Angesichts der Verwirrung, die in der Kirche vorherrscht

Prof. de Mattei zur Lage der Kirche nach dem Tod von Benedikt XVI.

Rom Petersdom Petrus

Von Rober­to de Mattei*

Nach der Beer­di­gung von Bene­dikt XVI. zeich­net sich im Vati­kan ein Cha­os ab, des­sen Kon­tu­ren noch nicht abzu­se­hen sind. Das erste Ele­ment der Ver­wir­rung, näm­lich der Name des ver­stor­be­nen ehe­ma­li­gen Pon­ti­fex, wur­de bei sei­ner Beer­di­gung ans Licht gebracht. Der Name Bene­dikt XVI. ist offen­sicht­lich ein Höf­lich­keits­na­me, denn seit dem 28. Febru­ar 2013 gibt es nur noch einen Papst im Vati­kan, und das ist Fran­zis­kus, wie Msgr. Gäns­wein selbst, Bene­dikts Sekre­tär, in den ver­gan­ge­nen Tagen immer wie­der betont hat. Kor­rek­ter wäre es nach Ansicht der Kano­ni­sten gewe­sen, ihn Kar­di­nal Josef Ratz­in­ger oder viel­leicht Mon­si­gno­re Ratz­in­ger zu nen­nen, denn nur die Bischofs­wei­he prägt einen unaus­lösch­li­chen Cha­rak­ter ein.

Das Begräb­nis war gewiß nicht das eines amtie­ren­den Pap­stes. Dies zeig­te sich nicht nur dar­an, daß der Hei­li­ge Stuhl nur zwei offi­zi­el­le Dele­ga­tio­nen (Ita­li­en und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land) ein­lud, son­dern auch an klei­nen Details wie der Ver­bal­no­te, die Anfang Janu­ar an die Bot­schaf­ter ver­schickt wur­de und in der sie gebe­ten wur­den, in „tenue de ville cou­leur sombre“ (dunk­ler Anzug) und nicht in for­mel­ler Klei­dung zu erschei­nen. Die­se „sanf­te Hul­di­gung“ ver­an­laß­te die Vati­ka­ni­stin Fran­ca Gian­sol­da­ti am 6. Janu­ar in der Tages­zei­tung Il Mess­ag­ge­ro zu schreiben:

„Die bizarr­ste Beer­di­gung in der Geschich­te der heu­ti­gen Kir­che hät­te ein wirk­lich fei­er­li­ches Pro­to­koll haben und von einer vati­ka­ni­schen Trau­er beglei­tet wer­den müs­sen, aber da Ratz­in­ger nicht mehr regier­te, gab es nicht ein­mal wei­ße und gel­be Fah­nen auf Halb­mast. Auch stand kei­ne Schwei­zer­gar­de neben dem Sarg, und die Her­ren, die den Sarg tru­gen, hat­ten kei­nen Frack an. Nur der Dekan der Hal­le trug die Gala-Uniform“.

Ande­rer­seits wur­de die­se auf das Wesent­li­che redu­zier­te Beer­di­gung durch die Hul­di­gung des vor­ma­li­gen Pap­stes durch mehr als 200.000 Gläu­bi­ge kon­tra­stiert, die ihm an den drei Tagen, an denen der Leich­nam aus­ge­stellt war, die letz­te Ehre erwei­sen woll­ten. Eine Demon­stra­ti­on von Men­schen­men­gen, die die Wert­schät­zung und Zunei­gung bestä­tig­te, die Bene­dikt immer genoß, die aber die Medi­en dazu ver­an­laß­te, die Exi­stenz von zwei „Par­tei­en“ zu beto­nen, die sich im Vati­kan gegen­über­ste­hen: „Berg­o­glia­ner“ und „Ratz­in­ge­ria­ner“. Das Begräb­nis, so titel­te die Tages­zei­tung Libe­ro am 5. Janu­ar auf ihrer Titel­sei­te, wäre eine „Resa dei con­ti“ (Die Abrech­nung) zwi­schen Päp­sten gewe­sen. Nico Spun­to­ni schrieb sei­ner­seits in Il Giorn­a­le vom 8. Januar:

„In den Tagen der Auf­bah­rung des Leich­nams und der Beer­di­gung von Bene­dikt XVI. kur­sier­ten die Vor­ab­drucke eines Buches „Nien­t’al­t­ro che la veri­tà“ („Nichts als die Wahr­heit“, Piem­me edi­zio­ni) und eines Inter­views mit sei­nem treu­en per­sön­li­chen Sekre­tär, Msgr. Georg Gäns­wein, wie ein per­fek­ter Sturm, in dem er sei­nen Schock dar­über zum Aus­druck brach­te, daß er vor drei Jah­ren in der Funk­ti­on des Prä­fek­ten des Päpst­li­chen Hau­ses ‚hal­biert‘ wor­den war, nach­dem die Kon­tro­ver­se um das Buch zur Ver­tei­di­gung des prie­ster­li­chen Zöli­bats von Kar­di­nal Robert Sarah, an dem Ratz­in­ger als Mit­au­tor betei­ligt war, aus­ge­löst wor­den war. Eben­so viel Auf­se­hen erreg­te Gäns­weins Stel­lung­nah­me zu Tra­di­tio­nis Cus­to­des, dem Doku­ment, mit dem Fran­zis­kus die 2007 gewähr­te Libe­ra­li­sie­rung der soge­nann­ten triden­ti­ni­schen Mes­se fak­tisch auf­hob: ‚Ich glau­be, daß Papst Bene­dikt die­ses Motu pro­prio mit Schmerz im Her­zen gele­sen hat‘, sag­te der deut­sche Erz­bi­schof der Tages­zei­tung Die Tages­post. Gäns­wein wur­de von eini­gen Insi­dern hef­tig ange­grif­fen. Die Ent­hül­lun­gen über den ‚hal­bier­ten Prä­fek­ten‘ haben zu Gerüch­ten über Spal­tun­gen in der Kir­che geführt, die nach dem Tod von Bene­dikt XVI. wie­der auf­flam­men wer­den. Und in der Tat haben inzwi­schen sogar eini­ge Kar­di­nä­le und Bischö­fe die Exi­stenz von Span­nun­gen zugegeben“.

Am 8. Janu­ar erschien im Cor­rie­re del­la Sera ein Arti­kel von Mas­si­mo Fran­co mit dem Titel „Tra­di­tio­na­li­sten-Front gegen Fran­zis­kus nach Ratz­in­gers Abschied“. Zu den wich­tig­sten Ver­tre­tern die­ser Front zählt Fran­co neben Msgr. Gäns­wein auch Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, den ehe­ma­li­gen Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, und den neu­en Vor­sit­zen­den der ame­ri­ka­ni­schen Bischö­fe Timo­thy Bro­glio. In der­sel­ben Zei­tung, die die Stim­me des pro­gres­si­ven Estab­lish­ments wie­der­gibt, schreibt Gian Gui­do Vec­chi, daß „im Gestrüpp der tra­di­tio­na­li­sti­schen Oppo­si­ti­on gegen Fran­zis­kus ein post­mor­ta­ler Ver­such statt­fin­det, Bene­dikt XVI. als Ban­ner zu benut­zen und einen Kon­flikt zwi­schen ‚den bei­den Päp­sten‘ zu schaf­fen, der in Wirk­lich­keit nicht exi­stiert“ (Cor­rie­re del­la Sera, 10. Januar).

Das Manö­ver zielt offen­sicht­lich dar­auf ab, den Kon­ser­va­ti­ven die Schuld an einem Kon­flikt zu geben, des­sen Haupt­ar­chi­tek­ten heu­te die deut­schen Bischö­fe sind, die sich auf ihrem „Syn­oda­len Weg“ befin­den. Papst Fran­zis­kus, der trotz sei­ner schwe­ren Krank­heit, die sei­ne Kräf­te schwächt, wei­ter­hin mit eiser­ner Faust durch­greift, wie am Drei­kö­nigs­tag, als er mit der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on In eccle­si­arum com­mu­nio­ne die Macht des Vika­ri­ats von Rom wie­der­her­stell­te, wird kei­ne Ver­ant­wor­tung auf­er­legt. Der Inhalt des Tref­fens, das der Papst am 9. Janu­ar mit Msgr. Gäns­wein hat­te, ist nicht bekannt, trägt aber sicher­lich zur Unsi­cher­heit bei. Außer­dem wird der uner­war­te­te Tod von Kar­di­nal Geor­ge Pell am 10. Janu­ar neue Pro­ble­me für die kon­ser­va­ti­ve Front schaf­fen. Der austra­li­sche Kar­di­nal, der von allen gericht­li­chen Vor­wür­fen frei­ge­spro­chen wur­de, war eine star­ke Per­sön­lich­keit und hät­te auf­grund sei­nes Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lents eine wich­ti­ge Rol­le im Vor­kon­kla­ve spie­len kön­nen, das vie­le inzwi­schen nahen sehen, für den Fall des Todes oder des Amts­ver­zichts von Papst Fran­zis­kus. Ande­rer­seits wur­den unter den „Papa­bi­li“, so erin­nert Msgr. Gäns­wein, „sogar vie­le der­je­ni­gen, die als ‚libe­ra­le­re‘ Ver­tre­ter gel­ten, um einen Begriff des all­ge­mei­nen Ver­ständ­nis­ses zu ver­wen­den, gera­de wäh­rend sei­nes (Bene­dikt XVI., Anm. d. Red.) Pon­ti­fi­kats in wich­ti­ge Funk­tio­nen beför­dert“ („Nichts als die Wahr­heit“, S. 124–125). Zu den vom Prä­fek­ten des Päpst­li­chen Hau­ses genann­ten Namen gehö­ren die wich­tig­sten Kar­di­nä­le der pro­gres­si­ven Front, wie Jean Clau­de Hol­le­rich (Erz­bi­schof von Luxem­burg, 2011), Luis Anto­nio Tag­le (Erz­bi­schof von Mani­la, 2011) und Matteo Maria Zup­pi (Weih­bi­schof von Rom, 2012). Die Abgren­zung zwi­schen „Ratz­in­ge­ria­nern“ und „Berg­o­glia­nern“ ist also nicht so ein­deu­tig. Wie kann man leug­nen, daß es eine wach­sen­de Ver­wir­rung gibt? Und was kann man in die­ser Situa­ti­on ande­res tun, als Tag für Tag zu leben und zu arbei­ten, in vol­ler Treue zur Kir­che und in völ­li­ger Hin­ga­be an die gött­li­che Vorsehung?

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana



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1 Kommentar

  1. Was wir hier sehen, ist das Schau­spiel der Welt. Die Sinn­lo­sig­keit der­je­ni­gen, die sich einem Geschöpf anstel­le des Schöp­fers unter­ord­nen. Dem fal­schen Gott, den Fran­zis­kus in Nur-Sul­tan propagierte. 

    In die­ser weit fort­ge­schrit­te­nen End­zeit haben sich die Got­tes­fürch­ti­gen längst von Ihnen abge­wandt. Den inne­ren Reich­tum, mit dem uns der Herr erfüllt, sehen sie nur von aussen. Wir soll­ten immer dar­an den­ken, es sind nicht wir, die bekämpft wer­den, son­dern es ist der Herr, als des­sen Ver­tre­ter wir der Welt gegen­über­tre­ten. Des­halb steht geschrie­ben: Was ihr den gering­sten mei­ner Brü­der ange­tan habt, das habt ihr mir getan. Das sagt der Logos, das Wort das alles geschaf­fen hat. Der, den wir in Kür­ze erwarten. 

    War­um benut­zen sie die katho­li­sche Kir­che für ihre Zwecke? Sie müs­sen es tun, weil ihr Gott nicht fähig ist, etwas neu­es zu schaf­fen. Sie leben in einer fal­schen Illu­si­on. Der schon auf Gol­ga­ta Gerich­te­te gibt Ihnen vor, es gäbe einen Sinn und ein Ziel, weiss er doch, sein Urteil wird bald voll­streckt. Er lügt. 

    Der Moment in dem wir jetzt ste­hen, ist ein Moment der Hoff­nung. Was Pro­fes­sor Mat­tei abschlie­ssend schreibt, habe ich vor kur­zem an ande­rer Stel­le gehört. Es spielt kei­ne Rol­le, ob wir in den Augen unse­rer Geg­ner ver­lie­ren. Es spielt kei­ne Rol­le, ob wir mit unse­ren Vor­ha­ben schei­tern. Alles was zählt, ist unser Bemü­hen und unser Durchhalten.

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