Miguel D’Escoto gestorben — Sandinist, Befreiungstheologe, marxistischer Revolutionär, suspendierter Priester — von Papst Franziskus wiedereingesetzt

Miguel D'Escoto wird im Bild mit dem höchsten nicaraguanischen Orden geehrt. Der marxistische Befreiungstheologe und Priester ist am Donnerstag im Alter von 84 Jahren gestorben.
Miguel D'Escoto wird im Bild mit dem höchsten nicaraguanischen Orden geehrt. Der marxistische Befreiungstheologe und Priester ist am Donnerstag im Alter von 84 Jahren gestorben.

(Mana­gua) „Bestür­zung und Schmerz“ herr­schen unter den nica­ra­gua­ni­schen Revo­lu­tio­nä­ren über den Tod des San­di­ni­sten Miguel D’Escoto – einen lan­ge Zeit a divi­nis sus­pen­dier­ten katho­li­schen Prie­ster, den Papst Fran­zis­kus 2014 wie­der in sein Prie­ster­tum ein­setz­te.

Am spä­ten Don­ners­tag­nach­mit­tag gab die „Genos­sin“ Rosa­rio Muril­lo Zam­bra­na, Ehe­frau des san­di­ni­sti­schen Staats­prä­si­den­ten Dani­el Orte­ga und selbst Vize­prä­si­den­tin von Nica­ra­gua, „den Revo­lu­tio­nä­ren“ die „trau­ri­ge Nach­richt“  bekannt.

Die nica­ra­gua­ni­sche Regie­rung und die Prä­si­di­al­kanz­lei ver­öf­fent­lich­ten eine gemein­sa­me Erklä­rung:

„Mit gro­ßer Bestür­zung und tie­fem Schmerz teilt die Regie­rung der Ver­söh­nung und der natio­na­len Ein­heit und die Prä­si­dent­schaft der Repu­blik unse­rem Volk den Fort­gang zu einer ande­ren Ebe­ne des Lebens des Kanz­lers der Natio­na­len Wür­de, Trä­ger des Augu­sto-Cesar-San­di­no-Ordens und des Car­los-Fon­se­ca-Ama­dor-Ordens, Pater Miguel D’Escoto Brock­mann, mit.

Am Don­ners­tag­nach­mit­tag habe sich der Gesund­heits­zu­stand von Pater Miguel uner­war­tet ver­bes­sert, so daß er sich „von uns allen ver­ab­schie­den konn­te“. Er habe auf­ge­for­dert, in der „Voll­endung der Bestre­bun­gen und der Träu­me unse­res Vol­kes fort­zu­fah­ren“, und sicher­te zu, dies von „der ande­ren Ebe­ne des Lebens“ zu tun, wo er „für uns Chri­sten Chri­stus Jesus, dem Erlö­ser der Welt, begeg­net“.

„Miguel D’Escoto Brock­mann, San­di­nist, Kämp­fer, Intel­lek­tu­el­ler, Kom­mu­ni­ka­tor, Theo­lo­ge, ein­zig­ar­ti­ge Gestalt unse­rer Revo­lu­ti­on, leb­te für die ein­fa­chen Men­schen, ging mit den Armen der Welt, ging den inten­si­ven Weg der Wie­der­ge­win­nung der Wür­de, der Rech­te und des uner­schüt­ter­li­chen Glau­bens an die sozia­le Gerech­tig­keit. Die­ser Glau­be, der uns als Chri­sten und Revo­lu­tio­nä­re glei­cher­ma­ßen mobi­li­sier­te, um die Welt zu ver­än­dern.

‚Eine bes­se­re Welt, eine Welt der Lie­be ist mög­lich, unauf­schieb­bar, uner­läß­lich …‘ Das war die Devi­se von Miguel: Prie­ster, Mis­sio­nar, außer­ge­wöhn­li­cher Kanz­ler, Genos­se, Patri­ot, Nica­ra­gua­ner – durch die Gna­de Got­tes.“

Bis zum Schluß habe er sich uner­schüt­ter­lich und unzwei­deu­tig für den Kampf für die­se Welt und die­ses Nica­ra­gua ein­ge­setzt.

„Miguel D’Escoto Brock­mann, Pater, Prie­ster, Freund, Genos­se, Pate und Weg­ge­fähr­te aller gerech­ten Anlie­gen […].“

Unter­zeich­net ist die Erklä­rung vom Staats­prä­si­den­ten und der Regie­rung mit den Wor­ten:

„Miguel D’Escoto:
Auf­trag erfüllt!

Mana­gua, 8. Juni 2017“

Vom Elitensprößling zum marxistischen Revolutionär

Miguel D’Escoto wur­de 1933 in Los Ange­les (USA) als Sohn einer wohl­ha­ben­den Fami­lie gebo­ren. Sein Vater war füh­ren­der Diplo­mat der Somo­za-Regie­rung. Väter­li­cher­seits stamm­te er von Naza­rio Esco­to ab, der 1855 Staats­prä­si­dent des libe­ra­len Nica­ra­gu­as war. D’Es­co­to war kein „Ent­rech­te­ter“, „Unter­drück­ter“ oder „Armer“. Er gehör­te den nica­ra­gua­ni­sche Eli­ten an.

D'Escoto (rechts) als sandinistischer Revolutionär
D’Es­co­to (rechts) als san­di­ni­sti­scher Revo­lu­tio­när

Sei­ne Kind­heit ver­brach­te er in Nica­ra­gua und wur­de dann von sei­nen Eltern zur Aus­bil­dung in die USA geschickt. Dort trat er 1953 in den Mary­knoll-Mis­si­ons­or­den ein und wur­de 1961 zum Prie­ster geweiht. Nach einem Stu­di­um der Jour­na­li­stik an der Colum­bia Uni­ver­si­ty stieg er zur zen­tra­len Figur der ordens­ei­ge­nen Medi­en­ar­beit auf. Er wur­de zum über­zeug­ten Anhän­ger des Öku­me­nis­mus (Zusam­men­ar­beit mit dem Öku­me­ni­schen Rat der Kir­chen, dem die katho­li­sche Kir­che nicht ange­hört), der mar­xi­sti­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie und im Gehei­men der revo­lu­tio­nä­ren, san­di­ni­sti­schen Unter­grund­be­we­gung Nica­ra­gu­as. In Nica­ra­gua grün­de­te er Anfang der 70er Jah­re ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­hil­fe­pro­jek­te. Aktiv für die Revo­lu­ti­on wur­de D’Escoto ab 1975 dank sei­ner Kon­tak­te über ein Soli­da­ri­täts­ko­mi­tee in den USA.

Außenminister der Revolutionsregierung

1977 bekann­te er sich erst­mals öffent­lich zur San­di­ni­sti­schen Natio­na­len Befrei­ungs­front (FSLN). Nach­dem die San­di­ni­sten die Regie­rung Somo­za gestürzt hat­ten, trat D‘Escoto 1979 zusam­men mit den Brü­dern Erne­sto und Fer­nan­do Car­denal, bei­de eben­falls Prie­ster, als Mini­ster in die Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung ein. Vom Juli 1979 – April 1990 beklei­de­te er das Amt des nica­ra­gua­ni­schen Außen­mi­ni­sters. Unter­stützt wur­de das zen­tral­ame­ri­ka­ni­sche Land von den „sozia­li­sti­schen Brü­der­völ­kern“ von der Sowjet­uni­on bis Kuba. In Euro­pa enga­gier­ten sich Links­grup­pen bis tief in die Pro­vinz hin­ein für die san­di­ni­sti­sche Revo­lu­ti­on.

Auf den Zusam­men­bruch des Ost­blocks folg­te auch das Ende des san­di­ni­sti­schen Regimes, und D’Escoto ver­lor sei­ne Ämter. 2004 nann­te er, rück­blickend auf sei­ne Mini­ster­zeit, den frü­he­ren US-Prä­si­den­ten Ronald Rea­gan „den Schläch­ter mei­nes Vol­kes“.

Als Dani­el Orte­ga 2007 die Prä­si­dent­schafts­wah­len gewann berief er D’Escoto wie­der zu sei­nem außen­po­li­ti­schen Bera­ter. Eine Funk­ti­on, die er bis zu sei­nem Lebens­en­de bei­be­hielt. 2008/2009 war er für ein Jahr sogar Vor­sit­zen­der der UNO-Haupt­ver­samm­lung und anschlie­ßend 2011 kurz­zei­tig Bot­schaf­ter in Liby­en.

Suspendierung a divinis von seinem Priestertum

Außenminister D'Escoto mit Staats- und Regierungschef Daniel Ortega
Außen­mi­ni­ster D’Es­co­to mit Staats- und Regie­rungs­chef Dani­el Orte­ga

1985 wur­de er zusam­men mit den Brü­dern Car­denal vom Hei­li­gen Stuhl a divi­nis von sei­nem Prie­ster­tum sus­pen­diert. Papst Fran­zis­kus setz­te hin­ge­gen D’Escoto im August 2014 wie­der in sein Prie­ster­tum ein, wäh­rend der­sel­be Papst den Ordens­grün­der der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta, Ste­fa­no Maria Manel­li, als Gene­ral­obe­ren sei­nes Ordens absetz­te, unter Haus­ar­rest stell­te und den Orden von einem Kom­mis­sar lei­ten läßt. Zwei Ent­schei­dun­gen, die als Aus­druck der Wider­sprüch­lich­kei­ten des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats gese­hen wer­den.

Die Reha­bi­li­tie­rung gewähr­te Papst Fran­zis­kus, ohne daß D’Escoto einen Schritt der Ver­söh­nung setz­ten muß­te, zum Bei­spiel sei­nen mar­xi­sti­schen Ideen abschwö­ren. Wie sag­te aber Papst Fran­zis­kus in einem Inter­view, einen Monat bevor er D’Es­co­to reha­bi­li­tier­te?

„Die Kom­mu­ni­sten haben uns die Fah­ne gestoh­len.“

D’Escoto bedank­te sich für die Auf­he­bung der Sus­pen­die­rung viel­mehr mit einem Angriff auf Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI.:

„Mei­ne Sus­pen­die­rung war ein Macht­miß­brauch.“

Der Weih­bi­schof von Mana­gua, Msgr. Sil­vio Baez, äußer­te sich damals gegen­über La Pren­sa TV kri­tisch zur Ent­schei­dung von Papst Fran­zis­kus:

„Sank­tio­nen und Stra­fen wer­den auf­er­legt, damit eine Per­son nach­denkt und umdenkt.“

Uneinsichtiger Leninpreis-Träger

Der Hoch­be­tag­te D’Escoto zeig­te sich jedoch unein­sich­tig. Den kuba­ni­schen Revo­lu­ti­ons­füh­rer Fidel Castro rühm­te er 2014 als

„Aus­er­wähl­ten Got­tes, um Latein­ame­ri­ka die Bot­schaft des Hei­li­gen Gei­stes zu ver­kün­den“.

Der Befrei­ungs­theo­lo­ge wei­ter:

„Der Vati­kan mag die gan­ze Welt zum Schwei­gen brin­gen, dann läßt Gott eben die Stei­ne spre­chen.“

Als D’Escoto nach der Wie­der­ein­set­zung in sein Prie­ster­tum „sei­ne zwei­te Pri­miz“ fei­ern konn­te, ließ er über die Medi­en wis­sen:

„Ich bin froh, die erste Eucha­ri­stie auf spa­nisch fei­ern zu kön­nen und nicht mehr auf Latein wie im vori­gen Jahr­hun­dert.“

Daniel Ortega (links), D'Escoto (rechts) zur Zeit der Revolution
Dani­el Orte­ga (links), D’Es­co­to (rechts) zur Zeit der Revo­lu­ti­on

1986 belei­dig­te er im nica­ra­gua­ni­schen Fern­se­hen Miguel Kar­di­nal Oban­do Bra­vo, den Erz­bi­schof von Mana­gua und Pri­mas von Nica­ra­gua. Der höch­ste Kir­chen­ver­tre­ter des Lan­des hat­te akti­ven Wider­stand gegen die Somo­za-Dik­ta­tur gelei­stet, wider­setz­te sich zur Ver­tei­di­gung der Reli­gi­ons­frei­heit und der Kir­che aber eben­so der Dik­ta­tur der San­di­ni­sten. Miguel D’Escoto und die revo­lu­tio­nä­ren Befrei­ungs­theo­lo­gen ver­tra­ten dage­gen eine mar­xi­sti­sche „Volks­kir­che“, die sie der katho­li­schen Kir­che ent­ge­gen­setz­ten. Kar­di­nal Oban­do, der das Ver­trau­en von Papst Johan­nes Paul II. genoß, wur­de von D’Escoto offen ange­fein­det.

Kar­di­nal Oban­do, der das Ende des Somo­za-Regimes 1979 begrüßt hat­te, sah sei­ne „Hoff­nun­gen“ in die neue Regie­rung schnell ent­täuscht. Er klag­te die San­di­ni­sten an, daß es den Armen durch die san­di­ni­sti­sche Regie­rung schlech­ter ging als zuvor. „Vor­her war die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung bes­ser, waren die Kran­ken­häu­ser bes­ser, war die ärzt­li­che Aus­bil­dung bes­ser, gab es weni­ger Men­schen, die um Almo­sen bet­teln muß­ten.“ Der Kar­di­nal kri­ti­sier­te auch scharf jene „ein­fluß­rei­che Grup­pe von Prie­stern“, die sich der Revo­lu­ti­on ange­schlos­sen hat­ten, dar­un­ter beson­ders auch D’Es­co­to. „Sie haben ihr Prie­ster­tum ein­ge­tauscht für eine poli­ti­sche Kar­rie­re.“

Meßzelebration von D'Escoto nach Aufhebung der Suspendierung
Meß­ze­le­bra­ti­on von D’Es­co­to (Mit­te) nach Auf­he­bung der Sus­pen­die­rung

Vor nicht lan­ger Zeit kam es zu einer öffent­li­chen Umar­mung zwi­schen D’Es­co­to und dem inzwi­schen 91 Jah­re alten Kar­di­nal, das als Geste einer Aus­söh­nung inter­pre­tiert wur­de.

Nicht erwähnt wur­de in der gemein­sa­men Erklä­rung von Nica­ra­gu­as Staats­prä­si­dent und Regie­rung, daß Miguel D’Escoto 1985/1986 noch einen Orden ver­lie­hen bekam, näm­lich von der Sowjet­uni­on den Lenin­preis. Mit die­ser sowje­ti­schen Aus­zeich­nun­gen wur­den seit 1949 Per­so­nen geehrt, die sich beson­de­re Ver­dien­ste in der Aus­brei­tung des Kom­mu­nis­mus und der Sowjet­herr­schaft erwor­ben hat­ten. Der Preis hieß bis 1955 Sta­lin­preis.

Ent­spre­chend sind auch die Kon­do­lenz­schrei­ben, die der­zeit in Mana­gua ein­tref­fen: von der kuba­ni­schen Regie­rung, von der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Chi­les usw.

R.I.P.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL/Los Sandinistas/Tradition in Action (Screen­shots)

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3 Kommentare

  1. Die Zele­bra­ti­on in Hemd und Hose wur­de bis jetzt nur ein Mal getoppt, von einem Prie­ster, der sit­zend in Boxer­shorts und T‑Shirt an einem Baum­stumpf zele­brier­te.…

    • Die Fra­ge ist, was die­ser Bol­sche­wik hier „zele­briert“ hat. Man stel­le sich ana­lo­ge Nazi­mes­sen in den 30ern vor! Hät­te „das“ Kon­zil von 1932 — 1935 statt­ge­fun­den, haät­te es der­lei viel­leicht in ana­lo­ger Anpas­se­rei an den dama­li­gen Zeit­geist gege­ben: Kir­che in der Welt von gestern!

    • Es freut mich, daß sie, @Vera, nicht all­zu­viel Schind­lu­der auf die­sem Gebiet mit­be­kom­men haben.
      Sehr bekannt war in Süd­west­deutsch­land der Fall einer Eucha­ri­stie in einem Schwimm­bad (Frei­bad) mit dort übli­cher Klei­dung.
      Und in West­flan­dern topp­te eine „Mes­se“ mit einem ver­rück­ten moder­ni­sti­schen Kapu­zi­ner, der statt Wein auf dem Altar mit einem Fläs­chen Schwarz­bier han­tier­te
      (und dumm genug alles foto­gra­fie­ren und akri­bisch doku­men­tie­ren ließ, was sein über­eil­ter Weg­gang aus dem Bis­tum Brüg­ge mit Auf­fang in Ant­wer­pen bei Bon­ny not­wen­dig mach­te.
      Im glei­chen Bis­tum Brüg­ge bei Ypern dann eine „Mes­se“ mit einem alten moder­ni­sti­schen Fran­zis­ka­ner­pa­ter, wo die Kon­se­kra­ti­on und das Hoch­ge­bet in „Kon­ze­le­brie­rung“ mit einem Chef einer Kaf­fee­ko­ope­ra­ti­ve aus Burun­di in brau­nem Roll­kra­gen­pull­over durch­ge­führt wur­den (N.B. Der Kaf­fee­bau­ern­ko­ope­ra­ti­ven­di­rek­tor war 10 Jah­re frü­her tat­säch­lich im Groß­se­mi­nar gewe­sen, aber dann aus­ge­tre­ten und gehei­ra­tet).

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