Johannes Paul I. anders betrachtet

Zur Seligsprechung von Albino Luciani und seinem Verhältnis zum überlieferten Ritus

Papst Paul VI. mit Patriarch Albino Luciani, dem späteren Johannes Paul I., in Venedig.
Papst Paul VI. mit Patriarch Albino Luciani, dem späteren Johannes Paul I., in Venedig.

(Vene­dig) Die Selig­spre­chung von Johan­nes Paul I. (1912–1978) steht bevor. Vor sei­ner Wahl zum Papst war Albi­no Lucia­ni, so sein bür­ger­li­cher Name, Bischof von Vit­to­rio Vene­to, dann Patri­arch von Vene­dig. Die Aner­ken­nung eines Wun­ders durch Papst Fran­zis­kus, das den Weg zur Kano­ni­sie­rung frei macht, ist Anlaß, eine Epi­so­de in Erin­ne­rung zu rufen.

1958 wur­de Albi­no Lucia­ni von Papst Johan­nes XXIII. auf den Bischofs­stuhl von Vit­to­rio Vene­to (dem histo­ri­schen Cene­da) beru­fen, 1969 von Papst Paul VI. auf den Patri­ar­chen­stuhl von Vene­dig. Paul VI. kre­ierte ihn 1973 auch zum Kar­di­nal und mach­te ihn damit zur dama­li­gen Zeit auto­ma­tisch papa­bi­le für sei­ne Nach­fol­ge. Die Ober­hir­ten von Vene­dig und Mai­land gehör­ten in jedem Kon­kla­ve zu den aus­sichts­reich­sten Kandidaten.

Don Siro Cisilino

In sei­ne Zeit als Patri­arch von Vene­dig fiel die Lit­ur­gie­re­form von Anni­ba­le Bugni­ni, die von Paul VI. pro­mul­giert wur­de. Lucia­ni setz­te sie als Kar­di­nal­pa­tri­arch von Vene­dig um. Damit ver­bun­den sind die Schick­sa­le nicht weni­ger Prie­ster, die unter dem radi­ka­len Ein­griff schwer zu lei­den hat­ten. Nur weni­ge waren zum offe­nen oder fak­ti­schen Wider­spruch bereit. Ihr Lei­den wur­de bis­her kaum erzählt. Bei­spiel­haft steht dafür die Geschich­te von Don Siro Cisi­li­no (1903–1987). Sie zeigt, wie der über­lie­fer­te Ritus und sei­ne Ver­tre­ter sogar über den Tod hin­aus ver­folgt wur­den. Don Cisi­li­no ist der Meß­ort im über­lie­fer­ten Ritus in San Simeo­ne Pic­co­lo am Canal Gran­de in Vene­dig zu ver­dan­ken, der heu­te von der Petrus­bru­der­schaft betreut wird.

Mit Don Cisi­li­no ist auch die erwähn­te Epi­so­de ver­bun­den, die in Erin­ne­rung geru­fen wer­den soll. Jah­re­lang konn­te der Prie­ster, der am über­lie­fer­ten Ritus fest­hielt, nur in der Kryp­ta einer Klo­ster­kir­che unter Aus­schluß der Öffent­lich­keit zele­brie­ren, bis er 1977 wie­der in sei­ne alte Kir­che am Canal Gran­de zurück­keh­ren konn­te. Doch die Ruhe währ­te nur weni­ge Mona­te, bis der Sturm erneut und mit noch mehr Wucht losbrach.

Am 20. Febru­ar 1978 unter­zeich­ne­te Patri­arch Lucia­ni ein Schrei­ben, mit dem er über sei­ne Diö­ze­se ein fak­ti­sches Inter­dikt verhängte:

„Trotz wie­der­hol­ter Ermah­nun­gen wird wei­ter­hin in der Kir­che San Simeo­ne Pic­co­lo die Mes­se nach dem heu­te nicht mehr erlaub­ten Ritus zele­briert und dies mit einer immer zahl­rei­che­ren Teil­nah­me von Gläubigen.

Eben­so wird Pro­pa­gan­da für die Teil­nah­me an die­ser Mes­se gemacht: In unse­rer Hand befin­det sich ein hek­to­gra­phier­tes Blatt mit einer Art lit­ur­gi­schem Kalen­der und Uhr­zei­ten für ver­schie­de­ne Zele­bra­tio­nen. Es wur­de sicher für die Ver­brei­tung her­ge­stellt und dies bestä­tigt, daß die Pro­pa­gan­da in gro­ßem Stil betrie­ben wird.

Da dies alles im Gegen­satz zu den gel­ten­den Ver­ein­ba­run­gen und den aktu­el­len lit­ur­gi­schen und kano­ni­schen Bestim­mun­gen ist, wird fol­gen­des angeordnet:

1.) Die Zele­bra­ti­on der Mes­se more anti­quo in der Kir­che San Simeo­ne Pic­co­lo sowie im Gebiet der gesam­ten Diö­ze­se ist in jeg­li­cher Hin­sicht verboten.

2.) In der Kir­che San Simeo­ne Pic­co­lo ist jeg­li­che lit­ur­gi­sche Zele­bra­ti­on ohne vor­he­ri­ge Erlaub­nis des Pfar­rers und des Vikars der Pfar­rei San Simeo­ne Gran­de verboten.

3.) Don Siro Cis­el­li­no [sic] ist es erlaubt, die Hei­li­ge Mes­se more anti­quo nur in sei­nem eige­nen Haus zu zelebrieren.

Die oben­ge­nann­ten Bestim­mun­gen tre­ten ab dem Erhalt der­sel­ben in Kraft. Zuver­sicht­lich, daß man sich an das oben Gesag­te hal­ten wer­de, seg­ne ich von Herzen.

Albi­no Kar­di­nal Lucia­ni
Patri­arch

Der Kar­di­nal­pa­tri­arch konn­te sich auf die Wor­te des damals noch regie­ren­den Pap­stes Paul VI. stüt­zen, der am 24. Mai 1976 erklärt hatte:

„Der neue Ordo wur­de pro­mul­giert, um den alten zu erset­zen, nach reif­li­cher Über­le­gung, auf Ersu­chen des Zwei­ten Vati­ka­ni­sches Konzils.“

Das Ver­bot des über­lie­fer­ten Ritus, das Albi­no Lucia­ni ver­häng­te, erfolg­te ein hal­bes Jahr vor sei­ner Wahl zum Papst. Unter sei­nem Pon­ti­fi­kat wäre der Indult von 1984 und das Motu pro­prio Eccle­sia Dei von 1988, wie sie von Johan­nes Paul II. im fol­gen­den Jahr­zehnt gewährt wur­den, kaum denk­bar gewe­sen. Die Abnei­gung gegen den über­lie­fer­ten Ritus, die in der ita­lie­ni­schen Hier­ar­chie damals herrsch­te, ist noch heu­te vor­han­den und hat nicht unwe­sent­lich die Ent­ste­hung des Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des von Papst Fran­zis­kus geför­dert. Die­se Abnei­gung ist lit­ur­gisch, aber auch rechts­po­si­ti­vi­stisch begrün­det. Die Treue zum Papst gilt als Wesens­merk­mal der Kir­che in Ita­li­en, wes­halb Aus­nah­men nicht gedul­det wer­den. Erleich­tert wird die­se Hal­tung durch einen grund­sätz­lich gerin­ger aus­ge­präg­ten Dog­ma­tis­mus als etwa in deut­schen Landen.

Es bedurf­te aus­län­di­scher Päp­ste, nach fast einem hal­ben Jahr­tau­send erst­mals Nicht-Ita­lie­ner, eines Pap­stes aus Polen und eines aus Deutsch­land, um den radi­ka­len Ein­griff von Paul VI. zumin­dest abzumildern. 

Um die­se Kor­rek­tur wie­der­um zu durch­bre­chen, muß­te ein Jesu­it auf den Stuhl Petri geho­ben werden.

San Simeo­ne Pic­co­lo am Canal Gran­de in Venedig

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Spada/​MiL/​Pixabay

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2 Kommentare

  1. Es ist viel Wah­res und Bedau­er­li­ches in die­sem Arti­kel auf­ge­zeigt, aber den­noch soll­te die­ser Feh­ler die Selig­keit Johan­nes Paul I., von Gott durch ein Wun­der aus­ge­zeich­net, dadurch in Fra­ge gestellt wer­den. Johan­nes Paul I. war ein Kon­zils­kind sei­ner Zeit, es war auch sicher viel „Druck“ auf den Patri­ar­chen von Vene­dig durch die Kurie gege­ben. Ande­re Bischö­fe haben ja auch – im Miß­ver­ständ­nis ihrer Irr­tü­mer über die Lit­ur­gie- ähn­lich gehan­delt. Es soll den fata­len Feh­ler und die Ver­feh­lung dar­in ver­harm­lo­send recht­fer­ti­gen, aber die per­sön­li­che Fröm­mig­keit die­ses Pap­stes, die Gott mit einem Wun­der nun offen­bar machen woll­te, auch nicht all­zu­sehr im heu­ti­gen Rück­blick her­ab­set­zen. Scha­de ist nur, daß Papst Ber­go­glio die­se Selig­spre­chung für sei­ne kir­chen­po­li­ti­sche Agen­da benüt­zen will, um die Selig­keit Johan­nes Paul I. geht es im sicher nicht aus Glaubensgründen.

  2. Albi­no Lucia­ni war gegen Erz­bi­schof Lefebvre.
    Vor Jahr­zehn­ten habe ich in der Biblio­thek der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. am Distrikt­sitz in Deutsch­land in einem Taschen­buch mit den Brie­fen aus der Zeit Lucia­nis als Kar­di­nal gele­sen, dass die­ser den Wider­stand Erz­bi­schof Lef­eb­v­res gegen das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil abso­lut nicht verstand.
    Damit ist der spä­te­re Papst Johan­nes-Paul I. ein wich­ti­ger Zeit­zeu­ge, dass Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re im Prin­zip alle Beschlüs­se des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils abge­lehnt hat. Die Ableh­nung des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils ist einer der wesent­li­chen Grün­de gewe­sen, war­um Mar­cel Lef­eb­v­re auch den von Papst Paul VI. 1969 ein­ge­führ­ten Novus Ordo zurückwies.
    Heu­te ist von einer Ableh­nung des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils bei der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. so gut wie kei­ne Rede mehr. Viel­mehr wird der Ein­druck erweckt, als gehe es immer nur um die Fra­ge „alte Mes­se“ gegen „Neue Mes­se“. Dabei wird häu­fig ver­ges­sen, dass noch zu Beginn der 1970er Jah­re in der Prie­ster­bru­der­schaft die Hl. Mes­se nach dem im Anschluss an das Kon­zil her­aus­ge­ge­be­ne Mess­buch von 1965 zele­briert wurde.
    Erst eini­ge Jah­re nach der Grün­dung (1970) wur­de das Mis­sa­le Roma­num von 1962 in der Prie­ster­bru­der­schaft von Erz­bi­schof Lef­eb­v­re ein­heit­lich vor­ge­schrie­ben. Das hing mit der Maxi­me zusam­men, man hal­te an allem fest, was bis zum Vor­abend des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils vom Lehr­amt der katho­li­schen Kir­che ver­bind­lich defi­niert, vor­ge­legt und geglaubt wur­de, also bis Okto­ber 1962.
    Damit wur­de eine kla­re Zeit­gren­ze als feste Hand­lungs­grund­la­ge der katho­li­schen Tra­di­ti­ons­be­we­gung gezogen.
    Inso­fern hat Papst Fran­zis­kus mit sei­nem motu pro­rio Tra­di­tio­nis Custo­des nicht ganz unrecht, wenn er unter­stellt, die aus­schließ­li­che Zele­bra­ti­on nach den vor­kon­zi­lia­ren Mess­bü­chern von 1962 sei eine mehr oder weni­ger laten­te Able­hung des II. Vati­ka­ni­schen Konzils.
    War­um geben wir nicht offen und ehr­lich zu, dass es das ist?
    War­um machen wir nicht unmiss­ver­ständ­lich deut­lich, dass wir auf eine Annu­lie­rung des Kon­zils und aller dar­aus resul­tie­ren­den Umstürz­te sowie des Novus Ordo hinarbeiten?

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