Malteserorden: Ein Jahr nach dem Sturz des Großmeisters

Malteserorden
Malteserorden: Die Gelder des CPGV-Trust, die den ordensinternen Konflikt überschatteten, fließen wieder. Wer sind die Nutznießer? Wird der Orden im kommenden Mai, nach fünfzehn Monaten der Sedisvakanz, einen neuen Großmeister wählen?

(Rom) Das vergangene Jahr blieb es ruhig, doch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Schenkung in Millionenhöhe an den Malteserorden wieder an die Öffentlichkeit drängen würde. Der Anstoß dazu kam das letzte Mal von der Bild-Zeitung, dieses Mal kommt sie vom Vatikanisten Sandro Magister.

Vor einigen Wochen veröffentlichte der Souveräne Malteserorden eine Pressemitteilung, daß der Caritas Pro Vitae Gradu Charitable Trust (CPVG) wieder Auszahlungen vornimmt.

Der Konflikt im Malteserorden: Kondome, Geld und Logen

Zur Erinnerung: Zum Jahreswechsel 2016/2017 war der Malteserorden, ein souveränes Völkerrechtssubjekt, in heftige innere Turbulenzen geraten. Großmeister Fra Matthew Festing (Staatsoberhaupt) sprach von einem Vertrauensbruch des Großkanzlers Albrecht Freiherr von Boeselager (Regierungschef). Dabei ging es, soweit rekonstruierbar, um Aktionen, die nachweislich hinter dem Rücken des Großmeisters stattfanden. Das betraf Fragen der katholischen Morallehre und der Finanzen. In Krisengebieten verteilte das Hilfswerk des Ordens in Zusammenarbeit mit der UNO, aber im Widerspruch mit der katholischen Morallehre, Verhütungsmittel. Verantwortlich für das Hilfswerk war damals Boeselager.

Großkanzler Boeselager
Großkanzler Boeselager

Dann ging es noch um eine hohe Summe, die in der Schweiz deponiert war. Die Hintergründe dieser Schweizer Millionen waren ein weiterer Punkt, den Boeselager „vor dem Großmeister geheimgehalten hatte“, wie er Vatikanist Magister damals schrieb. Die ganze, ohnehin nicht ganz nachvollziehbare Geschichte dieses Geldes soll nicht als Ganzes, sondern nur soweit erzählt werden, wie sie für den Malteserorden von Bedeutung ist.
Die Genfer Treuhänderin „Ariane S.“ vertritt den in Neuseeland registrierten und mit 120 Millionen Schweizer Franken gefüllten Caritas Pro Vitae Gradu Charitable Trust (CPVG). Das Geld des Trusts stammt von einer in Liechtenstein angesiedelten Malta-Stiftung, die wiederum vom französischen Adeligen Jehan du Tour errichtet worden war, den die Bild-Zeitung im März 2017 fälschlich als „Herrn Latour“ bezeichnete.
Nutznießer des Trusts sollten verschiedene Organisationen und Personen sein. Ein Viertel war für den Malteserorden bestimmt.
Andere Nutznießer hatten sich an die Schweizer Staatsanwaltschaft gewandt, weil sie der Treuhänderin vorwarfen, sie zu hintergehen. Der Malteserorden unter Großmeister Festing schloß sich dem Verfahren an. Die Staatsanwaltschaft blockierte den gesamten Fonds.
Seiter übten bestimmte Personen, die Rede ist vom Zeitraum 2013–2016, ordensintern Druck auf Großmeister Festing aus, einer Einigung mit dem CPVG-Trust zuzustimmen. Festing verweigerte sich. Als ihm bewußt wurde, daß es mehr als nur um Ratschläge ging und ihm der Verdacht persönlicher Interessen kam, setzte er eine Untersuchungskommission ein, die das ihm Undurchsichtige erhellen sollte.
Konkret ging es um die Rolle jener Personen, die ihn unter Druck zu setzen versuchten. Das waren Boeselager und drei weitere führende Ordensmitglieder: Erzbischof Silvano Tomasi, vormals Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Marc Odendall, ein deutsch-französischer Finanzinvestor, und Marwan Sehnaoui, ein libanesischer Banker (Société Générale de Banque) sowie Vorsitzender des Malteserordens im Libanon. Odendall hatte 2012 mit der Treuhänderin eine Transaktion vereinbart für einen Geldfluß, der auf eine von Erzbischof Tomasi geleitete Stiftung erfolgen sollte, deren Schatzmeister Odendall war, obwohl diese nichts mit dem Malteserorden zu tun hatte.
Diese ganze Geldsache war allerdings Ende 2016, als der Streit im Malteserorden entbrannte, nicht öffentlich bekannt. In den Medien war stets nur von „Kondomen“ die Rede.

An noch einen Faktor ist zu erinnern: Papst Franziskus erteilte am 1. Dezember 2016 dem Kardinalpatron des Ordens, Raymond Kardinal Burke, nachdem dieser dem Kirchenoberhaupt im November Bericht erstattet hatte, den schriftlichen Auftrag, den Orden von Freimaurern zu säubern. Wörtlich schrieb Franziskus:

„Sollte sich das herausstellen, sind die Ritter, die eventuell Mitglieder solcher Organisationen, Bewegungen und Vereinigungen sind, aufzufordern, ihrer Zugehörigkeit zurückzunehmen, weil diese mit dem katholischen Glauben und der Ordenszugehörigkeit unvereinbar ist.“

Damit soll keine Logenmitgliedschaft von Großkanzler Boeselager angedeutet werden. Dafür gibt es keine Hinweise.

Die Absetzung Boeselagers

Die Konsequenz aus den drei genannten Elementen war jedenfalls eine dramatische Konfrontation des Großmeisters, der seinen Großkanzler am 6. Dezember 2016 zur Rede stellte. Als die Antworten nicht überzeugend ausfielen, verlangte Fra Festing den Rücktritt des Großkanzlers, da die Vertrauensgrundlage abhandengekommen war. Da sich Boeselager weigerte, setzte der Großmeister ihn ab. Am nächsten Tag eilten zwei „hohe Amtsträger“ des Ordens zum Großmeister und wollten von ihm die Vollmacht, die Transaktion mit der CPVG abzuschließen. Festing, offenbar fest überzeugt, daß da eine Seilschaft am Werk war, lehnte erneut ab.

Erzbischof Tomasi
Erzbischof Tomasi

Eine ordensinterne Ethikkommission verurteilte die nachgewiesene Verteilung von Kondomen durch das Malteser-Hilfswerk in Kenia, im Südsudan und in Myanmar. Boeselager wird als Letztverantwortlicher benannt. Die Verurteilung wurde von Kardinal Gehard Müller als Präfekt der Glaubenskongregation bestätigt. Müller sollte von Papst Franziskus fünf Monate nach Großmeister Festing abgesetzt werden.

Boeselager, der exzellente Kontakte zum vatikanischen Staatssekretariat unterhielt, sein Bruder war kurz zuvor in den Aufsichtsrat der Vatikanbank berufen worden, wandte sich an dieses um Hilfe und erhielt sie auch. Zum Staatssekretariat unterhielt als ehemaliger Vatikandiplomat auch Kurienerzbischof Tomasi beste Kontakte. Der Kardinalstaatssekretär ließ Großmeister Festing wissen, daß der päpstliche Säuberungsauftrag nicht gemeint habe, Leute gleich vor die Tür zu setzen.

Papst Franziskus weigerte sich unterdessen, den um eine klärende Audienz bittenden Großmeister anzuhören. Stattdessen setzte der Papst am 22. Dezember 2016 eine Untersuchungskommission ein, die sofort als einseitige Parteinahme zugunsten des Großkanzlers erkennbar war. Mindestens drei der fünf Kommissionsmitglieder waren handverlesene Freunde des Großkanzlers. Und es waren nicht irgendwelche Freunde, sondern: Erzbischof Tomasi, Odendall und Sehnaoui. Dementsprechend fiel das Ergebnis der „Untersuchung“ aus. Der Begriff der Gefälligkeitsgutachten ist in zahlreichen Bereichen, vor allem jenen der Politik und Wirtschaft, hinlänglich bekannt. Die Gefälligkeitskommission des Papstes übertraf aber selbst dies: die Kontrolleure hätten sich selbst kontrollieren sollen.

Die Entmachtung des Großmeisters durch Franziskus

Marc Odendall
Marc Odendall

Papst Franziskus hingegen nahm den Abschlußbericht der Kommission als „Beleg“, daß der Großmeister im Unrecht sei und der Großkanzler im Recht. Erst nun ließ er Großmeister Festing am 24. Januar 2017 zu sich kommen. Als dieser gegen das Vorgehen, das er für getürkt hielt, protestierte und darauf verwies, daß der Malteserorden ein souveräner Staat ist, der in Fragen der inneren Regierung nicht dem Vatikan untersteht, verlangte Franziskus, Souveränität hin oder her, seinen Rücktritt. Eine solche Aufforderung des Staatsoberhauptes eines anderen Staates ist ein skandalöser Affront. Als Katholik und Ritter des Ersten Standes konnte sich Festing der Forderung seines Papstes aber nicht entziehen. Papst Franziskus ließ später im kleinen Kreis wissen, er habe den „Bruch“ nicht gewollt, sondern von Festing „nur ein bißchen Flexibilität“ erwartet. Der Großmeister habe das empört abgelehnt. Eine „testa dura“, so der Papst. Ein Sturschädel. Da sei ihm keine andere Wahl geblieben, als den Großmeister abzusetzen.

Die ganze Operation war nicht nur eine persönliche Demütigung für den Großmeister, sondern ein Putsch, mit dem die oberste Führung eines anderen Staates gestürzt wurde.

Das vatikanische Staatssekretariat, die Sache ist völkerrechtlich mehr als pikant, gab am 25. Januar 2017 bekannt, daß durch päpstliche Entscheidung, „auf der Grundlage des Abschlußberichtes der Untersuchungskommission“, alle Regierungsakte des „Souveränen“ Malteserordens seit dem 6. Dezember null und nicht sind. Damit war Boeselager wieder automatisch Großkanzler.

Seit einem Jahr wird der Orden provisorisch von einem Statthalter regiert. Boeselager, obwohl offiziell nur weisungsgebundener Regierungschef und Angehöriger des Zweiten Standes, gilt mit der Unterstützung des Vatikans im Rücken, als faktisch uneingeschränkter Herr über den Orden.

Die Kondomgeschichte wurde unter den Tisch gekehrt, schließlich erregt sie heutzutage unter Katholiken kaum mehr Anstoß, erst recht nicht in der Welt. Die Geldgeschichte in der Schweiz war bis dahin gar nicht bekanntgeworden. Die Bild-Zeitung berichtete über „Boeselagers Millionen“ erst, als Großmeister Festing bereits entmachtet war.

„Boeselagers Millionen“

Bild äußerte den Verdacht, es könne sich in der ganzen Sache um eine Schwarzgeldaktion handeln, weshalb sie Boeselager fragte, ob er denn als „Schwarzgeldbaron“ in die Ordensgeschichte eingehen wolle.

Marwan Sehnaoui
Marwan Sehnaoui

Dieser wies alle Verdächtigungen von sich. Die Sache sei genau „geprüft“ worden. Die Anzeige von Großmeister Festing gegen die CPVG-Treuhänderin, die kurze Zeit nach dem Sturz Festing vom Malteserorden zurückgezogen wurde, sei haltlos gewesen und überhaupt sei ja niemand zu Schaden gekommen, so Boeselager. Die 30 Millionen seien für den Orden die weitaus größte Einzelspende der vergangenen zehn Jahre. Es gelte jedoch der Grundsatz: Wenn das Geld schmutzig ist, werde es nicht angenommen. Es seien in Vergangenheit vom Orden bereits Spenden wegen des Verdachts einer unsauberen Quelle abgelehnt worden, so Boeselager zur Bild-Zeitung.

Bereits am 1. März 2017 hatte der Orden jene Transaktion mit der CPVG-Treuhänderin unterzeichnet, der sich Großmeister Festing so lange verweigert hatte. Es sollte gleich eine „Tranche“ von drei Millionen Franken an den Orden fließen.

Allemal eine bemerkenswerte Chronologie und Eile.

Die Schweizer Staatsanwaltschaft gab die blockierten Gelder allerdings nicht frei.

Der Orden erteilte darauf der Promontory Financial Group, einem globalen Big-Player im Finanz- und Wirtschaftsprüfungsbereich, der unter Franziskus bereits für den Vatikan engagiert worden war, den Auftrag, die Herkunft der CPVG-Gelder zu prüfen. „Das Ergebnis wurde nie veröffentlicht“, wie nun ein anonymer Autor, mutmaßlich ein Malteserritter, in einem Brief an Sandro Magister schrieb. Es sei vom Rechnungshof des Malteserordens genehmigt worden, heiße es. „Der Rechnungshof ist aber ein Kollegialorgan, während der Bericht nur von einer kleinen Ad-hoc-Kommission akzeptiert worden sei“, so Magisters Quelle. Immerhin konnte Boeselager auf diese Weise gegenüber der Presse sagen, es sei alles „geprüft“ worden.

„Die Treuesten werden belohnt“

Statthalter des Ordens 2017/2018: Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto
Statthalter des Ordens 2017/2018: Fra Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto

Im Dezember 2017 ging der leitende Staatsanwalt von Genf in Pension und die CPVG-Gelder wurden freigegeben. Wie der Orden am 9. Februar bekanntgab, fließt nun das Geld aus dem CPVG-Trust wieder. Das erste Geld floß sogleich in eine Richtung, die bereits mehrfach als direkt interessierte Seite in der ganzen Geschichte genannt wurde: an die von Marwhan Sehnaoui geleitete Vereinigung des Malteserordens im Libanon und an die Libanesische Stiftung des Malteserordens, deren Vorsitzender ebenfalls Sehnaoui ist.

„Die Treuesten werden belohnt“, so Magisters Quelle.

Über der ganzen Sache liegt der Verdacht, daß es im Machtkampf Boeselagers in Wirklichkeit um die CPVG-Millionen ging. 120 Millionen Schweizer Franken können viel wiegen und Motiv für allerlei sein. Die Blockade der Gelder betraf den ganze Trust, und damit auch die anderen Nutznießer.

Jene, die im Dunkeln sitzen, hatten offensichtlich eine Priorität vor Augen: Großmeister Festing, das Haupthindernis zwischen ihnen und dem Geld, mußte weg. Ein Ziel, das mit Hilfe des vatikanischen Staatssekretariats und der päpstlichen Autorität von Franziskus erfolgreich erreicht wurde.

Wird im Mai ein neuer Großmeister gewählt?

Anfang Mai 2018 steht im Malteserorden wieder die Wahl eines Großmeisters auf der Tagesordnung. Vor einem Jahr war kein Nachfolger für Festing gewählt worden, sondern ein Statthalter. Dessen Mandat dauert nur ein Jahr. Ob nun ein Großmeister gewählt wird, ist nicht sicher. Es könnte das Mandat des bisherigen Statthalters um ein weiteres Jahr verlängert oder ein anderer Statthalter gewählt werden. Die Quelle von Magister schreibt in ihrem Brief:

„Es ist nur natürlich, sich zu fragen, für wen Senhaoui und andere wohl stimmen werden.“

Am 9. Februar ließ der Orden mitteilen, daß er „Msgr. Tomasi und Marc Odendall dankt“, weil sie „die guten Beziehungen mit den Treuhändern des Trusts seit 2012 erleichtert haben“.

Dazu Magisters Quelle:

„Die kleine Gruppe, die Großmeister Festing entmachtet hat, sitzt also fester denn je im Sattel. Die beiden Brüder Boeselager kontrollieren nun sowohl die Vatikanfinanzen als auch die Finanzen des Malteserordens (auch dank der stillschweigenden Beschlagnahmung von Schenkungen italienischer Familie an italienische Ordenseinrichtungen) als auch die Gelder des neuseeländischen Trusts, die der Orden auf so steinigem Weg erhielt.“

Großmeister Ferdinand von Hompesch zu Bolheim
Großmeister Fra Ferdinand von Hompesch zu Bolheim

Der anonyme Briefschreiber erinnert auch an die Bestrebungen der seit Januar 2017 im Orden bestimmenden „deutschen Fraktion“, die Verfassung des Ordens zu ändern.

„Alle, die sich nicht der herrschenden Richtung anpassen, werden von diesem Verfahren und den Diskussionen ausgeschlossen und als Spalter diskreditiert.“

Die Frage, ob im Mai ein Großmeister gewählt wird, dürfte auch davon abhängen, ob sich die „deutsche Fraktion“ sicher genug fühlt, einen Kandidaten ihrer Wahl installieren zu können.

Die anonyme Quelle schloß den Brief mit einem historischen Hinweis:

„Bereits einmal, 1798, wurde der Malteserorden fast vernichtet wegen der Feigheit seines damaligen Großmeisters, auch er ein Deutscher – Ferdinand von Hompesch zu Bolheim –, der vor der Präpotenz Napoleons in die Knie ging. Es dauerte gut 30 Jahre, um den Orden wiederaufzubauen.“

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Bild/orianomattei/

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