Humanae vitae im Licht von Casti connubii lesen

Humanae vitae, die Enzyklika von Papst Paul VI. von 1968 und ihre Hintergründe.
Humanae vitae, die Enzyklika von Papst Paul VI. von 1968 und ihre Hintergründe.

von Rober­to de Mattei*

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten erleb­te der Westen eine fami­li­en­feind­li­che Revo­lu­ti­on, die in der Geschich­te bei­spiel­los ist. Ein Eck­pfei­ler die­ses Zer­set­zungs­pro­zes­ses der Insti­tu­ti­on Fami­lie war die Tren­nung der bei­den pri­mä­ren Ehe­zwecke: der Fort­pflan­zung und der Ver­ei­ni­gung.

Der Fort­pflan­zungs­zweck, von der ehe­li­chen Ver­bin­dung getrennt, führ­te zur In-vitro-Fer­ti­li­sa­ti­on und zur Leih­mut­ter­schaft. Die von der Zeu­gung los­ge­lö­ste Ver­ei­ni­gung führ­te zur Apo­theo­se der frei­en Lie­be, ob hete­ro­se­xu­ell oder homo­se­xu­ell. Ein Ergeb­nis die­ser Ver­ir­run­gen ist der Rück­griff von homo­se­xu­el­len Paa­ren auf die Leih­mut­ter­schaft, um eine gro­tes­ke Kari­ka­tur der natür­li­chen Fami­lie zu ver­wirk­li­chen.

Roberto de Mattei
Rober­to de Mattei

Der Enzy­kli­ka Huma­nae Vitae von Paul VI., deren Ver­öf­fent­li­chung sich am 25. Juli 2018 zum 50. Mal jährt, kommt das Ver­dienst zu, die Untrenn­bar­keit der bei­den Bedeu­tun­gen der Ehe zu bekräf­ti­gen und mit Deut­lich­keit die künst­li­che Emp­fäng­nis­ver­hü­tung zu ver­ur­tei­len, die in den 60er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts durch die Ver­mark­tung der Pil­le des Phy­sio­lo­gen Pin­cus mög­lich wur­de.

Den­noch trägt auch Huma­nae Vitae eine Ver­ant­wor­tung: Nicht mit der­sel­ben Klar­heit die Hier­ar­chie der Zwecke, das heißt, den Vor­rang der Fort­pflan­zung gegen­über der Ver­ei­ni­gung bekräf­tigt zu haben. Zwei Grund­sät­ze oder Wer­te ste­hen nie­mals auf der der­sel­ben Gleich­heits­ebe­ne. Einer ist immer dem ande­ren unter­ge­ord­net.

Das gilt für das Ver­hält­nis zwi­schen Glau­be und Ver­nunft, zwi­schen Gna­de und Natur, zwi­schen Kir­che und Staat und so wei­ter. Das sind zwar untrenn­ba­re Rea­li­tä­ten, aber von­ein­an­der ver­schie­den und hier­ar­chisch geord­net. Wenn die Rei­hen­fol­ge die­ser Bezie­hun­gen nicht defi­niert wird, ent­ste­hen Span­nun­gen und Kon­flik­te, die bis zur Umkeh­rung der Grund­sät­ze füh­ren kön­nen. Ein Grund für den mora­li­schen Zer­falls­pro­zeß in der Kir­che ist, unter die­sem Gesichts­punkt betrach­tet, auch die feh­len­de Klar­heit in der Defi­ni­ti­on des Haupt­zwecks der Ehe durch die Enzy­kli­ka von Paul VI.

Die Ehe­leh­re der Kir­che wur­de von Papst Pius XI. in sei­ner Enzy­kli­ka Casti Con­nu­bii vom 31. Dezem­ber 1930 als end­gül­tig und ver­bind­lich bestä­tigt. In die­sem Doku­ment erin­nert der Papst die gan­ze Kir­che und die gan­ze Mensch­heit an die grund­le­gen­den Wahr­hei­ten über das Wesen der Ehe, die nicht von den Men­schen, son­dern von Gott selbst gestif­tet wur­de, und über die Seg­nun­gen und Vor­tei­le, die der Gesell­schaft aus ihr erwach­sen.

Der erste Zweck ist die Fort­pflan­zung: Das bedeu­tet nicht, nur Kin­der in die Welt zu set­zen, son­dern sie intel­lek­tu­ell, mora­lisch und vor allem geist­lich zu erzie­hen, um sie zu ihrer ewi­gen Bestim­mung zu füh­ren, die der Him­mel ist. Der zwei­te Zweck ist die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung zwi­schen den Ehe­part­nern, die weder eine nur mate­ri­el­le Unter­stüt­zung noch eine nur sexu­el­le oder sen­ti­men­ta­le Über­ein­kunft ist, son­dern in erster Linie eine geist­li­che Unter­stüt­zung meint und ein geist­li­cher Bund ist.

Die Enzy­kli­ka ent­hält eine kla­re und kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung der Ver­wen­dung von Ver­hü­tungs­mit­teln, die als „etwas Schimpf­li­ches und inner­lich Unsitt­li­ches“ bezeich­net ist. Des­halb: „Jeder Gebrauch der Ehe, bei des­sen Voll­zug der Akt durch die Will­kür der Men­schen sei­ner natür­li­chen Kraft zur Weckung neu­en Lebens beraubt wird, ver­stößt gegen das Gesetz Got­tes und der Natur, und die sol­ches tun, beflecken ihr Gewis­sen mit schwe­rer Schuld“.

Pius XII. bestä­tig­te in vie­len Anspra­chen die Leh­re sei­nes Vor­gän­gers. Das ursprüng­li­che Sche­ma über die Fami­lie und die Ehe des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, das im Juli 1962 von Johan­nes XXIII. appro­biert, aber zu Beginn der Arbei­ten von den Kon­zils­vä­tern abge­lehnt wur­de, bekräf­tig­te die­se Dok­trin und ver­ur­teil­te aus­drück­lich „Theo­rien, die in Umkeh­rung der rich­ti­gen Wer­te­ord­nung den Haupt­zweck der Ehe zugun­sten der bio­lo­gi­schen und per­sön­li­chen Wer­te der Ehe­gat­ten in den Hin­ter­grund rücken und in der­sel­ben objek­ti­ven Ord­nung die ehe­li­che Lie­be als Haupt­zweck nen­nen“(Nr. 14).

Der Fort­pflan­zungs­zweck, objek­tiv und in der Natur ver­wur­zelt, wird immer fort­be­stehen. Der Ver­ei­ni­gungs­zweck, sub­jek­tiv und auf dem Wil­len der Ehe­gat­ten gegrün­det, kann ver­schwin­den. Der Vor­rang des Fort­pflan­zungs­zweckes ret­tet die Ehe, der Vor­rang der Ver­ei­ni­gung setzt sie ern­sten Gefah­ren aus.

Außer­dem dür­fen wir nicht ver­ges­sen, daß die Ehe­zwecke nicht zwei, son­dern drei sind, weil es nach­ge­ord­net auch die Abhil­fe gegen die Begier­de gibt. Von die­sem drit­ten Zweck der Ehe spricht nie­mand mehr, weil die Bedeu­tung des Begriffs Begier­de ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, der heu­te meist – auf luthe­ri­sche Wei­se – mit der Sün­de ver­wech­selt wird.

Die Begier­de, die in jedem Men­schen vor­han­den ist, außer in der aller­se­lig­sten Jung­frau, die von der Erb­sün­de aus­ge­nom­men ist, erin­nert uns dar­an, daß das Leben auf Erden ein unab­läs­si­ger Kampf ist, denn wie der hei­li­ge Johan­nes sagt: „Denn alles in der Welt ist Begier­de des Flei­sches, Begier­de der Augen und Begier­de des Besit­zes“( 1 Joh 2,16).

Die Ver­herr­li­chung der Sexu­al­trie­be – der herr­schen­den Kul­tur durch die Leh­ren von Marx und Freud ein­ge­impft – ist nichts ande­res als die Ver­herr­li­chung der Begier­de, und damit der Erb­sün­de.

Die­se Ver­keh­rung der ehe­li­chen Bestim­mung, die unwei­ger­lich zu einer Explo­si­on der Begier­den in der Gesell­schaft führt, zeigt sich im Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus vom 8. April 2016, wo wir in der Num­mer 36 lesen:  „Ande­rer­seits haben wir häu­fig die Ehe so prä­sen­tiert, daß ihr Ver­ei­ni­gungs­zweck – näm­lich die Beru­fung, in der Lie­be zu wach­sen, und das Ide­al der gegen­sei­ti­gen Hil­fe – über­la­gert wur­de durch eine fast aus­schließ­li­che Beto­nung der Auf­ga­be der Fort­pflan­zung“.

Die­se Wor­te wie­der­ho­len fast wört­lich jene, die Kar­di­nal Leo-Joseph Sue­n­ens in sei­ner Rede am 29. Okto­ber 1964 In der Kon­zil­s­au­la sag­te, und die Paul VI. skan­da­li­sier­ten: „Es kann sein“, so der Kar­di­nal und Erz­bi­schof von Brüs­sel, „daß wir die Wor­te der Schrift, ‚Wachst und meh­ret euch‘, etwas über­be­tont haben, so sehr, daß ein anders gött­li­ches Wort im Schat­ten blieb: ‚Und die bei­den wer­den ein Fleisch sein‘ […] Die Kom­mis­si­on wird uns sagen, ob wir den ersten Zweck, die Fort­pflan­zung, nicht zu sehr betont haben, zu Lasten eines eben­so impe­ra­ti­ven Zweckes, dem Wachs­tum in der ehe­li­chen Ein­heit.“

Kar­di­nal Sue­n­ens erweckt den Ein­druck, daß der Haupt­zweck der Ehe nicht dar­in besteht, zu wach­sen und sich zu ver­meh­ren, son­dern dar­in, daß „die zwei ein Fleisch sind“. Von einer theo­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Defi­ni­ti­on wird zu einer psy­cho­lo­gi­schen Beschrei­bung der Ehe gewech­selt, die nicht als eine in der Natur ver­wur­zel­te Bin­dung dar­ge­stellt wird, die der Ver­meh­rung der Mensch­heit dient, son­dern als eine inti­me Gemein­schaft, deren Zweck die gegen­sei­ti­ge Lie­be der Ehe­part­ner ist.

Sobald aber die Ehe auf eine Lie­bes­ge­mein­schaft redu­ziert ist, wird die Gebur­ten­kon­trol­le, ob natür­lich oder künst­lich, als ein Gut ange­se­hen und ver­dient, unter dem Namen „ver­ant­wor­te­te Eltern­schaft“, geför­dert zu wer­den, da sie dazu bei­trägt, das Haupt­gut der ehe­li­chen Ver­ei­ni­gung zu stär­ken. Die unver­meid­li­che Fol­ge ist, daß in dem Moment, in dem die­se inni­ge Gemein­schaft schei­tert, die Ehe sich auf­lö­sen soll­te.

Mit der Umkeh­rung der Zwecke geht die Umkeh­rung der Rol­len inner­halb des Ehe­bun­des ein­her. Das psy­cho­phy­si­sche Wohl­be­fin­den der Frau tritt an die Stel­le ihres Auf­tra­ges als Mut­ter. Die Geburt eines Kin­des wird als etwas gese­hen, das die inni­ge Lie­bes­ge­mein­schaft des Paa­res stö­ren kann. Das Kind kann als unge­rech­ter Aggres­sor gegen das Fami­li­en­gleich­ge­wicht gese­hen wer­den, gegen den man sich mit Ver­hü­tung und not­falls auch Abtrei­bung ver­tei­di­gen muß.

Die Inter­pre­ta­ti­on, die wir den Wor­ten von Kar­di­nal Sue­n­ens gege­ben haben, tut ihnen kei­nen Zwang an. In Über­ein­stim­mung mit sei­ner Rede führ­te der Pri­mas von Bel­gi­en 1968 den Auf­stand der Bischö­fe und der Theo­lo­gen gegen Huma­nae vitae an. Die Erklä­rung des bel­gi­schen Epi­sko­pats vom 30. August 1968 gegen die Enzy­kli­ka von Paul VI. war zeit­gleich mit jener des deut­schen Episkopats((Königsteiner Erklä­rung vom 30. August 1968.)) die erste, die von einer Bischofs­kon­fe­renz aus­ge­ar­bei­tet wur­de und ande­ren Epi­sko­pa­ten als Vor­bild dien­te.

Den Erben die­ses Pro­te­stes, die eine Neu­in­ter­pre­ta­ti­on von Huma­nae vitae im Licht von Amo­ris lae­ti­tia anstre­ben, ant­wor­ten wir daher mit Ent­schie­den­heit, daß wir die Enzy­kli­ka von Paul VI. wei­ter­hin im Licht von Casti con­nu­bii und des immer­wäh­ren­den Lehr­am­tes der Kir­che lesen wer­den.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: „Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on – Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti“, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/The Socie­ty of St. Hugh of Cluny (Screen­shot)

3 Kommentare

  1. Sobald aber die Ehe auf eine Lie­bes­ge­mein­schaft redu­ziert ist, wird die Gebur­ten­kon­trol­le, ob natür­lich oder künst­lich, als ein Gut ange­se­hen und ver­dient, unter dem Namen „ver­ant­wor­te­te Eltern­schaft“, geför­dert zu wer­den, da sie dazu bei­trägt, das Haupt­gut der ehe­li­chen Ver­ei­ni­gung zu stär­ken. Die unver­meid­li­che Fol­ge ist, daß in dem Moment, in dem die­se inni­ge Gemein­schaft schei­tert, die Ehe sich auf­lö­sen soll­te.

    Es gibt vier Lebens­we­ge:
    1. Beru­fung Got­tes zur Ehe mit Kin­dern als Geschenk Got­tes bis zum Tod,
    2. Ehen ohne Beru­fung aus dem Wil­len der Men­schen oft ohne Kin­der bis zur Schei­dung,
    3. Kei­ne Ehe, nur noch Trie­be, schlim­mer als bei Tie­ren, die­se haben ihre Instink­te,
    4. Beru­fung zur Ehe­lo­sig­keit und damit zur Keusch­heit

    Da die Gott­lo­sig­keit immer grö­ßer wird, wird der Lebens­weg nach 2. und 3. immer häu­fi­ger, also noch mehr Trieb­ver­meh­run­gen ohne sie intel­lek­tu­ell, mora­lisch und vor allem geist­lich erzie­hen zu wol­len (zu kön­nen) und noch mehr Abtrei­bun­gen.

  2. Star­ker Text, Dan­ke dafür.
    Habe es nicht recher­chiert und der Gedan­ke ist nicht ein­mal von mir. Es ist auch mir leicht vor­stell­bar, daß unse­re Kir­chen­obe­ren ver­gan­ge­ner Tage ange­sichts des Umstan­des regel­mä­ßig immer älter wer­den­der Men­schen und somit Ehen, weit über die Fort­pflan­zung hin­aus, den ursprüng­lich ersten Ehe­zweck infra­ge­stell­ten und über­leg­ten: Da brau­chen wir nun etwas ande­res. Man kam in die­sen beschwing­ten und (auch im Wort­sin­ne) leicht­fer­ti­gen Zei­ten natür­lich auf die Lie­be, die, erst recht nach dem Schrecken von Hass und Krieg, nun für alles her­hal­ten muß­te.
    Doch was hät­ten die Alten beim her­ge­brach­ten ersten Ehe­zweck ande­res gemacht? Die Fra­ge ist so span­nend wie die erste Spe­ku­la­ti­on, die mehr gefühl­ter Geschich­te als beleg­ba­rer Histo­rie ent­springt. Ver­än­der­te Umstän­de brau­chen Über­le­gung, neue Begrün­dung, nicht immer Ände­rung. 50, 60 Jah­re auf dem fal­schen Gleis gehen wir am besten zurück zum Stell­werk.

  3. Schwie­ri­ge mora­li­sche Fra­gen, die wahr­schein­lich nur ein lie­ben­des Paar in heu­ti­ger Zeit beant­wor­ten kann, da sie sich immer wie­der neu stel­len. Unse­re Gesell­schaft schätzt lei­der die Fami­lie nicht mehr, ihr sind in falsch ver­stan­der­ner Tole­ranz mitt­ler­wei­le ehe­ähn­li­che Paa­run­gen und Fami­li­en­nach­zug kul­tur­frem­der, schma­rot­zen­der Eth­ni­en wich­ti­ger gewor­den, als das eige­ne Volk. Wenn einem ver­ant­wor­tungs­vol­len jun­gen Paar aber nicht mehr die finan­zi­el­len Mit­tel bereit gestellt wer­den, um Fami­lie und Nach­kom­men­schaft mit red­li­cher Arbeit zu ernäh­ren und zu pla­nen, wird es für die jun­gen Leu­te sehr, sehr schwie­rig, christ­li­che Vor­ga­ben zu erfül­len.

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