Biden im Vatikan – und eine große Versuchung

Abtreibung, Homo-Lobby, Black Lives Matter – und der Kommunionempfang

Die bisher einzige Begegnung eines Papstes mit einem katholischen US-Präsidenten (2. Juli 1963 im Vatikan).
Die bisher einzige Begegnung eines Papstes mit einem katholischen US-Präsidenten (2. Juli 1963 im Vatikan).

(Rom) Papst Fran­zis­kus wird vor­aus­sicht­lich am 29. Okto­ber US-Prä­si­dent Joe Biden in Audi­enz emp­fan­gen, der zu sei­nem ersten offi­zi­el­len Besuch in den Vati­kan­staat rei­sen wird. Dies berich­tet Andrea Gagli­ar­duc­ci auf CNA und beruft sich dabei auf Infor­ma­tio­nen „direkt“ von der Prä­fek­tur des Päpst­li­chen Hau­ses. Die Begeg­nung wäre vor allem vor dem Hin­ter­grund des inner­ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­kamp­fes und des päpst­li­chen Kamp­fes gegen den US-Epi­sko­pats zu sehen. Bei­des kul­mi­niert in der Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs für Biden – und Fran­zis­kus könn­te ver­sucht sein, den Gor­di­schen Kno­ten durchzuschlagen.

Laut CNA sind an der US-Bot­schaft beim Hei­li­gen Stuhl erste Vor­be­rei­tun­gen im Gan­ge. LKW-Ladun­gen mit der Aus­rü­stung für den Besuch sei­en bereits auf dem Weg nach Rom. Das Wei­ße Haus hat­te am 22. Sep­tem­ber mit­ge­teilt, daß Biden Ende Okto­ber Frank­reichs Staats­prä­si­den­ten Emma­nu­el Macron in Euro­pa tref­fen wird. Zu einer mög­li­chen Audi­enz bei Papst Fran­zis­kus äußer­te man sich nicht. Auf CNA-Nach­fra­ge hieß es, dies­be­züg­lich gebe es „nichts anzukündigen“.

Vom Hei­li­gen Stuhl ist vor­erst kei­ne offi­zi­el­le Stel­lung­nah­me zu erwar­ten. Besu­che von Staats­ober­häup­tern wer­den in der Regel erst bestä­tigt, nach­dem das Staats­ober­haupt selbst die Ankün­di­gung öffent­lich bekannt­ge­macht hat.

Laut den vati­ka­ni­schen Quel­len von CNA wer­de es sich nicht um eine Pri­vat­au­di­enz, son­dern um einen offi­zi­el­len Besuch han­deln. Nach der Begeg­nung mit Papst Fran­zis­kus sei­en auch sol­che mit Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin und dem vati­ka­ni­schen „Außen­mi­ni­ster“ Erz­bi­schof Paul Gal­lag­her vorgesehen.

Es wäre nicht die erste Begeg­nung zwi­schen dem Kir­chen­ober­haupt und Biden. Bereits im Sep­tem­ber 2015 kam es im Rah­men des Welt­fa­mi­li­en­tref­fens in Phil­adel­phia zu einem Zusam­men­tref­fen. Damals war Biden Vize­prä­si­dent unter US-Prä­si­dent Barack Obama.

Gemeinsame Interessen?

Biden ist Par­tei in einem har­ten Kul­tur­kampf, der in den USA tobt. Zu den Angrif­fen der Abtrei­bungs- und der Homo-Lob­by gegen Lebens­recht, Ehe und Fami­lie sind die Angrif­fe des neu­en ras­si­sti­schen Anti­ras­sis­mus von Black Lives Mat­ter (BLM) hin­zu­ge­kom­men, die das Land erschüt­tern. Alle drei Strö­mun­gen wer­den von den­sel­ben Groß-Finan­ciers unter­stützt. Letz­te­re ist direkt erst durch deren Geld entstanden.

Fran­zis­kus befin­det sich in einem nicht erklär­ten, doch fak­ti­schen Kampf mit dem US-Epi­sko­pat. Dabei geht es auch um die Posi­ti­on der Kir­che in dem genann­ten Kul­tur­kampf. Es ist daher nicht aus­ge­schlos­sen, daß bei­den Sei­ten das Tref­fen für eine Bot­schaft an Adres­sa­ten in den USA die­nen könnte.

Biden, der von sich behaup­tet und im Wahl­kampf damit gewor­ben hat, ein „prak­ti­zie­ren­der Katho­lik“ zu sein, för­dert die Abtrei­bungs- und Homo-Agen­da und voll­zog im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf den BLM-Knie­fall. Die ersten bei­den Agen­den ste­hen in direk­tem Wider­spruch zur katho­li­schen Leh­re. Die drit­te ist zwei­fel­haft und in der Radi­ka­li­tät von BLM eben­falls unvereinbar.

Dar­in liegt aus­rei­chend Spreng­stoff für die Bezie­hun­gen zwi­schen katho­li­scher Kir­che und der der­zei­ti­gen Staats­füh­rung in den USA. Die Sache kom­pli­ziert sich, weil Papst Fran­zis­kus unver­hoh­le­ne Sym­pa­thien für die poli­ti­sche Lin­ke, also Biden und sei­ne Demo­kra­ti­sche Par­tei, hegt. Das Gegen­teil gilt für die gro­ße Mehr­heit der US-Bischö­fe. Geht es nur um unter­schied­li­che Prio­ri­tä­ten, die Papst und Bischö­fe set­zen? Es geht um weit mehr.

Die Lösung im Handstreich?

Deut­lich wird das an der Per­son des amtie­ren­den US-Prä­si­den­ten. Biden ist erst der zwei­te katho­li­sche Prä­si­dent in der Geschich­te der USA. Was Grund zur Freu­de sein soll­te, stellt seit dem Urnen­gang im Novem­ber 2020 für die Bischö­fe der USA ein Pro­blem dar. Sie dis­ku­tie­ren seit­her die Fra­ge, ob dem Abtrei­bungs- und Homo-Unter­stüt­zer Biden die Kom­mu­ni­on gespen­det wer­den darf. Eini­ge Bischö­fe erklär­ten, daß er in ihrem Bis­tum nicht zur Kom­mu­ni­on zuge­las­sen ist, ande­re aus­drück­lich das Gegen­teil, dar­un­ter der Erz­bi­schof der Bun­des­haupt­stadt Washing­ton, der von Papst Fran­zis­kus zum Kar­di­nal kre­iert wurde.

Auf Antrag des Vor­sit­zen­den der US-Bischofs­kon­fe­renz wur­de ein Doku­ment aus­ge­ar­bei­tet, das die Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs für Poli­ti­ker, deren poli­ti­sche Hal­tung in offe­nem Wider­spruch zur kirch­li­chen Leh­re steht, lan­des­weit ein­heit­lich klä­ren soll: durch ihren Aus­schluß von der Kommunion.

Das miß­fällt in San­ta Mar­ta und der Fran­zis­kus nahe­ste­hen­den Min­der­heit unter den Bischö­fen. Man wünscht sich ein unge­trüb­tes Ver­hält­nis. Die Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs stört dabei. Auf der Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung wur­de von den Bischö­fen mit gro­ßer Mehr­heit beschlos­sen, den Weg zum Kom­mu­nion­aus­schluß von Poli­ti­kern wie Biden und Nan­cy Pelo­si, gegen die römi­sche Emp­feh­lung, wei­ter­zu­ge­hen. Im Herbst soll eine Ent­schei­dung fal­len. Dage­gen gibt es im Hin­ter­grund eini­ge Manö­ver, nicht zuletzt durch San­ta Mar­ta.

Der gro­ße Unter­schied zu bis­he­ri­gen Audi­en­zen für US-Prä­si­den­ten, die erste fand 1919 zwi­schen Woo­d­row Wil­son und Bene­dikt XV. statt, besteht dar­in, daß Fran­zis­kus ein katho­li­scher Prä­si­dent gegen­über­ste­hen wird. Das gab es zuvor erst ein­mal, am 2. Juli 1963, als John F. Ken­ne­dy unter ganz ande­ren Bedin­gun­gen von Paul VI. emp­fan­gen wur­de. Die Begeg­nung von Fran­zis­kus und Biden fin­det nicht nur zwi­schen zwei Staats­ober­häup­tern statt, son­dern auch zwi­schen dem Kir­chen­ober­haupt und einem Gläu­bi­gen. Da das Tref­fen vor der Herbst­voll­ver­samm­lung der US-Bischö­fe vor­ge­se­hen ist, scheint die Ver­su­chung groß zu sein, die Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs zu „berei­ni­gen“. Fran­zis­kus, der Papst der Gesten, könn­te das lästi­ge Hin­der­nis durch eine Geste aus dem Weg räu­men. Details dazu sind nicht bekannt. 

Das Sze­na­rio könn­te jedoch wie folgt aus­se­hen: Der „prak­ti­zie­ren­de Katho­lik“ Biden dürf­te, da Katho­lik, im Rah­men sei­nes Vati­kan­be­suchs einer Mes­se bei­woh­nen. Es erscheint undenk­bar, daß Papst Fran­zis­kus selbst ihm bei die­ser Gele­gen­heit die Kom­mu­ni­on spen­den wird. Denk­bar ist hin­ge­gen, daß dies einem ande­ren Prie­ster in Anwe­sen­heit des Pap­stes über­las­sen wird, was als päpst­li­che Bil­li­gung gedeu­tet wer­den kann. „Der Papst“ hät­te durch sein Han­deln (oder Nicht-Han­deln) ent­schie­den. Die US-Bischö­fe könn­ten Biden die Kom­mu­ni­on nicht mehr ver­wei­gern, wenn der Papst sie ihm gewährt. Ohne ein Wort zu ver­lie­ren, wäre die Ange­le­gen­heit vom Tisch und mit ihr die Fra­ge des Kom­mu­nion­emp­fangs für Poli­ti­ker mit anti­ka­tho­li­scher Agen­da – mit allen sich dar­aus erge­ben­den Kon­se­quen­zen in Sachen Abtrei­bung und Homosexualität.

Das ist nur ein Gedan­ken­spiel. Fran­zis­kus erwies sich in der Ver­gan­gen­heit in sei­nen stra­te­gi­schen Ent­schei­dun­gen als berech­nend, aber in den tak­ti­schen Zügen als sehr spon­tan. Das Gedan­ken­spiel liegt aller­dings im Bereich des Mög­li­chen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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