Nach langem Stillstand markiert eine Entscheidung einen unaufgeregten Kurswechsel unter Papst Leo XIV.: Die diesjährigen Fastenexerzitien der Römischen Kurie werden weder in der von Marko Ivan Rupnik gestalteten Kapelle Redemptoris Mater im Apostolischen Palast stattfinden noch in dem von Papst Franziskus dafür ausgewählten Exerzitienhaus in Ariccia. Stattdessen wurden die Kardinäle zu den geistlichen Einkehrtagen vom 22. bis 27. Februar – traditionell in der Woche nach dem Aschermittwoch – in die Cappella Paolina eingeladen, die unter Benedikt XVI. umfassend restauriert wurde.
Diese Änderung, die den eingeladenen Kardinälen bereits mitgeteilt wurde, ist mehr als eine bloße organisatorische Maßnahme. Sie setzt ein dezentes, aber unübersehbares Zeichen der Distanzierung von einem Künstler, dessen Name seit Jahren untrennbar mit schweren Vorwürfen verbunden ist und der dennoch lange Zeit im vatikanischen Umfeld geschützt wurde – insbesondere unter und durch Papst Franziskus.
Die bis 2014 genutzte Cappella Redemptoris Mater befindet sich im zweiten Stock des Apostolischen Palastes und wurde zum Heiligen Jahr 2000, obwohl erst wenige Jahre zuvor von einem anderen Künstler neu gestaltet, mit einem monumentalen Mosaikzyklus ausgestattet (siehe Das Rätsel der zweifach neugestalteten päpstlichen Kapelle). Entwurf und Ausführung stammen nahezu vollständig von dem ehemaligen Jesuiten Marko Ivan Rupnik. Lediglich eine Wand verblieb in der vom russischen Künstler Alexander Kornouchow zuvor ausgeführten Gestaltung. Katholisches.info befaßte sich in mehreren Beiträgen kritisch mit dieser Kapelle, dem Werk Rupniks und vor allem dem Personenkult um diesen ehemaligen Jesuiten.
Rupnik wurde in den vergangenen Jahren von mehreren Frauen schwerster psychischer, sexueller und geistlicher Übergriffe beschuldigt. Die Vorwürfe beziehen sich auf einen langen Zeitraum und weisen ein strukturelles Muster geistlichen Machtmißbrauchs auf. Zwar wurde gegen ihn zeitweise eine Exkommunikation verhängt, diese jedoch unter Papst Franziskus wieder aufgehoben – ein Vorgang, der trotz der versuchten Vertuschung inner- wie außerhalb der Kirche für erhebliches Befremden sorgte. Franziskus galt als persönlicher Förderer Rupniks und ließ dessen Werke weiterhin prominent im Vatikan und weltweit einsetzen, selbst nachdem die Anschuldigungen öffentlich bekannt waren. Und obwohl andernorts Rupniks Werke bereits verhüllt wurden.
Auch die Praxis, die Kurienexerzitien außerhalb des Vatikans in Ariccia abzuhalten, war eine Entscheidung von Papst Franziskus. Sie ging mit beträchtlichem finanziellem Aufwand und organisatorischen Belastungen für die Kardinäle einher. Diese Verlagerung, so Kritiker, folgte weniger geistlichen als ideologischen Motiven – ganz im Sinne eines Pontifikats, das Symbolpolitik oft über gewachsene kirchliche Ordnung stellte.
Die Rückkehr in den Vatikan und zugleich der bewußte Verzicht auf die Rupnik-Kapelle sind daher doppelt aussagekräftig. Mit der Wahl der Paulinischen Kapelle, einem liturgisch wie kunsthistorisch hochrangigen Raum, knüpft Papst Leo XIV. sichtbar an eine theologisch und ästhetisch klarere Tradition an. Zugleich wird vermieden, daß die geistlichen Einkehrtage der Kurie weiterhin in einem Raum stattfinden, der unauflöslich mit einer der schwersten Mißbrauchsaffären der jüngeren Kirchengeschichte verbunden ist.
Ob dieser Schritt Teil einer umfassenderen Aufarbeitung des Falls Rupnik und des kirchlichen Umgangs mit geistlichem Mißbrauch ist, bleibt abzuwarten. Fest steht, daß die Entscheidung Signalwirkung besitzt. Sie zeigt, daß unter dem neuen Pontifikat zumindest in der Praxis begonnen wird, erste Konsequenzen zu ziehen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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