„Falken“ und „Tauben“ in der internationalen Unordnung

"Wird sich die Mentalität der Tauben ändern?"


Von Rober­to de Mattei*

In den Jah­ren des Kal­ten Krie­ges, die auf den Zwei­ten Welt­krieg folg­ten, bezeich­ne­te man mit den Begrif­fen Fal­ken (hawks) und Tau­ben (doves) zwei unter­schied­li­che Hal­tun­gen inner­halb der gegen­sätz­li­chen Blöcke: auf der einen Sei­te das kom­mu­ni­sti­sche Ruß­land und sei­ne Satel­li­ten­staa­ten, auf der ande­ren die des Westens unter Füh­rung der USA. Die Fal­ken ver­tra­ten die Auf­fas­sung, daß das inter­na­tio­na­le Gleich­ge­wicht auf den Kräf­te­ver­hält­nis­sen zwi­schen den bei­den Super­mäch­ten beru­he; die Tau­ben hin­ge­gen pre­dig­ten eine Poli­tik der „Ent­span­nung“, um das Risi­ko eines nuklea­ren Krie­ges zu vermeiden.

Es bestand jedoch ein grund­le­gen­der Unter­schied: Im kom­mu­ni­sti­schen Block teil­ten die soge­nann­ten Tau­ben das Expan­si­ons­pro­jekt des Kremls, woll­ten es jedoch auf „sanf­te­re“ Wei­se umset­zen; die west­li­chen Tau­ben glaub­ten dage­gen an eine Poli­tik des Dia­logs und der „aus­ge­streck­ten Hand“, in der Über­zeu­gung, daß das Schick­sal der Welt in einer Annä­he­rung aller Reli­gio­nen, aller Ideo­lo­gien und aller Völ­ker liege.

Am 6. Okto­ber 1973 grif­fen Ägyp­ten und Syri­en den Staat Isra­el an, und der Jom-Kip­pur-Krieg brach aus. Der Kon­flikt bezog die Super­mäch­te indi­rekt ein: die USA unter­stütz­ten Isra­el, die Sowjet­uni­on die ara­bi­schen Staa­ten. Als Reak­ti­on auf die west­li­che Unter­stüt­zung Isra­els ver­häng­ten die ara­bi­schen OPEC-Län­der ein Ölem­bar­go. Der Ölpreis ver­vier­fach­te sich, was welt­wei­te Infla­ti­on, eine Wirt­schafts­kri­se in den Indu­strie­län­dern und das Ende des Nach­kriegs­wachs­tums zur Fol­ge hat­te. Trotz die­ser Atmo­sphä­re star­ker Span­nun­gen schrieb Pro­fes­sor Plí­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra am 21. Okto­ber 1973 in der Zei­tung Fol­ha de S. Pau­lo:
Der Westen geht vom Ein­fluß der Fal­ken zu dem der Tau­ben über. Wil­ly Brandt ist in Euro­pa das Sym­bol der Tau­ben­po­li­tik, eben­so wie Richard Nixon und Hen­ry Kis­sin­ger auf unse­rem Kon­ti­nent.

Der auf­merk­sa­me bra­si­lia­ni­sche Beob­ach­ter kam zu fol­gen­dem Schluß: „Die Men­ta­li­tät der Kom­mu­ni­sten ist nicht die der guten und unglück­li­chen Bür­ger, wie sie sich die Tau­ben vor­stel­len, son­dern die der skru­pel­lo­sen Aggres­so­ren, wie sie von den Fal­ken ange­pran­gert wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Die Tau­ben haben für den Krieg gear­bei­tet, wäh­rend sie gleich­zei­tig erklär­ten, für den Frie­den zu arbei­ten. Sie haben die west­li­che öffent­li­che Mei­nung gegen­über dem Kom­mu­nis­mus ent­waff­net und dazu bei­getra­gen, die Olig­ar­chen des Kremls an der Macht zu hal­ten, also jene, die den ara­bisch-israe­li­schen Kon­flikt ver­ur­sacht haben.

Die Fak­ten bestä­tig­ten die­se Dia­gno­se. Der Besuch des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Richard Nixon und sei­nes Außen­mi­ni­sters Hen­ry Kis­sin­ger in Chi­na im Jah­re 1972 mar­kier­te den Beginn poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Bezie­hun­gen, die zuvor nicht exi­stiert hat­ten, und erschien als diplo­ma­ti­scher Erfolg. Doch die Legi­ti­mie­rung des kom­mu­ni­sti­schen Chi­na und sei­ne Inte­gra­ti­on in die inter­na­tio­na­len Wirt­schafts­kreis­läu­fe mach­ten es unter den Nach­fol­gern von Mao Tse-tung zu einer glo­ba­len Macht, die in der Lage ist, mit den USA wirt­schaft­lich, tech­no­lo­gisch und zuneh­mend auch poli­tisch und mili­tä­risch zu konkurrieren.

Die Ent­span­nungs­po­li­tik von Nixon und Kis­sin­ger gegen­über Chi­na ging in den­sel­ben Jah­ren ein­her mit der Ost­po­li­tik, also der Öff­nungs­po­li­tik des Vati­kans gegen­über den kom­mu­ni­sti­schen Län­dern des Ostens, die unter den Pon­ti­fi­ka­ten von Johan­nes XXIII. und Paul VI. ihr Sym­bol in dem dama­li­gen Mon­si­gno­re Ago­sti­no Casaro­li fand. Casaro­li, der zwi­schen 1963 und 1974 „Mis­sio­nen“ nach Buda­pest, Prag, Bel­grad, War­schau, Mos­kau und Kuba unter­nahm, war über­zeugt, daß der Kom­mu­nis­mus viel­leicht ein Jahr­hun­dert andau­ern wür­de und daß die Kir­che einen modus viven­di fin­den müs­se, um zu über­le­ben. Der Kar­di­nal Josef Minds­zen­ty, Pri­mas von Ungarn, der sich der Ost­po­li­tik wider­setz­te, wur­de am 18. Novem­ber 1973 aus dem Erz­bis­tum Esz­t­er­gom ent­fernt; eben­so wur­de am 28. Juni 1975 der Bischof Anto­nio San­tin wegen sei­nes Wider­stan­des gegen den Ver­trag von Osi­mo mit dem kom­mu­ni­sti­schen Jugo­sla­wi­en sei­nes Amtes enthoben.

Ein sym­bo­li­scher Moment der Ent­span­nung war die Unter­zeich­nung der Schluß­ak­te von Hel­sin­ki am 1. August 1975 wäh­rend der Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (KSZE). Doch bereits am 30. April des­sel­ben Jah­res hat­te die Ein­nah­me der Stadt Sai­gon durch die Viet­cong – spä­ter in Ho-Chi-Minh-Stadt umbe­nannt – eine schmerz­li­che Nie­der­la­ge der USA und des Westens mar­kiert. Wäh­rend sich in der UdSSR die Fal­ken stärk­ten, erreich­te der kom­mu­ni­sti­sche Vor­marsch sei­nen Höhe­punkt im Wahl­er­folg der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei (PCI) in Ita­li­en und in der sowje­ti­schen Inva­si­on Afgha­ni­stans, die am 24. Dezem­ber 1979 begann. Die Geschich­te hielt jedoch Über­ra­schun­gen bereit: Die bei­den Amts­zei­ten von Ronald Rea­gan (1981–1989) bewahr­ten den Westen vor der Nie­der­la­ge und tru­gen zur Kri­se des kom­mu­ni­sti­schen Systems bei, die 1989 im Fall der Ber­li­ner Mau­er und 1991 im Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on gipfelte.

In den fol­gen­den Jah­ren schei­ter­te die Ost­po­li­tik, die Sowjet­uni­on ver­sank, das inter­na­tio­na­le Cha­os nahm zu – doch die Tau­ben domi­nier­ten wei­ter­hin die inter­na­tio­na­le Büh­ne. Die Anschlä­ge auf die Twin Towers am 11. Sep­tem­ber 2001 und der Irak­krieg von 2003 waren erste Zei­chen einer sich wan­deln­den Welt, doch der Mythos einer glo­ba­len Gover­nan­ce, die durch gemein­sa­me Insti­tu­tio­nen und Regeln Frie­den und Sicher­heit garan­tie­ren soll­te, begann erst mit der COVID-19-Pan­de­mie von 2020/​2021 zu bröckeln – die nicht zufäl­lig aus dem kom­mu­ni­sti­schen Chi­na stammte.

Im Febru­ar 2022 mar­schier­te Wla­di­mir Putin in die Ukrai­ne ein; am 7. Okto­ber 2023 griff der Iran über sei­nen ver­län­ger­ten Arm, die Hamas, Isra­el an. Am 20. Janu­ar 2025 trat Donald Trump zum zwei­ten Male sein Amt im Wei­ßen Hau­se an. Das Jahr 2026 sah die Rück­kehr der „Fal­ken“ auf die Büh­ne – zunächst mit der Ver­haf­tung des Dik­ta­tors Nicolás Madu­ro in Vene­zue­la, dann mit der Ope­ra­ti­on „Epic Fury“, die Trump gegen den Iran star­te­te, gemein­sam mit Isra­els Offen­si­ve „Roaring Lion“.

Am 15. Sep­tem­ber 2025 berief sich Ben­ja­min Netan­ja­hu auf Spar­ta und des­sen krie­ge­ri­sche Tugen­den und erklär­te, sein Land müs­se eine „Super-Sparta“-Mentalität anneh­men, die in der Lage sei, inter­na­tio­na­ler Iso­la­ti­on zu trot­zen. In einem kon­flikt­rei­chen und insta­bi­len Kon­text spie­gelt das spar­ta­ni­sche Modell die Sicht­wei­se der Fal­ken wider, wonach Sicher­heit und Frie­den durch mili­tä­ri­sche Über­le­gen­heit, Abschreckung und vor allem durch Kampf­be­reit­schaft gewähr­lei­stet werden.

Die Tau­ben hin­ge­gen betrach­ten mili­tä­ri­sche Kon­fron­ta­ti­on als größ­tes Übel und bestehen auf Dia­log und Ver­hand­lungs­lö­sun­gen. Sie hal­ten das Ende des US-Impe­ri­ums, die Isla­mi­sie­rung des medi­ter­ra­nen Euro­pas und die Bil­dung eines rus­sisch-chi­ne­si­schen Blocks für unum­kehr­bar. Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin, der unter Papst Leo XIV. bis heu­te die Außen­po­li­tik des Vati­kans bestimmt, gehört zum Lager der „Irrever­si­bi­li­sten“. Wie Kar­di­nal Casaro­li, des­sen Schü­ler er zu sein vor­gibt, ist er von der Unver­meid­lich­keit des Endes der Chri­sten­heit über­zeugt und davon, daß die katho­li­sche Kir­che in einer anti­christ­li­chen Welt über­le­ben müs­se, indem sie um jeden Preis ideo­lo­gi­sche Kon­fron­ta­tio­nen und Blut­ver­gie­ßen vermeidet.

Die Tau­ben kon­trol­lie­ren die west­li­chen Mas­sen­me­di­en und schü­ren einen hef­ti­gen Haß gegen die Fal­ken, indem sie Donald Trump als Ver­rück­ten und Ben­ja­min Netan­ja­hu als Ver­bre­cher dar­stel­len. Vor die­sem Hin­ter­grun­de ereig­ne­te sich das Atten­tat auf Trump am 26. April, das wei­te­ren Ver­su­chen folgt, den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten zu töten. Trumps Ziel unter­schei­det sich nicht von dem sei­ner Vor­gän­ger im Wei­ßen Hau­se: die Bil­dung eines eura­si­schen Blocks mit anti­ame­ri­ka­ni­scher Aus­rich­tung zu ver­hin­dern. Doch Trump ist vom Lager der Tau­ben – wenn nicht zum phy­si­schen Tode, so doch zur poli­ti­schen Eli­mi­nie­rung – ver­ur­teilt. Dabei war der revo­lu­tio­nä­re Ter­ror, der 1789 die Neu­zeit eröff­ne­te, gera­de eine Fol­ge der Schwä­che des Tau­ben­la­gers, ver­kör­pert durch Lud­wig XVI., gegen­über den jako­bi­ni­schen Fal­ken, die das Regime der Guil­lo­ti­ne errichteten.

Ange­sichts die­ser tra­gi­schen Fest­stel­lun­gen, die uns aus der Geschich­te und aus den Erfah­run­gen die­ser Tage errei­chen, bleibt nur, das zu wie­der­ho­len, was Plí­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra am Ende sei­nes Arti­kels von 1973 schrieb: „Wird sich die Men­ta­li­tät der Tau­ben ändern? Ich glau­be es nicht. Im täg­li­chen Leben ist das Sym­bol der Stur­heit der Esel. In poli­ti­schen Fra­gen ist es die Tau­be…

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

4 Kommentare

  1. Also ich hal­te mich an die Wei­sung Jesu: „Sie­he, ich sen­de euch wie Scha­fe mit­ten unter die Wöl­fe; seid daher klug wie die Schlan­gen und arg­los wie die Tau­ben!“ (Lk 10,3; s.a. Mat­th 10,16) …
    Manch­mal ist es nötig – je nach Situa­ti­on – angriffs­lu­stig zu sein, wie ein Fal­ke, manch­mal stör­risch, wie ein Esel. Aber immer gut­gläu­big-arg­los wie eine Tau­be und auf jeden Fall immer unter dem Ban­ner der ersten Tugend, näm­lich der Klug­heit und auch aller wei­te­ren (klas­si­schen und christ­li­chen) Tugenden! …

  2. „Dabei war der revo­lu­tio­nä­re Ter­ror, der 1789 die Neu­zeit eröff­ne­te, gera­de eine Fol­ge der Schwä­che des Tau­ben­la­gers, ver­kör­pert durch Lud­wig XVI., gegen­über den jako­bi­ni­schen Fal­ken, die das Regime der Guil­lo­ti­ne errichteten.“
    Tat­säch­lich ent­larvt sich der Text in die­sem Satz selbst, als das, was er ist. Ja, König Lud­wig XVI. war schwach, zu schwach, um Frank­reich dem hei­lig­sten Her­zen zu wei­hen, aber letzt­lich hat­te bereits Lud­wig XIV. nicht das getan, was der HERR durch Mar­ga­re­ta Maria Ala­co­que von ihm ver­langt hat­te. Die Jako­bi­ner aber, die das Böse per se anstre­ben, um ver­meint­lich die Ankunft des Mes­si­as her­bei­zu­füh­ren ste­hen in kras­sem Gegen­satz zu Jesus Chri­stus und sei­ner Leh­re: Röm 3,8: „Gilt am Ende … . Lasst uns Böses tun, damit Gutes ent­steht? Die­se Leu­te wer­den mit Recht verurteilt.“
    Ist das aber nicht genau der Plan der Zio­ni­sten, die Rober­to di Mat­tei nicht müde wird zu unterstützen?
    https://​www​.the​guar​di​an​.com/​w​o​r​l​d​/​2​0​2​6​/​m​a​r​/​0​3​/​u​s​-​i​s​r​a​e​l​-​i​r​a​n​-​w​a​r​-​c​h​r​i​s​t​i​a​n​-​r​h​e​t​o​ric

  3. So ein Bei­trag war ein­mal nötig. Dan­ke­schön auch für das Geden­ken an Kar­di­nal Josef Minds­zen­ty, Pri­mas von Ungarn und Bischof Anto­nio San­tin. Zu beden­ken gebe ich jedoch, daß inzwi­schen das kom­mu­ni­sti­sche Chi­na eine deut­lich gerin­ge­re Staats­quo­te als das frei­heit­li­che Deutsch­land hat. Und das sich Ruß­land auch noch unter Putin sehr posi­tiv gewan­delt hat­te, was lei­der nicht auf­ge­grif­fen wur­de – der ätzen­de und schon extre­me Natio­na­lis­mus Kiews jedoch gou­tiert wur­de. Die Welt war auf einem guten Weg und hat die­sen ohne Not wie­der verlassen.

  4. Apro­pos Ronald Rea­gan: nicht allein er hat­te ein gutes Händ­chen in der Poli­tik gegen­über der Sowjet­uni­on. Es war vor allem auch Papst Johan­nes Paul II., der dem Kom­mu­nis­mus die Stirn bot und nach dem miß­glück­ten Atten­tat auf ihn am Fati­ma­tag, dem 13.5.1981, die Wei­he Ruß­lands an das Unbe­fleck­te Herz Mari­ens durch­führ­te. Und eini­ge Jah­re spä­ter kol­la­bier­te das kom­mu­ni­sti­sche Lager in weit­hin fried­li­cher Wei­se. Es war ein sicht­ba­res Wun­der des Himmels.

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