Das Viganò-Dossier und der Fall Tegucigalpa

Oscar Rodriguez Maradiaga Vigano-Dossier
Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga nahm zum Viganò-Dossier Stellung, in dem er selbst namentlich genannt und schwer belastet wird.

(Rom) Das Memorandum des ehemaligen Nuntius in den USA, Msgr. Carlo Maria Viganò, erschüttert das derzeitige Pontifikat. Auch in Honduras schlug das Dossier wie ein Blitz ein. Auch der dortige Primas, Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, wird im Memorandum erwähnt und schwer belastet.

Wußte Papst Franziskus von den Schandtaten von Kardinal Theodore McCarrick und rehabilitierte ihn dennoch? Das behauptet der ehemalige vatikanische Spitzendiplomat und verlangt den Rücktritt von Papst Franziskus. Es gebe keinen „begründeten Anlaß“ am Wahrheitsgehalt von Msgr. Viganòs Darstellung zu zweifeln, sagte einer der weltweit renommiertesten Bischöfe, Msgr. Athanasius Schneider, und forderte eine „Reinigung der Kirche von Homo-Cliquen“.

Im Vatikan wird aber nicht einmal der Versuch einer Verteidigung unternommen. Vielmehr erklärte Papst Franziskus, er werde zum Dossier nichts sagen. Die Tagespost veröffentlichte das vollständige Dossier im deutschen Wortlaut. Die von Franziskus vorgegebene Strategie wird offiziell auch vom Heiligen Stuhl verfolgt. Rom hofft das Problem offensichtlich aussitzen zu können.

Unterdessen wurde versucht, die Glaubwürdigkeit von Msgr. Viganò zu diskreditieren, ohne auf den Inhalt seines Dossiers einzugehen. Man solle „zu solchen Sachen nicht ins Detail gehen“, meinte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin lapidar.

Papst Franziskus und der Fall Tegucigalpa

Oscar Rodriguez Maradiaga Vigano Honduras
Oscar Rodriguez Maradiaga; „Ich bin das Opfer eines Medien-Auftragskillers“

Einen ganz eigenen Weg geht einer der engsten Vertrauten von Papst Franziskus, der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, Erzbischof von Tegucigalpa und Koordinator des C9-Kardinalsrates zur Kurienreform und zur Leitung der Weltkirche. Sein Erzbistum ist, folgt man Edward Pentin, einem der bekanntesten Vatikanisten der USA, im Mittelpunkt eines Skandals, der jenem von Ex-Kardinal McCarrick um nichts nachsteht. Wenige Tage bevor Papst Franziskus McCarrick die Kardinalswürde aberkannte, emeritierte er Maradiagas rechte Hand. Msgr. Juan José Pineda wurde seines Amtes als Weihbischof von Tegucigalpa entbunden.

Offiziell erfolgten beide Maßnahmen auf Wunsch der Betroffenen. Das ist in der Kirche so Praxis, entspricht in den konkreten Fällen aber mitnichten den Tatsachen. In beiden Fällen sorgten Medienberichte für ein Eingreifen Roms. Das ist nun Anlaß zu heftiger Kritik, denn Rom habe „zu spät“ eingegriffen, obwohl das Fehlverhalten schon seit Jahren bekannt war. Im Fall Pineda hatte Franziskus einen seiner argentinischen Vertrauten, Msgr. Jorge Pedro Casaretto, nach Tegucigalpa entsandt. Casarettos Abschlußbericht, der den Weihbischof schwer belasten soll, lag seit Mai 2017 auf dem Schreibtisch des Papstes, ohne daß dieser einen Handlungsbedarf sah. Erst als Edward Pentin im vergangenen Frühjahr Pinedas homosexuelles Doppelleben und Frgaen zu mutmaßlichen finanziellen Unregelmäßigkeiten an die Öffentlichkeit brachte, sah sich der Heilige Stuhl zum Einschreiten genötigt. Selbst dann wurde Pineda weder ein Vorwurf gemacht noch Strafmaßnahmen gegen ihn ergriffen.

Kardinal will von Kritik an seinem Ex-Weihbischof nichts wissen

Kardinal Maradiaga, Pinedas Vorgesetzter in Honduras, will bis heute von Vorwürfen gegen seinen engsten Mitarbeiter nichts wissen. Dem Kardinal selbst wurde in den vergangenen Monaten nicht nur vorgeworfen, Pinedas Homo-Streifzüge im eigenen Priesterseminar gedeckt zu haben, sondern auch selbst ein unklares Finanzgebaren an den Tag gelegt zu haben. Unter anderem ließ sich der Kardinal von der Katholischen Universität von Honduras jährlich 600.000 Dollar auf Privatkonten überweisen.

In einem Interview mit Fides Digital, der Internetseite von Fides, der katholischen Wochenzeitung von Honduras (nicht zu verwechseln mit dem Mission-Pressedienst Fides in Rom), nahm Kardinal Maradiaga am 29. August zum sexuellen Mißbrauchsskandal in der Kirche und zum Viganò-Dossier Stellung. Fides Digital gehört zum Suyapa-Medienkonzern, der von Kardinal Maradiaga kontrolliert wird.

Wahrscheinlich ahnte der Kardinal bereits, daß die Parallelen zwischen dem Fall McCarrick und dem Fall Pineda bald auffallen würden. Maradiaga ging daher präventiv zum Angriff über. Er bezeichnete sich selbst als „Opfer“ von Edward Pentin, den er einen „Sicario“, einen Auftragskiller, nannte. Namentlich genannt und schwer belastet wird der Kardinal ohnehin durch das Viganò-Dossier.

Maradiaga: „Das Hauptziel ist Papst Franziskus“

Die entscheidende Stelle des Interviews im Wortlaut:

Fides Digital: Die Medien haben einen elfseitigen Brief des ehemaligen Nuntius Carlo Maria Viganò veröffentlicht, in dem er sehr schwere Vorwürfe gegen Sie erhebt. Was können Sie uns dazu sagen?

Kardinal Maradiaga: Seit ungefähr drei Jahren bin ich das Opfer eines „Sicario„, der eine Medien-Hetzjagd betreibt. Sein Name ist Edward Pentin, und er arbeitet für eine EWTN-Zeitung namens National Catholic Register. Ich habe noch nie mit ihm gesprochen, aber er hat die „anonyme Verleumdung“ übernommen, die von einem anderen, honduranischen „Sicario“ in einem lokalen Medium veröffentlicht wurde, das mich ständig beleidigt und verleumdet. Wer bin ich, der Erzbischof einer kleinen Diözese und eines kleinen Landes, um in der Weltpresse verleumdet und diffamiert zu werden ohne Möglichkeit zur Verteidigung? Offensichtlich ist der einzige Grund dafür, weil ich der Koordinator des C9-Kardinalsrates bin, der an der Kurienreform arbeitet. Die Feinde dieser Reform wollen diesen Rat beseitigen. Das Hauptziel ist Papst Franziskus.
Ich wurde vom Schreiben von Msgr. Viganò überrascht, da das nicht die Person ist, die ich seit etlichen Jahren kenne.
Die Sünde der Verleumdung und der Diffamierung ist sehr ernst. Damit sie vergeben werden kann, ist es notwendig, daß der Urheber den Schaden wiedergutmacht. Wie können das die Urheber von diesem Medienzirkus? Es scheint mir, daß sie nicht verstanden haben, daß die Kirche menschlich und göttlich ist, natürlich und übernatürlich, immanent und transzendent. Ohne Glauben kann man das nicht verstehen. Den Rücktritt des Papstes zu fordern, ist meines Erachtens eine Sünde gegen den Heiligen Geist, der letztlich die Kirche leitet, wie wir im Glaubensbekenntnis sagen: „Herr und Spender des Lebens“.
Ich hege keinen Groll gegen irgendeinen meiner Gegner, aber ich bete für sie, daß sie ihr Leben in Frieden umwandeln und weiterführen. Das Schlimmste, was einem Mensch passieren kann, ist, sich durch die Sünde von Gott zu entfernen.

Das Interview wurde noch am selben Tag vom progressiven Nachrichtenportal Religion Digital vollinhaltlich übernommen.

Pentin: „Kardinal hat auf keine Anfrage geantwortet“

Edward Pentin, vom Kardinal als „Auftragskiller“ bezeichnet, reagierte am 30. August mit einer Stellungnahme gegenüber der britischen Wochenzeitung The Catholic Herald:

„Es ist sehr traurig und bedauerlich, daß sich der Kardinal dafür entscheiden hat, diesen Angriff zu beginnen, anstatt sich mit den sehr ernsten Angelegenheiten der Kirche in Honduras zu befassen, über die ich berichtet habe, und auf die er noch zu antworten hat.“

Pentin wiederholte zugleich in Stichworten die Anschuldigungen gegen Kardinal Maradiaga und Ex-Weihbischof Pineda, auf die der honduranische Purpurträger bisher eine öffentliche Erklärung schuldig geblieben ist. Der US-Vatikanist erinnerte an die 1,3 Millionen Dollar, die Pineda von der honduranischen Regierung für ein karitatives Projekt erhalten habe, die aber auf seine Privatkonten geflossen seien; an die Geldzahlungen der Katholischen Universität von Honduras an Kardinal Maradiaga; an Unregelmäßigkeiten in den Finanzen des Erzbistums Tegucigalpa und an das bereits erwähnte Homo-Problem im Priesterseminar von Honduras.

Pentin betonte zudem, dem Kardinal in diesem Jahr bereits vier Anfragen um Beantwortung einiger Fragen übermittelt, aber keine Antwort erhalten zu haben. Er habe ihn auch um ein Treffen angeboten, um ihm die Möglichkeit zu geben, seine Sicht der Dinge darzulegen. Auch darauf reagierte der enge Papst-Vertraute nicht. Es entspreche daher nicht den Tatsachen, daß der Kardinal „Opfer“ einer „Hetzjagd“ sei, ohne sich verteidigen zu können.

Papst Franziskus betrifft nicht nur der Fall McCarrick, sondern ebenso der Fall Tegucigalpa. Der Papst verweigert die Antworten. Wie lange noch?

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Catholic Herald/Fides Digital (Screenshots)

1 Kommentar

  1. Nach Maradiagas Aussage betreibt Pentin eine Hetzjagd auf ihn. Im Artikel kommt klar heraus, dass dies nicht der Fall ist: denn der Kardinal hätte sich dem Journalisten stellen können.

    „Pentin betonte zudem, dem Kardinal in diesem Jahr bereits vier Anfragen um Beantwortung einiger Fragen übermittelt, aber keine Antwort erhalten zu haben. Er habe ihn auch um ein Treffen angeboten, um ihm die Möglichkeit zu geben, seine Sicht der Dinge darzulegen.“

    Und dann heißt es:

    „Auch darauf reagierte der enge Papst-Vertraute nicht. Es entspreche daher nicht den Tatsachen, daß der Kardinal „Opfer“ einer „Hetzjagd“ sei, ohne sich verteidigen zu können.“

    Nehmen wir einmal das Wort „Hetzjagd“, so können wir doch sicher schließen, dass sich der Kardinal auch ‚gehetzt‘ fühlt. Hätte er ein reines Gewissen und eine reine Weste, bestünde dazu überhaupt kein Anlass.

    Weiter heißt es aus Maradiagas Mund, er hege keinen Groll. Wer sich ein bisschen mit der menschlichen ‚Psyche‘ auskennt, weiß dass die ausgesprochene Negation ‚keinen Groll‘ im Bewusstsein eben doch als ‚Groll‘ verankert ist. Als weiteres Beispiel dazu: Jemand sagt: „Ich fühle mich nicht überfordert!“ – oder „Ich fühle mich nicht krank“, sind die Worte ‚Überforderung‘ und ‚Krankheit‘ trotz allem fest in seinem Bewusstsein verortet.

    Diese Art der Rhetorik ist im ganzen Umfeld von Papst Franziskus zu erkennen und sehr aus ausgeprägt.

    Grausam liest sich dann Maradiagas Hinweis, wer sich gegen den Kurs von Franziskus ausspreche, begehe die Sünde gegen den heiligen Geist.

    Diese Sünde ist jene einzige, die bekanntlich nicht vergeben kann. Wer eins und eins zusammenzählt, liest aus dem Kontext heraus: Maradiaga hegt wirklich keinen einfachen ‚Groll‘, sondern eine darüber hinausgehende viel tiefer gehende Haltung des ‚Verurteilens und Richens‘, die leider angefeuert durch die Leidenschaft emotional fußt auf Gefühlen der Minderwertigkeit, des Hochmuts und den Affekten der Rache und des Zorns. Können sich diese Affekte nicht direkt Bahn brechen, suchen sie ihren Abfluss im ‚Ignorieren‘, ‚Kaltstellen‘, ‚Nichtbeachten‘, ‚Finstere-Mine-machen‘, ‚Wutausbrüchen‘ vor Vertrauten, Absetzungen.

    Maradiaga besitzt m.E. keine Inegrität. Wenn er indirekt und subtil sagt: „Kritiker kommen in die Hölle.“, handelt es sich dabei um einen ganz gemeinen und armseligen Einschüchterungsversuch!

    Insgesamt ist zum Problemfall McCarrick, der nur die Spitze des Eisberges darstellt, noch zu sagen: Natürlich sollte man sich fragen, ‚wann‘ die letzten Missbrauchsfälle vorgekommen sind. Und schließlich auch: Macht es Sinn, einen damals 83jahrigen Mann zu sanktionieren und öffentlich bloßzustellen? Diese Fragen sind berechtigt. – Doch Kirchenrecht (mit Sündenvergebung und Barmherzigkeit) schließt die weltliche Gerichtsbarkit nichts aus. Die Opfer haben ein Anrecht auf Genugtuung durch ein gerechtes weltliches Urteil. Himmelschreiende Sünden sind Todsünden. Sie weisen auf ein krankhaftes Seelenleben hin. Vor der Einflussnahme solchen Denkens sollte sich Kirche, insbesondere der Papst, schützen. Solange die Opfer leben, vejährt ein solches Verbrechen nicht; und das Amt nimmt schwersten Schaden.

    Ich finde es gut, dass in den getrennten orthodoxen Kirchen der Christenheit, nur Mönche zu Bischöfen ernannt werden dürfen. Unser Problem ist ein Priesterum, dass sich lange schon vom Zölibat verbschiedet hat; man befrage einmal die modernen Gemeindepfarrer. Ich denke, zwischen 60 und 80 % sind gegen das, was sie verspochen haben!

    Alles in allem: Wenn Nulltoleranz gepredigt wird, muss sie auch eingehalten werden. Es war äußerst ungeschickt von Papst Franziskus, den begnadigten McCarrick als Papstberater und Strippenzieger einzusetzen.

    Liegen zum Beispiel die Missbrauchsfälle 50 Jahre zurück, muss darauf geschaut werden, welche Agenda McCarrick verfolgt: Und diese lässt sich klar als Homosexuellenagenda innerhalb der ‚erneuerten Kirche‘ unter Papst Franziskus ausmachen.

    Der Kernpunkt im desaströsen Pontifikat von Papst Franziskus ist die Kapitulation vor dem Geist dieser Welt. Sexualität, in welcher Form auch immer, wird als Menschenrecht angesehen und vom Naturrecht, der göttlichen Ordnung der erlaubten Sexuaität, getrennt. Das aber nennt die Kirche ‚Unzucht‘.

    Betrachten wir dagegen einmal Kardinal Sarah: Sein Wesen ist ruhig, friedvoll, unaffektiert liebenswürdig, abgeklärt, fest. Man glaubt diesem Mann jedes Wort. Ebenso Msgr. Athanasius Schneider oder Kardinal Burke. Bei Franziskus und seinen engen Mitarbeitern kommt hingegen immer etwas Unreifes, Jugendliches und Verletztes mit hervor: eine Art Protesthaltung der Zerstörung! Sie verstehen sich als Sachwalter der Verletzten, Armen, Unterdrückten; was ja auch gut und biblisch ist. Sie besitzen jedoch nicht die Reife, und man verzeihe mir diese Offenheit: die Menschen in eine Ordnung zu überführen, die die göttliche ist.

    Man müsste frei gesprochen die Freundlichkeit Franziskus mit der Strenge und Integrität Kardinal Sarahs mischen, wobei Franziskus für den menschlichen Part verantwortlich wäre, Kardinal Sarah aber für den Spirituellen (den Kern und die Innerlichkeit).

    Meine Beobachtung hinsichtlich der beschriebenen Freundlichkeit innerhalb der nachkonziliaren Kirche und vieler ihrer geweihten Vertreter ist diese:

    In Krisenzeiten, also dann wenn es wirklich um Auseinandersetzung und Kommunikation geht, ist diese keinen Pfifferling wert. Ein anderes Gesicht kommt zum Vorschein.

    Die Freundlichkeit dient lediglich als Zugpfert, Anhänger medienwirksam zu gewinnen.

    Insgesamt ergibt sich aus dieser kleinen Charakterstudie ein trauriges Bild für so manchen ‚gehetzten‘ Kirchenfürsten.

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