Paukenschlag: Alle chilenischen Bischöfe stellen Ämter zur Verfügung

Fall Barros
Fall Barros: 34 chilenische Bischöfe haben ihre Ämter dem Papst zur Verfügung gestellt. Was heißt das konkret?

(Rom) Der chi­le­ni­sche Epis­ko­pat hat Papst Fran­zis­kus geschlos­sen den Rück­tritt ange­bo­ten. Der histo­risch bei­spiel­lo­se Schritt ver­deut­licht, daß letzt­lich kei­ne wirk­li­che Eini­gung zwi­schen den Bischö­fen und Papst Fran­zis­kus erzielt wer­den konn­te.

Vom Fall Karadima zum Fall Barros zum Fall Franziskus

Aus­gangs­punkt des Kon­flikts war der Fall Fer­nan­do Kara­di­ma, ein bekann­ter chi­le­ni­scher Prie­ster, der des sexu­el­len Miß­brauchs über­führt wur­de. Straf­recht­lich wur­de zwar sei­ne Schuld fest­ge­stellt, eine Ver­ur­tei­lung war aber wegen Ver­jäh­rung nicht mehr mög­lich. Kir­chen­recht­lich wur­de Kara­di­ma hin­ge­gen ver­ur­teilt und muß heu­te, hoch­be­tagt, ein Leben der Buße und des Schwei­gens füh­ren.

Durch den Fall wur­de das Ver­trau­en der Chi­le­nen in die Kir­che schwer erschüt­tert. Das bekam auch Papst Fran­zis­kus zu spü­ren, der im ver­gan­ge­nen Janu­ar eigens Chi­le einen Apo­sto­li­schen Besuch abstat­te­te, um das ange­schla­ge­ne Ver­trau­en zu ver­bes­sern. Nur ver­hält­nis­mä­ßig weni­ge Chi­le­nen stan­den am Stra­ßen­rand und nah­men an den öffent­li­chen Ter­mi­nen des Kir­chen­ober­haup­tes teil.

Grund für die­se Erschüt­te­rung ist ein Fol­ge­fall zum Fall Kara­di­ma: zwei Bischö­fen, die Kara­di­ma-Zög­lin­ge waren, wird zur Last gelegt, in ihren dama­li­gen Ämtern Kara­di­ma gedeckt zu haben. Dazu gehört Bischof Juan Bar­ros Madrid, den Papst Fran­zis­kus Anfang 2015 zum Bischof von Osor­no ernann­te.

Kara­di­ma-Opfer hiel­ten hart­näckig an ihrer Kri­tik gegen Bischof Bar­ros fest, eben­so eine Grup­pe von Gläu­bi­gen im Bis­tum Osor­no. Papst Fran­zis­kus, das ist der Bogen, der sich über den gan­zen Fall spannt, hielt jedoch gegen alle Kri­tik an Bischof Bar­ros fest. Das brach­te er mehr­fach sehr deut­lich zum Aus­druck.

Papst versucht zu oktroyieren und provoziert unerwartet harte Gegenreaktion

Wäh­rend sei­nes Chi­le-Auf­ent­hal­tes lud Fran­zis­kus Msgr. Bar­ros ein, mit ihm öffent­lich zu kon­ze­le­brie­ren. Fran­zis­kus hoff­te offen­bar durch sol­che Gesten, die signa­li­sier­ten, daß der Papst hin­ter Bar­ros steht, die Sache zum Schwei­gen zu brin­gen. Zugleich bezich­tig­te er in einem Kurz­in­ter­view am Ran­de einer Papst-Mes­se die Bar­ros-Kri­ti­ker „Ver­leum­der“ zu sein.

Damit fühl­ten sich die Kara­di­ma-Opfer pro­vo­ziert und gaben in einer Pres­se­kon­fe­renz ihre Empö­rung kund.

 

Juan Barros als Konzelebrant der Papst-Messe
Juan Bar­ros als Kon­ze­le­brant der Papst-Mes­se

Obwohl die päpst­li­che Absicht, Ruhe in die Sache zu brin­gen, offen­sicht­lich miß­lun­gen war, stärk­te Fran­zis­kus auf dem Rück­flug nach Rom erneut Bar­ros den Rücken und erklär­te, dass er sofort reagie­ren wür­de, wenn ihm jemand Bele­ge für eine Schuld von Bischof Bar­ros vor­le­gen wür­de. Das aber sei bis­her nicht der Fall gewe­sen.

Die­se Aus­sa­ge ließ den Fall erst rich­tig explo­die­ren, und zwar auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Ein völ­lig unver­däch­ti­ger Kar­di­nal, Sean Patrick O’Malley, Erz­bi­schof von Bos­ton, Mit­glied des C9-Kar­di­nals­ra­tes für Nord­ame­ri­ka und Vor­sit­zen­der der Päpst­li­chen Kin­der­schutz­kom­mis­si­on, trat an die Öffent­lich­keit und übte hef­ti­ge Kri­tik. Damit war die Welt­pres­se end­gül­tig auf den Fall Bar­ros auf­merk­sam gewor­den. Seit­her setz­te es unge­wöhn­lich har­te Kri­tik an Papst Fran­zis­kus, der bis dahin von der welt­li­chen Pres­se sehr ver­wöhnt wor­den war.

Ein Spre­cher der Kara­di­ma-Opfer erbrach­te den Nach­weis, daß er Denk­schrif­ten mit den Vor­wür­fen gegen Bar­ros bereits 2014 an ver­schie­de­ne kirch­li­che Stel­len ver­schickt hat­te. Ein Adres­sat waren Mit­glie­der der Kin­der­schutz­kom­mis­si­on, die sofort ihren Vor­sit­zen­den, Kar­di­nal O’Malley infor­mier­ten. Die­ser sicher­te zu, die Unter­la­gen unmit­tel­bar dem Papst zukom­men zu las­sen und bestä­tig­te dies den Mit­glie­dern auch nach erfolg­ter Aus­hän­di­gung an den Papst. Damit stand fest, daß Fran­zis­kus bereits zum Zeit­punkt der Ernen­nung Bar­ros‘ über die Vor­wür­fe unter­rich­tet war und den­noch an ihm fest­hielt. Die­se Hin­ter­grün­de erklär­ten auch, war­um Kar­di­nal O’Malley so ener­gisch auf die päpst­li­che Behaup­tung reagier­te, nichts gewußt zu haben, und daß nie jemand ihm zum Fall etwas vor­ge­legt habe.

Damit war viel Por­zel­lan zer­schla­gen, sehr viel.

Die päpstlichen Gegenoffensive

Die Fol­ge war Ende Janu­ar, knapp zehn Tage nach der Rück­kehr des Pap­stes nach Rom, eine Kehrt­wen­de. Es begann eine Charme­of­fen­si­ve. Die har­te Linie der Dis­kus­si­ons­ver­wei­ge­rung wur­de auf­ge­ge­ben. Fran­zis­kus ernann­te mit Erz­bi­schof Charles Sci­clu­na einen Son­der­ge­sand­ten, der die Kara­di­ma-Opfer und die Bar­ros-Kri­ti­ker des Bis­tums Osor­no anhö­ren soll­te. Sci­clu­na tat, was Fran­zis­kus sich drei Jah­re lang zu tun gewei­gert hat­te.

Am 20. März legt Msgr. Sci­clu­na dem Papst sei­nen Abschluß­be­richt von mehr als 2.300 Sei­ten vor. Zugleich kam das Gerücht auf, Bar­ros habe über Sci­clu­na dem Papst sei­nen Rück­tritt ange­bo­ten. Zwei­mal hat­te er zuvor bereits sei­nen Rück­tritt ein­ge­reicht, der von Fran­zis­kus aber bei­de Male abge­lehnt wur­de. Bar­ros selbst demen­tier­te ein drit­tes Rück­tritts­an­ge­bot ener­gisch.

Die Reak­ti­on von Fran­zis­kus setz­te die Charme­of­fen­si­ve fort, mach­te aber auch deut­lich, daß er in der Sache wei­ter­hin nicht gewillt war, nach­zu­ge­ben. Er erklär­te „Schan­de und Schmerz“ zu emp­fin­den, doch zum Fall Bar­ros sag­te er kein Wort. Statt­des­sen erklär­te er, alle chi­le­ni­schen Bischö­fe nach Rom ein­la­den zu wol­len.

Es folg­te in der zwei­ten April-Hälf­te ein Rei­gen von Gesprä­chen, dar­un­ter mit Kar­di­nal O’Malley, dann mit der gan­zen Kin­der­schutz­kom­mis­si­on. Die Chi­le­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz ließ aus dem Mund ihres rang­höch­sten Mit­glie­des, von Kar­di­nal Ricar­do Ezza­ti, dem Erz­bi­schof von San­tia­go de Chi­le, zeit­gleich und unzwei­deu­tig dem Papst aus­rich­ten, daß man sich die Eme­ri­tie­rung von Bischof Bar­ros erwar­te.

„Ich bin kein Rich­ter, um zu ent­schei­den, ob er etwas gedeckt hat oder nicht. Zum Wohl der Kir­che aber soll­te er einen Schritt zur Sei­te machen“.

Weni­ge Tage spä­ter lud Fran­zis­kus die drei Spre­cher der Kara­di­ma-Opfer in den Vati­kan ein und ver­brach­te mit ihnen ein gan­zes Wochen­en­de. Er traf sich jeden Tag ein­zeln mit einem ande­ren Opfer, am letz­ten Tag dann mit allen gemein­sam. Auf die­se Wei­se signa­li­sier­te er, daß selbst ihm per­sön­lich ihr Schick­sal ein Anlie­gen ist.

Chiles Bischöfe im Vatikan

Vom 15.–17. Mai hiel­ten sich dann alle chi­le­ni­schen Bischö­fe im Vati­kan auf. Papst Fran­zis­kus über­reich­te ihnen am ersten Tag einen Text, über den sie medi­tie­ren soll­ten. Jeden Tag fan­den zudem Begeg­nun­gen mit dem Papst statt. Fran­zis­kus ver­ord­ne­te den Bischö­fen drei Tage der Abson­de­rung, die „aus­schließ­lich dem Gebet und der Medi­ta­ti­on“ gewid­met sein soll­ten.

Gestern ver­öf­fent­lich­te das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt ein kur­zes Schrei­ben an die chi­le­ni­schen Bischö­fe. Die­se unge­wöhn­li­che Form, da sich die Bischö­fe ja in Rom auf­hiel­ten und mit dem Papst zusam­men­wa­ren, galt also vor allem der Öffent­lich­keit.

Der Fall Bar­ros wird dar­in wie­der­um nicht erwähnt, aller­dings der Scha­den für die kirch­li­che Gemein­schaft und die Schwä­chung der kirch­li­chen Arbeit „in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in Chi­le“. Auch der „Miß­brauch Min­der­jäh­ri­ger“ fand Erwäh­nung. Wört­lich heißt es im Schrei­ben:

„Ich schät­ze die vol­le Ver­füg­bar­keit, daß jeder ein­zel­ne zum Aus­druck gebracht hat, allen Ver­än­de­run­gen und Lösun­gen zuzu­stim­men und an ihnen mit­zu­ar­bei­ten, die wir kurz‑, mit­tel- und lang­fri­stig tref­fen wer­den, und die not­wen­dig sind, um die Gerech­tig­keit und die kirch­li­che Gemein­schaft wie­der­her­zu­stel­len.“

Inzwi­schen wur­de eine „kurz­fri­sti­ge Ver­än­de­rung und Lösung“ bekannt: das Rück­tritts­an­ge­bot aller 34 in Rom anwe­sen­den, chi­le­ni­schen Bischö­fe.

„Mea culpa“ der chilenischen Bischöfe

Chi­les Bischö­fe ver­öf­fent­lich­ten heu­te eine Erklä­rung, die auf der Inter­net­sei­te der Bischofs­kon­fe­renz ver­öf­fent­licht wur­den. Die Erklä­rung ist ein gro­ßes Mea cul­pa.

Dar­in dan­ken sie Papst Fran­zis­kus für sei­ne „brü­der­li­che Zurecht­wei­sung“. Es sind alle Bischö­fe, die „beson­ders um Ver­ge­bung bit­ten, für den den Opfern, dem Papst, dem Volk Got­tes und dem Land zuge­füg­ten Schmerz wegen unse­rer schwe­ren Feh­ler und Unter­las­sun­gen“.

Die Bischö­fe dan­ken den Opfern „für ihre Aus­dau­er“, trotz der „per­sön­li­chen, geist­li­chen, sozia­len und fami­liä­ren Schwie­rig­kei­ten“.

Der Kern­satz lau­tet:

„Zwei­tens wol­len wir bekannt­ge­ben, daß alle in Rom anwe­sen­den Bischö­fe schrift­lich unse­re Ämter in die Hand des Hei­li­gen Vaters gelegt haben, damit er frei bezüg­lich jedes ein­zel­nen von uns ent­schei­de“.

Erklärung der chilenischen Bischöfe
Erklä­rung der chi­le­ni­schen Bischö­fe

In einer Ergän­zung durch Msgr. Fer­nan­do Ramos, Weih­bi­schof von San­tia­go de Chi­le und Gene­ral­se­kre­tär der Chi­le­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, wur­den wei­te­re Details bekannt­ge­ge­ben.

Bei der ersten Begeg­nung mit Papst Fran­zis­kus am 15. Mai in Rom las ihnen das Kir­chen­ober­haupt ein Doku­ment vor, das sei­ne „Schluß­fol­ge­run­gen und Über­le­gun­gen“ zum Aus­druck brach­te. Es han­del­te sich um schwe­re Vor­hal­tun­gen zu „abso­lut tadelns­wer­ten“ Din­gen wie „inak­zep­ta­blem Miß­brauch der Macht, des Gewis­sens und sexu­el­lem“ Miß­brauch. Dadurch habe die pro­phe­ti­sche Kraft der Kir­che gelit­ten.

Der Papst habe wäh­rend der Tage eine Rei­he von Vor­schlä­gen zur Über­win­dung der „gro­ßen Kri­se“ unter­brei­tet. Die anwe­sen­den Bischö­fe hät­ten sich schließ­lich ent­schlos­sen mit einer „kol­le­gia­len und soli­da­ri­schen Geste“, aus­nahms­los ihre Ämter zur Ver­fü­gung zu stel­len.

„Gestern haben wir schrift­lich unse­re Bereit­schaft erklärt, unse­re Ämter dem Papst zur Ver­fü­gung zu stel­len. So kann er in den kom­men­den Wochen ent­schei­den, ob er akzep­tiert oder ablehnt, wor­auf wir ihn auf­merk­sam gemacht haben.“

Obwohl von Rück­tritt die Rede ist, geht aus der Erklä­rung der Bischö­fe nicht her­vor, daß es sich for­mal tat­säch­lich um einen Rück­tritt han­delt, wie er im Kir­chen­recht vor­ge­se­hen ist. Die Ämter „in die Hän­de des Pap­stes legen“ hat kei­ne Über­ein­stim­mung mit dem Kir­chen­recht.

Unklar ist noch, wer sich durch­ge­setzt hat. Ist es Fran­zis­kus, der von allen Bischö­fen den Rück­tritt ver­lang­te, um dann ein­zeln von Bischof zu Bischof ent­schei­den zu kön­nen, ob er ihn im Amt bestä­tigt oder nicht. Oder han­delt es sich um ein extre­mes Druck­mit­tel der chi­le­ni­schen Bischö­fe, eine ulti­ma ratio, um von Papst Fran­zis­kus eine Ent­schei­dung im Fall Bar­ros zu erzwin­gen.

Letzt­lich ging es im gan­zen Kon­flikt pri­mär nur um den Rück­tritt des Bischofs von Osor­no. Papst Fran­zis­kus gab bis­her aber nicht das gering­ste Anzei­chen, Bar­ros eme­ri­tie­ren zu wol­len. Viel­mehr hat­te sich das Kir­chen­ober­haupt durch eine zwei­fel­haf­te Ver­tei­di­gung von Bar­ros schwer kom­pro­mit­tiert.

Ob also in der schwer­sten Kri­se der Kir­che in Chi­le Papst Fran­zis­kus oder die chi­le­ni­schen Bischö­fe nach­ge­ge­ben haben, wird sich in den näch­sten Tagen sicher klä­ren. Der­zeit sieht es aus, als sei­en es die Bischö­fe.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Chi­le­ni­sche Bischofskonferenz/Infocatolica/Vatican.va (Screen­shots)




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1 Kommentar

  1. Die vie­len unschul­di­gen Bischö­fe von Chi­le haben nun­mehr für ihr Land und für ihre Her­de ein gro­ßes Opfer gebracht. Ihr Leben liegt jetzt ganz in Got­tes Hän­den, man soll­te m.Er. für sie beten.

    Ich hof­fe auf irgend­ei­ne Reak­ti­on von Papst em. Bene­dikt XVI. zu die­sem uner­hör­ten Vor­gang, aber auch von den Kar­di­nä­len. Ent­we­der ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende für die gan­ze Kir­che.

    Aber ich sage auch für mich selbst, daß ich ein Sün­der bin, immer wie­der trotz Beich­te. Und das sind wohl die mei­sten Chri­sten, und das ist ein gro­ßes Pro­blem und läßt das Böse so frech und unge­schminkt tri­um­phie­ren.

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