li­sti­schen Kon­text began­gen wur­de. Indem die Auf­ga­ben­stel­lun­gen von drei Foren des Syn­oda­len Wegs auf der Falsch­the­se basie­ren, sind die­se Arbeits­grup­pen auf den syn­oda­len Holz­weg geschickt wor­den. Auch für die Prä­ven­ti­ons­an­sät­ze der Kir­che rich­tet die Kle­ri­ka­lis­mus­the­se Scha­den an, da mit einer fal­schen Basis­an­nah­me kei­ne erfolg­rei­che Prä­ven­ti­on betrie­ben wer­den kann.

Werkimmanente Widersprüche zur Klerikalismusthese

Die Erklä­rungs­re­le­vanz von Kle­ri­ka­lis­mus wird auch werk­im­ma­nent durch die Aus­füh­run­gen in ande­ren Tei­len der Stu­die infra­ge gestellt. Im fünf­ten Teil­pro­jekt zu Miss­brauchs­stu­di­en in ande­ren Insti­tu­tio­nen heißt es: Die in der Lite­ra­tur unter­such­ten Taten zei­gen in den mei­sten Merk­ma­len kei­nen Unter­schied zwi­schen katho­li­schen und ande­ren Insti­tu­tio­nen.3 Auch die Ein­tei­lung der beschul­dig­ten Kle­ri­ker in drei Grund­ka­te­go­rien „las­sen sich in bereits publi­zier­te Typo­lo­gien von sexu­el­len Miss­brauch­stä­tern außer­halb des kirch­li­chen Kon­tex­tes zuord­nen“.4 Nach die­sen Aus­sa­gen der MHG-Stu­die haben spe­zi­fi­sche Struk­tur­merk­ma­le der Kir­che kei­nen beson­de­ren Erklä­rungs­wert für sexu­el­le Über­grif­fe.

Das zwei­te Teil­pro­jekt befasst sich mit der Kon­takt­auf­nah­me der Beschul­dig­ten zu den spä­te­ren Miss­brauchs­op­fern. Die ent­spre­chen­den sta­ti­sti­schen Daten sind auch als Infor­ma­tio­nen zur Anbah­nung von Miss­brauch­s­ta­ten zu lesen: „49,1 Pro­zent der Betrof­fe­nen cha­rak­te­ri­sier­ten die Bezie­hung zum spä­te­ren Beschul­dig­ten als durch gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en gekenn­zeich­net, 40,2 Pro­zent als beson­de­re Ver­trau­ens­be­zie­hung.“5 Die Betrof­fe­nen schil­der­ten das Ver­hält­nis zu den Geist­li­chen als „hilf­rei­che, unter­stüt­zen­de und ver­trau­ens­vol­le Bezie­hung“.6 Die Lim­bur­ger Pro­jekt­do­ku­men­ta­ti­on macht dazu ergän­zen­de Anga­ben von der „Anzie­hungs­kraft cha­ris­ma­ti­scher Prie­ster, die sich für Kin­der oder Jugend­li­che enga­gier­ten, sie ernst nah­men, mit ihnen Zeit ver­brach­ten, ihnen neue Erfah­rungs­wel­ten eröff­ne­ten und sie emo­tio­na­le Zuwen­dung und per­sön­li­che Auf­merk­sam­keit erfah­ren lie­ßen.“7 Die mei­sten Fäl­le der Anbah­nung von sexu­el­len Über­grif­fen erfolg­ten dem­nach über die nicht-kle­ri­ka­li­sti­sche Schie­ne der per­sön­li­chen Ver­trau­ens­bil­dung. Die ent­spre­chen­de Zahl von 49,1 Pro­zent kor­re­spon­diert mit dem Anteil von Miss­brauchs­hand­lun­gen bei pri­va­ten Tref­fen von 49,6 Pro­zent (sie­he oben).

Im Fol­gen­den wer­den sechs Bio­gra­fien von cha­ris­ma­ti­schen Jugend­prie­stern und Seri­en­tä­tern skiz­ziert. Sie reprä­sen­tie­ren jene Miss­brauch­stä­ter, die bei 49 Pro­zent der Betrof­fe­nen zur Anbah­nung des Miss­brauchs ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­bau­ten. In dem Bereich ist die „über­wie­gen­de Zahl“ von über­grif­fi­gen Kle­ri­kern zu fin­den, die die MHG-Stu­die fälsch­lich bei kle­ri­ka­li­stisch ein­ge­stell­ten Geist­li­chen ver­mu­tet. Auf die­ser fal­schen Schie­ne haben drei Syn­odal-Foren ihre Arbeit begon­nen. Sie soll­ten ihre Wei­chen neu stel­len, indem sie ihre fehl­ge­lei­te­te Fixie­rung auf Kle­ri­ka­lis­mus auf­ge­ben und sich statt­des­sen inten­siv mit den Anbah­nungs- und Ver­ge­wohl­tä­ti­gungs­me­tho­den der moder­nen Miss­brauchsprie­ster beschäf­ti­gen, wie das in den fol­gen­den Aus­füh­run­gen auf­ge­zeigt ist.

Ein Kaplan nutzt die progressive Jugendarbeit zur Missbrauchsanbahnung

Der FAZ-Jour­na­list Dani­el Deckers berich­te­te vor zwei Jah­ren von einem deut­schen Theo­lo­gie­stu­den­ten, der Ende der 70er Jah­re „regel­mä­ßig homo­se­xu­el­le Kon­tak­te auf Bahn­hofs­toi­let­ten gesucht“ hat­te.8  Bei sei­ner ersten Kaplan­stel­le ent­deck­te er sein sexu­el­les Inter­es­se an puber­tie­ren­den Jun­gen. Ein Psych­ia­ter soll­te spä­ter die Dia­gno­se „homo­se­xu­ell-ephe­bo­phi­le Prä­fe­renz“ stel­len.

Der jun­ge Kaplan kommt mit sei­ner Jugend­ar­beit bestens an, er spricht die Spra­che der Leu­te, auch der klei­nen und küm­mert sich ins­be­son­de­re um Jun­gen der Unter­schicht. Am Ende der ersten Kaplans­zeit und danach in einer ande­ren Pfar­rei beginnt er mit sei­nen Miss­brauchs­hand­lun­gen. Der Ein­stieg in sei­ne pädo­phi­len Akti­vi­tä­ten ist mei­stens Alko­hol­ge­brauch. Bei Eltern­be­schwer­den über „unsitt­li­che Bezie­hun­gen“ von drei Min­der­jäh­ri­gen „ste­hen wech­sel­sei­ti­ge Berüh­run­gen, Schla­fen im Bett des Kaplans, Geld­ge­schen­ke und por­no­gra­fi­sche Bil­der in Rede“.

Der über­grif­fi­ge Geist­li­che muss sich in einer ent­fern­ten Stadt eines ande­ren Bis­tums einer psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Behand­lung unter­zie­hen. Nach der zwei­fel­haf­ten Dia­gno­se „unrei­fe (Homo-) Sexua­li­tät“ des über­führ­ten Mehr­fach­tä­ters muss er an einer ana­ly­ti­schen Grup­pen­the­ra­pie „zur emo­tio­na­len Nach­rei­fung“ teil­neh­men. Die­se und wei­te­re The­ra­pien bricht er ab, denn bei dem Mann sei eine eige­ne The­ra­pie­mo­ti­va­ti­on nie vor­han­den gewe­sen, berich­te­te der Psych­ia­ter. Gleich­zei­tig wird der Kaplan im neu­en Bis­tum wie­der in der Seel­sor­ge mit Jugend­ar­beit ein­ge­setzt und ver­geht sich noch wäh­rend der The­ra­pie­zeit wie­der an Puber­tie­ren­den. Erneut in eine ande­re Pfar­rei ver­setzt, kommt es 1985 zum gericht­li­chen Straf­ver­fah­ren mit der Ankla­ge, neun Jun­gen im Alter von 13 bis 16 Jah­ren miss­braucht zu haben. Dem Täter wird eine „krank­haf­te see­li­sche Stö­rung in Form einer Pädo­phi­lie im Sin­ne einer per­ver­sen Fehl­hal­tung in Ver­bin­dung mit chro­ni­schem Alko­ho­lis­mus“ atte­stiert. Bei ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit wird er zu 18 Mona­ten Haft ver­ur­teilt – auf fünf Jah­re zur Bewäh­rung aus­ge­setzt.

Nach einem Jahr in der Alten­heim­seel­sor­ge wird der ver­ur­teil­te Miss­brauch­stä­ter wie­der ohne Ein­schrän­kun­gen in der Gemein­de­ar­beit ein­ge­setzt. Er ist dort „wegen sei­nes kom­mu­ni­ka­ti­ven und locke­ren Umgangs mit Kin­dern und Jugend­li­chen äußerst beliebt und ger­ne gese­hen, auch in vie­len Fami­li­en“. Gemein­de­mit­glie­der und Kir­chen­vor­stand set­zen sich für einen län­ge­ren Ver­bleib des Gemein­de­pfar­rers ein. Der Weih­bi­schof zeigt sich in sei­nem Visi­ta­ti­ons­be­richt zufrie­den „mit der äußerst erfolg­rei­chen Arbeit des Pfar­rers“. Der Geist­li­che geht inzwi­schen geschick­ter bei sei­nen Miss­brauchs­an­bah­nun­gen vor. Es gibt Gerüch­te, aber kei­ne Ermitt­lun­gen. Erst nach vie­len Jah­ren mel­den sich damals miss­brauch­te Jun­gen bei der Mün­che­ner Staats­an­walt­schaft, doch alle dies­be­züg­li­chen Ver­fah­run­gen muss­ten wegen Ver­jäh­rung ein­ge­stellt wer­den.

Psychiater und Ordinariatsräte lassen sich verleiten

Nach­dem die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz 2002 erst­mals Leit­li­ni­en zum Umgang mit Fäl­len sexu­el­len Miss­brauchs her­aus­ge­ge­ben hat­te, wur­de der Geist­li­che 25 Jah­re nach den ersten Unta­ten aus der Gemein­de­seel­sor­ge her­aus­ge­nom­men. Hat­ten vor­mals die kirch­li­chen Stel­len leicht­sin­nig psych­ia­tri­sche Emp­feh­lun­gen in den Wind geschla­gen, war es dies­mal ein aner­kann­ter foren­si­scher Psych­ia­ter, der für den „Alt­fall“ einen Gemein­de­ein­satz ohne Ein­schrän­kun­gen emp­fahl. Doch der Bischof sei­nes Hei­mat­bis­tums dräng­te auf ein neu­es Gut­ach­ten und mel­de­te den Fall nach Rom. Es kam zu einer kano­ni­schen Vor­un­ter­su­chung mit dem Ziel, den Kle­ri­ker aus dem Prie­ster­stand zu ent­las­sen. Über einen Zeit­raum von mehr als zwei Jahr­zehn­ten hat­te er 23 min­der­jäh­ri­ge Jun­gen miss­braucht.

Die betei­lig­ten Psych­ia­ter lie­ßen sich täu­schen durch geschick­te Aus­re­den des noto­ri­schen Kin­der­schän­ders. Sie stell­ten fal­sche Dia­gno­sen und ver­ord­ne­ten unge­eig­ne­te The­ra­pien wie „emo­tio­na­le Nach­rei­fung“. (Zu die­ser Art von Fehl­deu­tun­gen gehö­ren auch die Kri­stall­ku­gel­dia­gno­sen des Mün­che­ner Gene­ral­vi­kars Beer zum Miss­brauch als Über­sprungs-hand­lung.)

Die grö­ße­re Schuld besteht aber bei den Ordi­na­ri­ats­ver­ant­wort­li­chen, die mit ihren Ent­schei­dun­gen zur Wie­der­ein­set­zung in die Pfar­rei­ar­beit die Liste und Lei­den der Opfer ver­län­gert haben. Die bischöf­li­chen Ent­schei­der wur­den dazu ver­lei­tet durch die exzel­len­te Gemein­de­ar­beit des Pfar­rers: Zeig­te nicht der locke­re und kom­mu­ni­ka­ti­ve Umgang des Geist­li­chen mit Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen sei­ne seel­sorg­lich-sozia­le Kom­pe­tenz? War er nicht mit sei­nem Küm­mern um Unter­schicht­kin­der an die Rän­der der Gemein­de gegan­gen? Hat­te er nicht als Hir­te den Geruch der Scha­fe ange­nom­men, wie sich spä­ter Papst Fran­zis­kus den idea­len Pfar­rer vor­stell­te? Doch genau die­se nicht-kle­ri­ka­li­sti­sche Hal­tung nutz­te er viel­fach zur Anbah­nung zu Miss­brauchs­kon­tak­ten. Auf dem Hin­ter­grund wäre es sinn­voll, statt der nicht­be­leg­ten Kle­ri­ka­lis­mus­theo­rie zu fol­gen, genau­er die sozi­al-kom­mu­ni­ka­ti­ven Metho­den der Ver­trau­ens­an­bah­nung als Weg zu sexu­el­len Über­grif­fen zu erfor­schen.

Bei der näch­sten Bio­gra­phie im Rah­men eines Miss­brauchs­kom­ple­xes geht es um das Aloi­si­us­kol­leg in Bonn-Bad Godes­berg, eine der Eli­ten-Inter­nats­schu­len des Jesui­ten­or­dens. Sie steht nicht im Auf­sichts­be­reich der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz.  „Seit den fünf­zi­ger Jah­ren hat­ten min­de­stens 18 Geist­li­che und fünf welt­li­che Mit­ar­bei­ter syste­ma­tisch Kin­der und Jugend­li­che geschla­gen, gede­mü­tigt und zu sexu­el­len Hand­lun­gen gezwun­gen.“ Das schrieb der FAZ-Redak­teur Rei­ner Bur­ger vor eini­ger Zeit.9 Er zitiert den der­zei­ti­gen Rek­tor Mar­tin Löwen­stein mit den Wor­ten, nach der Oden­wald­schu­le sei „das Aloi­si­us­kol­leg die am hef­tig­sten vom sexu­el­len Miss­brauch betrof­fe­ne Schu­le“ in Deutsch­land.

Seit 1946 war es der bei Eltern hoch ange­se­he­ne P. Wil­helm Wall­mey­er, der „regel­mä­ßig Unter­stu­fen­schü­ler ver­ge­wal­tig­te“. Die Jesui­ten­lei­tung ver­tusch­te den ruch­bar gewor­de­nen Fall „erbar­mungs­los kon­se­quent“ mit Ver­set­zung und Nicht-Infor­ma­ti­on der Umge­bung, so dass dem Pater in sei­nem Tiro­ler Domi­zil erneut puber­tie­ren­de Feri­en­schü­ler zuge­führt wur­den.

Der ephebophile Jesuiten-Internatsleiter im offenen Bademantel

Nach 1968 war Lud­ger Stü­per der Haupt­tä­ter. Der jun­ge Pater hat­te wäh­rend sei­nes Refe­ren­da­ri­ats bei einem Prak­ti­kum in der Oden­wald­schu­le die Ver­bin­dung von moder­ner libe­ra­ler Päd­ago­gik und Miss­brauchs­an­bah­nung stu­die­ren kön­nen. Als char­man­ter Cha­ris­ma­ti­ker, braun­ge­brannt und gut aus­se­hend wie Sean Con­ne­ry, hat­te er die Bewun­de­rung von Eltern und Ordens­lei­tung bei der päd­ago­gi­schen Moder­ni­sie­rung des Kol­legs in Päd­ago­gik, Frei­zeit­ge­stal­tung, musi­scher Erzie­hung und sexu­el­ler Libe­ra­li­sie­rung.  Als Inter­nats­lei­ter und spä­te­rer Rek­tor arran­gier­te er alle Sek­to­ren „moder­ner“ Inter­nats­schul­erzie­hung so, dass er sei­ne pädo­phi­len Bedürf­nis­se an puber­tie­ren­den Jun­gen befrie­di­gen konn­te. Er führ­te das täg­li­che Gemein­schafts­du­schen im Inter­nats­kel­ler ein und war stets im offe­nen Bade­man­tel dabei. Gegen­über Scham und Prü­de­rie setz­te er den „Zwang zur Nackt­heit“ durch – auch bei skan­di­na­vi­schen FKK-Feri­en mit sei­nen Lieb­lings­schü­lern. Sei­ne viel­fach gezeig­ten homo­ero­ti­schen Gegen­licht-Aktauf­nah­men von mäd­chen­haf­ten Kna­ben ver­kauf­te er als Höhe­punk­te der Ästhe­tik. Sie waren Teil einer „Erzie­hung durch Kul­tur“, wie er groß­spu­rig sein Päd­ago­gik­pro­gramm nann­te. Im nicht-öffent­li­chen Bereich ging Stü­per här­ter zur Sache. Regel­mä­ßig hol­te er sich Schü­ler aus dem Schlaf­saal zum Oral­sex oder schlug angeb­li­chen Mis­se­tä­tern mit der Hand aufs ent­blöß­te Gesäß.

Der Missbrauchsrektor suhlte sich in links-liberalen Zeitgeistströmungen

Offen­sicht­lich kann auch hier die Kle­ri­ka­lis­mus­the­se nichts zur Miss­brauchs­auf­klä­rung im Aloi­si­us­kol­leg bei­tra­gen. Im Gegen­teil: Pater Stü­ber nutz­te gera­de nicht sei­ne geist­li­che Amts­au­to­ri­tät als Prie­ster, um sich die Jun­gen gefü­gig zu machen. Er schob päd­ago­gi­sche, ästhe­ti­sche, hygie­ni­sche und libe­ral-mora­li­sche Zeit­geist­strö­mun­gen vor, um sei­ne homo­se­xu­el­len Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen. Auf die­sem Kon­zept beruh­te sein hohes Anse­hen in Orden und Öffent­lich­keit sowie bei den Eltern. Zugleich schirm­te er sich mit sei­nem Moder­ni­täts­pro­gramm gegen Kri­tik ab. In die­sem Vor­ge­hen unter­schied er sich nicht wesent­lich von dem homo­se­xu­el­len Direk­tor der Oden­wald­schu­le, Ger­not Becker.

Die bis­he­ri­gen Unter­su­chun­gen zum Aloi­si­us­kol­leg, die den zeit­gei­sti­gen Kon­text der sexu­el­len Über­grif­fe aus­klam­mern, emp­fin­den die Opfer des Jesui­ten­miss­brauchs als unzu­rei­chen­de Eng­füh­rung. Des­halb for­dert der Vor­sit­zen­de des „Ecki­gen Tisch Bonns“ eine ähn­li­che Stu­die wie die über die Oden­wald­schu­le, bei der die dor­ti­gen „Ver­bre­chen in den insti­tu­tio­nel­len, zeit­hi­sto­ri­schen und kul­tur­po­li­ti­schen Zusam­men­hang ein­ge­ord­net“ wer­den.

Was die Ver­tu­schung der jahr­zehn­te­lan­gen Miss­bräu­che angeht sowie die schlep­pen­de Auf­klä­rung seit 2010, da spie­len orden­skle­ri­ka­le Hal­tun­gen durch­aus eine Rol­le. Pater Löwen­stein als der­zei­ti­ger Rek­tor macht den „jesui­ti­schen Hoch­mut“ dafür ver­ant­wort­lich sowie die feh­len­de gegen­sei­tig Kri­tik­be­reit­schaft. Da hät­te Pater Mer­tes, der sich als Laut­spre­cher der Kle­ri­ka­lis­mus­kri­tik an Welt­prie­stern her­vor­tut, ein wei­tes Feld, um sei­nen und den Orden des Pap­stes wie­der auf die ursprüng­li­chen Tugen­den von Dienst und Demut sowie geist­li­che Auto­ri­tät hin­zu­füh­ren. Und der Jesui­ten-Dozent Wucher­pfen­nig, der sich stark macht für Seg­nun­gen von gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren, soll­te mal dar­über nach­den­ken, wie­so sei­ne homo­se­xu­el­len Ordens­brü­der so anfäl­lig wur­den für ephe­bo­phi­len Miss­brauch.

Ein pädokrimineller Priesterring in Pittsburgh …

Kann der pädo­kri­mi­nel­le Hor­ror des Aloi­si­us­kol­legs noch gestei­gert wer­den? Nach dem Penn­syl­va­nia-Report von 2018 ging es in US-ame­ri­ka­ni­schen Diö­ze­sen teil­wei­se noch schlim­mer zu. Der Bericht der staat­li­chen Ermitt­lungs­ju­ry beschreibt detail­liert und nament­lich die sexu­el­len Über­grif­fe in den sechs Bis­tü­mern von Penn­syl­va­nia. Es wird von einem Miss­brauchs- und Kin­der­por­no­gra­fie-Ring berich­tet. Dar­in spiel­te der Prie­ster Geor­ge Zir­was eine Schlüs­sel­rol­le. Der FAZ-Autor Mat­thi­as Rüb zitiert aus dem Report die Aus­sa­ge eines 15jährigen Jun­gen, der zunächst im Pfarr­haus von drei kichern­den Pad­res als Nackt­mo­dell zuge­rich­tet wur­de.10 Danach mach­ten die Prie­ster den Jun­gen und wei­te­re männ­li­che Jugend­li­che ein­zeln oder gemein­schaft­lich mit Dro­gen und Alko­hol gefü­gig, miss­brauch­ten, ver­ge­wal­tig­ten sie und trak­tier­ten sie auch mit Peit­schen und Ket­ten. Alle sexu­el­len Gewalt­ta­ten an den Jun­gen hielt man auf Film- und Foto­auf­nah­men fest. Der pädo­kri­mi­nel­le Ring ver­üb­te sei­ne Ver­bre­chen wäh­rend sechs Jah­ren bis 1988. Drei der Täter wur­den zu Gefäng­nis­stra­fen ver­ur­teilt. Ziwas konn­te sich her­aus­win­den. Er droh­te dem dama­li­gen Erz­bi­schof von Pitts­burgh, Donald Wuerl, mit Denun­zia­ti­on ande­rer Prie­ster, ließ sich nach Miami ver­set­zen und bekam eine Gehalts­er­hö­hung – wohl als Schwei­ge­geld.

…mit tödlichem Ende im Homo-Milieu von Havanna

Sei­ne Über­sied­lung nach Havan­na berei­te­te er mit der poli­ti­schen For­de­rung nach Auf­he­bung des ame­ri­ka­ni­schen Embar­gos gegen Kuba vor. Es spricht alles dafür, dass der kuba­ni­sche Geheim­dienst der Diö­ze­se Pitts­burgh dabei half, „einen homo­se­xu­el­len und noto­risch pädo­phi­len Prie­ster in aller Stil­le nach Havan­na zu ent­sor­gen“. Dort leb­te der Prie­ster Zir­was drei Jah­re lang offen in einer homo­se­xu­el­len Part­ner­schaft mit einem jun­gen Kuba­ner. Er hat­te wei­ter­hin enge Bezie­hun­gen zu gleich­ge­sinn­ten Kle­ri­kern sei­ner Hei­mat­diö­ze­se. Außer­dem brach­te er ame­ri­ka­ni­sche Sex­tou­ri­sten mit kuba­ni­schen Pro­sti­tu­ier­ten bei­der­lei Geschlechts zusam­men. Zir­was war offen­bar eng mit der Stri­cher­sze­ne in Havan­na ver­knüpft. Er ver­gnüg­te sich eines Nachts mit einem jun­gen Call­boy, als sein Lebens­part­ner in der Nacht­schicht in einem Hospi­tal arbei­te­te. Der Stri­cher töte­te ihn mit einer star­ken Betäu­bungs­sprit­ze.

… und kaschiert als Glaubensseelsorge für die Ärmsten der Armen

  • Die ver­tu­schen­den Bischö­fe wur­den nicht zur Ver­ant­wor­tung gemahnt.

Den im Report 200 Mal erwähn­ten Erz­bi­schof Wuerl ernann­te Fran­zis­kus spä­ter sogar zum Haupt­red­ner beim Welt­fa­mi­li­en­tref­fen in Dub­lin. Dabei war der dama­li­ge Ober­hir­te von Pitts­burgh im Ver­tu­schen höchst ver­siert. Bei der Beer­di­gung von Zir­was fand er war­me Wor­te für den gefal­le­nen Geist­li­chen: Zir­was sei ein guter Mensch gewe­sen, der die Bot­schaft der Erlö­sung durch den Glau­ben an Jesus Chri­stus gepre­digt habe. In der Zeit, als Kar­di­nal Ratz­in­ger als Chef der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on schon Hun­der­te von Prie­stern lai­siert hat­te, ver­kün­de­te Wuerl: „Wer ein­mal als Prie­ster geweiht wird, bleibt für immer ein Prie­ster.“ Offi­zi­ell ließ der Erz­bi­schof ver­lau­ten, Zir­was habe sich in Havan­na als Seel­sor­ger für die Ärm­sten der Armen betä­tigt.

Der spä­te­re Kar­di­nal Donald Wuerl hat sich bis zur Ver­öf­fent­li­chung des Penn­syl­va­nia-Reports stets als radi­ka­ler Auf­klä­rer gegen Kin­des­miss­brauch auf­ge­spielt – wie auch sein För­de­rer Kar­di­nal McCarrick. Das gehör­te wohl zu der Ver­tu­schungs­stra­te­gie des Homo-Netz­wer­kes in der US-ame­ri­ka­ni­schen Kir­che: im Wis­sen um die pädo­kri­mi­nel­len Ver­bre­chen die Miss­brauchskle­ri­ker als gute und beson­ders gläu­bi­ge Prie­ster hin­zu­stel­len und das exzes­si­ve Aus­le­ben der homo­se­xu­el­len Nei­gun­gen des Geist­li­chen mit dem befrei­ungs­theo­lo­gi­schen Armuts­jar­gon zu kaschie­ren.

Alle drei vor­ge­stell­ten Miss­brauchskle­ri­ker prä­sen­tier­ten sich als moder­ne, libe­ra­le, kom­mu­ni­ka­ti­ve, sozi­al enga­gier­te, also als post-kle­ri­ka­le Geist­li­che. Sie stell­ten sich gewis­ser­ma­ßen als Gegen­mo­dell zu den geschol­te­nen kle­ri­kal-kon­ser­va­ti­ven Prie­stern hin. Das offe­ne Frei­zeit­hemd statt römi­schem Kle­ri­ker­kra­gen ist das Mar­ken­zei­chen der moder­nen kirch­li­chen Street­wor­ker, die auch Papst Fran­zis­kus in sei­nen Reden pro­pa­giert, wobei er ein­zel­ne pro­mi­nen­te Modell­prie­ster als Vor­bil­der hin­stellt:

Ein vorbildlicher Priesterpädagoge, der seine geliebten Kinder mit in sein Bett nimmt?

Der ita­lie­ni­sche Prie­ster Don Loren­zo Mila­ni, von groß­bür­ger­li­cher tos­ka­ni­scher Her­kunft, ent­wickel­te ab 1954 in dem Berg­dorf Bar­bia­na eine libe­ra­le Reform­schu­le. Die Anstalt war eine Art lin­ke Labor­schu­le für Unter­schicht­kin­der. Mila­nis päd­ago­gi­sches Kon­zept bestand in dem Traum von einem abso­lut gleich­ge­stell­ten Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis: der Leh­rer als Freund und Lern­be­glei­ter, der aus­schließ­lich die Eigen­wil­lig­keit und Selbst­ver­wirk­li­chung der Schü­ler för­dern soll. Damit hat­te er schon eini­ge Jah­re vor den 68ern den lin­ken Anti­au­to­ri­ta­ris­mus erfun­den sowie den ent­spre­chen­den reform­päd­ago­gi­schen Ansatz.

Nach dem frü­hen Tod von Don Mila­ni 1967 ent­wickel­te sein „Schü­ler“ Rudol­fo Fie­s­o­li die Reform­schu­le „klei­ne Festung“, die ita­lie­ni­sche Vari­an­te der Oden­wald­schu­le. Unter dem Applaus der links­li­be­ra­len Eli­te wur­de hier 40 Jah­re lang das alter­na­ti­ve Erzie­hungs­mo­dell von Don Mila­ni umge­setzt, nur noch „bes­ser und grö­ßer“. Die dort pro­pa­gier­te und prak­ti­zier­te sexu­el­le Befrei­ung dien­te als Rah­men­be­din­gung, unter der Fie­s­o­li und sei­ne Kol­le­gen jahr­zehn­te­lang ihre Schü­ler miss­brauch­ten und ver­ge­wal­tig­ten. Der Schul­lei­ter wur­de dafür 2015 zu 17 Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Die Saat für die­se Miss­brauchs­päd­ago­gik hat­te der Prie­ster Don Mila­ni gelegt. Bereits zu Leb­zei­ten wur­de der Prie­ster­päd­ago­ge homo­pä­do­phi­ler Prak­ti­ken beschul­digt. In sei­nen Brie­fen fan­den sich sol­che Bekennt­nis­se wie: Sei­ne See­le sei weni­ger durch zu wenig Lie­be in Gefahr als dadurch, dass „ich zuviel lie­be (das heißt, sie mir auch mit ins Bett neh­me)“. Oder: „Wer könn­te die Kin­der bis auf den Kno­chen lie­ben, ohne damit zu enden, ihn ihnen auch in den Arsch zu stecken, wenn nicht ein Leh­rer, der mit ihnen auch Gott liebt und die Höl­le fürch­tet.“ Mit unflä­ti­ger Spra­che beschimpf­te er alles Kirch­li­che und Christ­de­mo­kra­ti­sche damals als „Schei­ße“.

Anläss­lich der Mai­län­der Buch­mes­se im Mai 2017 lob­te Papst Fran­zis­kus die neu her­aus­ge­ge­be­nen Schrif­ten Don Mila­nis über­schwäng­lich. Im fol­gen­den Monat besuch­te er des­sen Grab und Gedächt­nis­stät­te in Bar­bia­na. Er stell­te ihn dabei als vor­bild­li­chen Prie­ster auf den Sockel.

Päpstliche Barmherzigkeit für den progressiven Missbrauchskleriker Don Mercedes

Der ange­se­he­ne ita­lie­ni­sche Prie­ster Don Mau­ro Inzo­li hat­te in den 90er Jah­ren als Füh­rungs­mit­glied von Com­mu­nio e libe­ra­zio­ne eine lan­des­wei­te „Tafel“-Organisation mit­ge­grün­det, die Lebens­mit­tel von Fir­men ein­sam­melt, um sie an Bedürf­ti­ge zu ver­tei­len. Gleich­zei­tig zu sei­nem sozia­len Enga­ge­ment erlaub­te sich der cha­ris­ma­ti­sche Pfar­rer und Rek­tor eines Gym­na­si­ums einen auf­wen­di­gen Lebens­stil, der ihm den Spitz­na­men „Don Mer­ce­des“ ein­brach­te.

Seit den 90er Jah­ren miss­brauch­te der Leh­rer und Geist­li­che Dut­zen­de von puber­tie­ren­den Jun­gen im Alter von 12 bis 16 Jah­ren. Noch unter Papst Bene­dikt wur­de der Kle­ri­ker mit der kirch­li­chen Höchst­stra­fe Ent­las­sung aus dem Prie­ster­stand sank­tio­niert. Den Ein­spruch des Pfar­rers lehn­te die zustän­di­ge Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ab, aber Papst Fran­zis­kus hob 2014 die Lai­sie­rung nach Für­spra­che von kar­di­na­len Freun­den des ephe­bo­phi­len Prie­sters auf. Bei der Ver­kün­di­gung der Straf­auf­he­bung berief sich der zustän­di­ge Bischof aus­drück­lich auf die Barm­her­zig­keits­phi­lo­so­phie von Ber­go­glio: Kei­ne Sün­de sei so schreck­lich, dass man ihr nicht mit Barm­her­zig­keit begeg­nen kön­ne. 2016 ver­ur­teil­te die ita­lie­ni­sche Justiz Don Mer­ce­des wegen 20-fachen Miss­brauchs (nahe­zu wei­te­re 80 Beschul­di­gun­gen waren ver­jährt) zu knapp fünf Jah­ren Haft für eben die Fäl­le, für die er vor­her schon kirch­lich bestraft wor­den war. Papst Fran­zis­kus war für sei­ne Barm­her­zig­keit gegen­über dem Kin­der­schän­der bla­miert und muss­te sei­ne Straf­auf­he­bung wie­der rück­gän­gig machen. Dabei ver­tusch­te er sei­ne Inkon­se­quenz mit der Falsch-Behaup­tung, Don Mau­ro wäre rück­fäl­lig gewor­den.

Noch als Erz­bi­schof von Bue­nos Aires hat­te sich Jor­ge Mario Ber­go­glio mit viel Geld und Ener­gie für eine 2000-sei­ti­ge (!) Recht­fer­ti­gungs­schrift zu dem ver­ur­teil­ten Seri­en­tä­ter Cesar Gras­si ein­ge­setzt. Dar­in wur­den die bedräng­ten Opfer und Zeu­gen beschimpft, wäh­rend Ber­go­glio eine Gesprächs­bit­te der Miss­brauchs­op­fer igno­rier­te. Gras­si war ein tele­ge­ner „Stra­ßen­prie­ster“, der ein Kon­glo­me­rat von Hei­men und Für­sor­gean­stal­ten für ver­wai­ste und ver­wahr­lo­ste Kin­der auf­ge­baut hat­te. Eini­ge der anver­trau­ten Jun­gen miss­brauch­te er.

In den drei beschrie­be­nen Fäl­len scheint ein Hand­lungs­mu­ster von Papst Fran­zis­kus auf: Wenn die Miss­brauchsprie­ster libe­ral-pro­gres­siv und sozi­al enga­giert sind, dann ver­sucht er deren sexu­el­le Über­grif­fe zu rela­ti­vie­ren oder als mar­gi­nal zu igno­rie­ren. Dage­gen schürt er mit sei­ner Kle­ri­ka­lis­mus­an­kla­ge den Gene­ral­ver­dacht der Miss­brauchs­be­gün­sti­gung gegen geweih­te Geist­li­che, die ihr Prie­ster­tum mit Sakra­men­ten- und Heils­seel­sor­ge ernst neh­men. Ähn­lich machen es die DBK-Bischö­fe unter dem Miss­brauch der Miss­brauchs­stu­die: Mit dem Kampf­be­griff „Kle­ri­ka­lis­mus“ soll die ver­brei­te­te Miss­brauchs­pra­xis post-kle­ri­ka­li­sti­scher Prie­ster ver­tuscht wer­den.


  1. MHG-For­schungs­be­richt: Sexu­el­ler Miss­brauch an Min­der­jäh­ri­gen durch katho­li­sche Prie­ster, Dia­ko­ne und männ­li­che Ordens­an­ge­hö­ri­ge im Bereich der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz vom 24. 9. 2018, Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz, S. 283
  2. Man­fred Lütz: „Lei­der total miss­lun­gen!“ in: kath.net vom 25. 9. 2018
  3. MHG-Stu­die, 5. Teil­pro­jekt, S. 236
  4. Eben­da, Zusam­men­fas­sung, S. 12
  5. Eben­da, 2. Teil­pro­jekt, S. 85
  6. Eben­da S. 71
  7. Lim­bur­ger Pro­jekt­do­ku­men­ta­ti­on: Betrof­fe­ne hören – Miss­brauch ver­hin­dern. Kon­se­quen­zen aus der MHG-Stu­die vom 13. 6. 2020, S. 300
  8. Dani­el Deckers: Schuld und Süh­ne, FAZ vom 15. 9. 2018
  9. Rai­ner Bur­ger: Ver­gan­gen­heit, die nicht ver­geht, FAZ vom 25. 4. 2019
  10. Mat­thi­as Rüb: Erken­nungs­merk­mal Kru­zi­fix an Gold­ket­te, FAZ vom 20. 8. 2018

3 Kommentare

  1. Ich möch­te kei­ne Kir­che bestimmt von Lei­en und Frau­en, zu den Hygie­ne­mes­sen gehe ich nicht. Die Sakri­le­gi­en darf man nicht mit­ma­chen.

  2. „Die MHG-Stu­die behaup­tet die­sen Zusam­men­hang als „kle­ri­ka­li­sti­sche“ Macht­aus­übung.“
    Die deut­sche Kir­chen­steu­er ist eine vom Staat unter­stütz­te „kle­ri­ka­li­sti­sche“ Macht­aus­übung.
    Ich erwar­te von den drei Foren des Syn­oda­len Weges das sie die­se „kle­ri­ka­le“ Macht­aus­übung sofort been­den.
    Euch groß­ar­ti­gen Syn­oda­len möch­te ich ver­si­chern wenn ihr das in Griff bekommt wer­den die deut­schen Bischö­fe sofort for­dern euch selig zu spre­chen und euer ewi­ges Heil kann selbst der Herr nicht mehr auf­hal­ten.
    Per Mari­am ad Chri­stum,

Kommentare sind deaktiviert.