WikiLeaks enthüllt Hintergründe zum Machtkampf im Malteserorden

Das Engagement von Papst Franziskus

WikiLeaks-Enthüllungen zum Machtkampf im Malteserorden von 2016/2017.
WikiLeaks-Enthüllungen zum Machtkampf im Malteserorden von 2016/2017.

(Rom) Wiki­Leaks ver­öf­fent­lich­te Doku­men­te, mit denen die Moti­ve ent­hüllt und Hin­ter­grün­de bestä­tigt wer­den, war­um Papst Fran­zis­kus den Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­den in einem dra­ma­ti­schen und völ­ker­recht­lich umstrit­te­nen Macht­kampf Anfang 2017 unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung stell­te.

Ver­öf­fent­licht wur­de unter ande­rem ein Pri­vat­brief von Papst Fran­zis­kus, der bestä­tigt, daß das Kir­chen­ober­haupt bereits sehr früh in die­sem Macht­kampf aktiv war und ihn wesent­lich anheiz­te.

Wiki­leaks schrieb am 30. Janu­ar:

„Die von Wiki­Leaks heu­te ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­te beleuch­ten einen Macht­kampf in den höch­sten Ämtern der katho­li­schen Kir­che. Unter den Doku­men­ten befin­det sich ein pri­va­ter Brief von Papst Fran­zis­kus. Die Exi­stenz die­ses Brie­fes, der an den päpst­li­chen Gesand­ten Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke gerich­tet war, war in den Medi­en Quel­le vie­ler Spe­ku­la­tio­nen. Er wird jetzt zum ersten Mal voll­stän­dig und mit der Unter­schrift des Pap­stes ver­öf­fent­licht.“

„Den Orden von Freimaurern säubern“

Die Exi­stenz des Brie­fes wur­de bereits damals bekannt, da gro­ßes Unver­ständ­nis herrsch­te. Kar­di­nal Bur­ke, der Kar­di­nal­pa­tron des Mal­te­ser­or­dens, hat­te Papst Fran­zis­kus Anfang Dezem­ber 2016 über Vor­komm­nis­se im Orden unter­rich­tet, die er für untrag­bar hielt. Das ist die Auf­ga­be des Kar­di­nal­pa­trons, der die Funk­ti­on des Gesand­ten des Pap­stes beim Orden inne­hat. Ein The­ma war die Kon­dom­ver­tei­lung durch das inter­na­tio­na­le Hilfs­werk des Ordens, als die­ses dem dama­li­gen Groß­kanz­ler des Ordens, dem deut­schen Frei­herrn Albrecht von Boe­sela­ger unter­stand. Die Ver­tei­lung erfolg­te in Zusam­men­ar­beit mit UNO-Agen­tu­ren, wider­sprach aber ekla­tant der katho­li­schen Moral­leh­re. Das war aber nicht die ein­zi­ge Sor­ge, die der Kar­di­nal dem Papst in der Audi­enz vor­brach­te. Es ging auch um den Ein­fluß gehei­mer Orga­ni­sa­tio­nen, womit im Kon­text nur die Frei­mau­rer gemeint sein konn­ten.

Die Fol­ge war der Brief des Pap­stes an Kar­di­nal Bur­ke, mit dem er ihm Hand­lungs­an­wei­sun­gen erteil­te, wie gegen die Miß­stän­de vor­zu­ge­hen und der Orden von Frei­mau­rern zu säu­bern sei. So wur­de es von Kar­di­nal Bur­ke und vom dama­li­gen Groß­mei­ster des Ordens, Fra Mat­thew Festing, ver­stan­den. Kar­di­nal Bur­ke sag­te spä­ter in einem Inter­view: „Es gesche­hen sehr selt­sa­me Din­ge“ rund um den Mal­te­ser­or­den.

Aus­ge­stat­tet mit dem päpst­li­chen Auf­trag stell­te der Groß­mei­ster den Groß­kanz­ler kurz dar­auf zur Rede. Es kam zum Kon­flikt. Die Recht­fer­ti­gun­gen des Groß­kanz­lers über­zeug­ten den Groß­mei­ster nicht, wes­halb er sei­nen Rück­tritt for­der­te. Da sich Boe­sela­ger wei­ger­te, setz­te ihn der Groß­mei­ster ab. Zeu­ge des Kon­flik­tes war Kar­di­nal Bur­ke als päpst­li­cher Gesand­ter.

Der Groß­mei­ster und der Kar­di­nal­pa­tron waren auf­grund des Brie­fes von Papst Fran­zis­kus über­zeugt, im Auf­trag und im Sin­ne des Pap­stes gehan­delt zu haben – im Sin­ne der katho­li­schen Moral­leh­re ohne­hin. Dann geschah aller­dings das Uner­war­te­te, das bei­de vor den Kopf stieß, den Groß­mei­ster schließ­lich sein Amt koste­te und dem Kar­di­nal­pa­tron die Ent­mach­tung brach­te.

Die Macht des Staatssekretariats

Der abge­setz­te Groß­kanz­ler, Frei­herr von Boe­sela­ger, mobi­li­sier­te sei­ne Kon­tak­te zum vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at. Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin schal­te­te sich per­sön­lich in die Sache ein und sprang Boe­sela­ger zur Sei­te.

War das Staats­se­kre­ta­ri­at, eine poli­ti­sche Behör­de, bereits unter Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. sehr mäch­tig, konn­te es unter Papst Fran­zis­kus eine bis­her bei­spiel­lo­se Macht­fül­le an sich zie­hen. Der von Fran­zis­kus ein­ge­setz­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin will nicht nur kei­nen Mil­li­me­ter von sei­nen Zustän­dig­kei­ten abtre­ten. Durch die Rücken­deckung des Pap­stes konn­te er den Ein­fluß sei­ner Behör­de, also sei­nen eige­nen, noch aus­bau­en.

Um wel­che Macht­fül­le es dabei geht, zeig­te der Macht­kampf im Mal­te­ser­or­den. Obwohl Fran­zis­kus Kar­di­nal Bur­ke und damit Groß­mei­ster Festing den Auf­trag zum Han­deln erteilt hat­te, ließ er sie nach der Inter­ven­ti­on des Staats­se­kre­ta­ri­ats zugun­sten von Boe­sela­ger fal­len. Kaum hat­te Paro­lin sein Gewicht für den abge­setz­ten Groß­kanz­ler in die Waag­scha­le gewor­fen, wech­sel­te Fran­zis­kus in Win­des­ei­le die Sei­ten.

Paro­lin ließ Groß­mei­ster Festing kurz vor Weih­nach­ten 2016 wis­sen, da der Brief von Papst Fran­zis­kus nicht bestrit­ten wer­den konn­te, daß der Papst aber doch kein so dra­sti­sches Han­deln gemeint hät­te. Man hät­te reden sol­len, aber doch nie­mand ent­las­sen. Im Klar­text, die Bezie­hun­gen Boe­sela­gers zum Staats­se­kre­ta­ri­at zähl­ten mehr als die untrag­ba­ren Vor­komm­nis­se die Boe­sela­ger zu ver­ant­wor­ten hat­te.

Der Sturz des Großmeisters

Der irri­tier­te und dar­über empör­te Groß­mei­ster bat Papst Fran­zis­kus um Audi­enz. Die­ser ver­wei­ger­te sich aber: Der Papst sei beschäf­tigt, hieß es immer wie­der. Wäh­rend die Dampf­wal­ze des Staats­se­kre­ta­ri­ats den Putsch im Mal­te­ser­or­den vor­be­rei­te­te, stand der Groß­mei­ster in San­ta Mar­ta vor ver­schlos­se­nen Türen. Die Tat­sa­che, daß er als Fürst des Mal­te­ser­or­dens, selbst ein Völ­ker­rechts­sub­jekt, einem sou­ve­rä­nen Staat vor­steht, nütz­te nichts. Papst Fran­zis­kus behan­del­te ihn wie irgend­ei­nen von 1,3 Mil­li­ar­den Katho­li­ken.

Die Zeit, die der Groß­mei­ster auf die­se Wei­se hin­ge­hal­ten wur­de, ohne die Sache klä­ren zu kön­nen, brauch­te das Staats­se­kre­ta­ri­at offen­sicht­lich, um im Hin­ter­grund die nöti­gen Vor­be­rei­tun­gen zu tref­fen. Wozu? Zum Sturz des Groß­mei­sters, der es gewagt hat­te den Groß­kanz­ler abzu­set­zen und damit — was weit schwe­rer wog — Macht­po­si­tio­nen durch­ein­an­der zu brin­gen, von denen er zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ein­mal genaue Kennt­nis hat­te. Dabei ging es auch um viel Geld.

Ende Janu­ar 2017 ließ Fran­zis­kus den Groß­mei­ster schließ­lich zu sich kom­men. Aller­dings nicht, um ihn anzu­hö­ren, geschwei­ge denn sich hin­ter ihn zu stel­len. Fran­zis­kus woll­te von sei­nem Brief, der alles aus­ge­löst hat­te, nichts mehr wis­sen. Statt­des­sen folg­te er nun der Linie des Staats­se­kre­ta­ri­ats und stell­te sich hin­ter Boe­sela­ger. Der Groß­mei­ster habe den deut­schen Frei­her­ren wie­der als Groß­kanz­ler ein­zu­set­zen. Die untrag­ba­ren Vor­komm­nis­se im Orden sei­en unter den Tisch zu keh­ren und alle wür­den „Freun­de“ blei­ben. Als der empör­te Groß­mei­ster sich wei­ger­te, setz­te ihn Papst Fran­zis­kus kur­zer­hand ab. Punkt.

Das Staats­se­kre­ta­ri­at for­mu­lier­te im Namen des Pap­stes die Wen­dung noch deut­li­cher: Alle Beschlüs­se und Ent­schei­dun­gen im Orden seit der Abset­zung Boe­sela­gers, gut andert­halb Mona­te vor­her, wur­den für null und nich­tig erklärt und Boe­sela­ger wie­der als Groß­kanz­ler ein­ge­setzt. Der Hei­li­ge Stuhl, ein sou­ve­rä­ner Staat, misch­te sich in die inner­sten Ange­le­gen­hei­ten der Regie­rung eines ande­ren sou­ve­rä­nen Staa­tes ein.

Die Neuverteilung

Der 79. Groß­mei­ster des Mal­te­ser­or­dens war schänd­lich aus dem Amt gejagt und der Orden unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt. Päpst­li­cher Kom­mis­sar wur­de Kuri­en­erz­bi­schof Ange­lo Becciu, damals Sub­sti­tut des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs. Damit war auch Kar­di­nal Bur­ke als Patron des Ordens fak­tisch ent­mach­tet. Der Papst sand­te neben sei­nem offi­zi­el­len Gesand­ten einen Son­der­ge­sand­ten, eben Becciu, der alle Voll­mach­ten erhielt.

Boe­sela­ger klag­te sogar gegen Medi­en, aller­dings nicht gegen welt­li­che Medi­en, son­dern nur gegen unab­hän­gi­ge, katho­li­sche Medi­en, die eine Ver­ant­wort­lich­kei­ten beim Namen nann­ten, unter­lag aber vor dem Gericht in Ham­burg —  vie­le Mona­te spä­ter. Inner­kirch­lich änder­te das nichts mehr.

Rück­blickend betrach­tet läßt es sich nicht bewei­sen, ein Ein­druck steht aber im Raum, beson­ders wenn man Hen­ry Sire und sei­nen Ana­ly­sen im Buch Der Dik­ta­tor­papst folgt: Der Ver­dacht ist, daß Papst Fran­zis­kus mög­li­cher­wei­se bewußt zwei Sei­ten gegen­ein­an­der aus­spiel­te, um einen Macht­kampf zu ent­fa­chen, zuzu­spit­zen und dann ent­schei­den zu kön­nen. Daß sich dabei auch unter­schied­li­che Posi­tio­nen bezüg­lich der Moral­leh­re gegen­über­stan­den, und sich Fran­zis­kus auf die Sei­te der Lais­sez fai­re-Ver­tre­ter schlug, ist im Gesamt­kon­text kein Zufall. Ech­te Kon­ser­va­ti­ve und Tra­di­tio­na­li­sten ris­kie­ren bei Fran­zis­kus leicht über die Klin­ge sprin­gen zu müs­sen.

Im Früh­jahr 2018 ließ Papst Fran­zis­kus einen neu­en Groß­mei­ster des Mal­te­ser­or­dens wäh­len. Der wirk­lich star­ke Mann im Orden ist seit dem Sturz von Groß­mei­ster Festing Groß­kanz­ler Boe­sela­ger. Fran­zis­kus kann sich heu­te auf den Orden ver­las­sen, da Boe­sela­ger ihm zu Dank ver­pflich­tet ist. Hen­ry Sire nennt sol­che Abhän­gig­kei­ten das bevor­zug­te Mit­tel von Papst Fran­zis­kus, „Loya­li­tä­ten“ zu schaf­fen und Per­so­nen an sich zu bin­den.

WikiLeaks und die Genfer Millionen

Wiki­Leaks, die Inter­net­sei­te von Juli­an Assan­ge, leg­te nun das Pri­vat­schrei­ben von Papst Fran­zis­kus erst­mals voll­in­halt­lich vor. Bis­her wuß­te man von des­sen Exi­stenz und auch eini­ger­ma­ßen sei­nen Inhalt. Das Ori­gi­nal war aber nicht publi­ziert wor­den.

Wiki­Leaks ver­öf­fent­lich­te noch mehr, auch Doku­men­te zu undurch­sich­ti­gen Geld­flüs­sen im zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag. Geld ist Macht, das zeig­te sich bereits beim unsäg­li­chen Grün­der des Ordens der Legio­nä­re Chri­sti, Mar­cial Maciel Degollado, und beim nicht min­der unsäg­li­chen Kar­di­nal Theo­do­re McCarrick. Bei­de sicher­ten sich durch üppi­ge Geld­zah­lun­gen an ein­fluß­rei­che Per­so­nen im Vati­kan ab, und ver­hin­der­ten auf die­se Wei­se Ermitt­lun­gen oder sogar Sank­tio­nen. Laut Hen­ry Sire stell­te Maciel unter ande­rem dem dama­li­gen Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Ange­lo Soda­no stol­ze Sum­men zur Ver­fü­gung, der rund um das Kon­kla­ve von 2013 die Wahl von Kar­di­nal Ber­go­glio unter­stütz­te, wäh­rend McCarrick beson­de­re Wün­sche von Papst Fran­zis­kus in Mil­lio­nen­hö­he über die von ihm initi­ier­te Papst-Stif­tung in den USA erfüll­te. Sowohl Maciel wie auch McCarrick miß­brauch­ten u.a. (homo)sexuell eige­ne Semi­na­ri­sten bzw. Novi­zen.

Die voll­stän­di­ge Wiki­Leaks-Ver­öf­fent­li­chung hier.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­Leaks