Kardinal Ezzati emeritiert: Ist Franziskus der „Retter“ der Kirche in Chile?

Vom Problem des Problems

Papst Franziskus und die Krise der Kirche in Chile, an der er nicht unschuldig ist.
Papst Franziskus und die Krise der Kirche in Chile, an der er nicht unschuldig ist.

(Rom/Santiago de Chi­le) Am 23. März wur­de Ricar­do Kar­di­nal Ezza­ti, der Erz­bi­schof von Sant­ia­go de Chi­le und Pri­mas des Lan­des, von Papst Fran­zis­kus eme­ri­tiert. Mit dem Epi­log zu den vor­an­ge­gan­gen Eme­ri­tie­run­gen der ver­gan­ge­nen Mona­te dürf­te der Pro­blem­fall Chi­le für die Kir­che noch nicht abge­schlos­sen sein. Was wur­de gelöst, was nicht?

Das Pro­blem des Pro­blems hat auch damit zu tun, daß die Rol­le, die Fran­zis­kus selbst in der Sache spiel­te, nicht the­ma­ti­siert und auf­ge­ar­bei­tet ist.

Die Kri­se der Kir­che in Chi­le begann mit dem Fall Kara­di­ma, einem der bekann­te­sten Prie­ster des Lan­des, der sich die Ener­gie für sei­ne Öffent­lich­keits­wirk­sam­keit offen­bar als homo­se­xu­el­ler Trieb­tä­ter „erkauf­te“, indem er Min­der­jäh­ri­ge Zög­lin­ge, die sich ihm anver­trau­ten, sexu­ell miß­brauch­te. Inzwi­schen wur­de er von der Kir­che lai­siert. Das Pro­blem war damit nicht aus­ge­stan­den. Meh­re­re sei­ner Zög­lin­ge waren Bischö­fe gewor­den, dar­un­ter auch Juan Bar­ros Madrid.

Papst Fran­zis­kus war es, der Bar­ros, trotz War­nun­gen, die ihn damals bereits erreicht hat­ten, zum Diö­ze­san­bi­schof mach­te. Fran­zis­kus war es, der Fran­cis­co Javier Kar­di­nal Erra­zu­riz, mit dem er seit lan­gem befreun­det ist, als Ver­tre­ter Süd­ame­ri­kas in den C9-Kar­di­nal­s­rat berief. Die Ernen­nung signa­li­sier­te im April 2013, daß der Vor­gän­ger von Kar­di­nal Ezza­ti als Erz­bi­schof von Sant­ia­go de Chi­le dem neu­en Papst viel näher stand. Ein Fak­tor, der sich durch die gan­ze Affä­re hin­durch­zie­hen soll­te.

Ein spa­ni­scher Jesu­it und Erra­zu­riz waren es, die Fran­zis­kus Ende 2014 Juan Bar­ros als Diö­ze­san­bi­schof emp­fah­len. Dage­gen hat­te Kar­di­nal Ezza­ti, der 2010 von Bene­dikt XVI. ernannt wor­den war, wenig Chan­ce, zumal ihm ein wirk­lich kämp­fe­ri­scher Geist fehlt. Über­haupt zähl­te sei­ne Bestel­lung 2010 ohne­hin nicht zu den glück­lich­sten und ging vor allem auf das Kon­to des dama­li­gen Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs Tar­ci­sio Ber­to­ne, der – von Sale­sia­ner zu Sale­sia­ner – in Ezza­ti einen Ordens­mit­bru­der för­der­te.

Selbst wenn die­ser sich mit mehr Nach­druck auf­ge­bäumt hät­te, wäre wohl kaum etwas anders gewor­den, da nicht ein­mal Ein­ga­ben von Opfern bei Papst Fran­zis­kus einen Ein­druck mach­ten – zumin­dest drei Jah­re lang. Das soll­te sich erst im Früh­jahr 2018 ändern, als sogar die New York Times über den Fall Bar­ros und die kal­te Schul­ter des Pap­stes gegen­über den Miß­brauchs­op­fern berich­te­te.

Das Blatt wen­de­te sich, und der Hei­li­ge Stuhl setz­te zahl­rei­che Initia­ti­ven zur Auf­ar­bei­tung des Pro­blems. Haf­ten­blieb der Bei­geschmack, Rom reagie­re nicht, wenn die Fak­ten auf dem Tisch lie­gen, das war schon zum Jah­res­be­ginn 2015 der Fall, son­dern erst, wenn die wirk­lich ein­fluß­rei­chen inter­na­tio­na­len Medi­en berich­ten. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ent­stand mehr­fach der Ein­druck, Fran­zis­kus reagie­re auf den Zuruf der New York Times (sie­he Papst Fran­zis­kus und die New York Times).

Um den jah­re­lang anhal­ten­den und uner­träg­li­chen Still­stand im Fall Bar­ros auf­zu­bre­chen, da sich Fran­zis­kus wei­ger­te, die­sen Bischof abzu­set­zen, boten alle chi­le­ni­schen Bischö­fe en bloc im Früh­ling 2018 ihren Rück­tritt an. Nun begann Fran­zis­kus Bar­ros, dann auch die ande­ren Kara­di­ma-Zög­lin­ge unter den Bischö­fen zu eme­ri­tie­ren. Zugleich stand aber auch fest, daß Kar­di­nal Ezza­ti nicht mehr lan­ge Erz­bi­schof von Sant­ia­go de Chi­le blei­ben wer­de. Trotz sei­ner zurück­hal­ten­den Art hat­te er sich im April des Vor­jah­res mit einer deut­lich ver­nehm­ba­rer War­nung an Fran­zis­kus weit aus dem Fen­ster gelehnt.

Das römische Paradox in Chile

Para­do­xer­wei­se ent­steht nun der Ein­druck als sei Fran­zis­kus der Ret­te der heil­los ver­fah­re­nen Kir­che in Chi­le. Dabei spiel­te er eine ent­schei­den­de Rol­le, daß sie in die Kri­se stürz­te und sich nicht schon frü­her vom Kara­di­ma-Skan­dal rei­ni­gen konn­te.

Der Pro­blem­fall Chi­le läßt sich ohne die Rol­le von Fran­zis­kus nicht erklä­ren. Mit sei­ner neu­en Rol­le des Ret­ters besteht die rea­le Gefahr, daß das Pro­blem noch län­ger ver­schleppt wird. Dafür spricht auch die Ernen­nung von Msgr. Cele­sti­no Aos Bra­co zum Apo­sto­li­schen Admi­ni­stra­tor des Erz­bis­tums Sant­ia­go de Chi­le.

Der spa­ni­sche Kapu­zi­ner wird in weni­gen Tagen 74. Er ist ein wei­te­rer von jenen Ver­trau­ens­män­nern des Pap­stes in Chi­le, die in der gan­zen Sache gro­ßen Scha­den ange­rich­tet haben. Fran­zis­kus ernann­te ihn im Alter von 70 Jah­ren, weni­ge Mona­te vor Bar­ros, zum Bischof von Copi­apo im Nor­den Chi­les. Msgr. Aos Bra­co erleb­te also die gan­ze Kri­se als Bischof mit. Der Bischofs­stuhl von Cipia­po ist übri­gens seit Sams­tag vakant, jener von Osor­no, dem ehe­ma­li­gen Bis­tum von Juan Bar­ros, bereits seit Juni 2018.

Kri­ti­sche Wor­te zu den jüng­sten Ent­schei­dun­gen des Pap­stes fand der spa­ni­sche Kolum­nist Fran­cis­co Fer­nan­dez de la Cigo­ña, ein exzel­len­ter Ken­ner der Kir­che Latein­ame­ri­kas:

„Ich hal­lu­zi­nie­re. Nun wird sich auch noch her­aus­stel­len, daß Fran­zis­kus die Kir­che in Chi­le vor dem Tod ret­tet.“

Die Fak­ten wür­den aber eine ande­re Spra­che spre­chen:

„Um nichts zu sehen und nichts zu behe­ben, ernann­te Fran­zis­kus einen alten Kapu­zi­ner, der außer­stan­de ist, ohne ein Wun­der Got­tes, irgend etwas zu lösen, und der nur ein wei­te­res Opfer auf dem Altar der Unfä­hig­keit und der Ver­zö­ge­run­gen wird“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Info­Va­ti­ca­na