Diadochenkämpfe um Vatikanmedien

Die Sieger und die Verlierer












Die neue Spitze aller Vatikanmedien: Andrea Tornielli, und der neue Chefredakteur des Osservatore Romano: Andrea Monda.
Die neue Spitze aller Vatikanmedien: Andrea Tornielli, und der neue Chefredakteur des Osservatore Romano: Andrea Monda.

(Rom) Der überraschende Austausch an der Spitze des Osservatore Romano bestätigt sich als erste „Amtshandlung“ des päpstlichen Hausvatikanisten Andrea Tornielli in seinem neuen Amt im Kommunikationsdikasterium. Allerdings soll der Kardinalstaatssekretär nichts davon gewußt haben und darüber „sehr irritiert“ sein.

Die Gewinner

Laut der Tageszeitung La Verità wurde der bisherige Chefredakteur der „Tageszeitung des Papstes“, Giovanni Maria Vian, durch gemeinsame Intervention von P. Antonio Spadaro SJ, Schriftleiter der römischen Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica, und von Andrea Tornielli, Hausvatikanist von Papst Franziskus, entlassen. Beide gehören zum engsten Vertrautenkreis des Papstes.

Tornielli war am 18. Dezember von Franziskus direkt an den Heiligen Stuhl berufen worden. Er lenkt seither als Herausgeber mit zentraler Ausrichtungs- und Koordinierungsbefugnis alle Vatikanmedien.

Einerseits stellt Torniellis Berufung einen entscheidenden Schritt der Medienreform von Papst Franziskus dar. Der italienische Journalist hatte bereits bisher einen privilegierten Zugang zu Franziskus. Nun übt er seine Ausrichtungs- und Kontrollfunktion direkt aus. Die vatikanischen Medien stehen dadurch Franziskus direkt und in engster Anlehnung an Santa Marta zur Verfügung.

Der Eingriff löste innerhalb des päpstlichen Hofstaates allerdings auch „einige Bauchschmerzen“ aus. Das Staatssekretariat und der Kardinalstaatssekretär waren von der Entlassung offenbar nicht unterrichtet. Kardinal Pietro Parolin sei darüber „sehr irritiert“.

Die Ernennung Torniellis wird, was die Medien betrifft, als „Abrechnung“ innerhalb des engsten, aber heterogenen Vertrautenzirkels um Papst Franziskus gesehen. Gewinner des Machtkampfes sind Tornielli und Spadaro. Der Jesuit gilt als einflußreichster Ratgeber des Papstes in diesem Bereich. Mit dem Jesuitenorden war 2017 ein Abkommen unterzeichnet worden, das ihm Einfluß auf die vatikanischen Medien sichert.

Die Verlierer

Der Verlierer ist in erster Linie Giovanni Maria Vian. Er wurde inzwischen durch Andrea Monda ersetzt. Monda steht Spadaro nahe. Er ist der Vorsitzende, Spadaro der Gründer des römischen Kulturprojekts mit dem ungewöhnlichen Namen Bomba carta (Briefbombe).

Zu den Verlieren gehört allerdings auch das vatikanische Staatssekretariat, das von den Ereignissen überrollt wurde. Bis zum Abend vor Vians Entlassung soll Kardinalstaatssekretär Parolin „absolut nichts“ davon gewußt haben. Papst Franziskus hatte ihn weder in den Entscheidungsprozeß eingebunden noch vorab informiert, obwohl das Staatssekretariat in der Vergangenheit auf die Tageszeitung des Vatikans und auf das vatikanische Presseamt einen nicht unmaßgeblichen Einfluß ausübte.

Laut vatikanischen Quellen war Vians Arbeit als Chefredakteur unter Franziskus nie beanstandet worden. Eingesetzt hat den Historiker und Philologen noch Papst Benedikt XVI. Unter Franziskus öffnete er die Seiten des Osservatore Romano allerdings bereitwillig heterodoxen, feministischen und auch häretischen Stimmen und Positionen.

Die Tageszeitung La Verità sieht „wenig orthodoxe Methoden“ am Werk, die Teil eines „internen Machtkampfes zwischen vielen Hähnen im selben Hühnerstall sind“.

Soweit rekonstruierbar war es Papst Franziskus selbst, der Vian ersetzen wollte, um auch den seit über 170 Jahren erscheinenden Osservatore Romano stärker als Hausmedium für die direkte Unterstützung der Linie von Papst Franziskus in die Pflicht zu nehmen. Der entscheidende Schritt kam jedoch von Spadaro und Tornielli.

Wäre es nach Franziskus gegangen, hätte Spadaro selbst die Stelle des Chefredakteurs übernehmen sollen, was dieser aber ablehnte. Auf seine Empfehlung hin wurde inzwischen aber der ihm eng verbundene Andrea Monda eingesetzt.

Der interne Machtkampf um Einfluß und die Nähe zum Papst

Mehr als vier Jahre nach Beginn der Medienreform im Jahr 2014 scheint die Operation abgeschlossen. Papst Franziskus ließ sich auch nicht von unerwarteten und unerwünschten Rückschlägen beirren, wie dem tragikomischen Sturz seines ersten Kommunikationschefs, Dario Edoardo Viganò, beirren. Dieser hatte zum Jahresbeginn einen Brief von Papst Benedikt XVI. manipuliert, um Papst Franziskus ein besonders schmeichelndes Geschenk zu seinem fünfjährigen Thronjubiläum zu bereiten. Viganò, nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Nuntius in den USA, fiel allerdings weich. Papst Franziskus fing ihn sofort wieder auf und errichtete für ihn im selben Kommunikationsdikasterium ein neues Amt ad personam.

In der katholischen Kirche ist nicht nur eine harter Kampf zwischen glaubenstreuen und modernistischen Kreisen im Gange, sondern auch ein massiver Rangkampf innerhalb der sehr heterogenen Entourage von Papst Franziskus. Tornielli und Spadaro scheinen definitiv die Kontrolle aller Vatikanmedien übernommen zu haben. Die dabei angewandte Methode, um den letzten Rivalen aus dem Feld zu stoßen, wird nicht von allen Vertrauten des Papstes gutgeheißen. Zumindest nicht von jenen, deren Einfluß damit beschnitten wurde. Dazu gehört im Medienbereich Kardinalstaatssekretär Parolin. Die neue Machtfülle, die Tornielli in seinen Händen vereint, haben auch die Stellung des vatikanischen Presseamtes und von Vatikansprecher Greg Burke geschwächt.

Tornielli war bisher nur ein informeller Papstsprecher. Nun übernimmt er diese Funktion ganz offiziell. Das wird bei Torniellis Aktivismus nicht ohne Auswirkungen bleiben. Als Viganòs Nachfolger hatte Franziskus Paolo Ruffini eingesetzt, nachdem er mehr unwillig als willig Viganòs Rücktritt hatte akzeptieren müssen. Ruffini ist jedoch ist mehr ein Platzhalter. Wirklicher Einfluß wird ihm nicht zugeschrieben. Welche Rolle Dario Edoardo Viganò künftig im Medienbereich noch spielen wird, muß sich erst noch zeigen. Gegen Tornielli wird er sich jedenfalls nicht stellen dürfen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL

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