Der uneinsichtige Revolutionär – Zum Tod von Ernesto Cardenal

Der „Vermittler“ zwischen Marxismus und Christentum, der der Kirche großen Schaden zufügte

Zum Tod von Ernesto Cardenal, dem „Vermittler zwischen Marxismus und Christentum“
Zum Tod von Ernesto Cardenal, dem „Vermittler zwischen Marxismus und Christentum“

(Mana­gua) Am Sonn­tag ist in der nica­ra­gua­ni­schen Haupt­stadt Mana­gua der Prie­ster, Befrei­ungs­theo­lo­ge, Dich­ter und mar­xi­sti­sche Revo­lu­tio­när und Poli­ti­ker Erne­sto Car­denal im Alter von 95 Jah­ren ver­stor­ben. Gefei­ert wur­de und wird er als „Ver­mitt­ler zwi­schen Mar­xis­mus und Chri­sten­tum“.

Car­denal stand poli­tisch so weit links, daß er sich vom heu­te in Nica­ra­gua erneut regie­ren­den Haupt­strang des San­di­nis­mus trenn­te, um des­sen „ursprüng­li­chen Idea­len“ treu zu blei­ben.

Cardenal 1983 vor Johannes Paul II.: theatralische Geste ohne Gehorsam
Car­denal 1983 vor Johan­nes Paul II.: thea­tra­li­sche Geste ohne Gehor­sam

Ohne öffent­lich ein Signal der Reue zu zei­gen, wur­de er von Papst Fran­zis­kus im Febru­ar 2019 reha­bi­li­tiert, wes­halb nun geschrie­ben wur­de, er sei „in Gemein­schaft mit der Kir­che“ gestor­ben. Ent­spre­chend unkri­tisch war auch die Bericht­erstat­tung der Vati­kan­me­di­en. Vati­can News titel­te: „Nica­ra­gua in Trau­er“. Die Tat­sa­che, daß er auf päpst­li­che Anwei­sung jahr­zehn­te­lang von sei­nem Prie­ster­tum sus­pen­diert war, wur­de auf einen offen­kun­dig wohl­wol­len­den Satz redu­ziert:

„Seit dem 30. Janu­ar 1985 hielt er wei­ter am Leben des zöli­ba­tä­ren Prie­ster­tums und der Armut fest, auch wenn er die Sakra­men­te kirch­lich nicht mehr ver­wal­ten konn­te wegen der Sus­pen­die­rung a divi­nis.“

Die For­mu­lie­rung läßt mit gutem Grund offen, ob Erne­sto Car­denal auch ohne kirch­li­che Erlaub­nis sein Prie­ster­tum wei­ter aus­üb­te und die Sakra­men­te spen­de­te.

Öffent­lich-recht­li­che Medi­en im deut­schen Sprach­raum zeig­ten sich nicht weni­ger trau­ernd, wenn auch etwas abge­klär­ter, was damit zu tun haben dürf­te, daß Erne­sto Car­denal wegen sei­nes hohen Alters vor allem für jün­ge­re Jour­na­li­sten nicht mehr eine ver­trau­te Grö­ße war. Nichts­de­sto­trotz: Die christ­li­che Lin­ke trau­ert um ihn, und das nicht so sehr um den Prie­ster, son­dern um den Poli­ti­ker. Erne­sto Car­denal war in den 70er und den 80er Jah­ren ein Sym­bol der poli­ti­schen Lin­ken in Euro­pa, vor allem der Neo­mar­xi­sten, aus denen in unse­ren Brei­ten die Links­grü­nen her­vor­gin­gen, denen sich Kin­der aus bür­ger­li­chen und christ­li­chen Fami­li­en anschlos­sen.

Erne­sto und sein 2016 ver­stor­be­ner Bru­der Fer­nan­do Car­denal, Jesu­it und eben­falls Prie­ster, waren füh­ren­de Köp­fe des von Kuba und der UdSSR unter­stütz­ten Fren­te San­di­ni­sta de Libe­r­ación Nacio­nal (FSNL). Bei­de Brü­der wur­den nach der Revo­lu­ti­on von 1979 Mini­ster in der sozia­li­sti­schen Regie­rung von Dani­el Orte­ga. Zuerst wur­de Erne­sto Car­denal Kul­tur­mi­ni­ster, dann sein Bru­der Fer­nan­do Bil­dungs­mi­ni­ster, der zuvor bereits sei­nen Bru­der bera­ten hat­te. Den Bil­dungs- und Kul­tur­be­reich hiel­ten sie meh­re­re Jah­re fest in ihrer Hand, um ihn im Sin­ne der Revo­lu­ti­on umzu­ge­stal­ten. Auf die Brü­der Car­denal geht eine Bil­dungs­of­fen­si­ve zurück, mit der die „ent­rech­te­ten Mas­sen“ Zugang zur Bil­dung erhal­ten soll­ten. Die Grund­re­chen­übun­gen wur­den nicht wie gewohnt mit Äpfeln oder Bir­nen dar­ge­stellt, son­dern mit Kalasch­ni­kows.

Cardenal mit dem Vorbild Fidel Castro
Car­denal mit dem Vor­bild Fidel Castro

Wie tief die lin­ken Sym­pa­thien reich­ten, zeig­te die Ver­lei­hung des Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels an Erne­sto Car­denal im Jahr 1980, die ein „Dan­ke­schön“ der deut­schen Salon­lin­ken für die gelun­ge­ne Revo­lu­ti­on der extre­men Lin­ken in Nica­ra­gua war. Die unbe­küm­mer­te Soli­da­ri­tät der gemä­ßig­ten Lin­ken mit der radi­ka­len und auch extre­men Lin­ken muß immer neu ver­blüf­fen ange­sichts ihres uner­bitt­li­chen Kamp­fes gegen rechts (nicht etwa rechts­ra­di­kal oder rechts­ex­trem).

Bis zuletzt zeig­te Erne­sto Car­denal geist­lich kei­ne erkenn­ba­re Reue und gab sich poli­tisch unein­sich­tig. Er sei „San­di­nist, Mar­xist und Christ“, lau­te­te sein Cre­do. Noch kurz vor sei­nem Tod beton­te er stolz, daß er einen nicht uner­heb­li­chen Bei­trag zur bewaff­ne­ten Revo­lu­ti­on gelei­stet habe, auch „durch mei­ne Poe­sie“, für die er im Westen ger­ne gefei­ert wur­de. Auf ihn pro­ji­zier­ten die Lin­ken in West­eu­ro­pa meh­re­re Jah­re lang ihre Sehn­süch­te. Das war zu einer Zeit, als der Eiser­ne Vor­hang und der Ost­block noch exi­stier­ten, es aber nicht mehr en vogue war, sich direkt mit dem sowje­ti­schen Kom­mu­nis­mus zu soli­da­ri­sie­ren. Man tat es über immer neue Umwe­ge in der Drit­ten Welt. Die blu­ti­ge Revo­lu­ti­on und die san­di­ni­sti­sche Dik­ta­tur waren eine Etap­pe davon.

Über Erne­sto Car­denal, sei­nen Bru­der Fer­nan­do Car­denal und Nica­ra­gua:

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: InfoCatolica/Teologia del pue­blo (Screen­shots)