Protest gegen ein kirchliches Präventionspapier zu neo-emanzipatorischer Sexualpädagogik

Wissenschaftliche Kritik ignoriert

Prävention in der Kirche in Deutschland: Positionspapier der Präventionsbeauftragten der deutschen Bistümer löst Kritik aus.
Prävention in der Kirche in Deutschland: Positionspapier der Präventionsbeauftragten der deutschen Bistümer löst Kritik aus.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker

Seit 2010 sind in den 27 deut­schen Diö­ze­sen Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­te ein­ge­stellt. Deren Auf­ga­be ist die Erar­bei­tung von insti­tu­tio­nel­len Schutz­kon­zep­ten, Aus­bil­dung von Refe­ren­ten und Prä­ven­ti­ons­schu­lun­gen bei den Mit­ar­bei­tern des jewei­li­gen Bistums.

Die Bun­des­kon­fe­renz der diö­ze­sa­nen Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten hat im Janu­ar 2021 ein „Posi­ti­ons­pa­pier zur Gestal­tung der Schnitt­stel­le von Prä­ven­ti­on sexua­li­sier­ter Gewalt und sexu­el­ler Bil­dung“ erstellt.1 Das Papier ist auf der Sei­te der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz Prä­ven­ti­on-Kir­che‘ publi­ziert. Es geht mit Hin­weis auf die MHG-Stu­die von der The­se aus, dass die „Sta­gna­ti­on der katho­li­schen Sexu­alleh­re“ sowie ihre „lust­feind­li­che Sicht­wei­se“ Risi­ko­fak­tor und „mit­tel­ba­re Ursa­che“ für Miss­brauch­s­ta­ten im kirch­li­chen Bereich sei­en. Daher müs­se vor jeder Prä­ven­ti­on die Sexu­al­mo­ral der katho­li­schen Kir­che neu über­dacht werden.

Doch die­se Behaup­tun­gen haben in der 366-sei­ti­gen MHG-Stu­die nur Fuß­no­ten­cha­rak­ter.2 Jeden­falls ist die The­se vom Risi­ko­fak­tor katho­li­sche Sexu­alleh­re in kei­ner Wei­se For­schungs­er­geb­nis der Stu­die. Die „Zusam­men­fas­sung“ der For­schungs­ar­beit ent­hält auch kei­ne Emp­feh­lung, die kirch­li­che Sexu­al­mo­ral auf den Prüf­stand zu stel­len. Die Ein­gangs­the­se des Posi­ti­ons­pa­piers, die katho­li­sche Sexu­al­mo­ral sei miss­brauchs­för­dernd, ist eine Fik­ti­on. Daher sind auch die Fol­ge­run­gen dar­aus wie der Ruf nach einer neu­en Sexu­al­ethik oder sexu­el­ler Bil­dung aus der Luft gegriffen.

Die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz – und auch die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten — haben durch die MHG-Stu­die vom Herbst 2018 kein wis­sen­schaft­li­ches Man­dat bekom­men, die Sexu­alleh­re der Kir­che zu ändern. Doch dann wur­de auf der Früh­jahrs­ta­gung der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz im Jah­re 2019 plötz­lich ein ver­meint­lich ursäch­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen katho­li­scher Sexu­alleh­re und Miss­brauch­s­ta­ten aus dem Hut gezo­gen. Mit die­sem Kon­strukt ohne Fak­ten­ba­sis soll­te die schon län­ger geplan­te Neu­leh­re der katho­li­schen Sexu­al­mo­ral auf den Syn­oda­len Weg gebracht wer­den. Kar­di­nal Rein­hard Marx leg­te damals auch das metho­di­sche Vor­ge­hen fest, dass die Rezep­ti­on der neue­ren „Erkennt­nis­se aus Theo­lo­gie und Human­wis­sen­schaft“ eine ent­schei­den­de Rol­le bei der sexu­al­ethi­schen Neu­kon­zi­pie­rung der kirch­li­chen Sexu­al­mo­ral haben müss­te. Unter die­ser Aus­rich­tungs­for­mel for­dern Theo­lo­gen in dem Syn­oden­pa­pier zu sexu­el­len Bezie­hun­gen teil­wei­se grund­stür­zen­de Lehrveränderungen.

Bezugsautor mit pädophilem Hintergrund

Im Unter­schied zu dem Syn­odal­text legen die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten offen, auf wel­che Frak­ti­on human­wis­sen­schaft­li­cher Autoren und Posi­tio­nen sie sich stüt­zen. Das ist im ersten Kapi­tel ihrer Schrift unter dem Abschnitts­ti­tel ‚Fach­li­cher Hin­ter­grund‘ Fried­rich Nietz­sche. Der hat­te das Chri­sten­tum ange­klagt, mit sei­nen nor­ma­ti­ven Vor­ga­ben „dem Eros Gift zu trin­ken“ gege­ben zu haben. Erwar­ten die Autoren mit die­sem pole­mi­schen Ein­gangs­fa­nal wirk­lich „fach­li­che Rück­mel­dun­gen“ zu ihren Aus­füh­run­gen? Ist der Ver­fas­ser von „Der Anti­christ“ und der „Umwer­tung aller Wer­te“ die ange­mes­se­ne Refe­renz für ein katho­li­sches Präventionspapier?

Als zwei­ten Bezugs­au­tor zitiert man aus­führ­lich den fran­zö­si­schen Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Michel Fou­cault mit sei­nen The­sen, dass Sexua­li­tät viel­fach mit Macht­be­zie­hun­gen ver­schränkt sei und damit durch Macht gebraucht und miss­braucht wer­den kön­ne. Die Aus­sa­gen des 1984 an AIDS Ver­stor­be­nen erschei­nen auf­grund der kürz­lich erho­be­nen Beschul­di­gun­gen eines Jour­na­li­sten als zwie­lich­tig. Nach denen hat Fou­cault Ende der 60er Jah­re in Tune­si­en min­der­jäh­ri­ge Jun­gen sexu­ell miss­braucht. Die Vor­wür­fe wur­den von zwei wei­te­ren Zeit­zeu­gen bestä­tigt. Der Miss­brauchs­ver­dacht gegen Fou­cault wird zusätz­lich erhär­tet durch die Tat­sa­che, dass er eini­ge Jah­re spä­ter laut­stark die Abschaf­fung des straf­be­wehr­ten Ver­bots von Sexua­li­tät mit Kin­dern unter 15 Jah­ren for­der­te. Er beschimpf­te gar den gesetz­li­chen Schutz der Kin­der vor sexu­el­len Über­grif­fen als „inak­zep­ta­blen Miss­brauch“, denn Kin­der sei­en fähig, eigen­ver­ant­wort­lich dem Sex mit Erwach­se­nen zuzu­stim­men – eine For­mu­lie­rung, die heu­te unter dem ‚Recht auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung‘ gefasst wird. Mit ande­ren fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen wie Sart­re und Der­ri­da unter­stütz­te Fou­cault eine gleich­lau­ten­de Petition.

Ist ein Autor, der das unauf­heb­ba­re Macht­ge­fäl­le zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern nicht erken­nen kann oder will, als Wis­sen­schaft­ler noch ernst zu neh­men? Hat er sich und sei­ne The­sen zum The­ma Sexua­li­tät und Macht damit nicht dis­qua­li­fi­ziert – ins­be­son­de­re für ein Prä­ven­ti­ons­pa­pier? Wenn die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz sol­chen Posi­tio­nen und Autoren zustimmt – beschä­digt sie nicht ihre eige­ne Glaub­wür­dig­keit bezüg­lich der gege­be­nen Präventionsversprechen?

Irrwege deutscher Sexualwissenschaftler

Auch in Deutsch­land pro­pa­gier­ten in den drei Jahr­zehn­ten nach der 68er sexu­el­len Revo­lu­ti­on renom­mier­te Sexu­al­wis­sen­schaft­ler wie Wolff, Laut­mann, Ber­nard, Sand­fort und Hel­mut Kent­ler ein­hel­lig die Auf­fas­sung, dass ein­ver­nehm­li­che Sexu­al­be­zie­hun­gen zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern letz­te­ren nicht scha­den wür­den. Die­ses human­wis­sen­schaft­li­che Fehl­ur­teil zur Recht­fer­ti­gung von Kin­der­sex hat­te maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Par­tei der Grü­nen, die in den 80er Jah­ren die Abschaf­fung des gesetz­li­chen Kin­der­schut­zes ver­lang­ten. Vol­ker Beck for­der­te als sexu­al­po­li­ti­scher Spre­cher der Grü­nen 1988 die „Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Pädo­se­xua­li­tät“. Spä­ter erklär­te er sei­ne Hal­tung mit den dama­li­gen human­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen. Noch bis 2010 för­der­te die Huma­ni­sti­sche Uni­on die pädo­phi­le Sze­ne. Erst im letz­ten Jahr­zehnt haben Uni-Stu­di­en die schänd­li­che Rol­le Hel­mut Kent­lers als Pädo­phi­len­ak­ti­vist und Draht­zie­her pädo­kri­mi­nel­ler Netz­wer­ke auf­ge­deckt. Die destruk­ti­ven Fol­gen sei­ner eman­zi­pa­to­risch-anti­fa­schi­sti­schen Sexu­alleh­re sind inzwi­schen bekannt.

Gleich­wohl füh­ren heu­ti­ge Sexu­al­wis­sen­schaft­ler wie Sie­lert, Valtl, Schmidt, Hen­ningsen, Tui­der u. a. als Schü­ler­ge­nera­ti­on Kent­lers des­sen hedo­ni­sti­sche Sexua­li­täts­an­sät­ze wei­ter. Alle genann­ten Autoren wer­den in dem Prä­ven­ti­ons­pa­pier in Text und Lite­ra­tur­ver­zeich­nis auf­ge­führt. Der Kie­ler Uni-Pro­fes­sor Uwe Sie­lert bau­te das links-libe­ra­le Sexu­al­kon­zept von Kent­ler zur „neo-eman­zi­pa­to­ri­schen Sexu­al­päd­ago­gik“ aus. Die Indi­vi­du­en sol­len ihre sexu­el­len Trie­b­ener­gien gren­zen­los aus­schöp­fen zur größt­mög­li­chen Lust­stei­ge­rung. Sie­lert pro­pa­giert die Instru­men­ta­li­sie­rung des Kör­pers zur Lust­ma­xi­mie­rung ein­schließ­lich von Mastur­ba­ti­on bei Kin­dern und frü­hest­mög­li­chem Geschlechtsverkehr.

Spä­ter erwei­ter­te Sie­lert sein Pro­gramm zu dem Kon­zept der „sexu­el­len Bil­dung“, das auch die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten in ihrem Posi­ti­ons­pa­pier als Master­plan für Sexu­al­päd­ago­gik bewer­ben. Danach sol­len alle „repres­si­ven“ Grund­nor­men im Geschlech­ter­be­reich ver­wischt und ver­wirrt wer­den. Ins­be­son­de­re sol­len Ehe und Fami­lie als Kern­fa­mi­lie „dena­tu­ra­li­siert“ und die Geschlech­ter­dua­li­tät von Mann und Frau in eine Gen­der­viel­falt auf­ge­löst wer­den. Schließ­lich sol­len die „inter­ge­ne­ra­ti­ven Sexua­li­täts­nor­men zwi­schen Kin­dern und Erwach­se­nen“ auf­ge­weicht wer­den. So klingt Recht­fer­ti­gung von Pädo­phi­lie im Wissenschaftsjargon.

In der Pra­xis­an­lei­tung emp­fiehlt Sie­lert den Eltern, ihre „Kin­der lust­voll zu strei­cheln“, damit schon Klein­kin­der „die Lust an sich selbst ent­decken“.3 In Kitas und Schu­len soll die päd­ago­gi­sche Früh­se­xua­li­sie­rung der Kin­der mit lust­sti­mu­lie­ren­den Gesprächsim­pul­sen, Bil­dern und Hand­lun­gen fort­ge­führt wer­den. Ist es nicht absurd, in einem kirch­li­chen Papier zur Miss­brauchsprä­ven­ti­on das sexu­al­päd­ago­gi­sche Kon­zept eines Autors zu über­neh­men, der pädo­phi­le Über­grif­fe durch Eltern und Erzie­her empfiehlt?

Präventiver Ansatz mit missbrauchsfördernden Ergebnissen

Kein Gerin­ge­rer als der Miss­brauchs­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Johan­nes-Wil­helm Rörig, moniert an den Bei­trä­gen der Autoren der Sie­lert-Schu­le, dass die pro­ak­ti­ve Hin­füh­rung der Kin­der zu sexu­el­len The­men und Prak­ti­ken die Hand­lungs­stra­te­gien von Miss­brauch­stä­tern begün­sti­ge: Bei Mäd­chen und Jun­gen, die schon früh an sexu­el­le The­men und grenz­über­schrei­ten­de Sexu­al­prak­ti­ken gewöhnt sei­en, „haben Täter ein leich­tes Spiel“.4

In einer luzi­den Ana­ly­se hat kürz­lich Prof. em. Dr. Kar­la Etschen­berg in zwei Bei­trä­gen die Wider­sprü­che der Sielert’schen Sexu­al­päd­ago­gik zwi­schen eman­zi­pa­to­risch-prä­ven­ti­vem Anspruch und miss­brauchs­för­dern­dem Ergeb­nis auf­ge­zeigt. Sie erläu­tert in dem Auf­satz: „Hel­mut Kent­lers Erbe und das beson­de­re sexu­al­päd­ago­gi­sche Kon­zept gegen den sexu­el­len Miss­brauch“ in acht Schrit­ten, wie mit dem eman­zi­pa­to­ri­schen Ansatz der sexu­el­len Bil­dung durch früh­se­xua­li­sie­ren­de Hand­lungs­an­lei­tung, Netz­werk­ver­brei­tung und Dif­fa­mie­rung der Kri­ti­ker in der Öffent­lich­keit der Boden für Miss­brauchs­för­de­rung berei­tet wird.5 In der Aus­ar­bei­tung des The­mas zu einem Video­vor­trag rei­chert sie die Text­va­ri­an­te mit wei­te­ren Zita­ten sowie anschau­li­chen Bil­dern und Ver­glei­chen an.6

Schon im Jahr 2000 hat­te eine Dozen­tin für Sexu­al­päd­ago­gik Sie­lerts Kon­zept der sexu­el­len Bil­dung in einen „Rat­ge­ber für Eltern zur kind­li­chen Sexu­al­ent­wick­lung“ umge­setzt. Die Autorin gehört neben Sie­lert zum wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat des Dort­mun­der Insti­tuts für Sexu­al­päd­ago­gik. In der von der Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung ver­teil­ten Bro­schü­re sind meh­re­re Stel­len zu fin­den, die als „Ein­la­dung zur Pädo­phi­lie ange­se­hen wer­den kön­nen“. Das gibt die Autorin einem Spie­gel-Inter­view auch selbst zu, ver­sucht aber die Zuar­beit ihrer Metho­de zu pädo­phi­len Stra­te­gien zu ver­harm­lo­sen.7 Nach Pro­te­sten nahm die dama­li­ge Bun­des­fa­mi­li­en­mi­ni­ste­rin Ursu­la von der Ley­en die Bro­schü­re als „miss­ver­ständ­lich und zwei­deu­tig“ aus dem Pro­gramm der BZgA.

Übergriffige Sexualpädagogik verdrängt die katholischen Werte von Liebe, Ehe und Familie

Trotz der pädo­phi­len Kom­pro­mit­tie­rung beherrscht die Sie­lert-Schu­le den Haupt­strom der sexu­al­päd­ago­gi­schen Lite­ra­tur und leg­te deren Stan­dards im deutsch­spra­chi­gen Raum fest. Beson­ders ein­fluss­reich ist Sie­lert als Mit­be­grün­der und Vor­stand der „Gesell­schaft für Sexu­al­päd­ago­gik“ (GSP). Die Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung ver­brei­tet in ihren Medi­en die liber­tä­re und über­grif­fi­ge Sexu­al­päd­ago­gik der GSP. Auch in Tei­len der deut­schen Kir­che konn­te sie ein­sickern, was sich etwa 2016 bei der Fach­ta­gung im Erz­bis­tum Ber­lin über „Sexu­al­päd­ago­gik unter dem Dach der Kir­che“ zeig­te.

Dort hat­te die GSP-zer­ti­fi­zier­te Sexu­al­päd­ago­gin Ann-Kath­rin Kah­le einen Grund­la­gen­text von Sie­lert vor­ge­stellt. Seit 2015 ist sie Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­te des Bis­tums Mün­ster. In einem Sam­mel­band von 2016 zu „Sexu­al­päd­ago­gik kon­tro­vers“, im Lite­ra­tur­ver­zeich­nis des Posi­ti­ons­pa­piers ange­ge­ben, hat sie mit dem enge­ren Kreis der Sie­lertschu­le wie Tui­der, Tim­mer­manns, Hen­ningsen u. a. publi­ziert. Kah­le ist die (Presse-)Sprecherin des ‚Arbeits­krei­ses sexu­el­ler Bil­dung der Bun­des­kon­fe­renz der diö­ze­sa­nen Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten‘. Ver­mut­lich gehört sie zum Autoren­kreis des vor­ge­stell­ten Textes.

Der Eltern­ver­ein Nord­rhein-West­fa­len hat kürz­lich in einem Offe­nen Brief an die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz mit deut­li­chen Wor­ten gegen das Posi­ti­ons­pa­pier pro­te­stiert. Die Eltern­ver­tre­ter ver­wei­sen dar­auf, dass sich unter dem not­wen­di­gen Auf­trag zur Miss­brauchsprä­ven­ti­on mit der Über­nah­me des Sie­lert-Kon­zep­tes von neo-eman­zi­pa­to­ri­scher Sexu­al­bil­dung pädo­phil­na­he Sexu­al­päd­ago­gen im Raum der Kir­che breit­ge­macht haben. Außer­dem bekla­gen sie, dass in dem Papier die katho­li­schen Wer­te von Ehe und Fami­lie aus Vater, Mut­ter und Kind(ern) sowie lebens­lan­ge Bin­dung und Treue als Kli­schees und über­hol­te Nor­men abge­wer­tet wer­den. Die besorg­ten Eltern for­dern, dass die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz den ein­ge­lei­te­ten Para­dig­men­wech­sel in der Sexu­al­päd­ago­gik stop­pen und das befremd­li­che Posi­ti­ons­pa­pier ver­wer­fen soll­te. Wei­ter­hin erwar­ten sie, dass sich die Bischö­fe wie­der auf die katho­li­schen Wer­te besin­nen mit der Ori­en­tie­rung auf Ehe und Fami­lie als Ziel der Sexu­al­päd­ago­gik, die einen „ganz­heit­li­chen, ent­wick­lungs­sen­si­blen und die Scham­gren­zen der Kin­der“ ach­ten­den Ansatz ver­fol­gen müsse.

Die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten machen sich die Gen­der­ideo­lo­gie zu eigen, wenn sie die Sexua­li­tät als eine belie­big gestalt­ba­re gesell­schaft­li­che „Kon­struk­ti­on“ anse­hen. Für die Eltern dage­gen ist die Sexua­li­tät von Mann und Frau die „iden­ti­täts­stif­ten­de Grund­la­ge der Per­son, Kör­per­spra­che der Lie­be, Zei­chen und Kraft der Bin­dung, Quel­le des Lebens und natür­lich auch der Lust und des Glücks“.8 Nach christ­li­cher Auf­fas­sung ist die von der bio­lo­gi­schen Natur bzw. der Schöp­fungs­ord­nung gege­be­ne Sexua­li­tät in den Dienst der Lie­be und Treue, der Wei­ter­ga­be des Lebens und der fami­liä­ren Bin­dung zu stellen.

Gen­der-ideo­lo­gi­sche Sprach­a­kro­ba­tik in der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz und den deut­schen Bistümern

Gutgemeinte Zielsetzungen – mit fatalen Folgen

Auf die Kri­tik des Eltern­ver­eins haben der Spre­cher der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz wie auch die Autoren des Posi­ti­ons­pa­piers gereizt reagiert. Der Arbeits­kreis der Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten ließ ver­lau­ten, dass er den Vor­wurf zurück­wei­se, „sexu­el­le Bil­dung auf einen pädo­phi­len Ansatz stüt­zen zu wol­len“. Die Eltern­ver­tre­ter haben jedoch mit kei­nem Wort den Autoren einen ent­spre­chen­den Wil­len oder gar die Inten­ti­on zu einem pädo­phi­len Ansatz unter­stellt. Man kann den Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten durch­aus gute sub­jek­ti­ve Absich­ten zuge­ste­hen bei ihrem Ziel, durch sexu­el­le Bil­dung „die Stär­kung der Sprach­fä­hig­keit und Kom­pe­tenz­er­wei­te­rung aller Kin­der und Jugend­li­chen“ errei­chen zu wol­len. Aber indem sie sich auf die „Erkennt­nis­se aus For­schung und Wis­sen­schaft“ der Sie­lert-Schu­le stüt­zen, stel­len sie ihr gut­ge­mein­tes Vor­ha­ben in einen Bezugs­rah­men, der objek­tiv zu kon­tra­pro­duk­ti­ven Ergeb­nis­sen führt.

Genau das haben der Miss­brauchs­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung und ande­re Kri­ti­ker der neo-eman­zi­pa­to­ri­schen Sexu­al­päd­ago­gik aufgedeckt:

  • Die Her­an­füh­rung schon klei­ner Kin­der an sexu­el­le The­men und Sexu­al­prak­ti­ken arbei­tet den Hand­lungs­stra­te­gien der Täter in die Hän­de (Joh.-Wilhelm Rörig).
  • Die renom­mier­te Päd­ago­gik­ex­per­tin Prof. Kar­la Etschen­berg hat die objek­ti­ven Wider­sprü­che der Sielert’schen Sexu­al­bil­dung zwi­schen eman­zi­pa­to­risch-prä­ven­ti­vem Anspruch und miss­brauchs­för­dern­dem Ergeb­nis syste­ma­tisch dar­ge­stellt (sie­he oben).
  • Mit der Über­tra­gung der Begrif­fe wie „Recht auf Sexua­li­tät“ und „sexu­el­le Selbst­be­stim­mung“ (auf S. 12 des Papiers) aus dem Kon­text aus­ge­reif­ter Sexua­li­tät von Erwach­se­nen auf vor­pu­ber­tä­re Kin­der und sogar Klein­kin­der wer­den den noto­ri­schen Miss­brauch­stä­tern Stich­wor­te gege­ben und Wege bereitet.
  • Auch die Anlei­tung und Gewöh­nung der Kin­der an infan­til­se­xu­el­le Hand­lun­gen bedeu­ten Zuar­beit zu den Tätern, die nach Ver­trau­ens­an­bah­nung selbst­ver­ständ­lich nur dem Kind ‚ange­neh­me‘ Kör­per­kon­tak­te anstreben.
  • Damit wird sowohl die juri­sti­sche Defi­ni­ti­on von Miss­brauchs­hand­lun­gen „gegen den Wil­len“ der Opfer unter­lau­fen als auch die viel zu enge prä­ven­ti­ve Ziel­ori­en­tie­rung als „Schutz vor sexua­li­sier­ter Gewalt“. Schon aus der MHG-Stu­die hät­ten die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten die For­schungs­er­kennt­nis­se ent­neh­men kön­nen, dass die mei­sten Täter auf die sanf­te Tour der Ein­ver­nehm­lich­keit hinarbeiten.
  • Im Übri­gen zei­gen die säku­la­re Oden­wald­schu­le wie auch das Bon­ner Aloi­si­us­kol­leg der Jesui­ten das pre­kä­re Ergeb­nis, dass sexu­al­li­be­ra­le Eman­zi­pa­ti­ons­päd­ago­gik nicht nur kei­ne Prä­ven­ti­ons­ef­fek­te erbrach­te, son­dern als syste­mi­sche Bedin­gung mas­sen­haf­ten Miss­brauch beförderte.

Mit der wis­sen­schaft­li­chen Kri­tik an dem Kon­zept der sexu­el­len Bil­dung haben sich Sie­lert und sei­ne Schü­ler nie ernst­haft aus­ein­an­der­ge­setzt – offen­sicht­lich auch nicht die Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten. Es gehört aber grund­le­gend zum wis­sen­schaft­li­chen Ethos, sich der Kri­tik von ande­ren Wis­sen­schaft­lern zu stel­len – audia­tur et alte­ra pars: Man höre auch die ande­re Sei­te! Die ver­ant­wort­li­chen Bischö­fe soll­ten sich und die von ihnen beauf­trag­ten Prä­ven­ti­ons­ex­per­ten in die Pflicht neh­men, den wis­sen­schaft­li­chen Text oder das Auf­klä­rungs­vi­deo von Prof. Etschen­berg zu stu­die­ren.9

Solan­ge die schwer­wie­gen­den Beden­ken zu dem sexu­al­päd­ago­gi­schen Ansatz der Sie­lertschu­le mit sei­nen mög­li­cher­wei­se miss­brauchs­för­dern­den Ergeb­nis­sen nicht aus­ge­räumt sind, soll­te das umstrit­te­ne Posi­ti­ons­pa­pier auf Eis gelegt werden.

Bild: Prävention-kirche.de (Screen­shots)


1 https://www.praevention-kirche.de/fileadmin/redaktion/praevention/portalseite/Downloads/2021–04-06_Positionspapier-Schnittstelle-Praevention-sex-Gewalt-und-Bildung_final.pdf

2 Ein ein­zi­ger Hin­weis auf exter­ne Autoren auf Sei­te 235 der MHG-Studie

3 Frank Her­rath / Uwe Sie­lert: Eltern­in­for­ma­ti­on S. 21, Bei­la­ge zu: Lisa und Jan. Ein Auf­klä­rungs­buch und ihre Eltern, Beltz-Ver­lag 1991

4 Kom­men­tar von Johan­nes-Wil­helm Rörig, taz vom 16. 2. 2015

5 Quel­le: http://www.k‑etschenberg.de/resources/KENTLERS+Erbe.pdf, 2/2021

6 Vor­trag von Prof. Dr. Kar­la Etschen­berg auf dem Online-Sym­po­si­um der ‚Demo für alle‘ mit dem Titel »Heik­le Bezie­hun­gen: Sexu­al­päd­ago­gik und Kin­des­miss­brauch« am 17. April 2021.

7 Inter­view mit Ina-Maria Phil­ipps auf Spie­gel online, 6. August 2007

8 http://www.elternverein-nrw.de/wp-content/uploads/2021/05/Offener-Brief-an-die-Deutsche-Bischofskonferenz-12.05.21.pdf

9 https://symposium2021.de/videos/

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